Rezension über:

Marie-Hélène Rousseau: Saving the Souls of Medieval London. Perpetual Chantries at St Paul's Cathedral (c. 1200-1548), Aldershot: Ashgate 2011, XIV + 242 S., ISBN 978-1-4094-0581-8, GBP 65,00
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Rezension von:
Jens Röhrkasten
Department of History, University of Birmingham
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Jens Röhrkasten: Rezension von: Marie-Hélène Rousseau: Saving the Souls of Medieval London. Perpetual Chantries at St Paul's Cathedral (c. 1200-1548), Aldershot: Ashgate 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 2 [15.02.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/02/21485.html


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Marie-Hélène Rousseau: Saving the Souls of Medieval London

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Die vorliegende Arbeit basiert auf einem gründlichen und umfassenden Quellenstudium, das es der Verfasserin erlaubt, sowohl zur Londoner Kirchengeschichte des Spätmittelalters als auch zur allgemeinen Geschichte der Frömmigkeit in dieser Zeit wichtige Beiträge zu leisten. Dazu wurden neben Teilen des in der Londoner Stadtbibliothek (Guildhall Library) aufbewahrten Kathedralarchivs auch die in verschieden Serien erhaltenen Testamentsregister der Diözese sowie der Erzdiözese Canterbury herangezogen und die hier gefundenen Informationen noch durch Material aus dem englischen Nationalarchiv ergänzt. Dieses breite Quellenspektrum erlaubt Beobachtungen zu ganz unterschiedlichen Aspekten der mehr als achtzig in der Londoner Kathedrale angesiedelten Seelgerätstiftungen, die in dem aus einer Dissertation an der Universität London hervorgegangenen Buch gut strukturiert und flüssig zusammengefasst vorgestellt und analysiert werden.

Zentrale Themen sind dabei Gründung, Organisation sowie die räumliche Lage der Stiftungen; dazu werden noch die Frage der Kontrolle und Jurisdiktionsgewalt sowie das Thema des Personals behandelt, so dass neben rechtlichen, religiösen und organisatorischen Aspekten auch sozialgeschichtliche Hintergründe berücksichtigt werden. Ewigmessen an der Londoner Kathedrale wurden entweder in Form von Schenkungen an den Dekan und das Kapitel vorgenommen, die dann für die Einrichtung verantwortlich waren, oder als Benefizien an den ersten Inhaber der Stiftungspfründe gegeben, ein Verfahren, das nur in wenigen Fällen Anwendung fand. Die wirtschaftliche Basis bestand aus regelmäßigen Zahlungen von Naturalien oder Geld, die aus dem Stiftungsvermögen, meist Land, Zinseinkünfte oder Kirchen, stammten. Diese Einkünfte, die sich zwischen 1250 und 1370 auf über £280 im Jahr mehr als verfünffachten, wurden vom Kapitel kontrolliert und stellten einen erheblichen Teil des Einkommens der Kathedrale dar. Konkret wurden die jeweils vorhandenen Mittel in Truhen aufbewahrt, die sich in unmittelbarer Nähe der mit den Stiftungen verbundenen Altäre oder Kapellen befanden. Wenn Stiftungen - wie besonders gegen Ende des 14. Jahrhunderts - in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten, wurden sie durch Zusammenlegungen konsolidiert oder von Londoner Bürgern oder Bruderschaften unterstützt, die entweder nach einer Schenkung selbst eintraten oder, z.B. durch die Renovierung von Liegenschaften, versuchten, die aus dem Mietzins stammenden Einkünfte auf der erforderlichen Höhe zu halten.

Die durch den Dekan und das Kathedralkapitel ausgeübte Kontrolle stand einer individuellen Ausgestaltung der Seelgerätstiftungen nicht im Weg. Stifter konnten sich ein eigenes liturgisches Programm zusammenstellen und Kriterien für die Auswahl der Priester festlegen, die mit der Wahrnehmung der Leistungen betraut werden sollten. Die Stiftungen konnten auch Zusatzaufgaben beinhalten, z.B. Prädikaturen oder Armenspeisungen. Daneben konnten die Kapläne zuweilen auch zur Teilnahme am Chorgebet oder zu Verwaltungsaufgaben innerhalb der Kathedrale herangezogen werden, für letzteres wurden sie jedoch extra vergütet. Messen wurden oft an Altären zelebriert, die sich in der Nähe der Grabstätte des Stifters befanden, eine 'cantaria' war jedoch als Institution nicht unbedingt mit einem festen Platz in der Kirche verbunden. Die für England typischen Kapellstiftungen ('chantry chapels') konnten auch außerhalb der Kirche liegen, verblieben auf jeden Fall aber im Kathedralbezirk.

Die Verfasserin kann nachweisen, dass im 15. Jahrhundert die Einkommen der Kapläne stiegen, später folgten dann die von den Kandidaten erwarteten Qualifikationen, so dass ab Ende des 15. Jahrhunderts die Zahl der Graduierten in dieser Gruppe des Klerus deutlich stieg. Da das Kathedralkapitel die disziplinarische Aufsicht führte, bestanden enge Kontakte zwischen den Kanonikern und dem zumeist aus der Diözese London stammenden Stiftungsklerus. Für einen Kaplan konnte die Anstellung bei einer Seelgerätstiftung den Einstieg in eine kirchliche Laufbahn bedeuten, es sind jedoch ganz unterschiedliche Laufbahnmuster zu beobachten. Eine kleine Zahl von Kanonikern wurde auch mit der Wahrnehmung von Stiftungen betraut und umgekehrt stiegen einige der Kapläne in die Ränge des höheren Kathedralklerus auf. Ohne Zweifel trugen die Stiftungen an der Kathedrale zur Attraktivität Londons für arbeitssuchende Priester bei.

Der Verfasserin gelingt es, eine Reihe von Karrieren zu rekonstruieren. Diese Beispiele zeigen, dass sich für viele Kapläne keine weiteren Stellen ergaben, während knapp die Hälfte ihre Aufgaben für etwa zehn Jahre wahrnahmen und dann in eine höher dotierte Position wechselten. Der Anteil dieser Aufsteiger nahm jedoch gegen Ende des 15. Jahrhunderts ab und die Verfasserin kann somit die These Robert Swansons unterstützen, nach der sich die Berufsaussichten des englischen Klerus im Spätmittelalter verschlechterten. Die Stelleninhaber wohnten z.T. in eigenen Häusern, die Teil der Stiftung waren, und viele von ihnen besaßen eigene Handbibliotheken, die neben liturgischen und religiösen Werken auch Rechtstexte umfassen konnten.

Obwohl mit der - später auch offiziellen - Übernahme reformatorischer Ideen in England Kritik an Seelgerätstiftungen aufkam, kann die Verfasserin anhand von Testamenten zeigen, dass auch die letzte Generation der Kapläne bis über die Auflösung der 'chantries' hinaus den traditionellen Ideen verhaftet blieb. Die Übernahme von Stiftungsbesitz auch innerhalb des Kathedralbezirks durch Laien nach der Aufhebung trug zur Umwandlung der Bevölkerungszusammensetzung dort und zur Veränderung der städtischen Topographie bei. Dem Text dieser wichtigen und lesenswerten Arbeit schließt sich ein Anhang mit einer Liste der Stiftungen in der Londoner Kathedrale an.

Jens Röhrkasten