Rezension über:

J. H. W. G Liebeschuetz: Ambrose and John Chrysostom. Clerics between Desert and Empire, Oxford: Oxford University Press 2011, XII + 303 S., ISBN 978-0-1995-9664-5, USD 110,00
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Rezension von:
Michaela Dirschlmayer
Exzellenzcluster "Die Herausbildung normativer Ordnungen", Goethe-Universit├Ąt, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Michaela Dirschlmayer: Rezension von: J. H. W. G Liebeschuetz: Ambrose and John Chrysostom. Clerics between Desert and Empire, Oxford: Oxford University Press 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/20146.html


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J. H. W. G Liebeschuetz: Ambrose and John Chrysostom

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Dieses Werk ist das Resultat intensiver Forschung zu den spätantiken Bischöfen Ambrosius und Chrysostomos. Nachdem Liebeschuetz in den letzten zwanzig Jahren beiden Bischöfen jeweils detaillierte Studien gewidmet hat [1], strebt er in seinem neuesten Werk einen Vergleich der Kirchenväter an, sowohl den Inhalt ihrer Schriften als auch ihr Handeln betreffend. Im Fokus dieses Vergleiches stehen das asketische Ideal und die Parrhesia, zwei Paradigmen, für die Ambrosius und Chrysostomos zu stehen scheinen, wie Liebeschuetz in einer kurzen Einleitung erklärt.

Im ersten Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit den Wurzeln des christlichen Asketentums (9-42) und der christlichen Parrhesia (43-54). Liebeschuetz sieht in der sexuellen Reinheit und der Kultivierung des Selbst zwei Grundsätze des Asketentums, die in der griechisch-römischen Welt bereits vertreten wurden. Der Unterschied zum christlichen Asketentum bestehe in der nunmehr propagierten völligen sexuellen Abstinenz und in der Anbindung dieses Lebensstils an das Kollektiv der Kirche. Als Vorläufer der christlichen Parrhesia führt er die Redefreiheit an, die auf der Grundlage der stoischen Philosophie von einer Opposition gegenüber dem Kaiser praktiziert wurde. Eine rasche Entwicklung der christlichen Tradition der Parrhesia habe darüber hinaus bereits sehr früh von Seiten christlicher Märtyrer, die sich vor Gericht zu verantworten hatten, stattgefunden.

Nach dieser Einführung in das Thema konzentriert sich Liebeschuetz im zweiten Teil seiner Monographie auf Ambrosius (57-94). Einem kurzen biographischen Einstieg folgen Ausführungen über dessen Verhältnis zum asketischen Ideal. Dieses sei, so Liebeschuetz, vor allem von der hohen Wertschätzung eines jungfräulichen Lebens und der Abgabe des Vermögens an Arme und Bedürftige geprägt. Ambrosius wird als ein Verfechter der Doktrin der Jungfräulichkeit Marias vorgestellt. Als Prediger sei Ambrosius hauptsächlich darauf bedacht gewesen, den nizänischen Glauben zu stärken. Aufforderungen zu einem asketischen Leben kamen zwar vor, aber nicht in dem Maße, wie Chrysostomos es von seiner Kirchengemeinschaft verlangt habe. Ambrosius' Position zu Kaiser und Klerus bespricht Liebeschuetz nur kurz und geht im Folgenden auf die Konfliktsituationen ein, die zwischen Bischof und Kaiser entstanden: die Verweigerung der Übergabe einer Basilika an den kaiserlichen Hof, seine Aufforderung an Kaiser Theodosius nach dem Massaker von Thessaloniki Buße zu üben, die Symmachus Affäre und seine Position nach der Zerstörung der Synagoge in Callinicum. Hinsichtlich der Chronologie der Ereignisse und der Beurteilung des bischöflichen Handelns differieren seine Ansichten zum Teil von denjenigen McLynns, der in seinem Werk die politische Seite des Bischofs in den Vordergrund rückte. [2]

Im Unterschied zu den sehr knapp gehaltenen Kapiteln über Ambrosius nimmt den Hauptpart des Buches der dritte Teil zu Chrysostomos ein (97-247). Dies ergibt sich allein schon aus dem Umstand, dass Chrysostomos sechs Jahre seines Lebens sowohl bei Mönchen als auch als Eremit außerhalb der Stadt gelebt hatte und ihn diese Zeit prägte. Liebeschuetz beginnt mit der wichtigen Differenzierung zwischen einem urbanen und extraurbanen Asketentum und Chrysostomos' Einstellung zu beiden Lebensformen. Im Gegensatz zu Illert sieht Liebeschuetz den Grund für Chrysostomos' Propaganda für urbanes asketisches Leben nicht in seinen positiven beziehungsweise negativen Erfahrungen sondern im Adressatenkreis, für den seine Werke zugänglich gewesen sein sollten. [3] In den nachfolgenden Kapiteln bespricht Liebeschuetz die einzelnen Werke des Chrysostomos, versucht diese chronologisch einzuordnen und in den jeweiligen Kontext zu setzten, was ihm überzeugend gelingt. Für asketische Ideale halte Chrysostomos ebenso wie Ambrosius die sexuelle Enthaltsamkeit, das Leben als Jungfrau oder Witwe und die Sorge für Arme, Alte und Kranke. Das asketische Leben im Alltag, das jedermann zugänglich sei, bilde den Mittelpunkt seiner Werke und Predigten. Das letzte Kapitel ist wiederum Chrysostomos und seinen Problemen als Bischof von Konstantinopel gewidmet: der Gainas-Affäre, dem Konflikt mit der Kaiserin Eudoxia und der Eichensynode, die seine Verbannung zur Folge hatte.

Liebeschuetz schließt mit einem Vergleich der beiden Bischöfe (251-264) und kommt zu dem Ergebnis, dass Ambrosius und Chrysostomos viele Ideen teilten, aber ansonsten sich grundsätzlich voneinander unterschieden. Ambrosius sei Staatsmann und Theologe mit Selbstkontrolle und diplomatischen Gespür gewesen, falls nötig hätte er jedoch ein rücksichtsloser Kirchenpolitiker sein können. Chrysostomos hingegen sei weniger an Theologie interessiert, sondern vor allem Priester und Seelsorger gewesen. Zwar habe auch er administrative und diplomatische Fähigkeiten gezeigt, jedoch zudem oftmals seinem Temperament nachgegeben. Gemeinsamkeiten sieht Liebeschuetz vor allem in zwei Punkten: Beide seien vom asketischen Ideal stark beeinflusst worden und beide hätten die Ansicht geteilt, dass eine säkulare Ordnung wie das römische Kaisertum gebraucht werde. In der spannenden Frage, ob Chrysostomos unter dem Einfluss des Ambrosius stand und möglicherweise dessen Argumentation insbesondere in Konfliktsituationen übernommen habe, nimmt der Autor keine klare Position ein. In vielen Punkten, merkt Liebeschuetz an, läge dies nahe, sei aber nicht zu beweisen. In einem kurzen Ausblick zu der nachhaltigen Wirkung der Schriften (265-276) macht er deutlich, dass besonders der Aspekt der Parrhesia für die nachfolgenden Herrscher mahnend geblieben sei.

Der von Liebeschuetz vorgenommene Vergleich der beiden Bischöfe beruht auf seiner jahrelangen Beschäftigung mit den überlieferten Briefen und Predigten und den daraus gewonnenen Ergebnissen. Für den Leser, der sich mit Hilfe dieses Werkes der komplexen Materie nähern möchte, wäre eine Veranschaulichung durch Textbeispiele hilfreich gewesen. Da Liebeschuetz den Schwerpunkt auf das asketische Ideal und in Folge dessen auf Chrysostomos legt, entsteht ein Ungleichgewicht, das dem Leser nicht erklärt wird. Zudem wäre es interessant gewesen, wenn Liebeschuetz die Thesen Rapps [4] zu bischöflicher und vor allem asketischer Autorität mit einbezogen und diskutiert hätte.

Da ein eingehender Vergleich der beiden Kirchenväter bisher ein Forschungsdesiderat darstellt, liefert Liebeschuetz von Neuem einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der spätantiken Zeit. Viele Punkte, die im Rahmen dieses Vergleichs nur angeschnitten werden konnten, regen zu weiteren detaillierten Untersuchungen an.


Anmerkungen:

[1] J. H. W. G. Liebeschuetz: Barbarians and bishops: army, church, and state in the age of Arcadius and Chrysostom, Oxford 1990; Ders.: Political letters and speeches, Liverpool 2005.

[2] N. McLynn: Ambrose of Milan: Church and Court in a Christian Capital, Berkeley / Los Angeles 1994.

[3] M. Illert: Johannes Chrysostomus und das antiochenische Mönchtum: Studien zur Rhetorik und Kirchenpolitik im antiochenischen Schrifttum des Johannes Chrysostomus, Zürich 2000.

[4] C. Rapp: Holy bishops in late antiquity: The nature of Christian leadership in an age of transition, Berkeley 2005.

Michaela Dirschlmayer