Rezension über:

Stefan Karner / Barbara Stelzl-Marx / Natalja Tomilina u.a. (Hgg.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy - Chruschtschow (= Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz - Wien - Klagenfurt; Sonderband 12), Innsbruck: StudienVerlag 2011, 1056 S., ISBN 978-3-7065-5024-6, EUR 39,90
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Rezension von:
Mechthild Lindemann
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Mechthild Lindemann: Rezension von: Stefan Karner / Barbara Stelzl-Marx / Natalja Tomilina u.a. (Hgg.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy - Chruschtschow, Innsbruck: StudienVerlag 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 11 [15.11.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/11/20047.html


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Stefan Karner / Barbara Stelzl-Marx / Natalja Tomilina u.a. (Hgg.): Der Wiener Gipfel 1961

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Stattliche 1056 Seiten sind zwei Tagen im Juni 1961 gewidmet: Dem seinerzeit mit Spannung erwarteten Aufeinandertreffen der führenden Staatsmänner der neuen Supermächte UdSSR und USA. Die Zusammenkunft von Ministerpräsident Chruschtschow und Präsident Kennedy am 3./4. Juni machte Wien zur "Bühne der Weltpolitik" (495), stand aber schon bald im Schatten des Mauerbaus in Berlin am 13. August 1961. Diesem sind daher zu Recht vier gesonderte Beiträge gewidmet.

Ungeachtet der bereits vorhandenen, im Anhang auf beachtlichen 30 Seiten aufgeführten Forschungsliteratur zu den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen in dieser Zeit und den in Wien behandelten zentralen Themen der internationalen Politik erweist sich die Lektüre des voluminösen Sammelbandes - Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojekts mit über 60 Beteiligten aus Österreich, der Russischen Föderation, den USA und der Bundesrepublik Deutschland - als lohnend. Die Einleitung bietet zunächst eine allgemeine Einordnung des Wiener Gipfels in die internationale Politik der frühen 60er Jahre und einen interessanten Überblick über die Anfänge der heutzutage in den internationalen Beziehungen alltäglich gewordenen Gipfeltreffen. Sie waren, wie David Reynolds zeigt, von den Beteiligten, vor allem aber der Öffentlichkeit, in der Regel mit hohen Erwartungen verbunden und wurden als spektakulär wahrgenommen. Kennedy jedoch dürfte sich in dieser Hinsicht keinen Illusionen hingegeben haben, als er Chruschtschow ein informelles Treffen an neutralem Ort vorschlug.

Ein großer Abschnitt rückt den Wiener Gipfel in seinen internationalen Kontext. Dazu gehören eine knappe Einführung in die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ost und West ebenso wie die Analyse der Motive und Zielsetzungen der beiden Hauptakteure. Auch wird der Blick auf Großbritannien und Frankreich gerichtet, deren Abstieg aus dem Kreis der Großmächte sich auch durch den Aufbau eigener atomarer Potentiale nicht aufhalten ließ und sich darin widerspiegelte, dass sie - anders als noch 1955 in Genf - nicht mehr mit am Konferenztisch saßen. Der sowjetischen Perspektive wird nicht zufällig besonders breiter Raum gegeben. Mittlerweile zugängliche Dokumente aus russischen Archiven ermöglichen neue Erkenntnisse über das Denken und Handeln der sowjetischen Führung, ihren Informationsstand über die Politik ihres westlichen Gegenübers und ihre Haltung zu den damals auf der internationalen Agenda stehenden Themen. Neben den bilateralen Beziehungen zu den USA waren dies Berlin und die Abrüstungsfrage. Aber auch die Bedeutung Chinas, die Laos-Frage und die entstehende Systemkonkurrenz vor allem in Afrika werden in eigenen Beiträgen in den Blick genommen.

Aus einer ganz anderen Perspektive wird das Spitzentreffen in Wien in einem weiteren Kapitel beleuchtet: Hier geht es um Dramaturgie und Atmosphärisches wie das bei einer solchen Konferenz nicht wegzudenkende Damenprogramm, die Gastgeschenke und das Essen. Beispielsweise erfährt man, dass Chruschtschow mit dem Zug und nach Absprache mit der Kommunistischen Partei Österreichs erst um 17 Uhr anreiste, um von österreichischen Arbeitern auf den Straßen Wiens begrüßt werden zu können. Es ist nachzulesen, was zu den offiziellen Essen serviert und welche Weine und Spirituosen dazu gereicht wurden (nur die Mengenangaben fehlen ...), außerdem, dass ausgerechnet das Essen beim Galadiner des Bundespräsidenten Schärf leicht missriet, was aber durch das kulturelle Rahmenprogramm wettgemacht wurde. Berichte von Zeitzeugen runden diesen Abschnitt ab.

Den bereits erwähnten, weitgehend auf neuester Quellenbasis beruhenden Beiträgen zur Berlin-Krise schließen sich solche zur Rolle des Gastgebers an: Welche Bedeutung hatte die Ausrichtung des Gipfels für Österreichs Position in der internationalen Politik, und welchen Stellenwert hatte er insbesondere für die österreichisch-sowjetischen Beziehungen?

Im Anhang schließlich finden sich äußerst nützliche Chronologien zur internationalen Politik von 1960 bis 1962 im allgemeinen und zum Wiener Gipfel im besonderen, Delegationslisten und Biographien der Hauptakteure, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Orts- und Personenregister. Hier sind auch die bereits andernorts veröffentlichten amerikanischen und sowjetischen Gesprächsprotokolle (letztere in deutscher Übersetzung) erneut abgedruckt. Die synoptische Form des Abdrucks macht einen schnellen und aufschlussreichen Vergleich beider Varianten möglich.

Nuanciert fällt die Bewertung der Ergebnisse des Gipfels aus: Er sei insofern ein Wendepunkt in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen gewesen, so die These in Vorwort und Einleitungskapitel, als Chruschtschow aus Wien den Eindruck mitgenommen habe, dass Kennedy ein schwacher Gegenspieler sei, und dadurch zur weiteren Eskalation der Krisen in Berlin und in Kuba ermutigt worden sei. Demgegenüber sei Kennedy durch die Erfahrung seines ersten Gipfels zu mehr Festigkeit und Härte in der Berlin-Frage und im Folgejahr in der Kuba-Krise veranlasst worden. Mit Recht weist freilich Timothy Naftali darauf hin, dass diese Bewertung u. a. auch davon abhängt, ob man die amerikanische Entschlossenheit in der Berlin- und Kuba-Krise tatsächlich als Folge des Wiener Gipfels sieht (498). In der Tat mochte Kennedy im Juni 1961 durch die misslungene Invasion in der kubanischen Schweinebucht sechs Wochen zuvor politisch geschwächt sowie - gesundheitlich angeschlagen und unter schweren Medikamenten stehend - seinem Gegenüber schon physisch und sicher in der ideologischen Debatte nicht gewachsen sein.

Das Fehlen messbarer Ergebnisse des Treffens - sieht man einmal von Übereinstimmungen in der Laos-Frage ab - war jedoch in erster Linie die Folge höchst unterschiedlicher Zielsetzungen. Kennedys Themen, dies hatte er seit seiner Amtseinführung hinreichend deutlich gemacht, waren die Rüstungskontrolle und die Eindämmung des Rüstungswettlaufs, um die Welt vor einem atomaren Schlagabtausch zu bewahren. In dem Interesse, für weitere Gespräche darüber in einer persönlichen Begegnung das notwendige Vertrauen zu schaffen, glaubte er sich mit seinem Gegenüber einig und war in der Tat schockiert angesichts des emotionalen und teilweise aggressiven Auftretens des Kremlherrschers, dem an einer Vertrauensbildung und den aus amerikanischer Sicht so drängenden Themen offensichtlich wenig lag. Chruschtschows Vorstellungen wiederum kreisten, wie v. a. die Beiträge von Gerhard Wettig und Manfred Wilke zeigen, überwiegend um Berlin und die von ihm favorisierte "Freistadt-Lösung". Sie sollte der Präsenz der drei westlichen Alliierten in der Stadt, möglichst auch der amerikanischen Anwesenheit in Europa und dem westlichen Bündnis insgesamt ein Ende bereiten. In Kennedy sah er schon vor Wien einen unerfahrenen "Jungspund" (570), dem er seine Vorschläge aufzwingen zu können glaubte. An der Entschlossenheit der amerikanischen Regierung, mit Frankreich und Großbritannien an den alliierten Rechten in Berlin festzuhalten und diese notfalls auch zu verteidigen, ließ der US-Präsident aber keinen Zweifel. Für Versuche, ob diese Position fortgesetztem sowjetischem Druck standhalten würde, lief Chruschtschow die Zeit davon: Angesichts der wachsenden Flüchtlingsströme via Berlin und dem drohenden Ausbluten der DDR sah er sich gezwungen, seine weitergehenden Ziele fallen zu lassen und mit der Errichtung der Mauer Ulbrichts Drängen auf eine Abriegelung der Sektorengrenze nachzugeben.

Mechthild Lindemann