Rezension über:

Frank Müller-Römer: Der Bau der Pyramiden im Alten Ägypten, München: Herbert Utz Verlag 2011, 447 S., zahlreiche Tabellen und Grafiken, ISBN 978-3-8316-4069-0, EUR 39,00
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Rezension von:
Erhart Graefe
Institut für Ägyptologie und Koptologie, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Erhart Graefe: Rezension von: Frank Müller-Römer: Der Bau der Pyramiden im Alten Ägypten, München: Herbert Utz Verlag 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/20631.html


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Frank Müller-Römer: Der Bau der Pyramiden im Alten Ägypten

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Bei diesem Buch handelt es sich um die wesentlich erweiterte und ergänzte Version der Dissertation des Verfassers (Prof. Dr. Ing.) im Fach Ägyptologie, die unter dem Titel Die Technik des Pyramidenbaus im Alten Ägypten 2008 im gleichen Verlag erschien. Frank Müller-Römer vereint den Sachverstand des Ingenieurs mit dem eines Ägyptologen, eine ideale Kombination für den Untersuchungsgegenstand.

Einer der wesentlichen Ausgangspunkte ist die Feststellung, dass eine These zur Problemlösung umfassend sein muss, d.h. das Wie der Errichtung einer Pyramide vom Fundament bis zum Pyramidion der Spitze inklusive aller feldarchäologischen, bautechnischen und logistischen Details erklären muss (was bei vielen Theorien, inklusive der des Rezensenten, nicht der Fall ist).

Ein zweiter wichtiger Grundsatz ist die Feststellung, dass es über die Epochen hinweg unbestreitbar eine Entwicklung bzw. Unterschiede in der Kernstruktur der ägyptischen Pyramiden gab, die nicht vernachlässigt werden dürfen.

Daraus ergibt sich (25-33) eine Liste der grundlegenden Bau- und Mauerwerkstrukturen und ihrer Benennungen. Davon ist die wichtigste die, dass die großen Pyramiden der vierten Dynastie (mit Ausnahme der Pyramide von Meidum) eine innere Struktur von großen Kernstufen besitzen (bzw. besitzen müssen) und keineswegs horizontal über die Fläche hin gemauert wurden. Das aber setzen die meisten früheren Entwürfe zur Technik des Pyramidenbaus voraus (die Idee der Kernstufenstruktur durchzusetzen, war Anlass für die eigenen Arbeiten des Rezensenten von 1998, zuerst publiziert 2003).

Aus dem gerade referierten Befund zieht Müller-Römer die Konsequenz, die eben erwähnten Pyramiden mit Kernstufenstruktur 'Stufenpyramiden' zu nennen. Das steht im Gegensatz zum Gebrauch dieses Begriffs in der bisherigen Pyramidenliteratur, in der die im Endzustand Stufen zeigenden Pyramiden als Stufenpyramiden bezeichnet werden. Musterbeispiel ist die Pyramide des Djoser in Saqqara. Diese besitzt keine Kernstufen, sondern besteht aus in der Höhe abgestuften Schichten mit schräg nach innen geneigten Steinen. Der Grundriss ist rechteckig, nicht quadratisch; ob es eine Gesamtverkleidung gegeben hat, ist nicht beweisbar; nach Stadelmann war die oberste Stufe oben flach, d.h. es gab keine Pyramidenspitze. Damit kann man bezweifeln (was Müller-Römer nicht expressis verbis tut), ob man die Pyramide des Djoser überhaupt 'Pyramide' nennen soll oder nicht eher 'Stufenmastaba'. Die Pyramiden, die aus von innen nach außen folgenden Schichten bestehen, werden (mit einem ebenfalls von nun an zu verwendender Begriff) 'Schichtpyramiden' genannt. Ein älteres Beispiel stellen die älteren Bauphasen der Pyramide des Snofrui von Meidum dar. Diese wurde allerdings in einer letzten (heute infolge mittelalterlichen Steinraubs nicht mehr sichtbaren) Ausbaustufe zu einer einheitlich verkleideten 'richtigen' Pyramide gemacht.

Auf den Seiten 39 bis 90 werden die technischen Möglichkeiten erörtert, die den Ägyptern für Steingewinnung, Steinbearbeitung, Hebeeinrichtungen und Lastentransport zur Verfügung standen.

In älteren Theorien über das Wie des Pyramidenbaus spielen Lösungen mit Baurampen eine große Rolle. Dabei muss man Rampen für den Antransport des Steinmaterials von den umliegenden Steinbrüchen bzw. vom Nil her von solchen für den eigentlichen Bau unterscheiden. Archäologisch sind Rampen an bzw. im Umkreis verschiedener Pyramiden nachweisbar und diese werden vom Autor (90-102) einzeln diskutiert mit dem Ergebnis, dass Rampen für den Antransport von Steinen vom Steinbruch her benutzt wurden, aber keine senkrecht auf die Pyramidenseiten zulaufenden Baurampen. Die entscheidenden Argumente gegen sie sind der in keinem vernünftigen Verhältnis zum Gesamtvolumen der Pyramiden stehende Aufwand an Baumaterial für sie und das Fehlen von diesem als Abraum nach deren Vollendung. Es folgt eine Übersicht über die nachgewiesenen Transport-Hilfsmittel (103-112): In Betracht kommen Schlitten (gezogen von Menschen oder Rindern) und vor allem Kugeln aus Hartgestein. Das Kapitel schließt mit einer Übersicht über die Vermessungstechnik, d.h. welche Methoden als den Ägyptern bekannt bzw. nachweisbar angesehen werden dürfen.

Der fünfte Abschnitt (143-236) liefert für alle Pyramiden des Alten und Mittleren Reiches Zusammenfassungen über all das, was in Hinblick auf Baustruktur und Bautechnik an ihnen ablesbar ist.

Sechster Abschnitt. Über die Bauzeiten der Pyramiden gibt es keine originalen Berichte. Ein grundlegender Anhaltspunkt sind die Regierungszeiten ihrer Erbauer innerhalb deren die jeweiligen (fertiggestellten) Pyramiden (wenigstens weitgehend) errichtet worden sein müssen. Die Arbeiten umfassen nach der Festlegung des genauen Bauplatzes zunächst die Erschließung von Steinbrüchen für die Steine des Kernmauerwerks in möglichster Nähe, den Bau von Transportrampen, Unterkünften und Versorgungseinrichtungen für die Arbeiter. Weiter müssen auf dem anderen Nilufer liegende Steinbrüche für die höherwertigen Verkleidungsblöcke in Betrieb genommen werden, inklusive dem Bau von Stichkanälen zum Wassertransport bis an den Fuß des Pyramidenplateaus und Transportrampen nach oben. Nach Vollendung des Kernstufenrohbaus ist der Verkleidungsmantel hinzuzufügen und von oben nach unten zu glätten. Für den zukünftigen Kultbetrieb entstehen Taltempel, Aufweg und Verehrungstempel an der Ostseite der Pyramide.

Für die Abschätzung der Zahl der benötigten Arbeiter von Bedeutung sind die allgemeinen physikalischen Grundbedingungen für das Anheben von Lasten auf der Erde, nämlich der erforderlichen Mindestenergie. Auf den Seiten 252 bis 254 referiert Müller-Römer den Vorschlag des Physikers Manfred Zier, den ihm dieser nach Erscheinen der ersten Auflage des Pyramidenbuches gemacht hat (Berechnung 252): Danach ist für die Cheopspyramide ein Aufwand von 2286 Milliarden Wattsekunden bzw. 635147 Kilowattstunden (kWh) erforderlich. Als Dauerleistung eines Arbeiters in der Sonne werden 50 Watt (W) angenommen (andere Quellen schwanken zwischen 55 W und 100 W). Bei einer Arbeitszeit von acht Stunden (ohne Pause) an 300 Tagen im Jahr erbringt ein Arbeiter etwa 120 kWh pro Jahr, wonach für die Hubarbeit an der Cheopspyramide theoretisch 5300 Mannjahre erforderlich waren. Zier schlägt im Detail noch 40% Zuschläge für Schichtbetrieb (zehnstündig), für Krankheit, Auf- und Abbau der Arbeitsplattformen vor, macht 7620 Mannjahre für die Hubarbeit plus 5040 Mannjahre für das horizontale Verschieben der Steine. Die Arbeitskräfte für Management, Werkstätten, Logistik, Glätten der Verkleidung etc., werden mit weiteren 2500 Mannjahren veranschlagt. Dies ist der Mindestbedarf. Müller-Römers eigene Überlegungen, die im achten Abschnitt 8.2.6 (380-406) detaillierter dargestellt werden, führen zu zwei- bis dreimal höherem Umfang an Mannjahren, d.h. einer mit dem Baufortschritt schwankenden Arbeiterzahl zwischen 10000 und 20000 Mann. [1]

Im nächsten, dem siebten Abschnitt (255-353) lässt Müller-Römer die wichtigsten publizierten Bauhypothesen Revue passieren (34). Diese können an dieser Stelle hier nicht nochmals besprochen werden.

Der letzte und achte Abschnitt bringt nun die neue Hypothese zum Pyramidenbau Müller-Römers selbst, vorgeführt für den Bau der Pyramide des Mykerinos. Sie hat als Grundlage die vom Rezensenten seit Jahren verfochtene These von der Existenz einer Kernstufenstruktur mit erst danach hinzugefügtem Verkleidungsmantel, durch welchen erst die Fertigbaugröße der Pyramide festgelegt (bzw. gegenüber etwaigen Anfangsplangrößen) variiert werden konnte. An die 80° nach innen geneigten Außenmauern der Kernstufen werden unten pro Seite je zwei, später nur je eine Arbeitsrampe "angelehnt". Sie sind (Zeichnungen 365f) asymmetrisch im Schnitt, d.h. haben auf einer Seite eine Steigung von 26,5° als Transportbahn für die Steine. Diese Bahnen besitzen Längsspuren, in denen sich Dioritkugeln befinden, über diese werden die Steine ohne Schlitten emporgezogen. 40 Arbeiter ziehen die Seile über eine Umlenkwalze auf der Oberkante der jeweils erreichten größten Rampenhöhe und gehen auf der Gegenseite der Rampe über eine 45° steile Treppe hinab. Die Verschiebung der Steine an ihren Platz auf der jeweiligen horizontalen Oberfläche jeder Kernstufen erfolgt mit Hebeln und Kugeln. Die Verkleidung und die Füllung von der Verkleidungsschicht bis zu den Kernstufen werden ebenfalls über solche (weitere) Rampen und Arbeitsplattformen errichtet (Abb. 373). Letztere ragen in der Flucht über die Linie der späteren Verkleidung hinaus und die geometrische Form der fertigen Pyramide wird erst am Ende nach dem Glätten und Abbau dieser Plattformen und Rampen sichtbar. [2]

Für die Berechnung der Bauzeit sind "Arbeitstakte" maßgebend, d.h., wie viele Minuten Transportzeit pro Steinblock erforderlich waren. Müller-Römer nimmt 10 Minuten pro Kernstufe an. Es werden am Ende Berechnungen für drei Pyramiden vorgenommen und es ergeben sich folgende Gesamtbauzeiten: Mykerinos: 5,8 Jahre, Rote Pyramide 20,7 Jahre, Cheopspyramide 24,5 Jahre.

Abschließend ist zu sagen, dass dieses Buch den bisherigen Höhepunkt in der Bearbeitung des Themas "Pyramidenbau" darstellt, insbesondere, weil eine Gesamtlösung für die mit dem Bau verbundenen Probleme geboten wird im Gegensatz zu den meistens vorgestellten Teillösungen. Etwaige abweichende Thesen müssten auf dem Hintergrund dieses Buches diskutiert werden.


Anmerkungen:

[1] Vom Verfasser so ausgedrückt. Gemeint ist eher "zwischen 20000 und 10000 Arbeitern"

[2] Im unteren Bereich der Mykerinospyramide, bei der die Verkleidung abweichend von den anderen Pyramiden aus mehr als einer Lage Granit bestand, ist diese Glättung bis auf den des Eingangsbereichs unterblieben, was darauf verweist, der König sei kurz vor der Vollendung gestorben. Abbildung bei E. Graefe: A propos der Pyramidenbeschreibung des Wilhelm von Boldensele aus dem Jahre 1335 (II) (= Orbis Biblicus et Orientalis 95), Freiburg / Göttingen 1990, Abb. 8-9.

Erhart Graefe