Rezension über:

Bernard Vogler: Geschichte des Elsass (= Kohlhammer Urban Taschenbücher; Bd. 719), Stuttgart: W. Kohlhammer 2012, 226 S., ISBN 978-3-17-022329-5, EUR 19,90
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Rezension von:
Michael Erbe
Historisches Institut, Universität Mannheim
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Michael Erbe: Rezension von: Bernard Vogler: Geschichte des Elsass, Stuttgart: W. Kohlhammer 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 7/8 [15.07.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/07/23206.html


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Bernard Vogler: Geschichte des Elsass

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Eine moderne, dabei übersichtliche und gut lesbare Gesamtgeschichte des Elsass in deutscher Sprache war seit Jahrzehnten ein Desiderat. Außer in Spezialstudien oder Sammelwerken haben sich deutsche Historiker kaum mit diesem Landstrich links des Oberrheins beschäftigt, sicherlich auch deswegen, weil man sich hierzulande an diesem lange zwischen Frankreich und Deutschland umstrittenen Gebiet politisch nicht die Finger verbrennen wollte. So ist es kein Wunder, dass die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung aus einer Hand über die Geschichte dieses Gebietes von einem französischen Forscher vorgelegt wird: Bernard Vogler lehrt elsässische Landesgeschichte an der Universität Straßburg und ist gegenwärtig wohl der beste Kenner dieser Materie. Dazu schreibt er - anders als manche Fachkollegen hierzulande und in guter französischer Tradition - in einem klaren, eingängigen Stil, der das Buch zu einem echten Lesevergnügen macht.

Die aus fünfzehn Kapiteln und einem kurzen Ausblick bestehende Darstellung greift weit in die Vergangenheit zurück. Sie widmet sich zunächst der Vorgeschichte und der Einverleibung des Elsass ins Römische Reich, um sich dann der Herrschaft der Alemannen und Franken im frühen Mittelalter zuzuwenden. Dem hohen und späten Mittelalter, in dem das Elsass zum Heiligen Römischen Reich gehörte, sind zwei weitere Kapitel gewidmet, wobei die Blüte während der Stauferzeit besonders hervorgehoben wird. Das späte Mittelalter war - ausgenommen im habsburgischen Sundgau - gekennzeichnet durch zunehmende territoriale Zersplitterung sowie durch die Auswirkungen des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England, ferner durch die Folgen des Schwarzen Todes. Mit der langsam einsetzenden Erholung seit der Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zu einer wirtschaftlichen wie kulturellen Blüte, die sich architektonisch in der Gotik und im geistigen Leben im aufkommenden Humanismus ausdrückte. Im 16. Jahrhundert gehörte das Elsass mit seinen Bildungszentren Schlettstadt und Straßburg zu einer der intellektuellen Schwerpunktregionen im Reich. Beflügelt wurde die humanistische Bewegung durch die Reformation, obwohl die Kirchenspaltung auch negative Auswirkungen zeitigte. Immerhin war die Zeit bis zum Dreißigjährigen Krieg eine Glanzepoche der elsässischen Geschichte, die allerdings in den Kriegswirren sowie im Zuge der anschließenden Auseinandersetzungen zwischen dem Reich und Frankreich abrupt zu Ende ging.

Der Einfügung des Elsass in das französische Herrschafts- und Verwaltungssystem nach 1648 widmet sich das Buch in behutsamer Weise. Die Rekatholisierung nach dem Westfälischen Frieden und die Annexion Straßburgs 1681 werden ebenso wie die Verwaltungsmaßnahmen der Krone auch in ihren negativen Auswirkungen geschildert, mit Recht wird aber darauf hingewiesen, dass die wirtschaftlichen und kulturellen Bande zum Reich erhalten blieben, was national angehauchte deutsche Historiker eher unter den Teppich gekehrt haben. Die ökonomische wie kulturelle Blüte des Grenzlandes zwischen dem Spanischen Erbfolgekrieg und den durch die Französische Revolution mit ausgelösten Kriegswirren ab 1792 zeigt bei allen negativen Begleiterscheinungen wie der zunehmenden Verarmung auf dem Lande, dass das Elsass in die Bourbonen-Monarchie gut integriert war und kulturell zugleich von den jetzt besseren Beziehungen zum Alten Reich profitierte. Zugleich entwickelten die Elsässer eine "doppelte Identität", die jedoch im Zeichen des im 19. Jahrhundert aufkommenden Nationalismus weder in Frankreich noch in Deutschland gewürdigt wurde.

Auf die Folgen der "Grande Révolution" und der napoleonischen Diktatur wird mit viel Verständnis für die Besonderheiten des Elsass eingegangen: Seine Eliten fühlten sich beiden Kulturkreisen, dem französischen wie dem deutschen, nahe, tendierten aber angesichts der politischen Verhältnisse stärker nach Frankreich. Die Internationalisierung der Rheinschifffahrt, die infolge des Eisenbahnbaus verbesserten Verkehrsmöglichkeiten, schließlich die Industrialisierung (unter Napoleon III. begleitet durch den in den meisten Teilen Europas eingeführten Freihandel) brachten eine neue ökonomische Blüte hervor, während die bikulturelle Basis, unter anderem durch die Einführung des Französischen als alleiniger Schulsprache ab 1860, eher Schaden litt. Schlimmer kam es für die Kultur der sowohl nach Westen wie nach Osten hin ausgerichteten Region nach ihrer Einverleibung in das 1871 aus der Taufe gehobene Deutsche Kaiserreich.

Die "Reichsland-Zeit" war geprägt von der Zerrissenheit der Elsässer (sowie der Bewohner des von Deutschland mit annektierten Nord-Lothringen) zwischen den beiden großen, jetzt gründlich verfeindeten Nachbar-Großmächten. Die bis 1911 (als Elsass-Lothringen den Status eines echten "Bundeslands" im Kaiserreich erreichte) währende politische Benachteiligung wird mit um Objektivität bemühter Distanz behandelt; so werden auch die Vorteile der Reichszugehörigkeit - in wirtschaftlicher. sozialpolitischer und kultureller Hinsicht - hervorgehoben. Vor allem Straßburg konnte wieder an seinen alten Glanz anknüpfen. Die Chance, aus dem Reichsland eine Brückenregion zur deutsch-französischen Verständigung zu machen, wurde allerdings vertan, obwohl die geistigen Eliten mit ihrer Zugewandtheit zu Frankreich dazu ebenso willens wie befähigt gewesen wären.

Auch die teilweise misslungene Re-Integration Elsass-Lothringens in den französischen Staatsverband nach 1918 wird mit größtmöglicher Objektivität beschrieben. So wird zum Beispiel nicht verschwiegen, dass die meisten der nach 1871 zugewanderten Deutschen unter teilweise unwürdigen Bedingungen des Landes verwiesen wurden. Ebenso wird die Autonomiebewegung während der zwanziger und frühen dreißiger Jahre gewürdigt. Im Gegenzug erfährt die französische Sprachpolitik, durch die der elsässische Dialekt erheblich diskriminiert und die bisherige Zugewandtheit zum deutschen Kulturkreis beschränkt wurde, eine kritische Betrachtung. Die Entwicklung des Elsass im Zweiten Weltkrieg stellte dann den Höhepunkt einer Tragödie dar, die mit den Fehlentwicklungen der Jahrzehnte zuvor zusammenhing, sie aber bei weitem übertraf. Ihre Auswirkungen prägten die Zeit nach 1945, als das Elsass wieder französisch geworden war, nachhaltig.

Erst mit dem Beginn der Fünften Republik und der durch de Gaulle wie durch Adenauer verfestigten deutsch-französischen Freundschaft, zudem durch die sich seit den 1950er Jahren vollziehende europäische Wirtschaftsunion wuchs dem Oberrheingebiet und speziell dem Elsass wieder seine alte Brückenfunktion zu. Sie hat ihren Ausdruck in der bereits in den 1990er Jahren angedachten und im Laufe des letzten Jahrzehnts verwirklichten "Trinationalen Metropolregion Oberrhein" gefunden oder, wie es der Verfasser ausdrückt: mit ihr ist das Elsass "eine im besten Sinne europäische Region im Herzen Europas geworden, eine Region des Austauschs zwischen verschiedenen, sich gegenseitig beeinflussenden Kulturen" (217).

Für den deutschen Sprachraum hat das - leider nur kurze - Buch ein Desiderat erfüllt. Bleibt die Hoffnung, dass sich beiderseits des Rheins Fachleute zusammenfinden, die endlich einmal gemeinsam eine umfassende Geschichte dieses wahrhaft europäischen Landstrichs am Oberrhein vorlegen.

Michael Erbe