Rezension über:

Stefan Abel: Johannes Nider, "Die vierundzwanzig goldenen Harfen". Edition und Kommentar (= Spätmittelalter, Humanismus, Reformation; 60), Tübingen: Mohr Siebeck 2011, XIII + 746 S., ISBN 978-3-16-150610-9, EUR 119,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Regina D. Schiewer
Deutsches Seminar, Germanistische Mediävistik, Universität Freiburg
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Regina D. Schiewer: Rezension von: Stefan Abel: Johannes Nider, "Die vierundzwanzig goldenen Harfen". Edition und Kommentar, Tübingen: Mohr Siebeck 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 5 [15.05.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/05/21719.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Stefan Abel: Johannes Nider, "Die vierundzwanzig goldenen Harfen"

Textgröße: A A A

Die vierundzwanzig goldenen Harfen sind das volkssprachliche Hauptwerk des Dominikaners Johannes Nider (um 1380-1438), der die Kirchen- und Ordenspolitik im deutschsprachigen Raum innerhalb seiner nur ungefähr zehnjährigen Tätigkeit in Ämtern des Predigerordens maßgeblich beeinflusste und darüber hinaus ein breites Werk religiöser Literatur in deutscher und lateinischer Sprache hinterließ. 1402 trat Nider in den Colmarer Dominikanerkonvent ein, der 1389 als erstes Kloster der dominikanischen Ordensprovinz Teutonia die Regeln der strengen Observanz eingeführt hatte. Das Noviziat und die Ausbildung in diesem Modellkonvent dominikanischer Observanz prägten Niders Frömmigkeitstheologie nachhaltig. Nider immatrikulierte sich 1422 an der Wiener Universität und wurde 1426 zum Doktor der Theologie promoviert. Die folgenden zwölf Jahre widmete er sich der praktischen Weiterführung der Reform und ihrer theoretischen Untermauerung: Von 1427 bis 1429 war Nider Prior des Nürnberger Dominikanerklosters, von dem aus er zusammen mit zwölf Nürnberger Mitbrüdern das Basler Dominikanerkloster reformierte, und dort von 1429-1434 das Amt des Priors übernahm. Nider war in den Jahren 1431-1434 maßgeblich an der Organisation und Durchführung des Basler Konzils beteiligt und spielte in den Verhandlungen mit den Hussiten eine wichtige Rolle. 1434 nahm er seine Lehrtätigkeit in Wien wieder auf. Trotzdem führte er auch von Wien aus bis zu seinem Tod auf einer Visitationsreise nach Nürnberg 1438 seine rege Tätigkeit für die Durchsetzung der Observanz in dominikanischen Konventen fort. Seine unterschiedlichen Ämter und Aufgaben spiegeln sich auch in der großen Bandbreite seiner Werke, die theologische Traktate, kirchenpolitische und programmatische Schriften sowie seelsorgerliche Texte umspannt.

Die Vierundzwanzig goldenen Harfen, die Nider mit hoher Wahrscheinlichkeit während seiner Nürnberger Zeit verfasste, sind ein Zeugnis dafür, wie es Nider gelang, seine Kenntnisse der Systematik, vor allem der Dogmatik und Ethik, in seine praktische Theologie zu integrieren - um es in der theologischen Terminologie der Moderne zu fassen. Als Prior des Nürnberger Dominikanerklosters war Nider für die Seelsorge der Dominikanerinnen der Stadt (des Klosters St. Katharina, das 1428 unter seinem Einfluss reformiert wurde) verantwortlich. Die Harfen, die - ausgehend von den Collationes patrum des Johannes Cassian und diese bearbeitend - eine tiefe klösterliche Frömmigkeit vermitteln und damit "dem Ordensleben wieder zu einer Blüte verhelfen" sollten (13), hatte Nider vermutlich zunächst als Predigtreihe für den Nürnberger Dominikanerinnenkonvent konzipiert. Sie zeugen demnach von seiner pastoralen Tätigkeit für den weiblichen Zweig seines Ordens.

Niders Bedeutung innerhalb der dominikanischen Observanzbewegung war eine gute Voraussetzung für die Verbreitung seiner Schriften. Insgesamt existieren noch 65 Handschriften, die jeweils mindestens eine seiner deutschen Schriften (neben den Harfen sind dies vor allem Predigten und Sendbriefe) überliefern. Von diesen wiederum enthalten 40 Handschriften die Harfen oder Exzerpte aus ihnen, einige stellen auch Abschriften der frühen Drucküberlieferung (insgesamt sieben Drucke zwischen 1470 und 1505) dar. Die zahlreichen Exzerpte der Harfen und Niders kürzere deutschsprachigen Texte finden sich meist zwischen einer Vielzahl geistlicher Texte, so dass einem jeden, der sich auch nur oberflächlich mit geistlichen Sammelhandschriften des 15. Jahrhunderts beschäftigt hat, der Name Niders vertraut sein muss.

Trotz seiner Bedeutung für die Frömmigkeitsgeschichte des 15. Jahrhunderts lag bisher jedoch keines der lateinischen oder deutschen Werke in einer modernen Edition vor. Diesem Missstand schafft Stefan Abel Abhilfe, indem er mit den Vierundzwanzig Harfen den wohl wirkungsmächtigsten Text Niders für Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen, nicht nur für Germanisten, sondern auch für Historiker und Theologen, zugänglich macht. Dies zu betonen, erscheint deswegen wichtig, weil Abels Edition in der Tradition der text- und überlieferungsgeschichtlichen Studien der von Kurt Ruh u.a. begründeten sog. Würzburger Schule steht, aber gleichzeitig und glücklicherweise weit über das hinausreicht, was man mit den frühen Editionen der überlieferungsgeschichtlichen Prosaforschung verbindet. Ich erinnere hier nur an die Editionen des Liber ordinis rerum (1983) und der Rechtssumme Bruder Bertholds (1987ff.) und an den Vorwurf, die überlieferungsgeschichtliche Prosaforschung habe lange Zeit die Inhalte der von ihr untersuchten Texte vernachlässigt.

Einerseits entspricht Abels Edition der Harfen im besten Sinne in allen Einzelheiten dem, was man von einer Edition erwartet, die auf einer gründlichen text- und überlieferungsgeschichtlichen Untersuchung beruht: Abel stellt die Träger der handschriftlichen Überlieferung zusammen, wobei er auf ausführliche Handschriftenbeschreibungen weitgehend verzichten kann, da diese bereits von Margit Brand in ihren Studien zu Johannes Niders deutschen Schriften (1998) vorgelegt wurden. Allein die Leithandschrift und die beiden Begleithandschriften als Repräsentanten der Gruppenlesarten erfahren eine eingehendere Beschreibung. Auf der Grundlage der Sichtung aller Überlieferungszeugen beschreibt Abel sodann die textgeschichtliche Entfaltung der 'Harfen'. Der Editionstext folgt dem Leithandschriftenprinzip. Neben der Auflösung von Kürzungen wird in die Schreibung der Handschrift nur in sehr wenigen begründeten und dokumentierten Einzelfällen eingegriffen. Eine moderne Interpunktion orientiert sich an der Abschnittseinteilung (etwa durch Virgel und Rubrizierung) der Handschrift. Die nötigsten Eingriffe in den Text werden in einem ersten Apparat, Gruppenlesarten in einem zweiten Apparat dokumentiert.

Andererseits - und über die enge überlieferungs- und textgeschichtliche Untersuchung hinausgehend - bietet Abels Buch dem Leser die Möglichkeit, sich den edierten Text inhaltlich zu erschließen. Denn Text- und Überlieferungsgeschichte nehmen zusammen mit dem Editionstext selbst nur die knappe Hälfte der Seiten des Bandes ein. Ein im Umfang dem Editionstext entsprechender Kommentar, der sich an der Einteilungsstruktur des Traktats, den einzelnen Harfen, orientiert, enthält sprachliche Erläuterungen, Hinweise zu Quellen und einen ausführlichen Sachkommentar. Darüber hinaus wird die Edition noch durch Register der Personen und Orte, Autoritäten und Werke sowie durch ein umfangreiches Sachregister erschlossen. Kommentare und Register bieten auch dem mit dem Frühneuhochdeutschen nicht vertrauten Nutzer die Möglichkeit, sich den Text und seine Inhalte schnell und unkompliziert zu erschließen. Auf diese Weise wird die oben erwähnte editorische Entscheidung, den Text der Handschrift eher konservativ zu behandeln, was das Lesen des Textes für den fachfremden Leser erschwert, mühelos ausgeglichen.

Abels großes Verdienst ist es, die Vorzüge der Arbeitsweise der Würzburger Schule zu verknüpfen mit einer eingehenden inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Text selbst. Überlieferungs- und Textgeschichte haben eine dienende Funktion, um das richtige Verständnis des Textes und seiner Inhalte sowie der Art und Weise seiner Rezeption und somit seines frömmigkeitsgeschichtlichen Weiterwirkens überhaupt erst zu ermöglichen. Über diese zentrale Bedeutung der Inhalte des Textes in Abels Untersuchung kann auch die von Abel leider übernommene, in vielen überlieferungsgeschichtlichen Arbeiten zu findende Unart, den Titel des untersuchten Textes durch Abkürzungen zu verschleiern, nicht hinwegtäuschen (z.B. 114: "Fehleinschätzung der GH als bloße CP-Übersetzung; [...]"). Abels Edition der Vierundzwanzig Harfen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem umfassenden literaturhistorischen sowie theologie- und frömmigkeitsgeschichtlichen Verständnis des 15. Jahrhunderts.

Regina D. Schiewer