Rezension über:

Bert Roest: Order and Disorder. The Poor Clares between Foundation and Reform (= The Medieval Franciscans; Vol. 8), Leiden / Boston: Brill 2013, VIII + 441 S., ISBN 978-90-04-24363-7, EUR 164,00
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Rezension von:
Graziella Bozzini
Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Graziella Bozzini: Rezension von: Bert Roest: Order and Disorder. The Poor Clares between Foundation and Reform, Leiden / Boston: Brill 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 7/8 [15.07.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/07/23072.html


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Bert Roest: Order and Disorder

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Der erste Chronist, der über die Entstehung, Verbreitung und Reform des Klarissenordens berichtete, war Mariano da Firenze († 1523). Abgesehen von der - nach heutigen historiografischen Kriterien - nicht immer einwandfreien wissenschaftlichen Vorgehensweise des Franziskaners, findet man in seiner Arbeit [1], die unter Mitwirkung verschiedener Ordensfrauen entstand, mehrere anregende Themen. Bedeutend sind beispielsweise die Überlegungen zu den Intentionen Klaras von Assisi oder zur Rolle der römischen Kurie bei der Entwicklung des Ordo Sanctae Clarae. Diese und weitere in nuce im Libro von Mariano enthaltenen Fragen gerieten in den nachfolgenden Jahrhunderten in Vergessenheit oder wurden lediglich oberflächlich und anhand lokaler Gegebenheiten behandelt. Kritische und wissenschaftlich fundierte Studien über Klara von Assisi und den nach ihr genannten Orden präsentierte ab den 1990er-Jahren Maria Pia Alberzoni. Die Mailänder Historikerin lieferte außerdem 2001 eine Zusammenfassung der historiografischen Debatte bezüglich des Ursprungs des Klarissenordens sowie dessen Verbindung mit den Päpsten und den Franziskanern. [2] Dabei unterstrich Alberzoni die Relevanz der Studien von Lilly Zarncke, die 1930 als Erste Kardinal Ugolino, den späteren Papst Gregor IX., als eigentlichen "Gründer" des zweiten Ordens des heiligen Franziskus erkannte.

Auf die Untersuchungen Zarnckes und Alberzonis bezieht sich Bert Roest, der allerdings im anzuzeigenden Werk den Horizont bis zum 16. Jahrhundert erweitert und damit auch die Zeiten der raschen Ausbreitung des Klarissenordens und der diversen Reformen in den verschiedenen europäischen Ländern berücksichtigt.

Erklärtes Ziel des Bandes ist es, "[to] induce others to take up the history of the Poor Clares and the history of female monasticism in general" (5). Der Autor bietet in den zeitlich aufeinander aufbauenden ersten beiden Kapiteln ("Clare of Assisi, Cardinal Ugolino and the Emergence of a Damianite Order"; "Damianites, Minoresses, Poor Clares") einen umfassenden Überblick über die komplexen Umstände und Entwicklungen, die dazu führten, dass sich eine Vielzahl von Frauengemeinschaften zu einem Orden entwickelte. Dabei versucht Roest, soweit wie möglich die Handlungen und die Ambitionen der weiblichen Beteiligten zu veranschaulichen.

Eine Einheitlichkeit des Ordo Sanctae Clarae wurde nie erreicht, was anhand mehrerer Beispiele im betrachteten Werk vor Augen geführt wird. Grund dafür sind die Koexistenz verschiedener Regeln und Konstitutionen, die Unterschiede in Reichtum und Größe der Klöster, die Gründungsumstände, die Intentionen der Stifter sowie die sozio-politischen und geografischen Gegebenheiten. Hervorzuheben ist auch die Tatsache, dass Klarissengemeinschaften nie in Kongregationen mit Generaloberinnen und standardisierten Visitationsverfahren zusammengeschlossen wurden. Dieses Faktum ist zumindest bis zum Ende des 14. Jahrhunderts zu konstatieren. Mit der Entwicklung der diversen Reformzweige der Observanz nahm die Vielfalt der (häufig von den Frauen selbst entworfenen) Vorschriften und Lebensformen wesentlich zu, nicht zuletzt aufgrund des Übergangs von früheren Tertiarinnengemeinschaften hin zu klausurierten Klarissenklöstern. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts und im 15. Jahrhundert entstanden allerdings auch verschiedene Arten von Filiationen und "Netzwerken" zwischen Klarissenkonventen, wie der Autor anhand aussagekräftiger Fallstudien darstellt.

Auf die Komplexität des Phänomens "Reform", das sich im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit in ganz Europa entfaltete, weist Roest im vierten Kapitel ("Implementing Reforms") hin. Neben dem "core land" der Klarissen - Italien - widmet er sich ausführlich dem Gebiet der heutigen Niederlande und Belgiens, für welches er das Wachstum der Observanz und die gleichzeitige, jedoch nicht äquivalente Expansion der Klarissengemeinschaften exemplarisch präsentiert.

Die Geschichte der Ausbreitung des Ordens in den anderen europäischen Ländern wird im dritten Kapitel ("The Expansion of the Order until c. 1400") detailliert dargelegt. Dabei richtet der Verfasser das Augenmerk auf die Notwendigkeit eingehender Untersuchungen der verschiedenen Regionen und Städte. Die Aufforderung zu weiteren Forschungen, insbesondere mit Fokus auf einzelne Klöster, zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Band. So werden im fünften Kapitel ("Aspects of Community Life") soziale, geistliche und wirtschaftliche Elemente des Alltags in den Klarissenklöstern des Okzidents thematisiert: Die Mannigfaltigkeit der Gemeinschaften manifestierte sich unter anderem im Wohlstandsniveau, (teilweise personengebundener) Geld- und Vermögensverwaltung, Konstitutionen und Ämterordnungen, Jahres- und Tagesabläufen oder liturgischen Gepflogenheiten. Während einige kleine Klöster eine prekäre Existenz führten und dadurch kaum dokumentarische Spuren hinterließen, zeigten andere Klarissenkonvente eine starke Präsenz in der religiösen und sozialen Öffentlichkeit. Oftmals dienten diese Klöster - nicht zuletzt in architektonischer und urbanistischer Hinsicht - der Repräsentation jener Herrscher oder Adelsfamilien, die bei der Gründung die Hauptrolle gespielt hatten. Die Beteiligung der Ordensfrauen an der Planung oder Renovierung der Bauten ist lediglich in Ausnahmenfällen bezeugt. Keine Seltenheit waren hingegen Klarissen - primär Frauen von hohem gesellschaftlichem Herkommen -, die sich als Schriftstellerinnen, Dichterinnen, (Miniatur)malerinnen, Komponistinnen und Mäzeninnen betätigten. Dies schildert der Autor konkret und differenziert im sechsten Kapitel ("Forms of Literary and Artistic Expression"). Dabei stützt er sich auf entsprechende Einzelstudien, die an den Bereich der Sprach- und Literaturwissenschaft oder Ikonografie grenzen.

Bert Roest plädiert für eine verstärkte Kooperation zwischen Historikern, Archäologen und Spezialisten für religiöse Architektur, Kodikologie, Musik und Liturgie. Lediglich durch einen interdisziplinären Ansatz könnten literarische Werke und Artefakte aus dem Umfeld der Klarissen adäquat evaluiert werden: "only when issues of function, location and intended audience within or beyond the monastic enclosure are taken into account" (345), ergäbe sich ein differenziertes Bild der vielfältigen Welt mittelalterlicher Klarissenklöster.

Der Autor schließt das Werk mit einem "Epilogue" ab, in dem er die religionspolitischen Ereignisse des 16. Jahrhunderts und deren Auswirkungen auf die Frauengemeinschaften beschreibt. Im Resümee wird ferner auf die Verbreitung der Klarissenklöster außerhalb der Alten Welt hingewiesen. Die Vertiefung dieses Themas kann als Ausblick betrachtet werden: Roest nennt dann auch als dringendstes Forschungsdesiderat die Weitung des Blicks auf die Geschichte des Ordo Sanctae Clarae und dessen Seitenzweige in nachreformatorischer Zeit.

Der Band besticht durch das breite Spektrum der Themen, die fokussiert werden - exemplarisch sei an dieser Stelle die Homiletik in Bezug auf die Klarissen erwähnt. Der Verfasser beschränkt sich nicht auf eine Zusammenfassung und Neuakzentuierung des etablierten Forschungsstands, sondern befasst sich mit den bisher nicht geklärten Aspekten und thematisiert Kontroversen zwischen Historikern.

Der Leser/die Leserin erhält außerdem zahlreiche Anregungen zur Erweiterung der Fragestellung, sowohl auf europäischer Ebene als auch unter Hinweis auf spezifische örtliche Gegebenheiten und historische Entwicklungen. Die ausführlichen bibliografischen Hinweise sind ausgesprochen nützlich - gelegentliche Tippfehler bei der überaus reichen fremdsprachlichen Primär- und Sekundärliteratur sowie bei den Anmerkungen mindern dies nicht. Als hilfreich erweisen sich ferner die akkuraten Register der Themen samt Personennamen und der Ortsnamen mit den geografischen Angaben zu den Klosterniederlassungen.

Für jeden, der sich mit dem Klarissenorden befasst, dürfte sich die Lektüre des Werkes als äußerst fruchtbar erweisen: Ein fein nuanciertes Bild der Gemeinschaften, die in Verbindung mit dem weiblichen Orden der Franziskaner standen, wird vor Augen geführt. Der Autor behandelt eine große Anzahl eng verzahnter Aspekte, die im Laufe der Jahrhunderte das Leben der Klosterfrauen kennzeichneten. Dadurch wird ersichtlich, wie hoch das Forschungspotenzial dieses Feldes für die Geschichtswissenschaft und für verwandte Disziplinen ist.


Anmerkungen:

[1] Mariano da Firenze: Libro delle dignità et excellentie del Ordine della seraphica Madre delle povere donne Santa Chiara da Asisi, introduzione, note e indici di Giovanni M. Boccali (= Studi Francescani; Bd. 83), Firenze 1986.

[2] Maria Pia Alberzoni: Le congregazioni monastiche: le Damianite, in: Dove va la storiografia monastica in Europa? Temi e metodi di ricerca per lo studio della vita monastica e regolare in età medievale alle soglie del terzo millennio. Atti del Convegno internazionale (Brescia - Rodengo 23.-25. März 2000), hg. von Giancarlo Andenna, Brescia 2001, 379-401.

Graziella Bozzini