Rezension über:

Michael Lüders: Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt, München: C.H.Beck 2011, 207 S., 21 Abb., 2 Karten, ISBN 978-3-406-62290-8, EUR 19,95
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Rezension von:
Irene Weipert-Fenner
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Irene Weipert-Fenner: Rezension von: Michael Lüders: Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt, München: C.H.Beck 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/20227.html


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Michael Lüders: Tage des Zorns

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In den Monaten, in denen der arabische Frühling die Weltöffentlichkeit in Atem hielt, war Michael Lüders, Islam- und Politikwissenschaftler und freier Politikberater, in den deutschen Medien sehr gefragt. Lüders, der selbst viele Jahre für Fernsehen und Zeitung unter anderem für "die Zeit" als Nahostkorrespondent gearbeitet hat, vermochte es besonders gut, komplexe Sachverhalte in wenigen Sätzen schlüssig darzustellen. Diese Fähigkeit stellt er nun in seinem Buch Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt erneut unter Beweis.

Auf 200 Seiten spannt Lüders, wie er selbst schreibt, "einen essayistischen Bogen" (11) von den Protesten in Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen, Bahrain und Syrien über die Rolle des Islams sowie des Satellitensenders al-Jazeera bis hin zu den Auswirkungen auf den israelisch-palästinensischen Konflikt. Zudem verknüpft er in den Kapiteln zu den jeweiligen Ländern deren Geschichte und jüngere Entwicklungen geschickt mit dem Verlauf der Aufstände und der Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Ein besonderes Augenmerk legt Lüders auf das zögerliche Verhalten des Westens gegenüber dem arabischen Frühling und versucht Ängste vor der Machtübernahme islamistischer Gruppen zu nehmen.

Die Erklärung für Lüders, warum es bisher keine Demokratien in der arabischen Welt gab, ist die "blockierte Entwicklung von einer ländlich geprägten Feudal- in eine städtische Industriegesellschaft" (23). Die autoritäre Elite bestehe meist aus einzelnen Familien und Clans, die den Staat ohne Rücksicht auf die Probleme des Landes ausnähmen. Armut und Arbeitslosigkeit seien die Folge, wobei die Verschlechterung der sozialen Bedingungen der eigentliche Revolutionsauslöser gewesen sei (48). Für sämtliche Staaten - mit der für den Leser unverständlichen Ausnahme Tunesiens - wird jeweils die Herausbildung der Herrschaftselite historisch nachgezeichnet, was dazu beiträgt, die Konfliktlinien der einzelnen Aufstände nachzuvollziehen. So zeigt Lüders, wie die Machtverhältnisse der Stämme in Libyen und Jemen entstanden sind und wie religiöse Minderheiten zur Herrscherkaste in Syrien und Bahrain werden konnten. Diese Analyse verdeutlicht, warum gerade in religiös und ethnisch definierten Herrscherzirkeln der Widerstand der Elite so lang und gewaltsam ist: in einem demokratischen, mehrheitsbestimmten System hätten sie keine Chance auf Machterhalt (168). In Ägypten und Tunesien hingegen habe sich eine von der Armee abhängige autoritäre Elite etabliert, die in den Revolutionen nur ihren jeweiligen Kopf geopfert habe. Dieser sei jedoch austauschbar, wie die Kontinuität in der ägyptischen Politik, die nach wie vor vom Militär bestimmt würde, zeige.

Neben Ausbruch und Verlauf der Proteste hinterfragt Lüders die Zurückhaltung des Westens, diese Revolten zu unterstützen. Hauptthese ist, dass nach dem 11. September 2001 der Islam in den USA und Europa als neues Feindbild und der Nahe Osten als Brutstätte von Terrorismus und Gewalt angesehen wurde. Zu einer sich verbreitenden Angst vor dem Islam habe es nicht gepasst, dass Muslime für Freiheit und Demokratie auf die Straße gingen, noch dazu Hand in Hand mit Christen, wie es in Ägypten geschah (51-55).

Gegen dieses Bild des furchteinflößenden Islam argumentiert Lüders einerseits, in dem er zeigt, dass nicht die Religion Demokratie in den arabischen Ländern verhindert habe, sondern die dort vorherrschenden Diktaturen (157) und dass sich nur das religiöse Establishment in den meisten Ländern mit den Autokraten sehr gut arrangierte. Mit der Betonung der Gehorsamspflicht, solange der Herrscher ein Muslim sei, hätten sich die sunnitische Orthodoxie und die salafistische Bewegung, die von Saudi-Arabien unterstützt wird, lange gegen die Revolution gestellt (149-150). Andererseits verweist Lüders auf die Wandlungsfähigkeit des politischen Islams am Beispiel der ägyptischen Muslimbruderschaft, deren Entwicklung von einer "gewaltbereite[n] Erweckungsbewegung" hin zur einer "systemkonforme[n] Partei" (147) er nachzeichnet. Gleichzeitig verweist er darauf, dass die aktuellen Revolutionen auch eine emanzipatorische Neubestimmung des Verhältnisses des Individuums zum Glauben und des Staates zur Religion mit sich brächten (143-144).

Diese Ausführungen zu den verschiedenen Dimensionen und Dynamiken im Islam, deren Eingang in den Mainstream-Diskurs der westlichen Medien man sich nur wünschen kann, werden jedoch bei Lüders eingerahmt von einem kritisch zu sehenden Verständnis von Moderne. Demnach sei der "Wandel von einer Feudal- in eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft" gleichbedeutend mit dem Verlust kollektiver Identitäten, der Relativierung patriarchalischer Traditionen und Normen sowie dem Einflussverlust der Religion und deren "normative[r] Kraft" (145). Die Moderne strikt entlang dieser Dichotomien zu definieren schließt jedoch "multiple Modernen" (S. Eisenstadt) aus und suggeriert einen altbekannten Stereotyp, wonach die arabische Welt immer noch auf dem Weg in die Moderne sei. Dieser Modernitätsbegriff blendet jedoch aus, dass auch Diktaturen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften hervorbringen können, wie man nicht erst seit dem Erfolg der chinesischen Wirtschaft weiß. Und dass die Moderne mit dem Bedeutungsverlust von Religion als normativer Kraft einhergeht, scheint vielmehr ein europäischer Sonderfall als eine universale Gesetzlichkeit zu sein.

Diese problematische Sichtweise auf Religion zeigt sich in den Ausführungen zur Scharia. So spricht sich Lüders zwar gegen ein essentialistisches Verständnis der islamischen Normativität aus und diagnostiziert, dass "nur" die traditionelle Interpretation der Scharia nicht mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar sei (151) - was auch immer traditionell angesichts des von Lüders selbst beschriebenen Pluralismus im Islam genau bedeutet. In jedem Fall sieht er einen großen Reformbedarf der Scharia, die es "systematisch zu entrümpeln und der Moderne anzupassen" (151) gelte. Damit meint er vor allem die Stärkung des Individuums gegenüber Staat und Gesellschaft. Als Vorbilder hierfür gibt er zwei Länder an, jedoch mit fataler Begründung: erstens die Türkei, weil sie die Scharia 1926 abgeschafft habe und zweitens Marokko, wo 2004 die Scharia de facto außer Kraft gesetzt worden sei (151).

So anschaulich das Buch von Lüders historische Entwicklungen und Kontingenzen darstellt, so problematisch sind seine Ausführungen zu Moderne und Islam, die letztlich doch wieder auf die Vorannahme zurückzuführen sind, dass in der Moderne die Religion keinen Platz habe - eine Prämisse, die im übrigen Islamgegner sowie radikale Islamisten teilen. Dabei ist dies gerade mit Blick auf die Türkei unhaltbar, wo die islamistische "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) es als erste schaffte, die Demokratie in der Türkei von der Kontrolle der Generäle zu befreien und einen Wirtschaftsboom ohnegleichen im Nahen Osten auszulösen.

Abgesehen von den kritisch zu betrachtenden Thesen zu Islam und Moderne ist Tage des Zorns aber durchaus einer breiteren Öffentlichkeit aufgrund der sehr zugänglichen Einführung in die Geschichte und deren gekonnter Verknüpfung mit den aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt zu empfehlen.

Irene Weipert-Fenner