Rezension über:

Aurélie Élisa Gfeller: Building a European Identity. France, the United States, and the Oil Shock, 1973-74, Oxford: Berghahn Books 2012, X + 232 S., ISBN 978-0-85745-225-2, USD 75,00
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Rezension von:
Verena Sattler
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Verena Sattler: Rezension von: Aurélie Élisa Gfeller: Building a European Identity. France, the United States, and the Oil Shock, 1973-74, Oxford: Berghahn Books 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 2 [15.02.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/02/22069.html


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Aurélie Élisa Gfeller: Building a European Identity

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Aurélie Élisa Gfeller bietet in ihrer ersten Buchveröffentlichung eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ihrer 2008 eingereichten Dissertation [1], die den Titel "Building a European Identity: France, the United States and the Oil Shock, 1973-1974" trägt und sich den europäisch-amerikanischen Beziehungen in der ersten Hälfte der 1970er Jahre widmet. Die Autorin spannt dabei, ausgehend von Henry Kissingers Ausrufung eines "Jahr Europas" im April 1973, einen weiten thematischen Bogen, der innereuropäische Auseinandersetzungen um das europäisch-amerikanische Verhältnis in Beziehung setzt zu den Debatten um das "Dokument über die europäische Identität" vom Dezember 1973 und dessen Wirkung auf Frankreichs Außen- und Europapolitik im angegebenen Untersuchungszeitraum.

Die in sechs große Kapitel gegliederte Untersuchung beginnt mit einem kurzen Abriss US-amerikanischer Europakonzeptionen der frühen 1970er Jahre, wie sie vor allem in Kissingers berühmter Europa-Rede vom April 1973 zum Ausdruck kamen, und stellt diese französischen Europakonzeptionen gegenüber. Während Erstere auf eine engere transatlantische Bindung setzten - ein Wunsch, der sich insbesondere in Kissingers Ankündigung manifestierte, eine neue Atlantik-Charta auszuarbeiten -, wurde von französischer Seite einem starken, geeinten Europa der Vorrang eingeräumt (22). Paris habe den Wunsch der USA nach einem Gesamtrahmen für europäisch-amerikanische Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem, politischem und verteidigungspolitischem Gebiet verkannt (25), so die Verfasserin, und witterte stattdessen den Versuch, einen von den USA geführten, ideologischen oder ökonomischen Block zu bilden, in dem Europa bestenfalls eine dienende Funktion zukäme (31).

Die Betonung französisch-amerikanischer Spannungen prägt die gesamte weitere Untersuchung. Besonders deutlich seien diese im Entstehungskontext des Dokuments über die europäische Identität geworden, das auf dem Kopenhagener Gipfel im Dezember 1973 verabschiedet wurde. Frankreich habe dieses Dokument federführend mitgestaltet, wofür die vagen Aussagen in Bezug auf einen konstruktiven Dialog mit den Vereinigten Staaten angesichts wesentlich konkreterer Textvorschläge, die die Briten im Vorfeld unterbreitet hatten, ein Beleg seien (70). Zu einem weiteren Höhepunkt französisch-amerikanischer Verstimmungen kam es im Zuge des Oktoberkriegs und des ersten Ölpreisschocks. Während die USA die Israelis mit Waffenlieferungen unterstützten, habe Frankreich seine seit 1967 dezidiert proarabische Haltung im Nahostkonflikt bekräftigt und diese zudem auf die entstehende EPZ (Europäische Politische Zusammenarbeit) zu übertragen versucht (94 ff.). Zur ökonomischen Konfrontation sei es anlässlich der Washingtoner Energiekonferenz im Februar 1974 gekommen. Paris habe sich dort amerikanischen Vorschlägen zur gemeinsamen Überwindung der Energiekrise entgegengestellt aus Angst vor einer Unterordnung Westeuropas unter die USA (114, 121).

In den letzten beiden Kapiteln zeichnet die Autorin dennoch ein insgesamt positives Bild von der Wirkung, die das von Kissinger ausgerufene Jahr Europas auf das transatlantische Verhältnis ausübte. So habe Frankreich anlässlich der Ministertagung des Nordatlantikrats in Ottawa im Juni 1974 den Weg für eine Erklärung über die atlantischen Beziehungen freigemacht, indem es insbesondere in der bisweilen strittigen Frage wechselseitiger Konsultationen Zugeständnisse gemacht habe. Die französisch-amerikanischen Beziehungen hätten sich in der Folge entspannt (157 f.), wie das vergleichsweise geglückte Treffen von Valéry Giscard d'Estaing und Gerald Ford im Dezember 1974 auf Martinique gezeigt habe (171). Einen wesentlichen Beitrag dazu habe die weniger konfrontative Haltung der Amerikaner infolge des Watergate-Skandals geleistet sowie die grundsätzlich positivere Einstellung Giscard d'Estaings den USA gegenüber (171, 186, 198). Als wesentliche Ergebnisse ihrer Analyse präsentiert die Verfasserin ein stärkeres europapolitisches Engagement Frankreichs zwischen 1973 und 1974 (195) sowie die Durchdringung des politischen Diskurses in Frankreich mit dem Konzept einer europäischen Identität (197), welches Europa fortan zu einem integralen Bestandteil französischer Identität werden ließ (203).

Die Stärke der Untersuchung liegt sicher in der Erkenntnis, dass Frankreichs Außenpolitik zu Beginn der 1970er Jahre stark von Multikausalitäten geprägt war angesichts großer - zumeist externer - Herausforderungen. Die Verbindung von genuin politischen mit sicherheits- und verteidigungspolitischen sowie ökonomischen Aspekten ist ambitioniert. Das Bemühen, Frankreichs Europapolitik in den Mittelpunkt der Untersuchung zu rücken, ist angesichts der bisweilen - vor allem im angelsächsischen Raum überschaubaren - geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema ebenso berechtigt wie begrüßenswert.

Die Untersuchung leidet allerdings an einigen schwer wiegenden konzeptionellen und inhaltlichen Schwächen. Die größte unter ihnen besteht zweifelsohne in der mangelnden Festlegung auf ein Thema. Die Verfasserin bietet hier einen bunten Strauß diverser außenpolitischer Demarchen Frankreichs und der USA, die sie als "interrelated stories, each revolving around an event that got the nascent European Union involved in world politics" (10) verstanden wissen will. In der Folge variiert die Autorin den Untersuchungsgegenstand, indem abwechselnd französische und amerikanische, aber auch britische und bundesdeutsche Politik in den Blick genommen wird. Dabei werden diverse Politikfelder (Außen-, Sicherheits-, Verteidigungs-, Europa-, Handels- und Währungspolitik) und Organisationen (EG, NATO, WEU, IWF) miteinander vermengt; der im Titel aufgeführte Ölpreisschock spielt nur eine marginale Rolle.

Infolge dieser Vorgehensweise verharrt die Studie weitgehend an der Oberfläche. Die Wiederholung gängiger Klischees wie Antiamerikanismus als Triebkraft französischer Außenpolitik (9, 33 f., 45, 149) ist ebenso bedauerlich wie die Effekthascherei durch das häufige, wörtliche Zitieren derber, verbaler Entgleisungen Henry Kissingers (21, 66, 127, 128, 129, 149). Neuheitswert haben lediglich einige gewagte Thesen, darunter die Behauptung, Amerika habe, insbesondere mit dem von Kissinger ausgerufenen Jahr Europas, für den europäischen Selbstidentifikationsprozess, wie er sich für den angegebenen Untersuchungszeitraum im Dokument über die europäische Identität spiegele (58 f.) und von der Autorin in seiner Bedeutung weidlich überschätzt wird (10, 59, 67, 75), eine ähnlich wichtige Rolle gespielt wie im Mittelalter die Begegnungen der Europäer mit den Mauren, Osmanen oder den amerikanischen Ureinwohnern (72).

Vor dem Hintergrund der insgesamt stark transatlantisch orientierten Darstellungsweise ist die Studie daher in erster Linie Lesern zur Einführung zu empfehlen, die sich für einen amerikanischen Blick auf die europäisch-amerikanischen Beziehungen der ersten Hälfte der 1970er Jahre interessieren.


Anmerkung:

[1] Aurélie Élisa Gfeller: Re-envisioning Europe: France, America and the Arab World, 1973-1974, Princeton 2008.

Verena Sattler