Rezension über:

Andreas Fischer: Karl Martell. Der Beginn karolingischer Herrschaft (= Kohlhammer Urban Taschenbücher; Bd. 648), Stuttgart: W. Kohlhammer 2012, 278 S., ISBN 978-3-17-020385-3, EUR 24,90
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Rezension von:
Martina Hartmann
Monumenta Germaniae Historica, München
Redaktionelle Betreuung:
Claudia Zey
Empfohlene Zitierweise:
Martina Hartmann: Rezension von: Andreas Fischer: Karl Martell. Der Beginn karolingischer Herrschaft, Stuttgart: W. Kohlhammer 2012, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8 [15.07.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/07/20805.html


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Andreas Fischer: Karl Martell

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Mit dem gestiegenen Interesse an der Merowingerzeit, das seit einigen Jahren zu konstatieren ist, gewinnt auch die Person Karl Martells und seine Zeit an Bedeutung als Dreh- und Angelpunkt für den Übergang der Herrschaft von der merowingischen Dynastie auf die karolingische. Während Paul Fouracre im Jahr 2000 in englischer Sprache eine gute lesbare Monographie unter dem Titel The Age of Charles Martel vorlegte, gibt es in deutscher Sprache zwar den 1994 erschienenen, grundlegenden Sammelband Karl Martell in seiner Zeit, seit den Jahrbüchern fränkischen Reiches 714-741: Die Zeit Karl Martells von Theodor Breysig, erschienen 1869, aber keine monographische Behandlung. Diese Lücke möchte die Biographie von Fischer schließen, was dem Autor, um es gleich vorwegzunehmen, gut gelungen ist.

Das 1. Kapitel (Einleitung, 9-20) stellt die Quellen zur spätmerowingisch-frühkarolingischen Zeit vor und ordnet sie ein in Bezug auf Inhalt, Darstellungsabsicht und Bewertung durch die Forschung [1]. Kapitel 2 (Familiäre Wurzeln: Pippiniden und Arnulfinger im Merowingerreich, 21-42) behandelt dann den Aufstieg der Familie unter den merowingischen Königen und bietet dabei zunächst eine konzise Darstellung der verwickelten spätmerowingischen Verhältnisse. In Kapitel 3 (Die Herkunft Karl Martells, 43-49) lässt Fischer die Frage offen, ob es sich bei der Beziehung der Eltern Karl Martells, Pippins des Mittleren und der Alpais/Chalpaida, um eine vollgültige Ehe oder um ein Konkubinat gehandelt hat. Im Kapitel 4 (Der Kampf und die Herrschaft: Karl Martell und die pippinidisch-karolingische Sukzessionkrise 714-718/23, 50- 66) werden die einzelnen, in den Quellen erkennbaren Anhänger Karls bei seinem Kampf um die Vorherrschaft gegen die Stiefmutter Plektrud ausgiebig behandelt, wodurch der Erfolg Karls nachvollziehbar wird. Kapitel 5 (Wellen der Expansion: Die militärischen Aktivitäten an den Rändern des Reiches 718-739, 67-136) stellt nacheinander die vielfältigen Kriegszüge des Hausmeiers dar, die den Grundstein legten für die spätere Expansion der karolingischen Könige, insbesondere Karls des Großen. Bei all diesen Unterkapiteln ist besonders hervorzuheben, dass Fischer sich die Mühe macht, die politische (Vor-)Geschichte dieser Gebiete in der gesamten Merowingerzeit und der Spätantike zu schildern, um verständlich zu machen, wie Erfolge und Misserfolge Karl Martells zustande kamen. Im Kontext aller militärischen Aktivitäten des Hausmeiers wird damit in gewisser Weise der Sieg gegen die Araber, den das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hauptsächlich mit seinem Namen verband, etwas relativiert. In Kapitel 6 (Karl Martell und die Kirche, 137- 166) behandelt der Autor zunächst die Bistümer und Klöster, dann die Mission und die Kirchenorganisation, wobei hier die beherrschenden Figuren Willibrord und Bonifatius und ihr Zusammenspiel mit den Karolingern in gebührender Weise berücksichtigt werden. Im Unterkapitel über das Papsttum und die Langobarden macht Fischer deutlich, dass das gute Verhältnis Karl Martells zum langobardischen König Liutprand, aber auch seine nachlassende Gesundheit die Gründe dafür waren, dass der damalige Papst, Gregor III., den Herrn des Frankenreiches nicht zu einem Eingreifen zugunsten der römischen Kirche bewegen konnte. Das Kapitel 7 (Die letzten Jahre Karl Martells: Alleinherrschaft und Erbteilung 737-741, 167-187) behandelt dann zunächst die verfassungsrechtlich besonders wichtige Frage, warum Karl Martell 737 nach dem Tod Theuderichs IV. keinen neuen Merowingerkönig mehr auf den Thron setzte. Hier setzt sich Fischer kritisch mit den Thesen von Matthias Becher auseinander, indem er die Quellen im Hinblick auf ihre Terminologie genau untersucht und zu dem Schluss kommt, dass es noch weiterer Forschungen bedürfe, um klären zu können, wie weit Karl Martells Absichten hinsichtlich der Königswürde für seine Familie gingen. Nicht zu bestreiten ist aber, und da ist Fischer unbedingt zuzustimmen, dass Karl Martell "eine Stellung besaß, die über das hinausging, was seinen Vorgängern im Amt beschieden gewesen war" (177). Daran anschließend stellt er die verschiedenen Quellenaussagen zu den letzten Jahren des Hausmeiers sowie die möglicherweise beabsichtigte Erbteilung unter die drei Söhne, Karlmann und Pippin sowie Grifo aus der Ehe mit Swanahild dar. Auch hier werden die Thesen der Forschung vorsichtig abwägend dargestellt und aufgrund der Quellenlage kommentiert. Im Kapitel 8 über das Nachleben (188-197) geht es dann besondere um das düstere Bild des Kirchenräubers Karl, das der Reimser Erzbischof Hinkmar (845-882) im 9. Jahrhundert von ihm gezeichnet hat, aber auch Karls Eintrag bei facebook bleibt nicht unerwähnt. Ein Resümee beschließt die umfassende Darstellung, die so gut wie allen Aspekten umsichtig Rechnung trägt. Was allerdings sehr kurz abgehandelt wird, sind die unehelichen Nachkommen Karl Martells, immerhin drei Söhne, darunter Bernhard, der Vater Adalhards und Walas von Corbie, die in der Zeit Karls des Großen und Ludwigs des Frommen nicht nur in kirchlicher, sondern auch in politischer Hinsicht wichtige Gestalten waren. Diese unehelichen Kinder sowie Karls Konkubine Ruodhaid, vielleicht die Mutter all dieser Kinder, haben es dann auch merkwürdigerweise nicht bis ins Personenregister (273-278) geschafft, in der Genealogie kommen sie allerdings vor.

Von diesem Kritikpunkt abgesehen ist das vorliegende Buch aber eine sehr sorgfältige, den Gang der Forschung gut nachzeichnende Darstellung, deren Bibliographie und Anmerkungsteil nicht weniger als 60 Seiten umfasst. Hervorgehoben werden muss dabei auch die immer wieder spürbare Quellennähe des Autors und sein gut lesbarer Stil. Damit liegt jetzt auch für Karl Martell eine empfehlenswerte Monographie in deutscher Sprache vor, die durch mehrere Stammtafeln von Karolingern wie Merowingern (267-269; bei der Genealogie der Merowingerkönige wäre allerdings auch die Linie zu Childerich III. gestrichelt anzugeben, da nicht sicher ist, wer sein Vater war) sowie durch eine Karte (270f.) abgerundet wird. Alles in allem ein gelungener, sorgfältiger gearbeiteter und gut lektorierter Band der bewährten Reihe.


Anmerkung:

[1] Zum Liber Historiae Francorum und seiner möglichen Autorin wäre allerdings noch der Beitrag der Rezensentin: Die Darstellung der Frauen im Liber Historiae Francorum und die Verfasserfrage, Concilium medii aevi 7 (2004), 209-237 heranzuziehen gewesen.

Martina Hartmann