Rezension über:

Olaf Schneider: Erzbischof Hinkmar und die Folgen. Der vierhundertjährige Weg historischer Erinnerungsbilder von Reims nach Trier (= Bd. 22), Berlin: de Gruyter 2010, XI + 469 S., ISBN 978-3-11-020056-0, EUR 98,00
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Rezension von:
Martina Hartmann
Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität, Heidelberg
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Martina Hartmann: Rezension von: Olaf Schneider: Erzbischof Hinkmar und die Folgen. Der vierhundertjährige Weg historischer Erinnerungsbilder von Reims nach Trier, Berlin: de Gruyter 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/18206.html


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Olaf Schneider: Erzbischof Hinkmar und die Folgen

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Ausgangspunkt dieser 2005 in Frankfurt bei Johannes Fried angefertigten Dissertation ist der Reimser Erzbischof Hinkmar (845-882) und einzelne Werke seines umfangreichen Schrifttums. Im ersten Abschnitt (29-65) geht es Olaf Schneider um die schon wiederholt erörterte Frage, ob Karlmann (gestorben 771), der jüngere Bruder Karls des Großen, tatsächlich in Saint-Remi de Reims begraben wurde oder nicht. Schneider macht plausibel, dass das Wissen um das Karlmann-Grab in Reims im 9. Jahrhundert weitgehend verloren gegangen war und von Erzbischof Hinkmar (845-882) gewissermaßen "wiederbelebt" wurde, indem er davon in seiner Schrift De villa Noviliaco und in der von ihm verfälschten Langfassung des Remigius-Testaments erzählte, zudem Karl dem Kahlen bei einem Besuch in Reims das Grab vorführte. Hinkmars Ausführungen wurden dann im 10. Jahrhundert vom Reimser Archivar Flodoard übernommen. Zeigen will Schneider damit, wie Karlmanns Grab "tiefe und überraschend folgenreiche Spuren in den Geschichtsbildern des 8. und 9. Jahrhunderts" hinterlassen hat, die offenbaren, "wie sich Erinnerung im Gedächtnis einer oralen Gesellschaft verformen und neu ausprägen, [...] wenn Träger von Herrschaftswissen bewusst Einfluss darauf nehmen. Am Ende bleiben der Verlust eines alten und der Gewinn eines neuen Bildes" (65). Schneider ist also den Auffassungen seines akademischen Lehrers verpflichtet, die dieser vor allem in seinem 2004 erschienenen Buch "Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik" vertreten hat.

Der zweite Teil der Analyse (66-108) ist Milo gewidmet, der spätestens seit dem einschlägigen Aufsatz von Eugen Ewig [1] berühmt-berüchtigte angebliche Bischof von Reims und Trier, der eine entscheidende Stütze für Karl Martell gewesen sein soll, 722/23 die beiden Bistümer erhielt und aufgrund seiner weltlichen Lebensführung (Verteilung von Kirchengut an seine Kinder) beiden Kirchen geschadet haben soll; begraben wurde er angeblich in Trier. Ähnlich wie im Fall des Karlmann-Grabes untersucht Schneider ganz genau, wann und in welchen Quellen zu welchem Zeitpunkt was über Milo ausgesagt wird. Er kann zeigen, wie die Forschung die wenigen Quellenstellen, die von einem Milo sprechen, zu einem Bild harmonisiert hat, obwohl oft nur der bloße Name genannt wird - so etwa im berühmten Brief des Papstes Zacharis I. an Bonifatius, dem Ewig seinen Aufsatztitel entnahm - ohne dass er als Reimser oder Trierer Bischof bezeichnet wird. Verantwortlich dafür ist wiederum vor allem Hinkmar von Reims, dessen Aussagen zu den frühen Reimser Bischöfen in verschiedenen seiner Schriften dann im 10. Jahrhundert in Reims und im 10./11. Jahrhundert in Trier rezipiert wurden.

Der dritte Teil der Arbeit (109-376) beschäftigt sich dann - salopp gesagt - in einem großen "Rundumschlag" mit den Trierer Bischöfen Basin und Liutwin (gestorben um 722) und ist sozusagen die Konsequenz aus dem zweiten Teil, denn Liutwin gilt als Gründer des Klosters Mettlach und Vater Milos, Basin als Onkel Liutwins. Basin und Liutwin sollen außerdem Irmina von Oeren zur Gründung des Klosters Echternach veranlasst haben. Am Anfang dieses Teils steht die Behauptung, Trier habe bei dem verheerenden Normannenüberfall von 882, der in Reims den alten Erzbischof Hinkmar zur Flucht aus seiner Bischofsstadt veranlasste, "sein Gedächtnis verloren" und in der Folgezeit sei die Geschichte neu konstruiert worden. So behandelt Schneider die umstrittenen Urkunden Iriminas von Oeren sowie weitere Karolingerurkunden für Mettlach, die Trierer Bischofslisten, liturgische Texte seit dem 10. Jahrhundert und die Trierer Geschichtsschreibung des 11. Jahrhunderts, um auch an all diesen Quellen zu akzentuieren, dass die Nachrichten über diese Bischöfe letztlich nicht zu halten sind. Im Rahmen dieser Besprechung können gar nicht Schneiders Analysen von teilweise ohnehin hoch umstrittenen Quellen im Einzelnen untersucht werden, dies muss Spezialuntersuchungen zu den einzelnen Quellenkomplexen vorbehalten bleiben. Vor allem Erforscher der Geschichte Triers werden durch Schneiders zweifellos diskussionswürdige Thesen sicher zu Widerspruch provoziert werden

Viele Ergebnisse der detaillierten Quellenanalysen sind zwar überzeugend, aber es wäre der Lesbarkeit des Buches sehr gut bekommen, wenn manche Ausführungen konziser und knapper und nicht so redundant ausgefallen wären. Man fragt sich auch, wozu es gut sein soll, im Literaturverzeichnis die alten Editionen zu nennen, wenn es neuere kritische Ausgaben gibt, nach denen in den Anmerkungen ja auch zitiert wird. Dafür wären die Annales Bertininani nicht nach der veralteten Ausgabe von Waitz, sondern nach der französischen von Félix Grat und anderen (1967) zu zitieren gewesen und bei Hinkmars De villa Noviliaco (immerhin einer zentralen Quelle in der Argumentation) hätte die Neuedition von Mordek im Quellenverzeichnis aufgeführt werden müssen. Manche Formulierungen und Ausführungen erwecken auch den Anschein, als kenne der Verfasser sich mit Handschriften und Editionen beziehungsweise Editionstechnik nicht besonders gut aus. Dafür nur ein Beispiel: Man kann nicht sagen (11 mit Anm. 28), die Pseudoisidorischen Dekretalen bestünden aus "zahlreichen, scheinbar echten Konzilsdekreten", und in der Fußnote auf die Ausgabe von Hinschius verweisen mit der Bemerkung: "Die immer noch gültige, allerdings von manchen Irrtümern bestimmte Edition". - Für einzelne Handschriften, die Schneider behandelt, so Paris, Bibliothèque Nationale, lat. 10758, wäre Mordeks Handbuch einschlägig gewesen.[2] Zu berichtigen ist auch, dass die Gattin Karls des Einfältigen Frederun (und nicht Fredegunde) hieß (34). Mindestens missverständlich ist die Aussage, Karl der Große habe seine Schwägerin Gerberga "gewaltsam aus der Geschichte verschwinden lassen" (31).

Trotz dieser Mängel ist Olaf Schneiders Monographie alles in allem ein Forschungsbeitrag, der zur erneuten Auseinandersetzung mit altbekannten Quellen und Quellenautoren anregt.


Anmerkungen:

[1] Eugen Ewig: Milo et eiusmodi similes, in: Sankt Bonifatius. Gedenkgabe zum zwölfhundertsten Todestag, Fulda 1954, 412-440.

[2] Hubert Mordek: Bibliotheca Capitularium regum Francorum (= MGH Hilfsmittel; Bd. 15), Hannover 1995.

Martina Hartmann