Rezension über:

Dorothea Rohde: Zwischen Individuum und Stadtgemeinde. Die Integration von collegia in Hafenstädten (= Studien zur Alten Geschichte; Bd. 15), Mainz: Verlag Antike 2012, 477 S., ISBN 978-3-938032-44-2, EUR 79,90
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Rezension von:
Caroline Bergen
Historisches Seminar, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Caroline Bergen: Rezension von: Dorothea Rohde: Zwischen Individuum und Stadtgemeinde. Die Integration von collegia in Hafenstädten, Mainz: Verlag Antike 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 12 [15.12.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/12/22004.html


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Dorothea Rohde: Zwischen Individuum und Stadtgemeinde

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Das antike Vereinswesen ist seit langem ein Gegenstand historischen Forschungsinteresses. Geraume Zeit lag der Schwerpunkt der Untersuchungen aufgrund der Quellenlage auf den rechtlichen und politischen Aspekten der collegia in der Republik. Dann eröffnete die Edition des CIL den Zugang zur Untersuchung der römischen Kollegien der Kaiserzeit und ermöglichte den Blick auf sozial- und wirtschaftshistorische Aspekte. Paradoxerweise blieb diese Chance bis in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts nahezu ungenutzt. [1] Seither fächern sich die sozialhistorischen und auch die theologischen Arbeiten zu den Vereinen zunehmend auf. [2] Eines der Forschungsdefizite in diesem neuen Spektrum an Untersuchungen möchte nun Dorothea Rohde durch ihre Arbeit zum Integrationspotenzial der collegia in der antiken Stadt beheben.

Zu diesem Zweck untersucht sie die epigraphischen und archäologischen Hinterlassenschaften der collegia von drei Hafenstädten unterschiedlicher Größe: Perinthos, Ostia und Ephesos. Hafenstädte sind aufgrund ihrer Position als überregionale Verkehrsknotenpunkte bis heute für die dort auftretende Vielfalt an Ethnien, Religionen und kulturellen Prägungen bekannt. Nur wenige andere antike Städte hatten einen solch hohen Bedarf an funktionierender Integration der Einwohner in die Stadtgemeinschaft wie die damaligen Hafenstädte. Rohde geht nun der Frage nach, welchen Beitrag die römischen Kollegien zu dieser Integration und damit zur Stabilisierung des städtischen Lebens zu leisten vermochten.

Dazu arbeitet sie nach der grundlegenden Einführung in die Forschungsgeschichte und den Quellenbestand in einem ersten Schritt zunächst die Indikatoren heraus, an denen die Integrationsfähigkeit der verschiedenen collegia gemessen werden kann: Zu den aus der Soziologie bekannten Indikatoren Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation fügt sie noch drei weitere als für die damaligen Verhältnisse charakteristisch hinzu: Funktion, Sichtbarkeit und Legitimität (50).

Auf der Suche nach diesen Indikatoren wendet sie sich im nächsten Kapitel nun den Kollegien in Perinthos zu, der kleinen Hauptstadt der Provinz Thracia. Deren - Rohdes Einschätzung nach - bescheidener Stellenwert im Römischen Imperium und ebenso im Wirtschaftsgefüge desselben habe die Anziehung großer Zahlen von Migranten genauso wie die Ausbildung einer tragkräftigen städtischen Elite verhindert. Die Funktion der Letzteren im städtischen Gefüge hätten in gewissem Maß die wenig differenzierten perinthischen collegia übernommen. Ihnen sei dabei eine Identifikation mit der Stadtgemeinschaft, dem Zeugnis ihrer Hinterlassenschaften zufolge, wichtiger gewesen als eine Identifikation mit der Person des Kaisers und dem Imperium Romanum (77).

Im folgenden Kapitel stellt sie diesem Befund die Integrationsumstände der reich differenzierten Berufskollegien in Ostia, dem Hafentor Roms, gegenüber. Eine Fülle von Besuchern der Hauptstadt habe dieses Tor jahraus, jahrein durchschritten, und der immense Bedarf der urbs an Lebensmitteln und Luxusgütern habe einen Zustrom von Händlern aus der gesamten damalig bekannten Welt bewirkt. So hätten sich den Kollegien in Ostia ganz andere Aufgaben im Stadtgefüge gestellt als in Perinth, eine rege Vernetzung mit der (haupt-)städtischen Elite werde an den zahlreichen Ehrungen für Kaiser, Patrone und Magistrate deutlich. Erstmals ließe sich hier auch eine klare Trennung zwischen Berufs- und Kultvereinen erkennen: während ersteren aufgrund des enormen Warendurchlaufs die finanziellen Ressourcen geboten worden seien, um nahezu alle Register zur Integration in die Stadtgemeinschaft zu ziehen, habe der Schwerpunkt der letzteren auf der Binnenintegration ihrer Mitglieder und der Ausübung des Kultes als utilitas publica gelegen (273).

Wieder anders stellt sich im letzten Untersuchungskapitel die Lage der ephesischen Kollegien dar. Der durch das weltberühmte Artemisheiligtum von Gründung der Stadt an kultisch geprägte Lebensnerv der Stadt spiegele sich in der deutlichen Nähe aller Vereine zur Polisreligion, die Identifikation mit der Stadt scheine höher bewertet worden zu sein als die Identifikation mit dem Imperium Romanum. Der Beitrag zum Gemeinwohl der Stadt habe bei den ephesischen Berufsvereinen häufig in direktem Zusammenhang mit dem Artemisheiligtum gestanden. Die Sichtbarkeit der Vereine fuße weniger auf ausführlichen Ehrungen als auf Standort- und Grabinschriften. Insgesamt sei die Anzahl der Hinterlassenschaften der ephesischen collegia deutlich geringer als die Zahl der Zeugnisse aus dem wesentlich einwohnerärmeren Ostia.

In dem folgendem Kapitel zieht Rohde ein Fazit aus dem Vergleich der vorangehenden drei Untersuchungen: Sie kommt zu dem Schluss, dass trotz gegebener Gemeinsamkeiten "Hafenstadt nicht gleich Hafenstadt" sei (364) und die lokalen Gegebenheiten ausschlaggebend für die Wege und Möglichkeiten zur Integration gewesen seien (350). Kollegien aber hätten in jedem Fall einen entscheidenden Beitrag zur Integration und damit zur Stabilität der Stadtgemeinschaft geleistet. Ein Verzeichnis der bis dato bekannten perinthischen, ostiensischen und ephesischen Vereine mit den jeweiligen Belegen schließt die Arbeit ab. Die insgesamt wohl durchdachte und sauber ausgeführte Studie ist trotz kleinerer Wiederholungen gut zu lesen. Zum besseren Überblick wäre vielleicht eine Tabelle mit der Anzahl und Art der Nachweise für die jeweiligen Vereine in der jeweiligen Stadt zu Beginn der Einzeluntersuchungen hilfreich gewesen. Eine Erarbeitung von eventuellen chronologischen Entwicklungen oder Unterschieden im Integrationsverhalten der Kollegien scheint aufgrund meist fehlender Datierungsgrundlagen nicht möglich zu sein (121, vgl. auch den Hinweis auf Konstanz auf Seite 163). Auch für eine Gegenüberstellung gleicher Vereine der drei Städte ist das Material offenbar zu begrenzt. Unabhängig davon vermag Rohde jedoch den integrativen Wert der Vereine für eine Stadtgemeinschaft deutlich herauszuarbeiten. Das Buch sei als grundlegendes Werk für diesen Themenbereich empfohlen und wird sicherlich Anreiz zu weiteren Studien über das Integrationspotenzial antiker Städte bieten.


Anmerkungen:

[1] Lobenswerte Ausnahmen bilden die Arbeiten von Waltzing, J.-P.: Étude historique sur les corporations professionelles chez les Romains. Depuis les origines jusqu'à la chute de l'Empire d'Occident, 4 Bde., Brüssel 1895-1900 (ND Hildesheim/New York 1970) und Liebenam, W.: Zur Geschichte und Organisation des römischen Vereinswesens. Drei Untersuchungen, Leipzig 1890 (ND Aalen 1964).

[2] Einen konzertierten Überblick über die Arbeiten zu den römischen collegia bietet Dissen, M.: Römische Kollegien und deutsche Geschichtswissenschaft im 19. Und 20. Jahrhundert, Stuttgart 2009 (Historia ES 209).

Caroline Bergen