Rezension über:

Eric A. Leuer: Die Mission Hoyos. Wie österreichisch-ungarische Diplomaten den ersten Weltkrieg begannen (= Reihe Geschichtswissenschaft; Bd. 59), Herbolzheim: Centaurus 2011, VIII + 149 S., ISBN 978-3-86226-048-5, EUR 22,80
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Rezension von:
Salvador Oberhaus
Historisches Seminar, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Salvador Oberhaus: Rezension von: Eric A. Leuer: Die Mission Hoyos. Wie österreichisch-ungarische Diplomaten den ersten Weltkrieg begannen, Herbolzheim: Centaurus 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 10 [15.10.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/10/20325.html


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Eric A. Leuer: Die Mission Hoyos

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Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges jährt sich im Sommer 2014 zum 100. Mal. Über die Ursachen, Auslöser und Verantwortlichkeiten wird in der Geschichtswissenschaft kontrovers diskutiert. Bei aller unterschiedlichen Gewichtung im Detail, besteht in wichtigen Fragen ein breit getragener Konsens. Hierzu gehört zunächst die keineswegs banale Feststellung, dass dem Ersten Weltkrieg ein komplexes Ursachengeflecht zugrunde liegt. Einigkeit besteht in der Einschätzung, dass der Kriegsausbruch eine Konsequenz des Hochimperialismus und der sich hieraus zwischen den Großmächten seit etwa 1900 verschärfenden Konflikten ist, welche die Friedensfähigkeit zwischenstaatlicher Bündnissysteme und den Friedenswillen der europäischen Großmächte zunehmend unterminierten.

Im Juli 1914 war keine europäische Regierung mehr ernsthaft bereit, einen allgemeinen Krieg zu verhindern. Besonders die Zweibundmächte nahmen einen großen Krieg als Mittel der Politik nicht nur in Kauf, sie provozierten ihn: Österreich-Ungarn etwa, indem es Serbien ein unannehmbares Ultimatum im Zusammenhang mit der Aufklärung des Attentats vom 28. Juni stellte. In den Augen der Verantwortlichen in Wien war der Fortbestand der Doppelmonarchie gefährdet, die sich als unfähig und unwillig erwies, die drängenden Probleme des Vielvölkerstaates zu lösen, und mit Russland um die Hegemonie in Südosteuropa konkurrierte.

Das kaiserliche Deutschland trug zur Eskalation des Konfliktes durch seine als Nibelungentreue apostrophierte bedingungslose Unterstützung des Zweibundpartners sowie durch eine diplomatische Strategie der Auslotung der Kriegsbereitschaft der Entente-Mächte bei. Für das Deutsche Reich bot sich im Juli 1914 die Gelegenheit, die selbst verursachte internationale Isolierung zu durchbrechen und in einem militärstrategisch günstig scheinenden Augenblick doch noch zur Weltmacht aufzusteigen, anstatt sich mit dem Status einer saturierten Großmacht zufrieden geben zu müssen. Dass Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich aufgrund ihrer Risiko- und Eskalationspolitik gemeinsam die Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch tragen, ist - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in der Forschung ebenso anerkannt, wie eine Mitverantwortung der Regierungen in Sankt Petersburg, London und Paris.

Monokausale Erklärungsansätze werden der komplexen, in den Krieg führenden Melange aus politischen, militärischen und sozioökonomischen Erwägungen bzw. Entwicklungen sowie sozialpsychologischen Momenten nicht gerecht. Da wecken Publikationen besonderes Interesse, die neue Erkenntnisse versprechen, bisher gesichertes Wissen kritisch hinterfragen und anerkannte Thesen - im vorliegenden Fall zur Frage der Verantwortung - zu widerlegen suchen. Umso ernüchternder fällt das Fazit nach der Lektüre der Diplomarbeit des inzwischen in Frankfurt a. M. promovierenden Historikers Eric A. Leuer aus, der den selbst gesteckten hohen Ansprüchen an seine an der Universität Wien bei Lothar Höbelt vorgelegten Schrift Die Mission Hoyos. Wie österreichisch-ungarische Diplomaten den ersten Weltkrieg begannen nicht gerecht zu werden vermag. Das aufgrund erheblicher syntaktischer Mängel bisweilen schwer lesbare und offensichtlich nicht lektorierte Werk, liefert bedauerlicherweise vielfachen Anlass zur Kritik besonders hinsichtlich der Fragestellung der Methodik sowie der Argumentationsweise.

In Auseinandersetzung mit den von Fritz Fischer in den späten 1950er und 1960er Jahren formulierten Thesen, denen gemäß das bellizistisch-imperialistische Deutsche Reich die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges trägt, versucht Leuer, Fischer zu widerlegen, die Hauptverantwortlichkeit Österreich-Ungarns, namentlich einer als "Old Boy Network" (82) bezeichneten Gruppe österreichisch-ungarischer Diplomaten um Alexander von Hoyos, Legationsrat im k. u. k. Außenministerium und Kabinettschef des Außenministers Leopold Berchthold, für den Kriegsausbruch herauszuarbeiten und das Deutsche Reich weitgehend zu exkulpieren, indem die Bedeutung des so genannten Blankoschecks, der bedingungslosen Zusicherung der deutschen Bündnistreue durch Kaiser Wilhelm II., und die Eskalationspolitik Berlins in der Julikrise negiert bzw. gar nicht erst thematisiert werden.

Man erwartet nun, dass Leuer ausgehend vom Forschungsertrag der "Fischer-Kontroverse" die Fachdiskurse der letzten 50 Jahre kritisch Revue passieren lässt und die These von der Hauptverantwortung des Zweibundes systematisch untersucht und argumentativ aufhebt. Der Autor favorisiert hingegen eine andere weniger adäquate Herangehensweise. Er wählt einen deskriptiv-analytischen, überwiegend diplomatie- und ereignisgeschichtlichen Zugang zum Thema, um seine letztlich nicht konsequent durchgehaltene These von der ausschließlichen Verantwortung (133) Österreich-Ungarns für den Kriegsausbruch zu untermauern. Die Arbeit ist in sieben inhaltliche Kapitel untergliedert und basiert auf Auswertung der einschlägigen offiziösen deutschen, österreichischen und ungarischen Quelleneditionen, sowie weiterer nicht-offiziöser Quellensammlungen zum Kriegsausbruch. Als weitere Quellen wertet Leuer Zeitschriften aus, sowie Memoirenliteratur, deren Quellenstatus der Autor nicht reflektiert. Ferner bezieht er vereinzelt unveröffentlichte Akten aus den Beständen des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts in Berlin (Berichte des deutschen Militärattachés an der Botschaft in Wien) in seine Untersuchung ein. Die verzeichnete Literatur weist einen aktuellen, aber in der Auswertung selektiven Forschungsstand aus. Einzelne wichtige Werke sind offenbar nicht berücksichtigt worden.

Mit einem guten Drittel des Gesamtumfangs der Studie nimmt im zweiten Kapitel der Vergleich zwischen den politischen Systemen des Deutschen Reiches und der Doppelmonarchie breiten Raum ein. Leuer möchte auf diese Weise die strukturellen Voraussetzungen für die Mission Hoyos und die Kriegsverantwortlichkeit Österreich-Ungarns darstellen, was nicht plausibel gelingt. Den Ausführungen zu den Institutionen kann man inhaltlich weitgehend folgen. Inwiefern aber die politischen Systeme des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns eine spezifische Voraussetzung für die Hoyos-Mission und den Kriegsausbruch darstellen, bleibt im Dunkeln. Leuer zielt darauf ab, den Deutschen Kaiser im Vergleich zum österreichischen Kaiser als politisch schwach und wankelmütig darzustellen (12f.) und ihn somit politisch zu entlasten. Seine Darstellung der Herrschaftspersönlichkeiten und derer verfassungsmäßiger Rechte, legt nahe, dass Österreich-Ungarn für den Kriegsausbruch verantwortlich sein muss. Belege hierfür kann er aus dem Vergleich der politischen Systeme nicht ableiten. So bleibt der Eindruck, dass es sich hierbei um eine Hilfsargumentation in seiner "Beweisführung" handelt.

Aus der Darstellung der außenpolitischen Grundlinien Österreich-Ungarns auf dem Balkan und der Reaktionen auf das Attentat vom 28. Juni entwickelt Leuer im dritten und vierten Kapitel treffend die Kriegsmotive der Doppelmonarchie. Daran anschließend beschäftigt er sich mit der eigentlichen diplomatischen Mission Hoyos nach Berlin und der Bedeutung des so genannten Blankoschecks. Den ereignisgeschichtlichen Verlauf der Mission stellt Leuer solide dar. Die bedingungslose Versicherung der deutschen Bündnistreue bagatellisiert er hingegen (99) und verkennt damit die besondere Spezifik des Augenblicks und die phobisch aufgeladene Wahrnehmung der internationalen Beziehungen in dieser Phase. Dass Österreich-Ungarn seine Kriegspolitik gegen Serbien ohne die deutsche Zusicherung zudem nicht hätte realisieren können, vermag Leuer nicht zu erkennen.

Der inhaltliche Ansatz, sich nahezu ausschließlich auf den Auslöser für den Ersten Weltkrieg zu fokussieren und die Ursachen für den Kriegsausbruch außen vor zu lassen, greift zu kurz und korrespondiert auf eine unglückliche Weise mit dem von Leuer geübten Verzicht auf eine kritische Reflexion der Forschungsmeinungen zur so genannten Kriegsschuldfrage. In diesem Zusammenhang verzichtet er zum anderen auf den zu erwartenden und zur Beantwortung seiner Fragestellung nahe liegenden systematischen Vergleich zwischen der sicherlich in sich bisweilen widersprüchlichen Politik Berlins und Wiens in den fünf Wochen vor Kriegsausbruch, was eine nicht Erkenntnis fördernde Verengung der Perspektive bedeutet.

Die immerhin konstatierten aber nebulös bleibenden Versäumnisse Berlins in der Juli-Krise seien "nicht schuldhaft" (133). Dieses Fazit zieht Leuer, ohne die deutschen Motive und Antriebskräfte, die in den Krieg führten, untersucht zu haben. Er konstruiert auf diese Weise ein Bild von einer ausschließlich österreichisch-ungarischen Hauptverantwortung für den Kriegsausbruch, ohne seine eigene These einer tiefer gehenden kritischen Überprüfung zu unterziehen und mit anderen Forschungsmeinungen zu kontrastieren. Leuer neigt vielmehr dazu, Thesen, die seiner Argumentation widersprechen, pauschal zurückzuweisen. An die Stelle inhaltlicher Auseinandersetzung treten rhetorische Generalisierungen. Unzählige Male finden sich Wendungen wie, das Deutsche Reich sei "keinesfalls" oder "keineswegs" für Entwicklungen verantwortlich, die in den Krieg führten. So entsteht ein unvollständiges und schiefes Bild - eine starre Dichotomie von Schuld und Unschuld - das an die geschichtsrevisionistischen Debatten der 1960er und 1980er Jahre erinnert. An eine Neubewertung der Juli-Krise (133) wären höhere wissenschaftliche Maßstäbe anzulegen.

Salvador Oberhaus