Rezension über:

Stephan Selzer: Blau. Ökonomie einer Farbe im spätmittelalterlichen Reich (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters; Bd. 57), Stuttgart: Hiersemann 2010, VII + 543 S., ISBN 978-3-7772-1029-2, EUR 178,00
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Rezension von:
Kirsten O. Frieling
Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Martina Giese
Empfohlene Zitierweise:
Kirsten O. Frieling: Rezension von: Stephan Selzer: Blau. Ökonomie einer Farbe im spätmittelalterlichen Reich, Stuttgart: Hiersemann 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/20287.html


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Stephan Selzer: Blau

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Die Bedeutung von Farben für historische Lebenswelten ist in der deutschsprachigen Forschung zur mittelalterlichen Geschichte lange Zeit unterschätzt worden. Während sich französische Mittelalterhistoriker - federführend vor allem Michel Pastoureau - schon seit rund dreißig Jahren mit Farben befassen, dringt erst allmählich ins Bewusstsein ihrer deutschen Kollegenschaft, dass auch Farben, ihre Benennungen, ihre Wahrnehmung, ihre Symbolik und ihr sozialer Gebrauch eine Geschichte besitzen. Erst vor knapp drei Jahren hat der Mediävistenverband diesem Umstand Rechnung getragen und seine Tagung 2009 in Bamberg dem Thema "Farbiges Mittelalter?! Farbe als Materie, Zeichen und Projektion in der Welt des Mittelalters" gewidmet [1]. In dieses Forschungsfeld lässt sich auch die 2006 eingereichte und nun im Druck erschienene Habilitationsschrift von Stephan Selzer einordnen; wie vor ihm schon Michel Pastoureau [2] macht er darin die Farbe Blau zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung.

Selzers Arbeit "geht aus von dem Umstand, daß Menschen in farbiger Kleidung auf mittelalterlichen Straßen und Plätzen erschienen. Sie untersucht daher am Beispiel der Farbe Blau und des Blaufarbstoffs Waid diejenigen Bemühungen, die diese und andere Personen dafür auf sich nehmen mußten." Im Zentrum steht die Frage, "ob und warum mittelalterliche Käuferinnen und Käufer blaue, grüne, gelbe, rote oder Stoffe in anderen Farben wählten" (1). Diese Leitfrage verfolgt Selzer aus einer wirtschaftshistorischen Perspektive heraus in zwei thematischen Blöcken.

In einem ersten Block betrachtet er das Konsumverhalten städtischer und höfischer Eliten. Vorwiegend gestützt auf bürgerliche Testamente und Handlungsbücher sowohl aus dem hansischen (Lübeck, Braunschweig, Lüneburg, Hamburg) als auch aus dem süddeutschen Raum (Nürnberg, Regensburg, Wien, Basel) wird zunächst die farbliche Beschaffenheit der dort erwähnten Kleidungsstücke und/oder -stoffe in einer Längsschnittstudie (1300-1440) erhoben und statistisch ausgewertet. Dabei zeigt sich, dass städtische Oberschichten im 14. Jahrhundert Blau als Kleidungsfarbe bevorzugten, sich ab etwa 1400 aber nach und nach immer öfter schwarz kleideten. Dann unternimmt Selzer anhand von Hofrechnungen und -ordnungen sowie Hofschneiderei-Akten eine Querschnittsuntersuchung der Hofgewandfarben für die Jahrzehnte um 1500, wobei er sich vor allem auf Sachsen und Hessen konzentriert. Die Organisation des höfischen Tuchkaufs und der Tuchverteilung, die farbliche Einheitlichkeit des Hofgewands und die Kennzeichnung eines hierarchischen Gefälles innerhalb des Hofpersonals mittels unterschiedlicher Stoffqualitäten kommen hier ebenso zur Sprache wie die Funktion der Hofkleidung als Repräsentationsmedium, die Symbolik von Motti und Devisen und die Bedeutung der einheitlichen Kleidungsfarbe als Ausdrucksmöglichkeit für (politische) Zusammengehörigkeit, Verbundenheit oder auch Abhängigkeiten. Neben dem sächsischen und dem hessischen Fürstenhof untersucht Selzer auch die farbliche Gestaltung des Hofgewands an Grafenhöfen und die Kleidung der Stadtdiener (vor allem in Augsburg, Nürnberg und Frankfurt am Main). Bei der anschließenden Darlegung der "Farbentscheidungen als Konsumentscheidungen" (212) konstatiert er eine "Modeorientierung" (243) der städtischen Eliten am Hochadel ebenso wie individuelle Konsumwünsche als Motiv für Kaufentscheidungen.

In einem zweiten Themenblock wendet sich Selzer dann dem Blaufarbstoff Waid zu und untersucht ihn als "mitteldeutsches Produkt für den europäischen Markt" (253). Auf der Basis eines vielfältigen Quellenmaterials (unter anderem Stadtgerichtsbücher, Handlungsbücher, Tuchmacherordnungen und -rechnungen, Zoll- und Warenverzeichnisse, Geleitsrechnungen, Stadtrechnungen, Waidregister) erarbeitet er am Beispiel des Thüringer Waids Färbetechniken, Handels- und Vertriebswege in Nah und Fern, wobei vor allem Nürnberg, Frankfurt am Main und Görlitz als zentrale "Drehscheiben" (290) des Waidhandels in den Blick rücken, sowie Mechanismen der Preisbildung und das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Darüber hinaus werden der Waidanbau und die Weiterverarbeitung des Rohstoffs bis hin zum fertigen Produkt sowie die Bedeutung des Waidanbaus und -handels als Wirtschaftsfaktor für die Stadt Erfurt behandelt. Selzer führt nicht nur vor Augen, wie der Thüringer Waid auf den internationalen Farbmärkten sowohl mit dem rheinischen Waid als auch mit dem im 16. Jahrhundert verstärkt auf den nordwesteuropäischen Markt drängenden Indigo konkurrierte, sondern ebenso, wie sich am Farbstoffhandel (wirtschafts)politische Konflikte entzündeten.

Die Arbeit stützt sich auf ein breites, solides Quellenfundament, das zu einem nicht unerheblichen Teil in beeindruckend vielen Archiven gehoben worden ist. Der gewonnenen Fülle an interessanten Einzelbeobachtungen kann eine Rezension nicht annähernd gerecht werden. Indes bleibt die Deutung oftmals hinter dem zusammengetragenen Detailwissen zurück. So legt Selzer etwa die Ablösung von Blau durch Schwarz als beliebter Kleidungsfarbe akribisch auf fast vierzig Seiten dar, ohne jedoch genauer nach den Gründen für diesen Wechsel zu fragen. Oberflächlich gerät auch die nur angerissene vergleichende Untersuchung der Kleidungsgewohnheiten höfischer und städtischer Eliten. Angesichts der Komplexität der Mode scheint es reichlich gewagt, aus einer (im Übrigen erst noch auf breiterer Quellenbasis zu überprüfenden) leichten zeitlichen Divergenz im gehäuften Vorkommen einer einzigen Kleidungsfarbe pauschal auf eine Übernahme höfischer Mode durch wohlhabende Städterinnen und Städter zu schließen. Die zentrale These des Buches, dass Kleidungsfarben im Spätmittelalter weder Ergebnis einer festgefügten Ordnung noch unwandelbar gewesen seien, sondern dass Farbentscheidungen einem "Appetit auf Neues" (245) entspringende und "individuelle[n] Vorlieben" (251) gehorchende Konsumentscheidungen waren, überzeugt mühelos, mutet in ihrer Allgemeinheit aber recht banal an. Auch - und gerade - wenn man wie Selzer spätmittelalterliche Kleidungspraktiken vor allem als Ausfluss eines Konsumverhaltens begreift, so wird dieses erst dann verständlich, wenn man es in seiner sozialhistorischen Relevanz betrachtet. Wie vielschichtig sich das Verhältnis von Individualität und Konformität in der mittelalterlichen Bekleidungspraxis gestaltete und welchen hohen Distinktionswert Kleidung für mittelalterliche Menschen barg, ist erst kürzlich anschaulich gezeigt worden [3]. Die Gewandfarbe - und zwar unter den Produktionsbedingungen der damaligen Stoffarben weniger die Farbe selbst als vielmehr die Farbqualität, die Farbnuance! - erweist sich aus dieser kulturgeschichtlichen Perspektive als bedeutsames Distinktionsmerkmal [4] und ist damit in der spätmittelalterlichen Gesellschaft weit mehr als bloß Ausdruck einer individuellen Vorliebe.

Die angesprochenen Mängel mögen mit dem methodischen Zugriff der statistischen Auswertung zusammenhängen, der - obwohl von Selzer anders versichert - vielleicht doch stärker dazu verführt, "bloß zu zählen" statt "umsichtig zu deuten" (51). Möglicherweise rühren sie aber auch daher, dass sich Selzer nicht so recht entscheiden konnte, was er eigentlich will: Während im zweiten Teil tatsächlich die im Titel angesprochene Ökonomie der Farbe Blau zutage tritt, stellt sich Teil 1 eher als Untersuchung aller in den gewählten Quellen erwähnten Kleidungsfarben dar. Warum mit dem Hofgewand um 1500 ausgerechnet ein Untersuchungsfeld ausgewählt wurde, in dem Blau keinerlei Rolle spielt, hingegen die als Konsumgut bedeutsame blaue Gebrauchswäsche (Bettlaken, Tischwäsche et cetera) weitestgehend ausgespart wird, bleibt ein Rätsel. So zerfällt die Arbeit in einzelne Partien, die nur bedingt zueinander passen.

Stephan Selzer hat eine materialreiche, informative Studie vorgelegt, die allerdings im Hinblick auf Konzeption und analytische Tiefe unverkennbar Schwächen aufweist. Zur Wirtschaftsgeschichte des Spätmittelalters leistet sie sicherlich einen wichtigen Beitrag; kulturgeschichtliche Fragestellungen werden in ihr jedoch - entgegen ihrem eigenen Anspruch, kulturwissenschaftlich zu sein - allenfalls angerissen.


Anmerkungen:

[1] Ingrid Bennewitz / Andrea Schindler (Hgg.): Farbe im Mittelalter. Materialität - Medialität - Semantik 1-2, Berlin 2011.

[2] Michel Pastoureau: Bleu: Histoire d'une couleur, Paris 2000.

[3] Jan Keupp: Die Wahl des Gewandes: Mode, Macht und Möglichkeitssinn in Gesellschaft und Politik des Mittelalters (= Mittelalter-Forschungen; 33), Ostfildern 2010; Kirsten O. Frieling: Sehen und gesehen werden: Kleidung an Fürstenhöfen an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit (ca. 1450-1530), Diss. masch. Greifswald 2009 (Druck in Vorbereitung).

[4] Vgl. Frieling, Sehen, 75 f. und 90 f.

Kirsten O. Frieling