Rezension über:

Volker Grabowsky: Kleine Geschichte Thailands (= Beck'sche Reihe; 1818), München: C.H.Beck 2010, 208 S., 4 Karten, ISBN 978-3-406-60129-3, EUR 12,95
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Sven Trakulhun
Universitärer Forschungsschwerpunkt Asien und Europa, Universität Zürich
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Sven Trakulhun: Rezension von: Volker Grabowsky: Kleine Geschichte Thailands, München: C.H.Beck 2010, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 2 [15.02.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/02/18508.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Volker Grabowsky: Kleine Geschichte Thailands

Textgröße: A A A

Die Kleine Geschichte Thailands schließt eine Lücke in der deutschsprachigen historischen Asienliteratur, denn eine Gesamtschau der thailändischen Geschichte von ihren Ursprüngen bis in die jüngste Zeit in einem Band fehlte bisher auf Deutsch. Ihr Autor, der Historiker Volker Grabowsky, ist Professor für Sprache und Kultur Thailands an der Universität Hamburg und ein ausgewiesener Kenner der Materie.

Der dem Sachbuch-Sujet "Kleine Geschichte" eigene Zwang zur Kürze verleitet Grabowsky nicht zur holzschnittartigen Vereinfachung. Ganz im Gegenteil, es gelingt ihm, die sprachliche, ethnische und kulturelle Vielfalt Thailands (dem früheren Siam) auch dort im Blick zu behalten, wo sie realhistorisch in den Konvergenzsog einer energischen Zentralstaatsentwicklung geraten ist, die lange auch die Formen einheimischer Geschichtsschreibung bestimmt hat. Überhaupt besteht die wohl auffallendste Besonderheit von Grabowskys Buch in einer konsequenten "Dezentralisierung" der thailändischen Geschichte, die quer zu homogenisierenden historischen Entwürfen des Königreichs steht. Als Experte (auch) für die Geschichte Nordthailands und des heutigen Laos liegt es für Grabowsky wohl besonders nahe, zuweilen gleichsam von den Rändern her auf seinen Gegenstand zu blicken.

In der Nationalhistoriographie Thailands gibt es seit den 1920er Jahren die Konvention, die Geschichte des Landes nach seinen Hauptstädten zu ordnen. Seither gibt es eine Sukhothai-Periode (1238-1350), eine Ayutthaya-Periode (1351-1767) und eine Bangkok-Periode (1768-heute). Dabei verschob sich das politische Gravitationszentrum des Staates im Laufe der Jahrhunderte südwärts in das heutige Zentralthailand. Die älteren Machtzentren und Königreiche wurden so zur bloßen Vorgeschichte und zur Peripherie thailändischer Nationalgeschichte. Grabowsky gelingt es, gegenüber dieser nationalen master narrative den polyzentrischen Charakter vormoderner südostasiatischer Staatenwelten in Erinnerung zu halten. Die geschichtlichen Entwicklungen etwa der Königreiche von Lan Na oder Chiang Mai im Norden stehen bei ihm gleichberechtigt neben jenen von Sukhothai oder Ayutthaya. Die ersten knapp zwei Drittel des Buches beschäftigen sich vornehmlich mit den verschiedenen Machtzentren, die seit dem 13. Jahrhundert um Vorherrschaft auf dem südostasiatischen Festland rangen, mit den religiös-kosmologischen Voraussetzungen (Theravada-)buddhistischer Herrschaftsformen und dem fluiden Charakter des Tributsystems als dem vorherrschenden Prinzip zwischenstaatlichen Verkehrs in der Region bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die letzten drei Kapitel schildern den Weg Siams zum Nationalstaat unter den Königen Mongkut und Chulalongkorn, kommen dann auf die Rolle Thailands im Zweiten Weltkrieg zu sprechen und führen bis zum Ausgang des Kalten Krieges am Ende des 20. Jahrhunderts.

Dabei wird auch deutlich, wie Thailand seine staatliche Eigenständigkeit selbst im Zeitalter des Imperialismus bewahren konnte. Dazu gehörten nicht nur staatsmännisches Geschick, diplomatische Geschmeidigkeit und eine vergleichsweise günstige politische Großwetterlage in entscheidenden historischen Momenten, sondern auch die Bereitschaft zur "Selbstzivilisierung", d. h. die Fähigkeit zur (oft nur punktuellen) Adaption von als fortschrittlich und für die eigenen Zwecke als nützlich erkannten Regierungs- und Verwaltungstechniken aus dem Westen. Grabowsky beschreibt die in dieser Hinsicht entscheidende zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als eine Zeit stetiger obrigkeitlicher Reformen in Siam, die nicht allein der Abwehr kolonialer Bedrohungen durch Briten und Franzosen dienen sollten. Sie zielten auch darauf ab, das Land durch weitreichende Veränderungen in Gesellschaft, Religion, Wissenschaft und Verwaltung in den Kreis der "zivilisierten" Nationen der Erde zu führen. Siwilai, so das thailändische Lehnwort, erschien dabei nicht nur als Schlüssel zur erfolgreichen Selbstbehauptung gegenüber imperialem Druck von außen, sondern auch als möglicher Weg zu einer regionalen Großmacht. Die Politik des siamesischen Hofes trug also immer sowohl anti-koloniale als auch latent imperialistische Züge. Die Sonderrolle, die das Königreich von Siam dadurch in Südostasien einnahm, ist darum wohl am besten mit derjenigen Japans in Ostasien während der Meiji-Periode vergleichbar, dem anderen Land in Asien, das sich einer direkten kolonialen Kontrolle durch europäische Mächte zu entziehen vermochte.

Die Kosten des staatlichen Reformeifers, der in Siam sogar einige Jahrzehnte früher einsetzte als in Japan, werden von Grabowsky freilich nicht verschwiegen: Das Staatsterritorium der siamesischen Nation entstand am Reissbrett der Geographen. Den Grenzverlauf diktierten vor allem die geopolitischen Interessen der Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien. Es wurden dabei zum Teil vormals autonome oder wenigstens semi-autonome Vasallenstaaten integriert, die durch den Verlust ihrer Souveränitätsrechte zu Konfliktherden werden konnten. Andere Gebiete, die der siamesische König traditionell als Teil seines Reiches betrachtet hatte, gingen verloren - so etwa das heutige Kambodscha, das 1863 zum französischen Protektorat wurde.

Den Zeitraum von der Revolution von 1932 (dem Jahr der Abschaffung der absoluten Monarchie in Thailand) bis in unsere Zeit zeichnet Grabowsky als ein komplexes Ringen zwischen Diktatur und Demokratie nach, das für junge Demokratien in all ihren Mischformen, globalhistorisch betrachtet, nicht untypisch sein mag. Ebenso zeigt Grabowsky, wie die Systemkonkurrenz des Kalten Krieges sich auch in den politischen Konflikten innerhalb der thailändischen Gesellschaft spiegelte - mit unerfreulichen Auswirkungen etwa für kommunistisch-maoistische Gruppen, die in Thailand rigoros verfolgt wurden.

Die Jahre bis 1997 erscheinen bei Grabowsky insgesamt vor allem als eine Zeit modernisierender Selbstverwandlung der thailändischen Gesellschaft im Geiste des westlichen Kapitalismus, mit all ihren erwünschten und unerwünschten Folgen.

Erst der Beginn der asiatischen Wirtschaftskrise 1997 hat in Thailand Zweifel an einem Erfolgsmodell gesät, das bis dahin im Großen und Ganzen gut funktioniert hatte. Eine allgemeine Verunsicherung griff nach dieser wirtschaftlichen Talfahrt um sich, die zugleich einen Nährboden bildete für den bemerkenswerten Aufstieg des Geschäftsmannes und Politikers Thaksin Shinawatra, der in seiner Mischung aus Korruption, Vetternwirtschaft und Steuerbetrug im Übrigen seltsame Parallelen zum ungefähr gleichzeitigen Triumph Silvio Berlusconis in Italien aufweist. Thaksin hat das Land seither tief gespalten: in seine Anhänger, die Rothemden, und seine Gegner, die Gelbhemden, die einander heute mit manichäischem Eifer bekämpfen.

Auf den letzten Seiten des Buches stellt Grabowsky knapp dar, dass in dieser Frontstellung viele Konfliktlinien gebündelt sind, die die teils auch gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Lagern kompliziert und gefährlich machen. Es mag an der Gesamtanlage des Buches liegen, dass Grabowsky den regionalen Gesichtspunkt des Konflikts besonders hervorhebt. Dafür gibt es auch einen Grund. Thaksin war nie ein Teil des königsnahen Bangkoker Establishments. Er stammt aus dem Norden des Landes und hat während seiner Zeit als Premier seiner Heimatregion durch verschiedene Entwicklungsprogramme besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Ob aber die Frage nach dem Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie tatsächlich zum Kern des eigentlichen Problems führt, ist keineswegs sicher. Soziale Spannungen, wirtschaftliche Ungleichheit, m.E. auch religiöse Konflikte, vor allem im muslimischen Süden, auch die Unsicherheit über die Zukunft der Monarchie (und die damit verbundenen Verfassungsfragen) - all diese Aspekte spielen in den Konflikt mit hinein, sind aber nicht immer primär räumlich sortiert: Gelbhemden und Rothemden leben heute in Thailand Tür an Tür.

Die Kleine Geschichte Thailands sollte von all jenen gelesen werden, die eine kurze Einführung in die Materie suchen. Die Literaturliste am Ende des Bandes verzeichnet zuverlässig die wichtigsten Titel zum Weiterlesen. Darum ist dieses Buch als Einstieg ausdrücklich zu empfehlen. Wer es etwas ausführlicher mag, sollte auch auf die anderen Einführungen zur Geschichte Thailands greifen, die in englischer Sprache erschienen sind. [1]


Anmerkung:

[1] V.a. David K. Wyatt: Thailand - A Short History, New Haven and London 1982 (2. Aufl. 2003); Chris Baker und Pasuk Phongpaichit: A History of Thailand, Cambridge 2005. Kürzlich erschienen ist Barend J. Terwiel: Thailand's Political History. From the 13th Century to Recent Times, Bangkok 2011.

Sven Trakulhun