Rezension über:

Guido Braun: La connaissance du Saint-Empire en France du baroque aux Lumières 1643-1756 (= Pariser Historische Studien; Bd. 91), München: Oldenbourg 2010, 911 S., ISBN 978-3-486-59143-9, EUR 94,80
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Rezension von:
Christine Petry
Bonn / Saarbrücken
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Christine Petry: Rezension von: Guido Braun: La connaissance du Saint-Empire en France du baroque aux Lumières 1643-1756, München: Oldenbourg 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/17683.html


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Guido Braun: La connaissance du Saint-Empire en France du baroque aux Lumières 1643-1756

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Das Alte Reich, seine Institutionen und Regelungsmechanismen sowie deren Wahrnehmung sind in den letzten Jahren wieder stark ins Blickfeld der deutschen Geschichtsschreibung gerückt. Diesem "Monstrum" nähert sich Guido Braun in seiner 2010 erschienenen Dissertation aus der Perspektive des zeitgenössischen Nachbarn. Er stellt sich hierbei die folgenden Fragen: Wie viel wusste man im Frankreich des Ancien Régime von Verfassung und Rechtssystem des Heiligen Römischen Reichs? Welche Informationsquellen hatte man, wie und wozu hat man sie verwendet? Haben sich die Kenntnisse im Verlauf der Frühen Neuzeit verändert? Und schließlich: Wie haben sich diese Kenntnisse vom Reich im politischen und intellektuellen Leben Frankreichs niedergeschlagen?

Braun teilt sein Werk in vier große Abschnitte, denen ein kurzer Vorspann zum Reichsrecht im späten 17. Jahrhundert vorangestellt ist. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit der Diplomatie Frankreichs und ihrem Verhältnis zur Reichsverfassung zwischen Richelieu und Mazarin. Im zweiten Teil werden sprachliche Aspekte behandelt, wie die Frage nach den Verhandlungssprachen in der deutsch-französischen Diplomatie, Sprachkenntnissen bei den jeweiligen Akteuren und das Problem der Übersetzung von Dokumenten und Rechtsbegriffen. Der dritte Abschnitt widmet sich dann wieder in klassisch chronologischer Ausrichtung der Kenntnis der Rechtsordnung des Reiches zur Zeit Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. Im vierten Teil schließlich spannt Guido Braun den Horizont etwas weiter und nimmt neben der Welt der Gesandten, die in den vorhergehenden Teilen im Mittelpunkt stand, den geistigen Horizont der französischen Eliten insgesamt in den Blick. Ein Anhang, der neben dem Quellen- und Literaturverzeichnis ein nützliches Namensregister sowie zwei Originalquellen in Transkription bzw. Faksimile enthält, schließt das sorgfältig gestaltete Buch ab.

Als Ausgangspunkt für seine Überlegungen skizziert Braun das "Vorurteil" der bisherigen Forschung, im Frankreich des Ancien Régime habe man kaum etwas vom Alten Reich gewusst bzw. das Reich nie wirklich verstanden. Dem hält der Autor sein umfangreich dokumentiertes Ergebnis entgegen, dass es bereits im 17. und 18. Jahrhundert gute Möglichkeiten der Information über den Nachbarn gab und die französischen Diplomaten und politischen Entscheidungsträger durchaus mehr über das Reich und seine Verfassung wussten, als lange angenommen.

Im Hinblick auf den Umfang und die Qualität der Informationsmöglichkeiten, die neben gedruckter Literatur auch handschriftliche Berichte und Denkschriften umfassten, differenziert Braun chronologisch. Sprachlich hatte sich bereits im 17. Jahrhundert eine Terminologie herausgebildet, mit der die Institutionen des Reichs angemessen beschrieben werden konnten. Während man sich bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts aber nur punktuell mit dem Reich befasst hatte, wuchs das Interesse seit den westfälischen Friedensverhandlungen und noch einmal nach 1740 deutlich an. Zu diesem Zeitpunkt wandelte sich auch das französische Bild des Reichs von einem föderalen Staat zum losen Staatenbund.

Braun betont, dass es nicht das Wissen um das Heilige Römische Reich gab, sondern viele Wahrheiten. Um dessen Natur und Verfassung gab es auch im zeitgenössischen Frankreich vielfältige Debatten, die mehr oder weniger die Auffassungen im Reich selbst abbildeten. Sogar über die offizielle Propaganda hinaus hielt sich allerdings im frühneuzeitlichen Frankreich sehr hartnäckig die Sorge, dass der Kaiser die im Westfälischen Frieden festgelegte Integrität der Reichsstände (als deren Garant sich die französische Krone sah) einzuschränken versuche. So hatte man bei allem Wissen über das Reich und seine Verfassung auch im frühneuzeitlichen Frankreich durchaus "Vorurteile" gegenüber diesem, wie Braun konstatiert.

Bereits durch seine Mitarbeit an den Acta Pacis Westfalica und seine erste Dissertation (an der Universität Bonn) sowie durch zahlreiche Veröffentlichungen ist Guido Braun ausgewiesen für Fragestellungen, die die "klassische" Diplomatiegeschichte berühren. Die vorliegende zweite Dissertation ist zudem an der Sorbonne in einem Umfeld entstanden, das in Frankreich für eine neue Hinwendung zur Außenpolitik und Diplomatie steht. Auch in Deutschland hat die Diplomatiegeschichte ebenso wie die Geschichte der internationalen Beziehungen in den letzten beiden Jahrzehnten doch einen erkennbaren Wandel erfahren und die "theorieferne Schmollecke" [1] endgültig verlassen. Brauns Beobachtungen zur Sprache der Diplomatie, die sicherlich einen der spannenderen Teile des Buches ausmachen, reihen sich zudem sehr aktuell in einige größere Forschungsanstrengungen zum Thema Sprache und (Außen)politik ein. [2] Auch an neuere Forschungen zum Reich und zu Fragen des "Wissens" kann das Buch sicherlich sinnvoll anknüpfen, zumal es zum Thema des französischen Deutschlandbildes in der Frühneuzeit bisher tatsächlich kaum Literatur gab. [3]

Dabei bleibt die Darstellung im besten Wortsinn etwas konventionell, auch wenn Guido Braun sich immer wieder auf eine Kulturgeschichte des Politischen oder eine "moderne" Geschichte der internationalen Beziehungen beruft (und hier sicherlich auch zahlreiche Anregungen aufgegriffen hat). Dies zeigt sich an vielen Details, wie der durchgängigen Ausrichtung an großen außenpolitischen Ereignissen und Einzelpersönlichkeiten, aber auch einem festen Glauben an die "réalités concrètes" (187) oder der weitgehenden Auslassung der gerade in den letzten Jahren verstärkt in den Blick genommenen symbolischen Akte. Auch auf die Frage der Wahrnehmung des Reiches in Frankreich insgesamt und auf die Rezeptionsgeschichte der von ihm untersuchten Werke hätte Braun noch genauer eingehen können. Kritisch ist sicherlich auch der Umfang zu diskutieren. Obwohl das Buch für den Druck gekürzt wurde, muss sich der Leser durch über 800 eng bedruckte Seiten Text arbeiten - Literaturverzeichnis und Anhang noch nicht eingerechnet. Hier wünscht man sich bei allem Verständnis für den Impuls, sämtliche Funde langjähriger (und wirklich beeindruckend gründlicher) Archivarbeit mit dem Leser zu teilen, doch gelegentlich eine Art "roten Faden", der es erleichtert, dieses Buch an einem Stück zu lesen.

Insgesamt ist Guido Brauns Studie ausgesprochen detail- und kenntnisreich und fußt auf einer sehr beeindruckenden Quellen- Sach- und Sprachkompetenz des Autors. Es wird sicherlich ein hervorragendes Nachschlagewerk für all jene bieten, die sich über Aspekte der deutsch-französischen Beziehungen in der Frühneuzeit informieren wollen. Gerade für französische Leser bietet es zudem einen guten Einstieg in die Geschichte und die Institutionen des Heiligen Römischen Reiches. Auch Reichshistorikern kann es eine sicherlich anregende Außensicht durch den Spiegel französischer Gelehrter bieten.


Anmerkungen:

[1] So Hillard von Thiessen / Christian Windler in: dies. (Hgg.): Akteure der Außenbeziehungen. Netzwerke und Interkulturalität im historischen Wandel (= Externa 1), Köln / Weimar / Wien 2010, 1.

[2] Vgl. nur das Mainz / Stuttgart / Augsburger Projekt zum Thema "Übersetzungsleistungen im vormodernen Friedensprozess".

[3] Hiervon ausgenommen sind einige Studien von Klaus Malettke und aus dessen Umfeld, etwa ders.: La présentation du Saint Empire Romain Germanique dans la France de Louis XIII et de Louis XIV, in: Francia 14 (1986), 209-228.

Christine Petry