Rezension über:

Colin Cruise: Pre-Raphaelite Drawing, London: Thames & Hudson 2011, 248 S., 313 Abb., ISBN 978-0-500-23881-3, USD 50,00
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Rezension von:
Nele Martina Putz
München
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Nele Martina Putz: Rezension von: Colin Cruise: Pre-Raphaelite Drawing, London: Thames & Hudson 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/20079.html


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Colin Cruise: Pre-Raphaelite Drawing

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Anlässlich der Ausstellung des Birmingham Museum & Art Gallery zum Thema "The Poetry of Drawing" ist 2011 in London Colin Cruises begleitende Studie "Pre-Raphaelite Drawing" erschienen. Die Publikation setzt es sich zum Ziel, den zentralen Stellenwert zu verdeutlichen, den Zeichnung und Design im Œuvre der präraffaelitischen Bruderschaft und ihrer Anhänger einnehmen. Dabei widmet sich die Untersuchung einer Zeitspanne, welche die Anfänge der Präraffaeliten bis hin zur Etablierung von Symbolismus und Art Nouveau einschließt. Das Anliegen des Autors ist es, das häufig als minder interessant angesehene Zeichnen als einen Hauptfaktor des kreativen Schaffensprozesses zu berücksichtigen und ihm die herausragende Stellung zuzuweisen, die ihm gebührt.

Die Ausstellung in Birmingham gilt als gelungenste und einmalige Zusammenstellung von präraffaelitischen Werken auf Papier, die je einem breiteren Publikum zugängig gemacht wurde. Neben der bedeutenden viktorianischen Sammlung des Birmingham Museum & Art Gallery, die Exemplare der bildenden Künste sowie Arbeiten der angewandten Künste umfasst, waren zwischen Januar und Mai 2011 auch Schlüsselwerke aus öffentlichen und privaten Kollektionen zu sehen. Darunter befanden sich Werke, die zuvor weder ausgestellt noch je publiziert worden sind.

Ausstellungen und Publikationen zu bislang weniger beachteten Themen der präraffaelitischen Kunst haben Konjunktur und sorgen dafür, dass die eher als konservativ geltende Forschung zu jener Epoche mit neuen Argumenten unterfüttert wird: 2010 befasste sich nicht nur das Ashmolean Museum, Oxford, mit den Italienbezügen der Bruderschaft, auch das Barber Institute, Birmingham, würdigte mit einer Schau zu John Bretts präraffaelitischen Porträts ein Randgebiet. [1]

Der von Colin Cruise in Ausstellung und Katalog gewählte Fokus ist ein ungleich breiterer, er behandelt Bleistift- und Kreidezeichnungen, Ausführungen in Tinte, Aquarelle und Radierungen sowie Bleiglasarbeiten und u.a. Manuskripte.

Cruises Argumentation basiert auf der Feststellung, dass Grafik in der Regel nur hinsichtlich der technischen Ausführung analysiert werde, denn die Zeichnung gelte den meisten als zu unfertig und dementsprechend geradezu 'instabil', um diskussionsfähig zu sein (13f.). Gerade die Präraffaeliten, insbesondere Dante Gabriel Rossetti, wurden häufig für ihre mangelhaften Zeichenkünste diskreditiert. Der Autor und Kurator beweist, dass die 'unfertigen' Werke zu Unrecht vernachlässigt worden sind und es gelingt ihm, ihren außerordentlichen Einfluss nachzuweisen.

Indem Cruise die einzelnen Mitglieder der Bruderschaft gegeneinander stellt, werden die unterschiedlichen Herangehensweisen der Maler deutlich und es besteht kein Zweifel, dass es keine einheitliche präraffaelitische Zeichenmethode gibt. John Everett Millais' jugendliche Experimentierfreudigkeit beispielsweise entwickelte sich hin zu einem virtuosen Raffinement (der Leser kann sich selbst anhand der Study of the Head of Elizabeth Siddal for 'Ophelia' überzeugen). Edward Burne-Jones hingegen interessierte sich kaum für zeitgenössische Themen im Sinne von Millais, sein visuelles Spektrum bezeichnet Cruise gar als 'narrow' (18). Jedoch wechselte sein experimenteller Zeichenstil im Laufe seines Schaffens konstant. William Holman Hunt nutzte das Zeichnen eher zu dokumentarischen denn expressiven Zwecken - konsequenterweise ist sein Stil als der am wenigsten experimentelle einzuordnen. Besondere Bedeutung wird Dante Gabriel Rossetti beigemessen, dessen Werke eher selten in Öl ausgeführt wurden: 'he neither adopted the academic convention for the representation of the human figure nor graduated immediately into painting as his central practice' (27). Da ihm daran gelegen war, in seinen Werken eine Verbindung zwischen der bildlichen und der textuellen Darstellung herzustellen, kam ihm das Zeichnen entgegen.

Obgleich Cruise dem üblichen Topos der jungen, hitzigen, rebellischen Bruderschaft gerecht wird, findet er erfrischend neue Bildkontraste, um dies zu untermauern. Der einzige Weg, in den 1840er-Jahren künstlerischen Erfolg zu erlangen, führte über die Royal Academy. Den akademischen Prinzipien folgend hatte sich ein Aspirant zunächst zeichnerisch hervorzutun, um schließlich im Malen geschult zu werden. Zwar zeigten sich die Präraffaeliten der Akademie gegenüber kritisch, doch wurden durchaus nicht alle ihre Mitglieder beanstandet. Cruise führt William Mulready an, dessen Werk Seated Male Nude Zeugnis darüber ablegt, dass es auch vor dem Zusammenschluss der Bruderschaft bereits Verfechter des 'Truth to Nature'-Prinzips in der viktorianischen Grafik gab. Mulreadys Studie wird auf geistreiche Weise Rossettis antiakademischer Arbeit Study of a Male Nude for 'Giotto Painting the Portrait of Dante'gegenübergestellt. Aufschlussreich sind die kalligrafischen Zeichnungen, die im Zusammenhang mit dem Engagement von Hunt, Millais und Rossetti für die Cyclographic Society entstanden sind - sie demonstrieren die anfängliche Affinität zum Linearen, die in den Buchillustrationen zur vollen Entfaltung kommen sollte.

Dem Einfluss John Ruskins ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem darauf eingegangen wird, wie der Kunsttheoretiker die Gruppe vom linearen Zeichnen hin zur direkten Konfrontation mit der Natur bewegte.

Die darauffolgende Analyse der Porträtzeichnungen und Karikaturen innerhalb der Pre-Raphaelite Brotherhood beinhaltet Überlegungen zu einer Anzahl von Zeichnungen, die als das 'Woolner Set' bekannt sind. Cruise macht darauf aufmerksam, dass die gegenseitigen Bildnisse der Präraffaeliten dem gängigen Image der jungen Rebellen widersprächen, da sie im Gegenteil höchst ernste und eher "trockene" Einblicke böten (103).

Auch den historischen und zeitgenössischen Inspirationsquellen zollt Cruise Tribut und zeigt auf, wie sich die Interessen der Bruderschaft von zeitgenössischen Themen hin zur Illustration von Zeitschriften verlagerten. Ihr Bestreben, ein größeres Publikum zu erreichen, deckt sich mit der viktorianischen Kunstpolitik, der Nation eine ästhetische Erziehung angedeihen zu lassen und sie visuell zu schulen.

Dementsprechend wird auch die von den Präraffaeliten herausgegebene Zeitschrift 'The Germ' vorgestellt, deren Ausgaben jeweils ein Frontispiz zierte. Welch großen Einfluss die Mitglieder auf die folgende Generation hatten, zeigt der Autor anhand von Aubrey Beardsleys Werken auf.

Beachtenswert ist des Weiteren Cruises Einschätzung der Rolle der präraffaelitischen Künstler bezüglich des Designs in der viktorianischen Ära. Während Ruskin eine sehr radikale Position einnahm, weist Cruise nach, dass die präraffaelitischen Entwürfe für Marshall, Faulkner & Co. und nicht zuletzt Morris als eine Art Gegengewicht zu den in den Design-Schulen jener Jahre unterrichteten Prinzipien dienten. Die vorliegende Publikation lässt klar erkennen, dass für die Präraffaeliten die Hierarchie Form/Dekoration über Funktion galt.

Der als Größe innerhalb der Forschung zur viktorianischen Kunst bekannte Cruise schließt seine Studie mit Ausführungen zur Genealogie der Wertigkeit von Zeichnung im 19. Jahrhundert. Es gelingt ihm aufzuzeigen, dass sie im Zuge von Algernon Swinburnes Diskussion der Überzeugungen von Blake und Pater, Zeichnung sei viel mehr als ein Kompositionsversuch, eine entscheidende Aufwertung erfahren habe. Jene kunsttheoretische Reflexion in Verbindung mit den technischen Reproduktionsmöglichkeiten, die dank der Fotografie immer mehr Einfluss ausübten, führten dazu, dass die Zeichnung sich als eigenständige künstlerische Expression emanzipieren konnte (188).

Den Bemühungen des Birmingham Museum & Art Gallery unter der kuratorischen Leitung von Colin Cruise ist es zu verdanken, dass mit der hier angezeigten Publikation ein neues und bisweilen überraschendes Licht auf die Kunst der Präraffaeliten fällt.


Anmerkung:

[1] Colin Harrison / Christopher Newall: The Pre-Raphaelites and Italy, Aldershot 2010; vgl. die Besprechung von Beate Kampmann in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 11 [15.11.2011], URL: http://www.sehepunkte.de/2011/11/19209.html (02.02.2012); Christina Payne: Objects of Affection: Pre-Raphaelite Portraits by John Brett, London 2010.

Nele Martina Putz