Rezension über:

Ina Grünjes: Lawrence von Arabien: Don Quichotte und Kreuzfahrer? Die Konstruktion von T.E. Lawrence als Mann des Mittelalters in der Neuzeit (= Hochschulschriften; Bd. 12), Berlin: trafo 2006, 294 S., ISBN 978-3-89626-598-2, EUR 27,80
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Rezension von:
Salvador Oberhaus
Historisches Seminar, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Salvador Oberhaus: Rezension von: Ina Grünjes: Lawrence von Arabien: Don Quichotte und Kreuzfahrer? Die Konstruktion von T.E. Lawrence als Mann des Mittelalters in der Neuzeit, Berlin: trafo 2006, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 5 [15.05.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/05/13809.html


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Ina Grünjes: Lawrence von Arabien: Don Quichotte und Kreuzfahrer?

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Zahlreiche Mythen und Legenden verklären bis in die Gegenwart das Leben und Wirken T. E. Lawrence' (geb. 16. August 1888 gest. 19. Mai 1935). Nicht zuletzt aus diesem Grunde interessiert sich die Nachwelt bis heute ungebrochen für jenen Mann, der als britischer Verbindungsoffizier im Ersten Weltkrieg großen Anteil am Erfolg des Arabischen Aufstandes (1916-1918) gegen die als Unterdrückung empfundene türkische Herrschaft hatte. Zahlreiche sach- und unterhaltungsliterarisch angelegte Biographien dokumentieren das Interesse am Leben des "Lawrence von Arabien", der in der Öffentlichkeit als Kriegsheld gefeiert wurde. Es fällt auf, dass Lawrence vielfach als ein Mensch dargestellt wird, der nach mittelalterlichen Denk- und Verhaltensweisen lebte. Die Mittelalterlichkeit Lawrence` galt bereits zu dessen Lebzeit als Tatsache, die bis jetzt nicht weiter hinterfragt wurde.

Die Bremer Mediävistin Ina Grünjes untersucht in ihrer 2005 abgeschlossenen Dissertation erstmalig die Ursprünge, die Entwicklung und die Rezeptionsgeschichte der Konstruktion von T. E. Lawrence als Mann des Mittelalters in der Neuzeit. Sie geht der Frage nach, ob Lawrence sich tatsächlich in einer mittelalterlichen Scheinwelt einrichtete, welcher Wahrheitsgehalt schließlich den "Mittelalterlichkeits-Thesen" beizumessen ist. Grünjes legt keine Biographie vor. Die Autorin nimmt im Rahmen einer kritische Bestandsaufnahme der Lawrence-Biographien eine notwendige Überprüfung des Konstrukts vor, die angesichts der Zähigkeit der "Mittelalterlichkeits-Thesen" um dessen Person, einen wichtigen Beitrag zur Lawrence-Forschung leistet. Ina Grünjes konfrontiert die Aussagen der Biographen mit den Ergebnissen ihres intensiven Quellenstudiums. Sie gelangt zu der Feststellung, dass es für keine Facette der behaupteten Mittelalterlichkeit Lawrence' Belege gibt, dass das Konstrukt ausschließlich auf Fiktionen der frühen Biographen zurückzuführen ist (60).

Grünjes beschränkt sich in ihrer materialreichen Untersuchung nicht auf die kritische Lektüre der biographischen Literatur zu T. E. Lawrence, wobei die frühen Biographien von Richard Aldington, Robert Graves und Basil H. Liddell Hart [1] im Mittelpunkt stehen. Ihre Monographie basiert gleichermaßen auf einer Auswertung edierter und unveröffentlichter Quellen aus dem verstreuten Nachlass Lawrence' in den Beständen der British Library, der Bodleian Library in Oxford, des Liddell Hart Centre for Military Archives am King's College in London und dem National Archive London.

Grünjes ermittelt vier Grundtypen von Darstellungen der Mittelalterlichkeit Lawrence' in den untersuchten Biographien (17). 1. Lawrence' Rückzug in eine mittelalterliche Vorstellungswelt als Folge seiner Illegitimität. 2. Lawrence' Studium der Geschichte des Mittealters und mittelalterlicher Literatur. 3. Die Darstellung von Lawrence als Kreuzfahrer. 4. Die Royal Air Force als mittelalterliches Kloster. Nach Meinung der Mehrheit der Autoren, die Lawrence eine Biographie widmeten, litt ihr Protagonist derart unter der Illegitimität seiner Geburt, dass er sich in eine mittelalterliche Scheinwelt flüchtete. Als Ausdruck seiner Verhaftung im Mittelalter gilt Lawrence' Biographen unter anderem dessen angebliche Selbstwahrnehmung als Ritter und Kreuzfahrer im Arabischen Aufstand. Des Weiteren wird sein Eintritt in die Royal Air Force im Jahre 1922 in der Mehrzahl der Biografien als Äquivalent zum Eintritt in ein mittelalterliches Kloster interpretiert. Kenntnisreich widerlegt Grünjes in den sechs Kapiteln ihrer Arbeit diese populären und weit verbreiteten Thesen.

Im Anschluss an eine kurze Einführung in die Geschichte der arabischen Halbinsel während des Ersten Weltkrieges untersucht Grünjes die auf Richard Aldington zurückgehende These, T. E. Lawrence habe unter seiner Illegitimität gelitten. Grünjes konstatiert, dass die persönlichen Aussagen von T. E. Lawrence keine Rückschlüsse darauf zulassen, dass er unter der Unehelichkeit seiner Geburt gelitten und deshalb die Flucht in eine mittelalterliche Phantasiewelt angetreten habe (54). Aldingtons Behauptungen haben nach Grünjes rein spekulativen Charakter (61).

Den literarischen Ursprung der vielschichtigen Konstruktion von Lawrence als Mann des Mittelalters bildet die 1927 erschienene Biographie von Robert Graves, einem engen Freund von Lawrence. Grünjes arbeitet überzeugend heraus, dass Graves' Behauptungen dessen schriftstellerischer Phantasie entspringen, die auf einer positiven Mittelalterrezeption in England zu Beginn des 20. Jahrhunderts basiert. Es finden sich keine Belege dafür, dass Lawrence sich oder die Araber als mittelalterliche Ritter sah und sich in eine Scheinwelt flüchtete, wie Graves es formuliert (135). Dasselbe gilt für die These Basil H. Liddell Harts, dergemäß sich Lawrence während des Ersten Weltkrieges als moderner Kreuzfahrer sah (182). Auch die angebliche Äquivalenz der Royal Air Force zum mittelalterlichen Kloster hält einer kritischen Überprüfung nicht stand (254). Einzig die Gleichsetzung beider Einrichtungen als "totale Institution" mit strengen Verhaltensregeln scheint Grünjes zulässig (239). Es bleibt im Ergebnis festzuhalten, dass die Mittelalter-Konstruktion empirisch nicht zu belegen ist und somit als Fiktion der Autoren gelten muss. Lawrence' Interesse am Mittelalter war wissenschaftlicher Art, wie Grünjes einleuchtend argumentiert. Seine Beschäftigung mit dem Mittelalter kann keinesfalls als Indiz gewertet werden, Lawrence habe der Realität entfliehen wollen.

Mit der Entmystifizierung seiner Biographie leistet Ina Grünjes einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung der Lawrence-Forschung. Ihre literatur- und quellennahe Arbeit überzeugt durch eine schlüssige Argumentation und ein ebenso präzises wie ausgewogenes Urteil bei inhaltlich dichter Darstellung. Grünjes gelingt hierdurch eine Korrektur des seit achtzig Jahren tradierten Lawrence-Bildes. Leider bleibt die Frage nach den Motiven für die Konstruktion Lawrence' als Mann des Mittealters in der Neuzeit unbeantwortet. Grünjes beschränkt sich auf die Feststellung, dass es sich um Fiktionen und Spekulationen handelt. Zu kritisieren ist des Weiteren, dass die Autorin mit Ausnahme der Kreuzzüge nur oberflächlich auf die Wahrnehmung des Mittelalters im England des frühen 20. Jahrhunderts eingeht. Hier hätte man sich mehr Informationen gewünscht, handelt es sich bei der Feststellung des positiven Mittelalterbildes doch um einen wichtigen Erklärungsansatz Grünjes' für die Konstruktion von Graves und Liddel Hart.


Anmerkung:

[1] Richard Aldington: Lawrence of Arabia: a Biographical Enquiry, London 1955; Robert Graves: Lawrence and the Arabs, 3. Aufl., London 1927; Basil H. Liddell Hart: T. E. Lawrence. In Arabia and After, London 1934.

Salvador Oberhaus