Rezension über:

Ronny Horst: Santiago de Compostela. Die Sakraltopographie der romanischen Jakobus-Kathedrale (= Studien zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit; Bd. 12), Korb: Didymos-Verlag 2012, XVI + 200 S., ISBN 978-3-939020-12-7, EUR 44,00
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Rezension von:
Jens Rüffer
Institut für Kunstgeschichte, Universität Bern
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Jens Rüffer: Rezension von: Ronny Horst: Santiago de Compostela. Die Sakraltopographie der romanischen Jakobus-Kathedrale, Korb: Didymos-Verlag 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 3 [15.03.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/03/22944.html


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Ronny Horst: Santiago de Compostela

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Das Forscherinteresse an den unterschiedlichen historischen, kultur- und religionsgeschichtlichen, liturgischen oder baugeschichtlichen Aspekten der mittelalterlichen Apostelkirche von Santiago de Compostela ist nach wie vor ungebrochen. Die Studie von Ronny Horst, die im Jahr 2010 als Dissertationsschrift bei Prof. Henrik Karge in Dresden eingereicht wurde, stellt einen weiteren willkommenen Beitrag dar. Im Mittelpunkt steht die Sakraltopografie der romanischen Kirche (ca. 1075 - ca. 1140), insbesondere deren Altäre und Kapellen mit Blick auf deren Anordnung, liturgische Traditionen und zeichenhafte Bezüge zur Tradition des Ortes, zur christlichen Spiritualität sowie zu anderen wichtigen Pilgerzentren entlang der Jakobswege. Das Thema wird in zehn Kapiteln abgehandelt, wobei die ersten vier vor allem allgemeinen methodischen Überlegungen, den Quellen sowie der Bestimmung und Eingrenzung des Themas gewidmet sind. Die Kapitel fünf bis acht behandeln die Sakraltopografie in Bezug auf den Locus Sanctus, erörtern die kirchenpolitischen Strategien und die Reliquienkulte, Jakobusgrab und Jakobusaltar sowie die Altarpatrozinien in den Querhausarmen, im Chorumgang und auf den Emporen. Die letzten beiden Kapitel sind ikonografisch-ikonologischen Aspekten der Transfiguratio Domini innerhalb der Portalskulptur sowie der Zahlenallegorese mit Blick auf die Maße des Kirchengebäudes gewidmet.

Die Arbeit ist gut recherchiert, flüssig geschrieben und gibt profunde Resümees zu den historischen und gegenwärtigen Thesen der internationalen Forschung. Der Autor stellt sich couragiert einem Grundproblem der kunsthistorischen Santiago-Forschung: Auf viele Fragen zur Baugeschichte und zur Ausstattung der mittelalterlichen Apostelkirche gibt es bis heute trotz bedeutender schriftlicher Quellen keine überzeugenden Antworten. Argumentationen müssen deshalb von Indizien gestützt werden, die je nach Standpunkt verschieden interpretiert werden können. Es geht also in der Regel nicht um kategorische Urteile, sondern um eine Annäherung an historische Wahrscheinlichkeiten.

In den methodischen Vorüberlegungen wird zu den Begriffen Sakraltopographie und Pilgerkirche Stellung genommen. Während der Begriff Pilgerkirche - allerdings nur in typologischer Hinsicht - im Sinne Porters benutzt wird, fungiert der Begriff Sakraltopographie als Klammer für unterschiedliche Aspekte: räumlich-topografische, liturgisch-zeitliche, symbolische (Zahlenallegorese) und personale (Reliquien und Heilige). In Bezug auf die Auswertung der Quellen wird der schriftlichen Überlieferung eindeutig Priorität eingeräumt. Zu den Hauptquellen zählen die Concordia de Antealtares, die Historia Compostellana und der Codex Calixtinus. Mit Blick auf das Hauptthema ist für die fragliche Zeit kein Liber ordinarius überliefert. Allerdings wird nicht darauf eingegangen, inwieweit die liturgischen Informationen aus den ersten drei Büchern des Codex Calixtinus sowie aus dem Breviarium ad ritum et consuetudinem almae Compostellanae ecclesiae (Mitte 15. Jahrhundert) für die Sakraltopografie relevant sind. Für die Bewertung der Baubeschreibung der Apostelkirche aus dem Codex Calixtinus wiederum wäre eine kurze Diskussion derselben im Kontext anderer mittelalterlicher Bau- und Kunstbeschreibungen sowie der inzwischen profunden Forschungsliteratur zu diesem Thema für ein tieferes Verständnis hilfreich gewesen. Für die Grundlinien der Arbeit ist die Bauforschung von untergeordneter Bedeutung, da die relative Bauchronologie sowie die Entstehung einzelner Strukturelemente mit ihrer liturgischen Ausstattung für den hier zur Diskussion stehenden Zeitraum als einigermaßen gesichert gelten können. Für die Einschätzung von einzelnen Detailfragen hingegen gilt das nicht, und hier verliert die Bauforschung "die Rolle einer Hilfswissenschaft".

Im fünften Kapitel (41-65) wird die Sakraltopografie des Locus Sanctus im Kontext der schriftlichen Überlieferung erörtert. Dabei geht es um die Entwicklung des Jakobusgrabes (Mausoleum) mit der dazugehörigen Kirche im Verhältnis zu jener des Klosters von Antealtares, aber auch im Bezug zur Corticela-Kirche, der Wurzel des späteren Klosters San Martín Pinario. Die Klammer bildet die Annahme eines "Transformationprozesses von der vorkarolingischen Kirchenfamilie zum nachkarolingischen Einheitsraum", der nun integrativ alle Altäre in einem Kirchengebäude vereinigt. Als Ausgangspunkt für den Neubau der Jakobuskirche 1075/78 rekonstruiert Horst alternativ zu John Williams die räumliche Beziehung von Jakobuskirche (Jakobusaltar) mit Mausoleum und angeschlossenem Baptisterium zur Klosterkirche von Antealtares (Petrus-, Johannes- und Salvatoraltar) als zwei räumlich getrennte Komplexe, deren Altäre schliesslich im Neubau der Apostelkirche vereint wurden. Die liturgische Verdichtung, wie sie Horst beschreibt, betrifft Kirchen und Kapellen gleichermaßen. Mit Blick auf die frühe Klosterkirche von Antealtares begründet der Autor allerdings nicht, wieso sie von ihm typologisch als Basilika bezeichnet wird, warum deren Westchor als Staffelchor wiedergegeben ist und woraus sich auf ein Salvatorpatrozinium schließen lässt. Diese Annahmen können sich weder auf archäologische Befunde noch auf schriftliche Quellen stützen. Dass das Kloster Antealtares hingegen von Beginn an benediktinisch war, geht nur aus der Concordia hervor, die rückwirkend eine Tradition begründet. Zum Locus Sanctus gehörten außerdem die Klausurgebäude für die Kanoniker und der alte Bischofspalast, deren genaue Lage nur vermutet werden kann. Auch hierzu werden grundlegende Hypothesen über die sehr komplexe Materie gut referiert. Die Bezeichnung "Kanonikerkloster" für dieses Ensemble von Klausurgebäuden scheint jedoch unpassend. Ein letzter wichtiger Ort, vor allem in spiritueller Hinsicht, ist jener Platz vor dem Nordquerhaus der romanischen Kathedrale, der als paradisus bezeichnet wurde und in dessen Zentrum ein Brunnen stand, der durch seine Gestalt die Paradiesflüsse assoziierte.

Das sechste Kapitel (66-91) widmet sich detailliert dem kirchenpolitischen Aufstieg Santiagos zum Erzbistum (1120/24) sowie der Erhöhung des Prestiges von Compostela durch Reliquiendiebstahl (u.a. hl. Fructuosus) und Verbreitung des Jakobuskultes mittels Reliquienschenkung (Pistoia, Rom). Es werden wechselnde Allianzen (Braga, Toledo) und religiöse Konkurrenzen (Apostelgräber Rom u. Ephesos) herausgearbeitet, aber auch die besonderen Beziehungen zu Cluny und zur Kurie in Rom thematisiert. In der Adaption der gedrehten Säulen am Außenbau des Umgangschores auf Emporenhöhe und an den Querhausportalen, aber auch in der Restriktion des Personenkreises, dem es gestattet war, am Jakobusaltar die Messe zu lesen, erkennt Horst deutliche Rombezüge.

Die Kapitel sieben und acht (92-150) sind die wohl anspruchsvollsten. Darin wird die geschichtliche Entwicklung des Jakobusgrabes nachgezeichnet und das Grabmal in seiner Struktur mit anderen Heiligengräbern entlang der Pilgerwege des Frankenreiches in Beziehung gesetzt (u.a. Sainte-Foy, Conques; Saint-Martial, Limoges; Saint-Sernin, Toulouse; Saint-Martin, Tours). Es werden darüber hinaus sowohl der Jakobusaltar mit Antependium, Retabel, Leuchter und Ziborium ikonografisch analysiert, exegetisch behandelt und in Teilen rekonstruiert als auch das Problem der dem Jakobusaltar zugehörigen confessio diskutiert. Die wichtigsten Rekonstruktionsvorschläge sind computergrafisch exzellent visualisiert, auch wenn sie, dessen ist sich der Autor bewusst, hypothetisch bleiben müssen. Horst diskutiert detailliert die Altäre im Querhaus, im Chorumgang und auf den Emporen, wobei die Lage der Letzteren wie auch jene der Bischofskapelle nicht mit letzter Sicherheit bestimmt werden kann. Schließlich werden die Programme der Querhausportale in ihrer Zeichenhaftigkeit in Bezug zu den theologischen Bedeutungen der Himmelsrichtungen gesetzt. Die Rekonstruktion der confessio hinter dem Jakobusaltar im Inneren des Chorpolygons dürfte jedoch Widerspruch hervorrufen. Für Horst ist dieser Raum identisch mit jenem, in dem sich die Pilger zur Morgenmesse am Magdalenen-Altar versammelt haben. In der Historia Compostellana heißt es, dass sich die confessio "infra duas altaris columpnas, que cibolium sustinent", befände, was Horst mit "hinter den beiden Säulen des Altars, welche das Ziborium tragen" übersetzt. Im Lateinischen müsste dann "retro" stehen, wie es in Zusammenhang mit dem Retabel (retro altaris sancti Iacobi tabulam pretiosam) geschieht. Die Übertragung von "infra" mit "hinter" bedürfte deshalb einer genaueren Rechtfertigung auch mit Blick auf die spätmittelalterliche Darstellung des Altars aus dem Chartular des Jakobshospitals in Tournai (Taf. XVI).

Die abschließenden beiden Kapitel (151-166) setzen die Darstellung der transfiguratio Domini zu den Altarpatrozinien in Beziehung und deuten die Abmessungen des Kirchengebäudes symbolisch aus. Letzteres scheint problematisch. Fragwürdig sind nicht primär die aus den Zahlen folgenden exegetischen Überlegungen, sondern es sind die Maße selbst, die der Rechnung zugrunde gelegt werden: hier werden offenbar willkürlich Maßvergleiche vorgenommen und die inzwischen auf detaillierter Objektforschung basierende kritische Theoriebildung zu Maßen, Proportionen, Konstruktionsprinzipien und Entwurfstechniken mittelalterlicher Bauten wird ignoriert, angefangen von Hecht bis hin zu Bork und Nussbaum.

Die angeführten einzelnen Kritikpunkte stellen die solide Arbeit von Horst aber keineswegs in Frage. Der Autor hat umfassend recherchiert, besitzt eine profunde Quellenkenntnis und stellt eine Vielzahl von Forschungsmeinungen auf unterschiedlichen Sachgebieten strukturiert, nachvollziehbar und gut lesbar vor.

Jens Rüffer