Rezension über:

Leila Ahmed: A Quiet Revolution. The Veil's Resurgence, from the Middle East to America, New Haven / London: Yale University Press 2011, VIII + 352 S., ISBN 978-0-300-17095-5, EUR 20,00
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Rezension von:
Susanne Schröter
Institut für Ethnologie, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Schröter: Rezension von: Leila Ahmed: A Quiet Revolution. The Veil's Resurgence, from the Middle East to America, New Haven / London: Yale University Press 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 2 [15.02.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/02/19514.html


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Leila Ahmed: A Quiet Revolution

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Die Rückkehr der Religionen in den öffentlichen Raum, die Ende des 20. Jahrhunderts ein Überdenken des bis dahin in den Sozial- und Geisteswissenschaften für gesichert gehaltenen säkularen Modernisierungsparadigmas einleitete, kündigte sich u.a. durch die neue Verschleierung muslimischer Frauen an. Sahen Autorinnen wie Ghada Talhami und Shala Haeri darin einen Rückschritt in patriarchalische Denkmuster, glaubten andere originäre weibliche Lebensentwürfe und Handlungsstrategien zu entdecken, mit denen Frauen sich einem hypokritischen Emanzipationsdiskurs widersetzten. Im Jahr 2011 hat auch Leila Ahmed, Professorin für Frauenstudien und Religion an der Harvard Divinity School, mit The silent revolution einen Beitrag zu der noch immer virulenten Debatte verfasst. Ahmed hatte sich Anfang der 1990er Jahre mit ihrer Dissertation Women and Islam einen Namen als Expertin für Geschlechterverhältnisse in der islamischen Welt gemacht und später in einer Autobiographie ihre Kindheit und Jugend in Ägypten reflektiert. Ihr wissenschaftliches Werk ist durch die Auseinandersetzung mit zwei großen Themen, dem Islamismus und dem Orientalismus, geprägt - ein Spannungsverhältnis, das auch in der vorliegenden Monographie wieder aufgegriffen wird.

Das Buch besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen: einem ersten Part, in dem die Geschichte Ägyptens seit dem 19. Jahrhundert Revue passiert, und einem zweiten Part, der den Islam in den USA beleuchtet. Die Erzählung über den ägyptischen Islam greift Problematiken wieder auf, die bereits in Women and Islam erörtert wurden, darunter die unkritische Europabegeisterung liberaler Intellektueller wie Qasim Amin, und verzweigt sich dann in zwei miteinander verbundene Erzählstränge. Einer von ihnen zeichnet die ägyptische Moderne als Aufbruch der Frauen aus den Beschränkungen von Tradition und Religion nach, die durch staatliche Maßnahmen in vielfacher Hinsicht begünstigt wurde. Der Verzicht auf den Schleier, so Ahmed, sei das sichtbarste Zeichen dieser Emanzipation gewesen. Parallel und als Reaktion auf die als "westlich" denunzierte Entwicklung - dies ist der zweite Erzählstrang - habe sich ein indigener ägyptischer Islamismus herausgebildet, verkörpert vor allem durch die von Hassan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft, die den Schleier als eines ihrer zentralen Symbole kultivierte. In den 1970er Jahren habe die Idee einer säkularen Frauenemanzipation gegenüber dem stark von Frauen getragenen Islamismus wieder an Boden verloren, die islamische Bedeckung des weiblichen Körpers sei populär geworden und Frauen sahen sich genötigt, den Schleier in der Öffentlichkeit anzulegen, wenn sie respektvoll behandelt werden wollten. Der Islamismus hatte gesiegt, so Ahmed - eine These, die durch die Wahlen des Jahres 2012 eindrucksvoll bestätigt wurde.

Die ersten 150 Seiten des Buches zeichnen die bedrückende Geschichte dieses Siegeszuges in Ägypten nach, untermauert nicht zuletzt durch Studien von Wissenschaftlern wie Gilles Kepel, Carrie Rosefsky Wickham, Ghada Talhami und Sharifa Zuhur, um nur einige zu nennen. Dabei wird deutlich, wie sehr innenpolitische Dynamiken von außenpolitischen Ereignissen beeinflusst wurden. Am Ende des ersten Teiles wechselt Ahmed die Region und wendet sich dem Islamismus in den USA und in Kanada zu, der dort, ähnlich wie in Ägypten, durch Muslimbruder-nahe Organisationen wie die "Islamic Society of North America" (ISNA) dominiert wird. Ahmeds Recherchen zufolge vertritt die absolute Mehrheit der organisierten Muslime in diesen Ländern einen radikalen Islamismus, der sich durch konsequente Missionstätigkeit und das Ziel auszeichnet, Amerika nach und nach in einen islamischen Staat zu verwandeln (178). Der Schleier fungiere dabei, wie schon für die Muslimbrüder in Ägypten, als Symbol eines "wahren" Islams.

Der zweite Teil des Buches beginnt mit den Ereignissen nach dem 11. September in den USA. Der Islam sei ein öffentliches Diskussionsthema geworden, im Positiven wie im Negativen; vieles habe sich verändert, und auch die islamischen Organisationen seien in Bewegung geraten. Frauen hätten es verstanden sich zunehmend Gehör zu verschaffen, und einige von ihnen seien sogar in Führungspositionen gelangt - wie die Konvertitin Ingrid Mattson, die 2006 zur Vizepräsidentin von ISNA gewählt wurde. Mittlerweile sei es möglich, Tabus wie häusliche Gewalt auf Plenarsitzungen zu erörtern, und es würden sogar feministische Koraninterpretationen diskutiert. Zusätzlich hätten die islamistischen Gruppierungen Konkurrenz durch Organisationen wie "Progressive Muslims", "Muslim Wake-up" oder die schwul-lesbische Vereinigung "al-Fatiha" erhalten. Durch die komplexe neue Situation, so Ahmeds Fazit, habe sich im 21. Jahrhundert in den USA ein eigener sehr Islam entwickelt, der an die amerikanischen Ideen von Freiheit und Bürgerinnenrechten anschließt.

Die Monographie gibt insgesamt einen guten Überblick über den historischen ägyptischen und den gegenwärtigen amerikanischen Islam. Es stellt, anders als Ahmed intendiert, allerdings keine Fortsetzungsgeschichte dar. Der amerikanische Islam speist sich aus vielen Quellen, und die Einwanderer aus Ägypten stellen dabei nur eine von vielen und keineswegs die Wichtigste dar. Der Einfluss der Muslimbrüder mag da schon bedeutender gewesen sein, doch auch hier ist es weniger der ägyptische Ursprung als ein transnationaler Islamismus, der sich, wie Ahmed (161) schreibt, in Saudi Arabien konstituierte.

Die Reise von Ägypten in die USA ist daher weniger eine, die für den Islam bedeutsam ist als vielmehr für die Autorin, der man beim Lesen aus dem Ägypten der 1940er Jahre ins amerikanische Exil folgt und mit ihr zusammen Forschungsgegenstände und Forschungsfragen nachvollzieht, die ineinander verschachtelt sind wie die Teile einer russischen Puppe. Verwunderlich ist, dass das Buch trotz der reichen Erfahrungen letztendlich primär auf Sekundärquellen beruht. Ausführlich werden Monographien und Sammelbände vorgestellt, letztere bis in die einzelnen Kapitel hinein. Das ist für einen Überblick durchaus sinnvoll, enttäuscht aber diejenigen, die von der Autorin Neues erwartet hätten. Ein wenig ärgerlich sind auch die vielen Redundanzen, die der Lektorin des Verlags offensichtlich entgangen sind. So wird die Auseinandersetzung mit Lord Cromer und Qasim Amin, die bereits ausführlich im ersten Teil erfolgte - und auch hier eine Wiederholung des bereits in "Women and Islam" Beschriebenen darstellt - noch einmal im zweiten Teil wiederholt. In vielen Fällen sind es ganze Phrasen, die wörtlich repetiert werden, wie z.B. die Charakterisierung von Zainab al-Ghazali als "unsung mother" der ägyptischen Muslimbruderschaft (57, 73, 109).

Trotz solcher Mängel ist das Buch durchaus lesenswert, da es spannende Dynamiken aufzeigt, die eindimensionale und orientalistische Stereotype entkräften. Vier Erkenntnisse stellt Ahmed in besonderer Weise heraus:

1. Muslime sind, wie Angehöriger anderer Überzeugungen auch, von den kulturellen Mustern des Landes geprägt, in dem sie leben. Deshalb sind in den USA und in Kanada andere Ausprägungen von Frömmigkeit und Kritik möglich als in Ägypten oder in Saudi Arabien.

2. Viele Muslime sind sich dieses Umstandes bewusst und arbeiten dezidiert an der Vision eines Islams, der mit grundlegenden Prinzipien der amerikanischen Gesellschaft, dabei insbesondere der Freiheit und den Frauenrechten, vereinbar ist.

3. Die Entwicklung des Islams ist nicht von außenpolitischen Ereignissen zu trennen. Interventionen in muslimischen Ländern oder der Palästina/Israel-Konflikt haben in jedem Land, in dem Muslime in größerer Anzahl leben, innenpolitische Konsequenzen, und in der Regel führen sie zu einer Stärkung islamistischer Bewegungen und Organisationen.

4. Die Anschläge auf das Welthandelszentrum haben unterschiedliche und teilweise antagonistische Prozesse ausgelöst. Frauenrechtlerinnen und progressive Muslime konnten die Situation nutzen, um konservative Position öffentlich zu hinterfragen und neue Akzente zu setzen.

Für all diejenigen, die sich mit aktuellen Entwicklungen des Islams in westlichen Ländern befassen, ist das Buch daher eine spannende Lektüre.

Susanne Schröter