Rezension über:

Thomas F. X. Noble / John van Engen (eds.): European Transformations. The Long Twelfth Century (= Notre Dame Conferences in Medieval Studies), Notre Dame, IN: University of Notre Dame Press 2012, XII + 562 S., ISBN 978-0-268-03610-2, USD 65,00
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Rezension von:
Werner Maleczek
Institut für Geschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Werner Maleczek: Rezension von: Thomas F. X. Noble / John van Engen (eds.): European Transformations. The Long Twelfth Century, Notre Dame, IN: University of Notre Dame Press 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 5 [15.05.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/05/22045.html


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Thomas F. X. Noble / John van Engen (eds.): European Transformations

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Der Sammelband ist der schriftliche Niederschlag einer Tagung, die Ende Oktober 2006 im Medieval Institute der University of Notre Dame stattfand. In der Einleitung stellt der erste Herausgeber die damit verbundene Absicht dar: Sie sollte das 1982 von Giles Constable und Robert L. Benson edierte Kompendium "Renaissance and Renewal in the Twelfth Century" - mit deutlichem Bezug zum schon 1927 von Charles Homer Haskins verfaßten Klassiker "The Renaissance of the Twelfth Century" - vertiefen, um einige Aspekte, besonders wirtschafts-, sozial- und verfassungsgeschichtliche, erweitern und die Brauchbarkeit des "Renaissance"-Begriffes überprüfen. Dass dabei nur der Allerweltsbegriff "Transformations" herauskam, der sich auf alle Epochen anwenden lässt, denen die Historiker begrifflich nicht beizukommen vermögen, lässt schon eine gewisse Skepsis über den einheitlichen Duktus der achtzehn Beiträge entstehen . Diese erweist sich bei der Lektüre als gerechtfertigt, denn viel mehr als der Befund massiver Veränderung in der Zeit zwischen der Mitte des 11. und dem frühen 13.

Jahrhundert kam nicht zustande. Die Autoren, durchwegs erste Fachleute auf dem von ihnen beackerten Feld, liefern geistreiche, manchmal sogar brillante Synthesen und machen plausibel, dass das 12. Jahrhundert als eine Epoche beschleunigter Entwicklung gelten kann. Der in den meisten Beiträgen verwendete Begriff "Revolution" zielt ebenfalls in diese Richtung, aber die Frage ist berechtigt, ob er nicht eher Emotionen stimuliert als gedankliche Klarheit schafft.

Dem zweiten Herausgeber gelingt eine einführende tour d'horizon, bei der das Geistesgeschichtliche im Vordergrund steht und die Beherrschung der wissenschaftlichen Literatur zum Thema vorzüglich unter Beweis gestellt wird. Das "lange 12. Jahrhundert" - auch dies ein Begriff, der Trennschärfe nur suggeriert, weil er auf alle Jahrhunderte angewendet werden kann - sei nicht als teleologisch bestimmte Einheit zu sehen, sondern die Gleichzeitigkeit von neuen Religiositäten und Rationalitäten, von Gewaltausbrüchen und rechtlichen Regelungen sollte als Antworte auf Probleme interpretiert werden, die der soziale und wirtschaftliche Wandel aufwarf. Die Unterschiede zu früheren Epochen seien nichtsdestoweniger markant.

Einige Beiträge greifen das Thema von einem geographisch oder herrschaftlich definierten Raum auf: John Gillingham (A Historian of the Twelfth-Century Renaissance and the Transformation of English Society, 1066-ca. 1200) zeigt auf, dass kein Teil Europas so grundlegend verändert wurde wie England und zieht als Zeugen einen der größten englischen Chronisten, Wilhelm von Malmesbury (ca. 1095-ca. 1142), heran. Bei ihm erkennt man das Anwachsen der Gelehrsamkeit, die Verbreitung der Schulen, die Internationalisierung der Bildung, besonders jene, die aus Frankreich importiert wurde, die gestiegene Bedeutung der Städte und die Reform religiöser Institutionen. - Dominique Barthélémy (Chivalric One-Upmanship in France, ca. 1100) richtet seinen Blick auf das Rittertum, das in Frankreich seine markante Ausprägung erfuhr, bevor es auf ganz Europa ausstrahlte, und stellt sich die Frage, wie und warum das germanische Kämpfer-Ethos der weltlichen Elite verändert wurde. Für ihn ist es die Herausforderung des neuen Städtewesens mit dem neuen, bürgerlichen Selbstbewußtsein. - Adam Kostko (Reconquest, Renaisance, and the Histories of Iberia) stellt den traditionellen Blick bisheriger Geschichtsforschung auf die Pyrenäenhalbinsel in Frage. Spanische Geschichte sah man bisher fast nur unter dem Blickwinkel der Reconquista, des lange währenden Kampfes zwischen Christen und Muslimen, und unter dem Blickwinkel der Convivencia, des facettenreichen Zusammenlebens zwischen den beiden Volksgruppen, zu denen noch - in geringerem Maße - die Juden dazukamen. Adäquater ist jedoch der Blick auf die ausgeprägte politische Fragmentierung und vielgestaltige Kleinräumigkeit, womit Spanien sehr viel näher an Europa heranrückt. Auch die christliche Kultur, zum Beispiel im Bereich der Rechtswissenschaften, blühte nicht weniger als die muslimische, der gegenüber die Historiker gerne die Inferiorität betonten. - Maureen C.Miller (Italy in the Long Twelfth Century: Ecclesiastical Reform and the Legitimization of a New Political Order, 1059-1183) konzentriert sich auf das Aufblühen der italienischen Kommunen und ihrer sozialen, wirtschaftlichen und verfassungsmäßigen Besonderheiten und will dem Papsttum eine gewichtige Rolle bei deren Entwicklungen zuweisen, da es zu zahlreichen Bündnissen von Reformbewegungen und lokalen Gewalten mit der römischen Zentrale gekommen sei. Das mentale Muster der staatlich-kirchlichen Auseinandersetzung des 19. Jahrhunderts hinderte viele Historiker daran, diese Katalysator-Wirkung zu erkennen. Rätselhaft ist, wie die Autorin bei dieser These ohne einen einzigen Titel in deutscher Sprache auskommt, von der Verwendung der Italia Pontificia ganz zu schweigen. - Hanna Vollrath (Sutri 1046-Canossa 1077-Rome 1111: Problems of Communication and the Perception of Neighbors) untersucht drei entscheidende Begegnungen zwischen Päpsten und deutschen Königen/Kaisern nicht sosehr nach den üblichen Kategorien des Investiturstreites, sondern nach den Möglichkeiten der Kommunikation und der Nachrichtenverbreitung, und stellt für die Krise zwischen Paschal II. und Heinrich V. eine massiv gesteigerte Nachrichtenfülle und -geschwindigkeit fest. (Bestätigt würde dies übrigens durch die von Johannes Fried losgetretene neuerliche Diskussion über die Quellen zu Canossa, die hier nur andeutungsweise rezipiert wurde). - Sverre Bagge (The Europeanization of Europe: The Case of Scandinavia) und Piotr Górecki (Ambiguous Beginnungs: East Central Europe in the Making) konstatieren für Nordeuropa und das östliche Mitteleuropa, besonders Polen, tiefgreifende Änderungen, die einerseits mit der Verfestigung der kirchlichen Hierarchie, andererseits mit der Etablierung vor-staatlicher Strukturen durch die jeweiligen Herrscher erklärt werden können. Dankbar ist man für die Aufbereitung der Geschichtswissenschaft in den skandinavischen und slawischen Sprachen, die dem westlichen Leser nur selten zugänglich sind.

Die folgenden zwei Beiträge sind sozialgeschichtlich orientiert: David Nicholas (Lords, Markets, and Communities: The Urban Revolution of the Twelfth Century) hebt bei der Analyse der rasanten städtischen Entwicklung in ganz Europa vier Aspekte hervor: die Expansion schon bestehender städtischer Siedlungen, Neugründungen, Verlagerung der Herrschaftsbegründung in wirtschaftliche Kategorien, sprunghafte Verrechtlichung des Zusammenlebens auf engem Raum. - Paul Freedman (Peasants, the Seigneurial Regime, and Serfdom in the Eleventh to Thirteenth Centuries) beginnt seine Darstellung der weitgehend schweigenden Mehrheit der Bevölkerung mit einer Übersicht über die wissenschaftliche Literatur, die die Schwierigkeit verdeutlicht, verbindliche Begriffe für Bauerntum, bäuerliche Unfreiheit, Hörigkeit, Grundherrschaft und Leihewesen zu finden. Auch er konstatiert dramatische Veränderungen, hält sich jedoch bei Verallgemeinerungen zurück.

Es folgen zwei Aufsätze, die man unter den Oberbegriff "Identität" subsumieren könnte: Olivia Remie Constable (Clothing, Iron, and Timber: The Growth of Christian Anxiety about Islam in the Long Twelfth Century) geht vom Verbot Papst Innocenz' III. aus, Eisen und Bauholz an die Muslime zu liefern und sieht darin das Ergebnis einer wachsenden Abgrenzung der christlichen von der mohammedanischen Sphäre, die zur Stärkung der Identität beider Seiten beitrug. Während frühere Jahrhunderte im Warenaustausch und im Verkehr mit der religiös anders bestimmten Welt unbefangener waren, werden die Unterschiede in der Kultur und in der Lebensweise nun deutlicher wahrgenommen, zu Stereotypen ausgebaut und Loyalitäten daran geknüpft.- Anna Sapir Abulafia (Continuity and Change in Twelfth-Century Christian-Jewish Relations) bietet Erklärungen für die gewandelte Einschätzung der Juden durch die Christen. Während sie früher geduldet wurden, solange sie sich unterordneten, nahm die Intoleranz zu. Dies hing zweifellos mit der zahlenmäßigen Zunahme der jüdischen Gemeinden in den Städten und ihrer wirtschaftlichen Bedeutung zusammen, und jüdische Gelehrte gewannen Ansehen gerade in einer Zeit, als die christlichen Hohen Schulen expandierten. Das unterschiedliche Verständnis der Bibel wurde dabei zur unüberwindbaren Trennlinie. Innocenz III. bemühte sich nichtsdestoweniger um den rechtlich abgesicherten Schutz für die Juden, besonders weil Gewaltakte gegen einzelne Juden und ganze Judengemeinden zunahmen.

Die restlichen sechs Beiträge lassen sich unter dem dehnbaren Begriff der "Kulturgeschichte" einreihen: Anders Winroth (The Legal Revolution of the Twelfth Century) nimmt in der Sphäre des Rechts ebenfalls eine fundamentale Veränderung wahr und demonstriert dies am Auftauchen bestimmter Teile des römischen Rechts und ihrer rasanten Verbreitung in den Schulen, was zu einer massiven Vermehrung von Handschriften und rechtswissenschaftlichen Traktaten führte. Analog dazu beschreibt er die geradezu explosionsartige Zunahme von Sammlungen und Kommentaren des kanonischen Rechts, zentriert um das Decretum Gratiani. Die nachhaltigste Veränderung in der Praxis der Gerichte betraf das Verfahrensrecht, das den Anforderungen der eng zusammen lebenden städtischen Bevölkerung entsprach und den Streitparteien einen schärfer definierten Platz zuwies. Die "Modernisierung" des Strafrechts mit dem Verzicht auf caritas und aequitas und dem Einsatz von Folter zur Erzwingung von Geständnissen zieht er - berechtigt - in Zweifel.

- Barbara Newman (Liminalties: Literate Women in the Long Twelfth Century): Der größere Anteil von literarisch tätigen Frauen ist ein deutlicher Indikator für den kulturellen Wandel des 12. Jahrhunderts, wobei man sich nicht nur auf die prominenten Vertreterinnen wie Heloise, Hildegard von Bingen oder Marie de France konzentrieren, sondern auch den vielen anderen zuwenden sollte. Auch die Leserinnen seien nicht zu vernachlässigen. Die gregorianische Reform mit ihrer Akzentuierung des Zölibates habe nicht generell zu einer Abwertung der Frau, sondern im Gegenteil zu neuen Formen ihrer Einschätzung geführt und sie am kulturellen Diskurs teilnehmen lassen. Im Reich sei der Anteil der Frauen an der lateinischen schriftlichen Kultur größer als in anderen Teilen Europas gewesen. - Johan Marenbon (Philosophy and Theology): Die markanteste Veränderung der Theologie betrifft den Übergang von monastisch orientierter, überwiegend biblischer und exegetischer Theologie zu Schriftkommentaren. Die Verbreitung der Hohen Schulen führt zur genossenschaftlich organisierten Universität, wo sich die aristotelische Logik durchsetzt und allmählich zu einer Rezeption des gesamten Werkes des Stagiriten führt.- Brigitte Miriam Bedos-Rezak (Semiotic Anthropology: The Twelfth-Century Approach) lenkt die Aufmerksamkeit auf veränderte Themen der Erkenntnis bei den Magistri des 12. Jahrhunderts, die in zunehmend komplexer Weise über das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem, Transzendenz und Immanenz nachdachten. Die materielle Welt sollte auf die göttliche Sphäre verweisen. Gleichzeitig stellt sie eine zunehmende Verbreitung von Herrschaftszeichen und Statussymbolen wie Siegel, Wappen, Fahnen fest und versucht dann, beide Bereiche zusammenzubinden, wobei sie an die Verständnisbereitschaft des Lesers hohe Anforderungen stellt. Auch sie kommt fast völlig ohne deutschsprachige Arbeiten aus.

- Rachel Fulton Brown (Three-in-One: Making God in Twelfth-Century Liturgy, Theology and Devotion) befragt ebenfalls die Magistri nach Formen der Frömmigkeit und will dabei der Theologie etwas Rationales, Systematisches, Männliches zuweisen, während Frömmigkeit eher einer Sphäre des Bildhaften, Gefühlvollen, Weiblichen zuzuordnen sei. Die als Beispiel herangezogene Dreifaltigkeit eignet sich sowohl zur logisch geprägten Spekulation als auch zum Ziel der Liebe. - C. Stephen Jaeger (John of Salisbury, a Philosopher of the Long Eleventh Century) stellt den hochgebildeten englischen Autor, der als Bischof von Chartres sein Leben beschloss, als eine der Symbolfiguren des Wandels dar: klassisch gebildet und mit brillanter Formulierungsgabe ausgestattet, war er dennoch tief in der Geistigkeit früherer Zeiten verwurzelt und in einem gewissen Sinn ein Widerspruch in sich. Man solle die Antikenrezeption nicht zu stark auf das 12. Jahrhundert fokussieren, sondern Schübe der Aneignung auch in früheren Jahrhunderten gelten lassen.

Wer sich in Zukunft mit der Geschichte des 12. Jahrhunderts befasst, wird an diesem Sammelband nicht vorbeigehen können. Erleichtert wird seine Benützung durch ein detailliertes Register, das Personen, Orte und Sachbetreffe erschließt. Der eiligere Leser, der sich mit Verästelungen und manchmal gesuchten Hypothesen nicht aufhalten will, wird eher zum etwas schmaleren Buch von Egon Boshof, Europa im 12. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Moderne (Stuttgart 2007), greifen, das ein einheitlicheres, aber nichtsdestoweniger solides Bild entwirft.

Werner Maleczek