Rezension über:

Jeffrey Freedman: Books Without Borders in Enlightenment Europe. French Cosmopolitanism and German Literary Markets (= Material Texts), Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2012, IX + 382 S., 21 s/w-Abb., ISBN 978-0-8122-4389-5, USD 79,95
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Rezension von:
Wolfgang Schmale
Institut für Geschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Schmale: Rezension von: Jeffrey Freedman: Books Without Borders in Enlightenment Europe. French Cosmopolitanism and German Literary Markets, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 12 [15.12.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/12/22056.html


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Jeffrey Freedman: Books Without Borders in Enlightenment Europe

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Das hier zu besprechende Buch benötigt einen zweiten Untertitel: Es geht um den Handel der von Schweizer Calvinisten französischer Zunge gegründeten Société Typographique de Neuchâtel (= STN; Neuchâtel war ein in der Westschweiz gelegenes preußisches Territorium) mit französisch-sprachigen Büchern in 'Deutschland' ('Deutschland' wird vom Autor korrekt differenziert). Eingebettet wird diese konkrete Forschung auf der Grundlage der reichhaltigen Archive der STN in die beiden Kontexte, die Haupt- und Untertitel des Buches angeben. Der Haupttitel rechtfertigt sich aus einer grundsätzlichen Positionierung des Autors heraus, dass Buchgeschichte entgegen den transnationalen Realitäten des Buchhandels im 18. Jahrhundert überwiegend als nationale Buchgeschichte geschrieben würde. In dieser Schärfe wird man eine solche Diagnose vermutlich nicht teilen wollen. Der Autor selber behandelt zwar ein transnationales Thema, aber er schreibt eindeutig für den US-amerikanischen Leser; ist das nicht national?

Die STN publizierte kaum Originalmanuskripte, sondern machte ihr Hauptgeschäft mit wohlfeilen Piratendrucken. Die Firma belieferte in 'Deutschland' Leipzig als Messestandort, aber auch weitere Verteilerstädte wie Hamburg, Köln, Frankfurt, Mannheim und Prag. Sie wurde 1769 gegründet und spielte für knapp zwei Jahrzehnte eine wichtige Rolle. Kapitel 1 behandelt die Leipziger Osterbuchmesse in Bezug auf die Aktivitäten der STN, Kapitel 2 widmet sich ökonomischen Problemen, die insolvente Buchhändler, die sich von der STN beliefern ließen, verursachten. Kapitel 3 analysiert die Geschäftsbeziehungen zwischen der STN und namentlichen Buchhändlern an verschiedenen Standorten in 'Deutschland', Kapitel 4 wendet sich dem Verhältnis zwischen Bestellstrategien der Buchhändler und Nachfrage der Leserschaft zu. Die STN verkaufte, was am Markt ging. Das heißt, es finden sich im Programm religionskritische Schriften, aber auch protestantische religiöse Erbauungsliteratur und die Bibel, ein Aspekt, mit dem sich das 5. Kapitel auseinandersetzt.

Es folgen zwei "case studies" (Kapitel 6 bzw. 7): Die STN bemühte sich, nicht nur den 'deutschen' Buchmarkt mit französischsprachigen Büchern zu versorgen, sondern nahm sich auch umgekehrt der Übersetzung deutscher Werke ins Französische an, wenn auch nicht in großem Stil. Untersucht wird die französische Ausgabe von Nicolais Sebaldus Nothanker, der auf diese Weise nicht nur in Frankreich, sondern auch in London, Stockholm oder St. Petersburg eine Leserschaft erhielt. Die zweite Detailstudie ist dem ebenfalls gebürtigen (1739) Schweizer Virchaux gewidmet, der lange Jahre in Hamburg als Buchhändler und Handelspartner der STN wirkte, während der Revolution nach Paris ging und dort zwischen die politischen Fronten geriet. Fünf Anhänge sowie eine Reihe von Karten und Tabellen mit Quantifizierungen auf der Grundlage der Handelskorrespondenz der STN vertiefen den Text. Das Register verzeichnet Personen- und Ortsnamen, enthält eine Reihe von Sacheinträgen und insbesondere Buchtitel des 18. Jahrhunderts.

Die Studie veranschaulicht den Alltag des Buchhandels, der weiß Gott spannend war, und gibt durch ihre relative Dichte einen sehr guten Eindruck von dessen Höhen und Tiefen, Erfolgen und Misserfolgen sowie den Arbeitsbedingungen. Der bekannte Grundsatzbefund, dass in der Aufklärung die französische Sprache als Publikationssprache unerlässlich war, wird anschaulich am konkreten Fall der STN ausgeführt. Freilich handelt es sich um eine Momentaufnahme über ca. zwei Jahrzehnte. Die Tiefenwirkung französischsprachiger Literatur in 'Deutschland' ist letztlich nur über die Rezeptionsforschung zu ermitteln.

Unter den Danksagungen wird Johannes Frimmel genannt, seine wichtige Publikation mit Michael Wögerbauer figuriert jedoch nicht in der Bibliografie. [1] Die deutschsprachigen österreichischen Erblande sind nach Bekunden des Autors in seine Studie einbezogen; um die Spuren zu finden, benötigt man allerdings eine starke Lupe.


Anmerkung:

[1] Johannes Frimmel / Michael Wögerbauer (Hgg.): Kommunikation und Information im 18. Jahrhundert. Das Beispiel der Habsburgermonarchie (= Buchforschung; 5), Wiesbaden 2009.

Wolfgang Schmale