Rezension über:

Frédérick Dessberg / Éric Schnakenbourg: Les horizons de la politique extérieure française. Stratégie diplomatique et militaire dans les régions périphériques et les espaces seconds (XVIe-XXe siécles) (= Enjeux Internationaux / International Issues; No. 15), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2011, 374 S., ISBN 978-90-5201-717-4, EUR 46,50
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Rezension von:
Christine Petry
Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Christine Petry: Rezension von: Frédérick Dessberg / Éric Schnakenbourg: Les horizons de la politique extérieure française. Stratégie diplomatique et militaire dans les régions périphériques et les espaces seconds (XVIe-XXe siécles), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/20856.html


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Frédérick Dessberg / Éric Schnakenbourg: Les horizons de la politique extérieure française

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Die französische Geschichtswissenschaft, hierzulande in der populären Wahrnehmung immer noch häufig mit der Sozial- und Mentalitätsgeschichte der so genannten "Annales" in Zusammenhang gebracht, hat auch eine sehr starke, außerhalb Frankreichs vielleicht etwas weniger stark beachtete, "traditionelle" Fraktion. Die fokussiert sich in Lehre und Forschung auf die politische Geschichte im engeren Sinne und insbesondere auf die Diplomatie- und Militärgeschichte. Der vorliegende Sammelband ist sowohl in der Themenstellung als auch in der methodischen Ausrichtung der Beiträge ein gutes Beispiel für diese Strömung, die insbesondere unter den Zeithistorikern einen erheblichen Teil der Fachvertreter stellt.

Der Band fasst in insgesamt 23 Beiträgen die Ergebnisse einer Tagung vom Frühjahr 2012 an der französischen Militärhochschule von Saint-Cyr zusammen. Sie bildete den Abschluss eines zweijährigen Forschungsprojektes, das an dieser Militärhochschule und der Universität Nantes zur Politik, Diplomatie und militärischen Strategie Frankreichs an der so genannten "Peripherie Europas" von der Frühen Neuzeit bis heute durchgeführt wurde. Als Beiträger finden sich neben Schwergewichten der französischen (Außen)politikgeschichte wie Lucien Bély und Jean Pierre Bois auch viele Doktorandinnen und Doktoranden sowie Beitragende aus den verschiedensten "peripheren" Regionen Europas.

Peripherie wird von den Herausgebern in der Einleitung definiert als "Ensemble von Regionen, die nicht in direkter Nachbarschaft zu Frankreich liegen, aber in denen Frankreich dennoch Interessen zu verteidigen (intérêts à défendre) hat" (12). Dem gegenüber gestellt werden die "régions prioritaires" die essentiell für das europäische Mächteverhältnis sind. Für Frankreich war dieses prioritäre Feld lange Zeit die Ostgrenze in einer Linie von den Niederlanden bis nach Italien sowie ab dem 19. Jahrhundert zusätzlich das Mittelmeer mit dem Zugang nach Algerien.

Die solcherart definierte Peripherie Frankreichs erweist sich bei der Lektüre als ausgesprochen groß und vielseitig. So finden sich Beiträge zu Reichsterritorien in der frühen Neuzeit (etwa Holstein-Gottorp oder Schwedisch-Pommern), zu mittel- und osteuropäischen Staaten und Territorien (Ungarn, Rumänien, Polen, Bulgarien), zum osmanischen Reich und auch ein Beitrag zum zuvor als prioritär eingestuften Algerien. Sie alle machen in ihrer Breite deutlich, dass es den Herausgebern bei dem Begriff Peripherie nicht nur um die räumliche Entfernung zum "Zentrum" geht. Es ist häufig das Wissen um und über eine Region, das das Engagement in der Peripherie prägt. Viele der im Band versammelten Beiträge zeigen zudem eindrücklich, dass der Zugang zu diesem Wissen nicht selten in den Fähigkeiten einer Einzelperson im diplomatischen Dienst repräsentiert ist.

Der Sammelband wurde von den Herausgebern in zwei Teile gegliedert. Im etwas umfangreicheren ersten Teil stehen die Wahrnehmung der "peripheren Räume" und ihrer Krisen im Vordergrund, im zweiten Teil diplomatische und militärische Interventionen in diesen Räumen. Hierbei wird hinsichtlich des Untersuchungszeitraums der Einzelbeiträge in beiden Teilen eine zeitliche Spanne von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts präsentiert, wobei deren Reihenfolge in beiden Abschnitten einer groben chronologischen Ordnung folgt.

Methodisch und auch hinsichtlich der untersuchten Fragestellungen sind die stets sehr quellengesättigten und faktenreichen Beiträge sehr unterschiedlich. Hierbei stehen, der Natur der Sache geschuldet, in nahezu allen Beiträgen die Rolle der handelnden Personen sowie die der staatlichen bzw. militärischen Institutionen im Vordergrund. Ein Großteil der Beiträge besteht damit aus meist sehr quellengesättigten - und teilweise extrem kleinteiligen - Fall- und Mikrostudien zu Personen, diplomatischen Instruktionen und politischen bzw. diplomatischen Vorgängen.

Gerade die Fallstudien zu Karrieren von Personen, für die sich die "Peripherie" als Karrieremotor/ Beschleuniger erwiesen hat, sind dabei eine informative Lektüre. Als Beispiele seien etwa der Beitrag von Fabrice Micallef genannt, der den Diplomaten Hurault de la Maisse (1539-1607) bei der Annäherung Frankreichs an das Osmanische Reich zwischen 1589 und 1593 in den Mittelpunkt stellt, oder der Beitrag von Alexandre Toumarkine zum französischen Diplomaten Sarrou, der über fast dreißig Jahre in verschiedenen Positionen im osmanischen Reich und der türkischen Republik tätig war.

Jean Pierre Bois zieht in der abschließenden Zusammenfassung den Schluss, dass es sich als sehr fruchtbar erwiesen habe, den Begriff der Peripherie, der zuvor in der französischen Wissenschaft eher im Bereich der Wirtschaft Verwendung fand, für die Geschichte der internationalen Beziehungen zu nutzen. Dort, so Bois, erlaubt er nicht nur eine neue, raumbezogene Sicht der diplomatischen und militärischen Strategie Frankreichs, sondern lädt auch dazu ein, aus der Perspektive von mehr als dreihundert Jahren die französische Sicht auf die gesamte territoriale Organisation Europas zu erkennen. Eine "klare Linie" ist hierbei über die longue durée nicht zu erkennen. Im Gegenteil konstatiert Bois gerade ihr Fehlen als Konstante der französischen Außenpolitik, die über die Jahrhunderte von vielen Zufälligkeiten und Einzelfaktoren abhing. Gerade diese Einzelfaktoren werden in einigen Beiträgen detailliert beschrieben.

Aber während Bois in seiner Zusammenfassung die Diversität der Beiträge noch mit dem Verweis darauf, dass das Ergebnis einer fehlenden "klaren Linie" ja auch ein Ergebnis sei, ins positive wendet, fällt das diesbezügliche Urteil der Rezensentin eher gemischt aus, denn eine gute Einleitung und Schlusszusammenfassung können über die für Sammelbände oftmals typische, hier aber besonders große Heterogenität der Beiträge, nicht hinwegtäuschen. Etwa weil neben zeitlich und regional ohnehin diversen Studien zu einzelnen Diplomaten und außenpolitischen Überlegungen der Pariser Regierung auch Beiträge wie das sehr kunsthistorisch orientierte Portrait eines Kriegsfotografen und Illustrators während der Balkankriege von 1912 und 1913, sowie ein sehr detailfreudiger Artikel zu strategischen Anforderungen an die Kriegsmarine im 17. Jahrhundert ihren Weg in den Band gefunden haben.

Ein Verdienst dieser Publikation ist sicherlich der relativ originelle Zugang zur Außenpolitik über die so genannte Peripherie. Diese nach unzähligen Studien über die üblichen Koalitionspartner bzw. Rivalen einmal in das Scheinwerferlicht der Forschung zu rücken, ist lohnens- und lesenswert. Damit werden Akteure und Regionen auf das Tableau der europäischen Diplomatie-Geschichtsschreibung gesetzt, die gerade in Überblicksdarstellungen meist im Schatten der "großen" europäischen Nationen stehen, aber dennoch nicht zu unterschätzen sind. Hier sind insbesondere der Balkan sowie Südosteuropa und das Osmanische Reich zu nennen. So wird das Bild der internationalen Beziehungen in der Neuzeit nun um einige Facetten reicher, auch wenn man sich diese vielleicht doch etwas weniger kleinteilig gewünscht hätte.

Das Ziel der Herausgeber, mit dem Begriff der Peripherie eine Art Rahmen für ein stärker raumbezogenes Verständnis der Außenpolitik eines jeden beliebigen Staates zu bieten und zu Reflexionen über die Hierarchisierung von Prioritäten in Diplomatie und Verteidigung einzuladen, ist somit ein Stück näher gerückt. Noch mehr Anknüpfungspunkte für Diskussionen hätte der Band allerdings geboten, wenn man die sehr positivistische und letztlich auch unkritische Sicht auf Militär, Krieg und Diplomatie vieler Beiträge aufgegeben hätte. Dass Kriegsfolgen, soziale Zusammenhänge etc. ausgeblendet bleiben, ist aber sicher auch dem Gegenstand geschuldet und vielleicht auch von einem an einer Militärhochschule initiierten Kolloquium nicht anders zu erwarten.

Christine Petry