Rezension über:

Lucas Burkart / Philippe Cordez / Pierre Alain Mariaux et al. (éds.): Le trésor au Moyen Âge. Discours, pratiques et objets (= Micrologus' Library; 32), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2010, VI + 391 S., ISBN 978-88-8450-254-4, EUR 67,00
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Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fischer
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Lucas Burkart / Philippe Cordez / Pierre Alain Mariaux et al. (éds.): Le trésor au Moyen Âge. Discours, pratiques et objets, Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 3 [15.03.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/03/20939.html


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Lucas Burkart / Philippe Cordez / Pierre Alain Mariaux et al. (éds.): Le trésor au Moyen Âge

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Nach der im Jahr 2005 erfolgten Publikation eines von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit eher verhalten rezipierten Bandes, in dem der Schatz als Forschungsgegenstand im Mittelpunkt der Betrachtungen stand [1], liegt nun rund fünf Jahre später ein von denselben Herausgebern verantworteter Sammelband vor, der sich dem Phänomen "Schatz im Mittelalter" unter drei Gesichtspunkten nähert. Jeweils sechs Beiträge werden dabei den Bereichen "Discours", "pratiques" und "objets" zugewiesen.

Der Band beginnt mit einer lexikalischen Studie, in der zunächst auf die beiden Hauptbedeutungen des Begriffs "Schatz" (thesaurus) eingegangen wird (Guerreau-Jalabert, Anita, Bon, Bruno: Le trésor au Moyen-Âge. Étude lexicale, 11-32). Der Schatz bezeichnet zum einen das Objekt an sich, zum anderen den Ort seiner Aufbewahrung. Dieser lexikalische Befund wird durch den Blick auf weitere Quellengruppen verfeinert. Betont wird, dass sich Verweise auf die Immaterialität der Schätze ebenso häufig wie rein materielle Konnotationen finden lassen. Das Wortpaar "immateriell-materiell" erscheint dabei der zentralen mittelalterlichen Dichotomie von Geist und Körper (spiritus/caro) inhaltlich verwandt. Allerdings wird zu Recht darauf hingewiesen, dass die beiden Dichotomien nicht hundertprozentig deckungsgleich sind, existiert im Mittelalter doch ebenso materielles Spirituelles, z. B. Reliquien, wie immaterielles Körperliches, z. B. Sünden. Von großer Bedeutung ist die Feststellung, dass sich der Schatz als ausgesprochen "mobil" erweist, eine Schatzakkumulation (zumindest theologisch) lediglich temporär zulässig ist. Der Schatz ist nur dann etwas wert, wenn er - wie bei Reliquien der Fall - per se der geistlichen Sphäre angehört oder er aber durch den Gebrauch spiritualisiert wird. Diesem Faktum spürt Giacomo Todeschini in seinem Beitrag weiter nach (Trésor admis et trésor interdit dans le discours économique des théologiens (XIe-XIIIe siècle), 33-50). Der rechte Gebrauch des thesaurus ecclesiae besteht in der Zirkulation, nicht im Anhäufen. Er präsentiert sich als "Schatz der Armen", der aus den materiellen Gütern der Kirche, gleichzeitig aber auch aus einer unbestimmten Anzahl von Gnadengaben gespeist wird - immateriellem Kapital, das aus dem Opfertod Christi und den Verdiensten der Heiligen resultiert. In einer Art Engführung greift Eliana Magnani diesen Gedanken auf und widmet sich dem in den Evangelien häufiger verwendeten Begriff des "Schatzes im Himmel" («Un trésor dans le ciel». De la pastorale de l'aumône aux trésors spirituels (IVe-IXe siècle), 51-68), der ausgehend von mittelalterlichen Homilien und Kommentaren zu Mt 13,44 analysiert wird. Von zentraler Bedeutung ist hier eine im 7. Jahrhundert einsetzende Entwicklung, in der der Mittlerfunktion des Klerus eine immer beherrschendere Rolle zukommt.

Lucas Burkart reflektiert theoretisch über das Begriffspaar Transfer und Transzendierung, um danach an zwei konkreten Beispielen seine Aussagen und Thesen zu belegen (Transfer und Transzendierung. Zum Wandel von Bedeutung in mittelalterlichen Schätzen, 69-88). An Richards von Ely Dialog über das Schatzamt (Dialogus de scaccario) und Sugers von Saint-Denis De administratione wird gezeigt, dass Schätze ohne Zweifel Elemente und Medien kultureller Inszenierung und Repräsentation sind. Welchen Funktionsweisen sie jedoch unterliegen, wie sie als Konzepte kultureller Verständigung wirken, ist weniger deutlich fassbar. Burkarts These, in Schätzen werde "Bedeutung sublimiert und transzendiert", wirkt zusammen mit der Aussage, eben diese Bedeutung entstehe allein mittels von "Bedeutungszuschreibungen der Zeitgenossen" (71) spätestens dann konsensfähig, wenn man den instruktiven Beitrag von Hans-Joachim Schmidt über die Finanzverwaltung des französischen Königreichs hinzuzieht (Schatz, Geld und Rechnungsführung des Königs von Frankreich, 199-220). Konzise wird hier erläutert, durch welche Institutionen der Schatz des französischen Königs kumuliert und welche Methoden angewandt wurden, um seine Funktion als Basis von Finanzoperationen zu gewährleisten. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, wie sich der Schatz in seiner Substanz änderte, wenn er der Initiierung von Geldtransfers diente. Verdeutlicht wird, dass die ursprüngliche Bedeutung des Schatzes, nämlich die des Akkumulierens und Thesaurierens, nicht im Trésor, sondern in der Argenterie konzentriert war. Der von der Behörde des Trésor verwaltete Schatz wirkte dergestalt, dass durch ihn Zahlungsvorgänge verzeichnet und berechnet wurden - finanzielle Transaktionen, die keineswegs durch deponierte Gelder gedeckt sein mussten. Im Trésor wurden Informationen akkumuliert und soziale Beziehungen textualisiert. Er war ein Schatz von Texten.

Prächtige Reliquiare - Prunkstücke eines jeden Kirchenschatzes - sind Gegenstand einiger Beiträge, die von Reflexionen über die Kreuzvierung als Reliquienbühne (Gia Toussaint: Großer Schatz auf kleinem Raum. Die Kreuzvierung als Reliquienbühne, 283-296) über Ausführungen zum bricolage-Charakter der in Conques verehrten Statue der Hl. Fides (Beate Fricke: Schatzgestalten. Diebesgut, Liebespfand und Fesselkünstler am Werk, 265-281) bis hin zur Bedeutung des Großen Cameo am Dreikönigsschrein im Kölner Dom reichen (Philippe Cordez: La châsse des rois mages à Cologne et la christianisation des pierres magiques aux XIIe et XIIIe siècles, 315-332). Cordez geht dabei am Beispiel des Großen Cameo der Frage nach, wie als magisch geltende "Wundersteine" in Kirchenschätze des Mittelalters integriert wurden. Ausgehend von der zeitgenössischen Beschreibung des Schreins aus der Feder des Albertus Magnus (1250) wird eindrucksvoll demonstriert, wie der Stein Teil eines dynamischen Transformationsprozesses war. Der Cameo steht für eine Konversion, die eine Unterordnung der Astrologie und der heidnischen Wissenschaften unter das Christentum, gleichzeitig aber auch deren Rehabilitierung bedeutete. Seine zentrale Position an der Stirnseite des Schreins trieb das Paradox zwischen ärmlichem Inneren und prächtigem Äußeren auf die Spitze.

Nahezu sämtliche Beiträge des Bandes bewegen sich auf hohem Reflexionsniveau und demonstrieren eine erstaunliche interdisziplinäre Anschlussfähigkeit. Ihnen gelingt der Spagat zwischen intellektueller Abstraktion und Anschaulichkeit. Zu dieser Anschaulichkeit tragen ebenfalls 60, leider an das Ende des Bandes verbannte, schwarz-weiß Abbildungen bei. Einem Folgeband sollte die geographische Öffnung hin in den Norden - wie fast immer ist das englische Königreich deutlich unterrepräsentiert -, vor allem aber in Richtung Kurie vorbehalten sein, stellte sich dort das Problem der Spiritualisierung von Schätzen doch noch sehr viel stärker und drängender als in den jeweiligen Königreichen. Das letzte Wort zum Thema "Schatz" ist noch nicht gesprochen: der Forschungsgegenstand erweist sich nach wie vor als ausgesprochen ergiebig.


Anmerkung:

[1] Lucas Burkart / Philippe Cordez / Pierre Alain Mariaux / Yann Potin (éds.): Le trésor au Moyen Age. Questions et perspectives de recherche (= Atelier de Thesis, 1), Neuchâtel 2005.

Ralf Lützelschwab