Rezension über:

Gernot Ernst / Ute Laur-Ernst: Die Stadt Berlin in der Druckgrafik. Band 1: 1570-1870. Zwei Teilbände mit DVD-ROM, 2., durchgesehene Auflage, Berlin: Lukas Verlag 2010, 864 + 680 S., 1359 Farb- u.615 s/w. Abb., ISBN 978-3-86732-055-9, EUR 220,00
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Rezension von:
Claudia Czok
Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Czok: Rezension von: Gernot Ernst / Ute Laur-Ernst: Die Stadt Berlin in der Druckgrafik. Band 1: 1570-1870. Zwei Teilbände mit DVD-ROM, 2., durchgesehene Auflage, Berlin: Lukas Verlag 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/19654.html


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Gernot Ernst / Ute Laur-Ernst: Die Stadt Berlin in der Druckgrafik

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Bisher griff man bei der Suche nach Berliner Veduten in der Literatur meist auf das von Werner Kiewitz 1937 herausgegebene Bändchen Berlin in der graphischen Darstellung. Handbuch zur Ansichtenkunde zurück. In diesem Verzeichnis waren erstmals Holzschnitte, Kupferstiche, Radierungen, Stahlstiche und Lithografien mit Ansichten Berlins aus der Zeit vom 16. bis zum 20. Jahrhundert erfasst. Mehr als 1500 Bilder waren angeführt, ergänzt um rund vierhundert Arbeiten des Berliner Hof-Fotografen F.A. Schwartz vom Ende des 19. Jahrhunderts. Leider enthielt dieses Buch keine Abbildungen. 1981 hatten Renate Kroll und Horst Drescher im Katalog Potsdam. Ansichten aus drei Jahrhunderten rund 700 gezeichnete und druckgrafische Blätter aus den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin (Ost) erfasst. Diese Publikation war als erster Teil einer Gesamtdokumentation der dortigen Sammlungsbestände zu einer Topografie der Stadt Berlin und der Mark Brandenburg gedacht, doch wurde der Plan bis auf den erwähnten Potsdam-Band nicht verwirklicht. 2007 erschien im Berliner Lukas Verlag die vorbildlich angelegte Bild-Monografie Märkische Ansichten. Die Provinz Brandenburg im Bild der Druckgraphik 1550 - 1850 von Iris Berndt. Unter den 1930 Katalognummern wurden auch einige Regionen der 1920 gebildeten Stadt Groß-Berlin behandelt, die zuvor zum brandenburgischen Osthavelland, zum Niederbarnim und zu Teltow-Storkow gehörten.

Darin ergaben sich einige Überschneidungen zu dem hier vorgestellten Werk von Gernot Ernst und Ute Laur-Ernst, das inhaltlich-motivisch auf dieses zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene und heute noch so existierende Berliner Stadtareal abzielt. Die ausdrückliche Absicht der beiden Autoren war es, das eingangs genannte, oft zitierte, doch schwer erreichbare Kiewitzsche Verzeichnis zu erweitern: Mit immensem Zeit- und Arbeitsaufwand wurden 4200 druckgrafische Ansichten Berlins in einem keine Vollständigkeit beanspruchenden Katalog aufgenommen, die auch, soweit möglich, als Bilder dokumentiert wurden. 1900 dieser gedruckten, gelegentlich kolorierten Blätter sind in der von Rüdiger Kern klug und elegant gestalteten Edition tatsächlich abgebildet. Entstanden ist ein umfangreiches, zweibändiges 1500-seitiges Werk von etwa sieben Kilogramm Gewicht, dem eine sämtliche Abbildungen enthaltende DVD beigegeben ist.

Zuerst haben die Autoren dabei die eigene Berolinensien-Sammlung bearbeitet, darüber hinaus sind Teilbestände öffentlicher und privater Sammlungen, vor allem in Berlin, erschlossen worden. Nur mit der großzügigen Unterstützung durch diese öffentlichen Sammlungen, durch Bibliotheken, Archive, private Sammler, Kunsthändler und Antiquare konnte das vorliegende Verzeichnis im Laufe von etwa zwei Jahrzehnten überhaupt entstehen; zudem förderte die Preußische Seehandlung Berlin den Druck der ersten Auflage dieser Publikation.

Deren erster Band enthält zuerst einen geschichtlichen Überblick zur Regierungszeit der Hohenzollern, verfasst von Gernot Ernst, sowie eine kultur- und kunstgeschichtliche Einführung zu den druckgrafischen Darstellungen Berlins bis 1870, kenntnisreich und inspiriert verfasst von Andreas Teltow. Ergänzend dazu fungiert ein erläuterndes Verzeichnis der Berliner Verlage, Buch- und Kunsthandlungen im zweiten Band.

Dem Titel des Buches folgend hätte man ein nach den einzelnen Stadtbezirken Berlins systematisch gegliedertes Verzeichnis erwartet. Stattdessen wurde eine "Künstlerlexikon" genannte Liste mit Berlin-Ansichten angelegt: Ein Ordnungsprinzip, das die gezielte Suche nach bestimmten Gegenden oder Gebäuden beim im zweiten Band platzierten Register, beim "Stichwortverzeichnis mit zugeordneten Grafiken" beginnen lässt und dabei vergleichendes Betrachten von unterschiedlichen Darstellungen eines topografischen Motivs nur selten ermöglicht.

Das etwa 800seitige, alphabetisch geordnete "Künstlerlexikon" führt rund 600 Künstler auf; ihnen zugeordnet sind rund 2600 Architekturbilder im weit gefassten Sinn, namentlich Veduten, Landschaftsdarstellungen, Einzelansichten von Gebäuden, auch Innenansichten und Details davon, Ereignisdarstellungen, Dedikationsblätter, Ansichten von Monumenten aller Art, auch Porträts, Genreszenen, Karikaturen und Gelegenheitsgrafiken erscheinen, sofern sie topografische Versatzstücke enthalten. Dazu ergänzend sind im Anhang zum zweiten Band noch weitere Grafik-Listen zu finden, etwa zu druckgrafischen Folgen, zu in Druckschriften aufgefundener Druckgrafik oder zur Gelegenheitsgrafik - bei diesen Listen handelt es sich jeweils nur um eine Auswahl aus den genannten drei großen Bereichen. Die anonymen Blätter, rund 1600 an der Zahl, sind dem "Stadtbildlexikon" des zweiten Bandes zugeordnet, sie folgen nach den dortigen ausführlichen Beschreibungen einzelner dargestellter Gegenstände. Die Viten des "Künstlerlexikons" stellen eine Fülle biografischer Informationen bereit. Zwar gelang es den Verfassern manchmal, Lebensdaten und biografisches Material zu weniger bekannten Künstlern ausfindig zu machen, oftmals jedoch wurde unkritisch paraphrasiert, was durch die Forschung und aus den Nachweisen bei Thieme-Becker oder aus dem neu aufgelegten Allgemeinen Künstler-Lexikon sowieso zugänglich ist.

Wie sehen Einträge im "Künstlerlexikon" aus? Dem Bildhauer Gottfried Schadow werden sieben Blätter zugewiesen, doch stammen nachweislich nur eine grafische Vorlage und eine Radierung von ihm. Auf dieser satirischen Napoleon-Radierung vermerkte der auf Verschleierung der eignen Autorschaft bedachte Schadow, sie sei bei "Gilrai à Paris" erschienen. Hans Mackowsky deutete dies im bereits 1927 erschienenen Werkverzeichnis der Schadowschen Druckgrafik als sprachlichen Schabernack, als Wortgebilde, das an James Gillray, aber auch an den französischen Gilles/Gimpel erinnere, im Wort "rai" auch "roi" bedeuten könnte und vielleicht frei als "Gimpelkönig" übersetzt werden sollte. Obwohl das Werkverzeichnis von den Autoren zitiert ist, erscheint die bewusst in die Irre führende Beschriftung des Blattes unkommentiert in der Zeile "Verlag". Eine Lithografie mit Schadows Quadriga vom Brandenburger Tor ist bei ihrem Urheber Carl Siegmund zu finden - im "Stichwortverzeichnis mit zugeordneten Grafiken" des zweiten Bandes ist sie dem Brandenburger Tor nicht zugeordnet, sie ist in diesem Register gar nicht verzeichnet und kann nur beim zufälligen Blättern im Buch entdeckt werden. Schadows Stettiner Standbild Friedrichs des Großen, auf einer Radierung von Friedrich Rosmäßler wiedergegeben, ist ebenso kommentarlos abgebildet. Wilhelm Schadows mit Fehlern behaftete Biografie ist eingefügt, doch stammt das dazugegebene Blatt sicher nicht von ihm: Die Autoren selbst zweifeln daran und hätten es - den eignen Ordnungskriterien folgend - leicht Albert Schadow zuschreiben können. Ähnliche Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten ergeben sich beispielsweise beim Architekten Eduard Knoblauch oder beim Bildhauer Andreas Schlüter, bei den Malern Carl Blechen und Adolph Menzel. Eine Menge Schreib- und Druckfehler kommt jeweils hinzu. Es wird deutlich, dass hier ein gedruckter Katalog vorgelegt wurde, der den Nutzer in jedem einzelnen Fall zur mühseligen Überprüfung des Dargebotenen zwingt.

Die jeweiligen Katalogeinträge zu den Blättern enthalten neben den Titeln die üblichen technischen Angaben, auch ausgewählte Literaturhinweise sowie Standortvermerke mit Inventarnummern. Befremdlich ist die stereotype Wiederholung des Aufnahmeschemas: Eine entsprechende Erklärung im Vorspann zum Katalog hätte dies erübrigt und bei deutlicher Einsparung von bedrucktem Papier obendrein zu leichterer Lesbarkeit geführt. Titel, Beschriftung, Datierung, Drucktechnik und Maße sind in sehr vielen Fällen ungenau, fehlerhaft oder gar nicht angegeben, was teilweise schon bei Betrachtung der beigegebenen Abbildung offenbar wird. Diese zahlreich vorhandenen Abbildungen sind von stark unterschiedlicher Güte, denn neben prächtigen Farbabbildungen existieren solche, die winzig, unscharf und rigoros beschnitten sind. Zu einer reinen Dokumentation wären die letzteren vielleicht nutzbar gewesen, jetzt fügen sie den gerade in ihrer feinen Differenzierung oft so zart wirkenden grafischen Kunstwerken und ihren Urhebern noch lange nach deren Tode größten nur erdenklichen Schaden zu, da sie ihre besonderen Qualitäten einfach negieren.

Trefflich schreibt Teltow in seinem Aufsatz, dass die Mehrzahl aller jetzt nachgewiesenen Berlin-Ansichten dem 19. Jahrhundert entstammt, als Berlin, Nürnberg und Augsburg überflügelnd, zum deutschen Zentrum des Druck- und Verlagswesen wurde. Vor allem im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts verbreitete sich ein Motivkanon bald durch alle Bildmedien; von den anspruchsvollen, an ein Sammler- und touristisches Publikum gerichteten Veduten bis hin zu künstlerisch oder autodidaktisch gestalteten gebrauchsgrafischen Arbeiten, wie Briefköpfe, Urkunden der Gewerke, Guckkastenblätter, Bilderbogen und Werbezettel. Bei der Bearbeitung einer aus dieser dynamischen Entwicklung erwachsenen Flut bildlichen Materials haben sich viele ungelöste Probleme ergeben, die nun bedauerlicherweise in Buchform verfestigt vorliegen. Doch soll das unbestritten große Verdienst, einen immensen Bilder-Fundus zur Berliner Topografie gesichtet, dokumentiert und ausgewertet zu haben, nicht geschmälert werden. Die hier zusammengetragenen Informationen geben Anregungen nach allen möglichen Seiten und bilden ein stadtgeschichtliches und biografisches Handbuch, dessen vorzüglichster Wert in der weitgehenden bildlichen Dokumentation liegt.

Claudia Czok