Rezension über:

Paul-Alexis Mellet / Jérémie Foa: Le Bruit des armes. Mises en forme et désinformations pendant les guerres de religion (1560-1610) (= Travaux du Centre d'Études Supérieures de la Renaissance de Tours), Paris: Editions Honoré Champion 2012, 430 S., ISBN 978-2-7453-2434-4, EUR 97,38
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Rezension von:
Alexandra Schäfer-Griebel
Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Alexandra Schäfer-Griebel: Rezension von: Paul-Alexis Mellet / Jérémie Foa: Le Bruit des armes. Mises en forme et désinformations pendant les guerres de religion (1560-1610), Paris: Editions Honoré Champion 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 12 [15.12.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/12/21953.html


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Paul-Alexis Mellet / Jérémie Foa: Le Bruit des armes

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Seit einigen Jahren hat die Forschung zu den Französischen Religionskriegen Medien für sich entdeckt. In Frankreich ist der Umgang mit Informationen, Selektionsprozessen und Umdeutungen vor allem seit den drei großen Konferenzen Ende 2002 [1], in deren Tradition sich auch dieser Tagungsband stellt (21), neu diskutiert worden.

In dem vorliegenden Band haben sich die Herausgeber Paul-Alexis Mellet und Jérémie Foa vorgenommen, auf einer breiten Quellenbasis (von Korrespondenzen und Memoiren über Lieder und Theaterstücke bis hin zu Stichen und Kirchenfenstern) (28) Techniken der Inszenierung der Religionskriege in den Blick zu nehmen. Foa und Mellet haben ihre Schwerpunktsetzung in Auseinandersetzung mit der französischen Soziologin Nathalie Heinich entwickelt (27) [2]: Neben Inhalten sollen auch Aneignungsprozesse, Sprache, Schreibpraktiken, Vermittlung und Beglaubigungsverfahren beleuchtet werden, um Relativierung, Negierung, Legitimierung, Verschleierung oder Rechtfertigung offenzulegen (36).

Demzufolge gliedert sich der Band in fünf Bereiche: Öffentliches Sprechen (I), Politische Lektüre und Vereinnahmung (II), der als Wortspiel schwer übersetzbare Teilbereich "Du fait divers au fait d'armes" (III), Verfahren der medialen Repräsentation (IV) sowie Zirkulation von Informationen (V).

Eine Hinführung zum Thema wird mit gleich zwei einleitenden Artikeln gegeben (Mellet/Foa sowie Jean-Louis Fournel), welche die zentralen Begriffe des Titels und den Band selbst in die Forschung einordnen, doch nach praktischen Hinweisen zum Aufbau und der Zuordnung der Beiträge sucht man in der etwas überfrachteten Einleitung der Herausgeber vergebens.

Nicht mit dem Krieg wolle man sich beschäftigen, sondern "son 'bruit' c'est-à-dire le chaos ressenti par les contemporains" (19) erklären - so Foa und Mellet zu Beginn ihrer Einführung, die sie unter den etwas launigen Titel "Les guerres de Religion ont-elles eu lieu?" gestellt haben. Unter dem Eindruck von Chaos, das die Zeitgenossen empfunden haben sollen, verstehen Mellet und Foa die zeitgenössische Vielstimmigkeit, Fragmentierung und Mehrdeutigkeit in Bezug auf die Religionskriege (27). Während der Religionskriege ermöglichte die Schwächung der Krone und der informationssteuernden Institutionen das Entstehen eines "espace public oppositionnel" (Oskar Negt, 27), in dem öffentliche Äußerungen sich vervielfachten und auffächerten (30). Die Quellen entwerfen ein heterogenes Bild der Religionskriege und zeigen zugleich unterschiedlichste Reaktionen und Aneignungsmechanismen auf. (36). Der Forschung werfen die Herausgeber - etwas überspitzt - die Tendenz zur "Vereindeutigung" vor, wodurch die zeitgenössische Unsicherheit und das Chaos ausgeblendet würden (22, 31).

Jean-Louis Fournel (Professor für Italienisch, Université Paris VIII), dessen differenzierter Beitrag vorangestellt ist, fügt die Italienkriege (1494-1559) als Folie hinzu. Er lotet nicht nur das Verhältnis von Ereignis und späterer (sprachlicher) Repräsentation aus, wenn aus dem Ereignis ein behandelbarer und wandelbarer Stoff werde, sondern begreift auch den begleitenden Kriegslärm (Kanonen, Kavallerie, ...) als (kommunikativen) Teil der eigenen Gegenwart (10).

Chiara Lastraioli (39-57) behandelt in Teil I (Paroles publiques) ein weitgehend unbeachtetes Werk von Jérôme Bolsec, und Monica Barsi (59-75) untersucht die Chronik von Pierre Belon aus Mans (1562/1563) als Bericht eines katholischen Augenzeugen. Dagegen nimmt sich Alain Legros (77-88) mit Michel de Montaigne ("Les Essais") als Zeuge der "troubles" einen vielbehandelten Protagonisten unter ungewöhnlicher Perspektive vor. Denise Turrel beleuchtet Michel de L'Hospital (89-111) als Opfer von Gerüchten.

In Teil II (Lectures politiques & récupérations) steht die transnationale Dimension im Fokus. Florence Alazard (115-128) stellt die italienische literarische Bearbeitung der Tötung von Franz von Guise und Ludwig von Condé in den lamenti vor. Die Beiträge von Françoise Crémoux (129-145) und Héloïse Hermant (159-177) beschäftigen sich mit der spanischen Publizistik in Form von Flugblättern und Flugschriften. Während sich erstere um eine Systematisierung des Tagesschrifttums bemüht, arbeitet letztere einen gruppenspezifischen Umgang (professioneller "Publizist", Kleriker, Chronikschreiber) mit Informationen heraus. Über Philippe de Marnix nähert sich Monique Weis (147-158) der übergreifenden protestantischen Solidarität im niederländischen und französischen Konflikt. Für die italienische Darstellung des Einzugs Heinrichs III. in Mantua diskutiert Delphine Carrangeot (179-198), wie die französisch-königliche Repräsentation und die des Herzogs von Gonzaga ineinandergriffen.

Von Arlette Jouanna (201-214) werden in Teil III (Du fait divers au fait d'armes) die widersprüchlichen königlichen Äußerungen zur Bartholomäusnacht analysiert. Am Fallbeispiel der Belagerung von La Rochelle erläutert Cécile Huchard (215-231), wie eine mediale Umdeutung von Rebellion zu heroischem Widerstand von statten ging. Die folgenden Beiträge widmen sich der Spätphase der Kriege ab 1585. Während Nicolas Le Roux (233-257) den Einsatz von Medien angesichts der schwierigen Position Heinrichs III. zwischen der Liga und den Hugenotten ausleuchtet, nimmt sich Michel Cassan (259-275) den Flugschriftenbestand für das Jahr 1589 vor. Im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Studien, die auf kleinen Quellencorpora beruhen, hat er einen (auch) quantitativen Zugang gewählt. Den Wandel der Rezeption der französischen Religionskriege im elisabethanischen England untersucht Marie-Céline Daniel (277-292).

Die Spezifika einer jeweils bestimmten Quellengattung beleuchtet Teil IV (Modes de transcription). Richard Hillman (295-304) stellt "Pharaon" von François de Chantelouve, eine ultra-katholische Tragödie, in Beziehung zu den anderen Theaterstücken wie "La Guisiade". Mit Christophe de Bordeaux nimmt Tatiana Debaggi Baranova (305-316) katholische Liedpublizistik als möglichen Mittler zu einer Perspektive "aus dem Volk" in den Blick, während Laurence Riviale (317-331) sich der ikonographischen Tradition von Kirchenfenstern der Normandie und Champagne zuwendet. Sylvie Daubresse (333-348) verfolgt anhand eines Registers mit Plädoyers die Reaktion auf die taille 1589 in Morannes.

Zwei Beiträge widmen sich in Teil V (Circulation de l'information) der Ermordung Heinrichs IV. Betrachtet Diane Roussel (351-363) Fälle, in denen wegen des Verdachtsmoments des Königsmords gerichtliche Untersuchungen eingeleitet wurden, konzentriert sich Mario Infelise (365-377) auf die Informationsvermittlung nach Venedig. Für die Rezeption der Religionskriege im Reich greift Béatrice Nicollier (383-395) Hubert Languet als Informant des Kurfürsten August von Sachsen heraus, wohingegen Cornel Zwierlein (397-415) in einem quantitativen Zugriff den Aspekt einer internationalen hugenottischen Propaganda beleuchtet.

Der hier gewählte europäische Bezugsrahmen geht über die zur "Selbstgenügsamkeit" tendierende französische Forschung zu den Religionskriegen hinaus: Von Italien über England und Spanien bis zum Reich werden die zirkulierenden unterschiedlichen Medien mit Bezug zu den Religionskriegen behandelt, und dies erfreulicherweise nicht nur von den geladenen Historikerinnen und Historikern aus dem Ausland (Mailand, Venedig, Brüssel, Genf, Bochum).

Insgesamt weist der Tagungsband vor allem in zweierlei Hinsicht über bisherige Forschung zu dem Bereich Religionskriege und Medien hinaus: zum einen durch den europäischen Bezugsrahmen und zum anderen durch die Schwerpunktsetzung auf Selektionsmechanismen, Umgang mit Informationen, Transformationsprozessen und Zirkulation von Informationen. Dies ist für die Religionskriege bislang kaum und wenn, dann nur in Einzelstudien geschehen [3].


Anmerkungen:

[1] Boillet, Danielle / Luca-Fiorato, Corinne (éds.): L'actualité et sa mise en écriture dans l'Italie da la Renaissance, Paris 2005; Bolher, Danièle / Magnien-Simonin, Catherine (éds.): Écritures de l'histoire (XIVè-XVIè siècles), Genf 2006; Berchtold, Jacques / Fragonard, Marie-Madeleine (éds.): La mémoire des guerres de Religion. La concurrence des genres historiques (XVIè-XVIIIè siècles), Genf 2007.

[2] Heinich, Nathalie: Ce que l'art fait à la sociologie, Paris 1998, besonders 25.

[3] Siehe beispielsweise jüngst: Debbagi Baranova, Tatiana: À coups de libelles. Une culture politique au temps des guerres de religion (1562-1598) (= Cahiers d'humanisme et renaissance; 104), Genf 2012.

Alexandra Schäfer-Griebel