Rezension über:

Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München: C.H.Beck 2011, 782 S., 21 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-61372-2, EUR 29,95
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Rezension von:
Nicolai Hannig
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Nicolai Hannig: Rezension von: Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München: C.H.Beck 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 [15.09.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/09/19259.html


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Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie

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"Das ist meine Bewegung!" Dieses emphatische Bekenntnis stellt Joachim Radkau an den Anfang seiner Weltgeschichte der Ökologie und lässt damit keinen Zweifel an der Tatsache, dass er selbst ein "Öko" ist. So nennt man wohl noch heute etwas jovial diejenigen, die man als umweltbewegt charakterisieren möchte. Der dahinter stehende Begriff "Ökologie" ist dabei längst zu einem Container-Begriff geworden. Nicht zuletzt dürften Die Grünen daran entscheidend mitgewirkt haben, als sie in ihren ersten Parteiprogrammen selbst Themen der sozialen Gerechtigkeit, Materialismus- und Zentralismuskritik unter dem Ökologie-Label versammelten. Auch wenn Radkau den Ökologie-Begriff im Verlauf seiner Studie etwas aus dem Blick verliert, dient er ihm doch als analytische Klammer, die seine drei "Zeitfenster", wie er sie nennt, von Rousseau bis Kyoto zusammenbringt. Diese gliedern nicht nur seine Erzählung, sie sind zugleich auch Wendepunkte, da sich um 1900, 1970 und 1990 ereignishaft das verdichtete, was den Bielefelder Emeritus interessiert: die Denk- und Handlungsweisen der vielen lokalen, nationalen und globalen Umweltbewegungen.

Sein Hauptaugenmerk legt Radkau auf das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts, dem er insgesamt rund zwei Drittel seines ganzen Buches widmet. Damit degradiert sein Zuschnitt das 19. Jahrhundert und die Jahre der Jahrhundertwende etwas zu einer Art Vorgeschichte, die ihm zugleich aber als Beweis dafür dient, dass die "ökologische Revolution" (124) gar nicht so voraussetzungslos gestartet war, wie es die Zeitgenossen gern zu kolportieren pflegten. Die 1970er Jahre erscheinen somit dann doch als einschneidende Zäsur, und wenn man Radkaus Argumentation in den Kapiteln zur "großen Kettenreaktion" und zu den "großen Dramen der Umweltbewegung" weiterverfolgt, nicht unbewusst. In vieler Hinsicht geht Radkau sogar noch einen Schritt weiter, indem er zu entlarven versucht, dass viele Umwelthistoriker die zeitgenössische Rhetorik einer ökologischen Stunde Null um 1970 schlicht aus Prinzip nicht akzeptieren wollten und dementsprechend Zusammenhänge historisiert haben, die das zeitgenössische Denken zwangsläufig bagatellisierten. Bleibt man in Radkaus umwelthistorischer Perspektivierung, die sich vor allem den vielen verschiedenen Umweltbewegungen, oder genauer Umweltschutzbewegungen, in lokalen, nationalen und internationalen Kontexten zuwendet, so wird man seiner Thesenbildung kaum widersprechen können, gelingt es ihm doch anhand vieler Beispiele, die recht eigentümliche Geschichtsvergessenheit der unterschiedlichen Bewegungen mehr als anschaulich zu vermitteln.

Von Chemie über Landwirtschaft, Energie und Verkehr, Wald und Jagd, der thematische Rahmen in Radkaus Studie bietet allerhand Anknüpfungspunkte. Nicht fehlen lässt er es auch an Wendepunkten, die in der Geschichte der Umweltbewegungen zu finden sind. Quer zu den von ihm genauer beleuchteten Zeitfenstern von 1900, 1970 und 1990 sieht er beispielsweise in der Zeit seit Mitte der 1980er Jahre eine zusätzliche Zeitenwende, eine "neue Ära der Ökologie", die sich insbesondere von Osteuropa und den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion aus verbreitete. Im Zusammenhang mit dem "Ökozid in der UdSSR" ausgehend von der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 betont Radkau allerdings, wie kontextabhängig doch diese vielen verschiedenen Umweltkonjunkturen waren. Ließ sich hier der Umweltprotest nicht mehr vor den Karren der Demokratisierung und Konstituierung neuer Nationalstaaten spannen, so verloren die Initiativen schnell an Schub- und Strahlkraft. Aus Umweltängsten wurde rasch der Vorwurf eines "ökologischen Masochismus" destilliert, der den Blick auf die vermeintlich wichtigeren ökonomischen Sorgen freigab.

Neben den vielen Erzählsträngen, angefangen von der Holznot über den Tschernobyl-Effekt bis hin zur Antiglobalisierungsbewegung, bleibt in Radkaus Umweltschutzgeschichte die andere Seite, der Schutz vor der Umwelt, allerdings weitgehend unberücksichtigt. Die nahezu parallel verlaufende Herausbildung von an Naturgefahren orientierten Sicherheits- und Präventionskulturen, die zum größten Teil Staatsregierungen, Versicherungen und Katastrophenschutzorganisationen trugen, dürfte jedoch in gleicher Weise die Mensch-Natur- bzw. Mensch-Umwelt-Beziehung beeinflusst haben, wie das von Radkau selbst treffend als "Chamäleon" apostrophierte Konstrukt "Umweltschutz". Wie es die so genannten "Öko-Apokalyptiker" und charismatischen Umweltaktivisten gab, Radkau erinnert hier beispielsweise an John Muir, den amerikanischen Vorkämpfer der Wildnis und der Nationalparke, oder an Rudolf Bahro, den bekannten DDR-Dissidenten und Gründungs-Grünen, so begegneten doch auch immer wieder Warner und Mahner, wie etwa der vom Focus in den 1990er Jahren zum "Master of Disaster" erklärte Gerhard Berz, der als Geo-Risiko-Forscher der Versicherungsbranche massenwirksam für die Gefährlichkeit der Natur sensibilisierte. Ob es zukünftigen umweltgeschichtlichen Synthesen gelingen wird, die mittlerweile sowohl im angloamerikanischen und deutschsprachigen Raum stetig wachsende Historisierung von Naturkatastrophen zu integrieren, bleibt damit nur abzuwarten.

Doch trotz dieser umwelthistorischen Engführung bleibt Radkaus in vieler Hinsicht auch biographisch anmutende Weltgeschichte ein wichtiges Buch, dessen Verdienst es nicht zuletzt ist, im Zeitalter der Internationalisierungs- und Globalisierungsrhetoriken auf die historischen Veränderungsdynamiken durch regionale Umweltinitiativen aufmerksam zu machen. Dass es für das Herausarbeiten dieses Arguments eines globalhistorischen Zugriffs bedurfte, bleibt eine methodische, aber zwingend notwendige Ironie.

Nicolai Hannig