Rezension über:

Christoph Hendrik Müller: West Germans Against The West. Anti-Americanism in Media and Public Opinion in the Federal Republic of Germany, 1949-68 (= Palgrave Studies in History of the Media), Basingstoke: Palgrave Macmillan 2010, X + 258 S., ISBN 978-0-230-23155-9, GBP 55,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Philipp Gassert
Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Philipp Gassert: Rezension von: Christoph Hendrik Müller: West Germans Against The West. Anti-Americanism in Media and Public Opinion in the Federal Republic of Germany, 1949-68, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 10 [15.10.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/10/19784.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Christoph Hendrik Müller: West Germans Against The West

Textgröße: A A A

Antiamerikanische und antiwestliche Einstellungen der Deutschen im Jahrzehnt ab 1949 sind ein vielfach beackertes Feld. Übergreifende Publikationen, wie z.B. die von Michael Ermarth, Detlef Junker und Alexander Stephan herausgegebenen Sammelbände haben das Thema mehr als nur an der Oberfläche gestreift. Monographischen Untersuchungen von Kaspar Maase und Uta Poiger zur amerikanisierten Jugendkultur, von Heide Fehrenbach, Petra Goedde und Maria Hoehn zu den Faktoren "Rasse" und "Geschlecht", von Volker Berghahn und Harm Schröter zu Industrie und Wirtschaft, von Dan Diner, Anselm Doering-Manteuffel und Axel Schildt zu Ideologie und Intellektuellendiskursen, von Karl Füssl, Marita Hein-Kremer, Reinhild Kreis und Ellen Latzin zu Kulturpolitik und Austauschprogrammen sowie von Stefan Paulus zur "Amerikanisierung" der Hochschulen haben zentrale Aspekte der deutschen Amerikakritik nach 1945 aufgearbeitet, so dass wir über ein reiches Spektrum an Forschungen zum "Bild Amerikas in Deutschland" verfügen.

Vielleicht hat aufgrund dieser Literaturfülle bisher kein Autor den Versuch unternommen, eine anspruchsvolle Einführung zu den negativen Amerikabildern in den "langen 1950er Jahren", d.h. der Ära Adenauer, vorzulegen. Denn die Arbeiten u.a. von Dan Diner, Christian Schwaabe und Andrei Markovits, auf deren theoretischen Rahmen Müller sich beziehen kann, sind chronologisch übergreifend bzw. stärker gegenwartsorientiert. Für alle, die einen raschen ersten Einstieg in englischer Sprache suchen, füllt die Darstellung eine Lücke aus. Darüber hinaus kann Müller der Thematik vor allem zwei neue Gesichtspunkte abgewinnen, indem er a) systematisch "Vergangenheitsbewältigung" auf Kosten der USA untersucht und b) am Beispiel der "Ersten Legion" eine bisher wenig bekannte Episode aus der Geschichte des deutschen Nachkriegs-Antiliberalismus aufarbeitet. Die Geschichte letzterer wird hier so ausführlich wie nirgendwo sonst rekonstruiert. Indes übersieht Müller deren Rolle als Instrument Adenauers im Kampf um die Macht in der CDU und überinterpretiert sie als Stoßtrupp eines neuen deutschen Nationalismus. [1] Andere Kapitel der Arbeit, die sich z.B. mit der Zurückweisung amerikanischer Produktionsmethoden befassen, dem Aufruhr um "Ami-Mädels" und "Veronicas" sowie der "Amerikanisierung" der Jugendkultur, bereichern die bisherige Forschung.

Müller folgt dem Hauptstrom der Forschung, indem er Anti-Amerikanismus als eine Kritik an der Moderne definiert (5) und damit als Mittel der Reflexion über Deutschlands Ort in der Gegenwart: Auf Amerika werden Probleme Deutschlands projiziert, die sich aufgrund des dynamischen Wandels der Gesellschaft ergeben haben (10). Gesine Schwan folgend, grenzt Müller Antiamerikanismus von Amerikakritik ab, indem ersterer notwendig eine Grundsatzkritik an der liberal-kapitalistischen Moderne beinhalten muss. Bei der Interpretation der Quellen sind solche theoretischen Unterscheidungen indes nur schwer durchzuhalten, weil die Übergänge fließend sind und z.B. rassistische Darstellungen von Afro-Amerikanern gerade nicht auf die ganze Gesellschaft zielten, die Diskriminierung von Afro-Amerikanern hingegen schon. Oft sind es simple nationale Stereotypen, die aus den Quellen sprechen wie z.B. die Ausführungen des FDP-Politikers Reinhold Maier, der während einer Amerikareise sich über die geistige Einfalt der Amerikaner auslässt, während die Deutschen die Tendenz hätten, kompliziert und "um zehn Ecken herum" zu denken (146). Gemessen an der einleitend vorgenommenen Typisierung lassen sich derartige Zitate gerade nicht als Belege für eine Kritik an der liberalen Moderne und damit "Antiamerikanismus" anführen.

Müller macht zu Recht darauf aufmerksam, dass antiamerikanische Einstellungen in einer langen Tradition stehen. Die von ihm zitierten Ausführungen deutscher Autoren etwa zum "Frauenstaat Amerika" (158 ff.) sind exakt so auch während der Weimarer Amerikanismusdebatte gefallen. Sieht Müller starke Kontinuitäten im rechten Lager, so scheint er diese seitens der Linken zu unterschätzen. Die Linke der frühen Bundesrepublik nimmt er summarisch von Antiamerikanismus aus, obwohl z.B. der ausführlich zitierte Leo L. Matthias seinem Selbstverständnis nach eher ein Linker war. Gerade im Zusammenhang mit der Debatte über die Wiederbewaffnung und atomare Aufrüstung der Bundeswehr übte auch die Linke sehr wohl prinzipiell antiamerikanische Kritik, wenn diese sich auch weniger als die gleichzeitige Verdammnis des Amerikanismus auf Seiten der Konservativen gegen einen demokratischen Liberalismus richtete. Zwar gab es anders als in Frankreich in der Bundesrepublik keine starke KP, die den Antiamerikanismus mit der Muttermilch eingesogen hätte. Doch wie aus den Forschungen u.a. von Julia Angster bekannt ist, waren auch bei SPD und Gewerkschaften antiamerikanische und antiwestliche Einstellungen verbreitet, die sich z.T. der gleichen althergebrachten Kulturstereotypen bedienten. Noch mehr erstaunt es, dass Müller "1968" vom Vorwurf des Anti-Amerikanismus exkulpiert. Die Neue Linke habe "Amerika" nicht als Spiegel negativer Entwicklungstendenzen der Moderne gesehen. Dagegen spricht schon der Antikapitalismus vieler 1968er und die weit verbreitete Behauptung, Vietnam oder die Rassendiskriminierung zeige latent "faschistoide Tendenzen" in der US-Gesellschaft an. Zeitgenössisch wurde der Vorwurf des Antiamerikanismus an die Adresse der Neuen Linken in den 1960er und 1970er Jahren vielfach geäußert, sehr prominent beispielsweise von Max Horkheimer [2], oder von dem von Müller in der Einleitung zitierten Amerika-Historiker Günther Moltmann [3]. Nun war die Neue Linke ein viel zu heterogenes Phänomen, als dass man ihr in einem Epilog von drei Seiten gerecht werden kann. Hier hat es sich nicht ausgezahlt, die Arbeit laut Titel bis 1968 chronologisch auszuweiten - ohne differenzierte Diskussion der 1960er Jahre.

Ungeachtet dieser Kritikpunkte wartet die Arbeit mit zahlreichen aufschlussreichen und einer ganzen Fülle an neuen Quellenzitaten sowie detaillierten Informationen zu einzelnen Persönlichkeiten auf. Eher punktuell wird demgegenüber die öffentliche Meinung auf der Basis von Umfragen analysiert. Es handelt sich daher in der Summe um eine Studie zum rechten Antiamerikanismus der 1950er Jahre, nicht aber zu antiwestlichen Einstellungen der Westdeutschen insgesamt. Insgesamt entsteht ein aspektreiches Bild davon, welche Schwierigkeiten vor allem konservative und nationale Kreise in der Bundesrepublik hatten, sich trotz der antikommunistischen Allianz mit den USA mit der kulturellen und ideologischen Westbindung abzufinden.


Anmerkungen:

[1] Zur Rolle der Ersten Legion innerhalb der CDU vgl. Philipp Gassert: Kurt Georg Kiesinger, 1904-1988: Kanzler zwischen den Zeiten, München 2006, 235f.

[2] Vortrag Horkheimers im Amerikahaus Frankfurt, 7. Mai 1967, in: Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946-1995, Bd. 2: Dokumente, hg. von Wolfgang Kraushaar, Frankfurt/Main 1998, Dokument Nr. 115, S. 230.

[3] Günther Moltmann: Deutscher Anti-Amerikanismus heute und früher, in: Vom Sinn der Geschichte, hg. von Otmar Franz, Stuttgart 1976, 85-105.

Philipp Gassert