Rezension über:

Gaby Lindemann-Merz: Infirmarien. Kranken- und Sterbehäuser der Mönche. Eine architekturhistorische Betrachtung der Infirmariekomplexe nordenglischer Zisterzienserklöster (= Mittelalter Studien; 19), München: Wilhelm Fink 2009, 396 S., 113 Abb., 16 Farbtafeln, ISBN 978-3-7705-4729-6, EUR 64,00
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Rezension von:
Jens Rüffer
Institut für Kunstgeschichte, Universität Bern
Redaktionelle Betreuung:
Ute Engel
Empfohlene Zitierweise:
Jens Rüffer: Rezension von: Gaby Lindemann-Merz: Infirmarien. Kranken- und Sterbehäuser der Mönche. Eine architekturhistorische Betrachtung der Infirmariekomplexe nordenglischer Zisterzienserklöster, München: Wilhelm Fink 2009, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 6 [15.06.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/06/21786.html


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Gaby Lindemann-Merz: Infirmarien

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Die Studie von Lindenmann-Merz, die im Jahr 2006 als Dissertationsschrift in Heidelberg bei Matthias Untermann eingereicht wurde, kontextualisiert kulturhistorisch und baugeschichtlich die Entstehung und Nutzung der jenseits der östlichen Klausurflügel errichteten Gebäude mittelalterlicher Klöster, ausgehend von drei exemplarischen Beispielen, den Zisterzienserabteien Rievaulx, Fountains und Kirkstall Abbey im Norden Englands. Die wechselvolle Entwicklung dieser Baulichkeiten wird anhand der schriftlichen und archäologischen Quellen sowie der nötigen bauarchäologischen Beobachtungen von der Gründung der Abteien bis zu deren Auflösung durch Heinrich VIII. verfolgt. Im Wesentlichen handelt es sich um die räumliche Analyse dreier klösterlicher Bau- und Nutzungskomplexe, die manchmal nur schwer zu trennen sind: erstens die Infirmarie, das Krankenhaus der Mönche, mit eigener (Fleisch-)Küche, Vorratsraum, Kapelle, Latrinen und Lokalitäten zum Baden der Kranken; zweitens die mit der Zeit entstehenden Residenzen für die Äbte; sowie drittens jene Räumlichkeiten, die einerseits Gästen vorübergehend als Unterkunft dienten, andererseits pensionierten Äbten oder Pfründnern als Logis bis zu ihrem Ableben zugestanden wurden.

Diese Arbeit verdient aus mehreren Gründen Respekt: Zum einen ist die materielle Hinterlassenschaft dieser Gebäude in der Regel spärlich, schriftliche Quellen können nur selten auf konkrete Bauwerke bezogen werden. Zum anderen sind die archäologischen Untersuchungen meist älteren Datums und, gemessen an heutigen Standards, unzureichend dokumentiert bzw. es wurde bisher nie gegraben. Die Argumentation muss sich somit vor allem auf Indizien stützen. Erschwerend kommt hinzu, dass die mittelalterliche Architektur Englands von der deutschsprachigen Kunstgeschichte weitgehend marginalisiert wurde und wird. Forscher und Forscherinnen müssen sich deshalb oft als Einzelkämpfer mühsam ihren Weg bahnen. Schließlich erfordert eine intensive Beschäftigung mit scheinbar ephemeren, aber für die historischen Realitäten in einem mittelalterlichen Kloster wesentlichen Klausurgebäuden aufgrund der begrenzten wissenschaftlichen Vorarbeiten einen hohen Arbeitsaufwand bei vergleichsweise geringer akademischer Wertschätzung.

Gerade deshalb ist dieser architekturgeschichtlich bisher kaum beachtetes Terrain erschließenden Arbeit eine breite Rezeption zu wünschen. Die Studie gliedert sich in drei große Teile. Im ersten Teil werden in der Einleitung (18-29) der Forschungsstand und das methodische Vorgehen erläutert. Der folgende Abschnitt zu den kulturhistorischen Hintergründen (31-86) stellt einen Zusammenhang her zwischen den architekturhistorischen Überlegungen und medizingeschichtlichen (Hospitalwesen) sowie theologischen Aspekten (cura corporis / cura anima), um im Anschluss detailliert auf den Umgang mit den infirmi, auf die praktische Umsetzung der cura corporis sowie den Umgang mit den Sterbenden im klösterlichen Alltag einzugehen. Im zweiten Teil, dem Hauptteil der Studie (89-285), werden die östlich der Klausur befindlichen Gebäudekomplexe von Rievaulx, Fountains und Kirkstall Abbey analysiert. Der letzte Teil (290-311) versucht eine Synthese, in der die exemplarischen Einzelergebnisse sowohl im historischen Längsschnitt, im Sinne baulicher Konventionen, als auch in Bezug auf die räumliche Disposition innerhalb der zisterziensischen Klosterarchitektur diskutiert werden.

Die Stärken der Arbeit liegen im interdisziplinären Ansatz, der kultur- und ordensgeschichtlichen Kontextualisierung der Architektur sowie im Bemühen, die Raumfolgen sowohl anhand archäologischer bzw. schriftlicher Quellen als auch anhand detaillierter bauarchäologischer Beobachtungen zu lokalisieren und zu deuten. Dabei ist die spätmittelalterliche Phase interessanter und informativer, als die meist auf der Basis normativer Texte interpretierte Zeit des 12. Jahrhunderts. Gerade der Funktionswechsel und die Anpassung von Räumen an den jeweiligen zeitgenössischen Bedarf, vor allem ab dem 13. Jahrhundert, durch Umbau, Rückbau oder Verlagerung von Funktionen in frei gewordene Gebäudeteile, machen deutlich, dass das Kloster kein Ort der Verwirklichung eines Idealplans war, sondern lebendiger Ort des Wirkens von Glaubensgemeinschaften, für die die architektonische Organisation des monastischen Lebens zwar wichtig, aber nie Selbstzweck war. Aus einer ganzheitlichen Sicht auf das Leben eines Mönchs bilden, wie Lindenmann-Merz betont, die Gebäude jenseits des östlichen Klausurflügels einen integralen Bestandteil der monastischen Klausur.

Die Autorin analysiert minutiös und mit bauarchäologischem Scharfsinn die architektonischen Hinterlassenschaften, angefangen von der allgemeinen Struktur des Baukörpers (Anzahl der Geschosse, Geschosshöhen, Fenster oder Türen) bis hin zu infrastrukturellen Ausstattungsmerkmalen, wie Feuerstätten, Latrinen, Frischwasseranbindung oder Abwasserentsorgung. Von Einzelgebäuden führt der nächste Schritt zu Ensemblestrukturen (Infirmariehalle, Kapelle, Küche, Vorratsraum), um diese schließlich durch bauarchäologisch bezeugte Wegesysteme zu größeren Gebäudekomplexen in Beziehung zu setzen, wie dem östlichen Klausurflügel oder dem Sanktuarium der Kirche. Die nur in relativ geringem Umfang erhaltene Bausubstanz, das Fehlen neuerer bauarchäologischer Untersuchungen sowie aussagekräftiger schriftlicher Quellen zwingt die Autorin zu Indizienbeweisen für ihre Thesen. Dennoch führt die kritische Aufarbeitung der Objekte und Forschungsmeinungen auch zu alternativen Raumdeutungen, die allerdings oft hypothetisch bleiben müssen.

Die folgenden kritischen Anmerkungen stellen die Verdienste der Arbeit keineswegs in Frage. Unter formalen Gesichtspunkten wäre eine schematische Umzeichnung der wichtigsten Umgestaltungsetappen der Gebäudekomplexe östlich der Klausur zum besseren gedanklichen Nachvollzug der Argumentation hilfreich gewesen, wie auch ein allgemeines Abkürzungsverzeichnis das Auffinden der zitierten Titel erleichtert hätte. Darüber hinaus scheint es geboten, die Generalkapitelstatuten der Zisterzienser vor 1200 nach der 2002 erschienenen Edition von Waddell zu zitieren und nicht mehr nach der alten Edition von Canivez. [1]

Unter konzeptionellen Aspekten wäre eine zusammenfassende Darstellung der Forschungsgeschichte der ausgewählten Abteien Rievaulx, Fountains und Kirkstall am Beginn des zweiten Teils zu überlegen gewesen, da es personelle und institutionelle Schnittpunkte gibt. Darüber hinaus könnte die Einbeziehung der Rolle von nachmittelalterlichen Eigentümern, Antiquaren oder historischen Gesellschaften bis hin zur touristischen Erschließung in einer vergleichenden Darstellung zu übergreifenden Aussagen führen, in denen sich ein Bogen bis hin zur Denkmalpflege unserer Tage spannen ließe.

An manchen Punkten hätte der Blickwinkel der Studie geweitet werden können. Ein Vergleich der Bauten östlich der Klausur mit denen, die westlich lagen, hätte am Beispiel von Fountains Interessantes zur Frage der jeweiligen Nutzungskonzepte (Gästehaus / Küche / Infirmarie / Kapelle / Bad) und der Bautypen (z.B. chamber-block, mehrschiffige Halle) ergeben können. Die Einbeziehung der im Westen liegenden Klostergebäude ist auch deshalb interessant, weil zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Zahl der Laienbrüder rasant abnahm und damit große Raumkapazitäten frei wurden. In Bezug auf die Osterweiterungen der Klosterkirchen von Fountains und Rievaulx wäre für die Wegedisposition auch die Diskussion des Ortes für das Chorgestühl der Mönche von Bedeutung, das in Fountains im Langhaus blieb, in Rievaulx aber nach Osten verlegt wurde. Für den Durchgang vom Südquerhaus nach Osten zum Friedhof hätte auch die Totenpforte, die sich meist an der Stirnseite des nördlichen Querhauses befand, mehr Aufmerksamkeit verdient.

Diese kritischen Anmerkungen sind, gemessen an der Qualität der Arbeit, nur Marginalien. Die Studie ist gut strukturiert, die Analysen der Objekte sind präzise und die Argumentation ist stimmig. Vor allem die Erläuterung der Räume und Raumfolgen im Kontext des monastischen Lebens lässt das Buch zu einer aufschlussreichen Lektüre werden, die - ganz im Gegensatz zu den Mönchen selbst - den Wandel in der Zeit betont. Die Dissertation ist ein willkommener und sehr gelungener Beitrag zur Diskussion um bisher zu wenig beachtete Klausurgebäude.


Anmerkung:

[1] Joseph Maria Canivez (Hg.): Statuta Capitulorum Generalium Ordinis Cisterciensis ab anno 1116 ad annum 1786, 8 Bde., Louvain 1933-1941; Chrysogonus Waddell: Twelfth-Century Statutes from the Cistercian General Chapter (= Cîteaux: Commentarii cistercienses, Studia et Documenta; Bd. 12), Brecht 2002.

Jens Rüffer