Rezension über:

Plamen Mitev / Ivan Parvev / Vania Racheva u.a. (eds.): Empires and Peninsulas. Southeastern Europe between Karlowitz and the Peace of Adrianople, 1699-1829, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2010, 279 S., ISBN 978-3-643-10611-7, EUR 54,90
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Rezension von:
Peter Mario Kreuter
Südost-Institut, Regensburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Peter Mario Kreuter: Rezension von: Plamen Mitev / Ivan Parvev / Vania Racheva u.a. (eds.): Empires and Peninsulas. Southeastern Europe between Karlowitz and the Peace of Adrianople, 1699-1829, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 11 [15.11.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/11/19122.html


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Plamen Mitev / Ivan Parvev / Vania Racheva u.a. (eds.): Empires and Peninsulas

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Sammelbände können einem Rezensenten arge Probleme bereiten. "Empires and Peninsulas" kann dafür als Paradebeispiel dienen. Laut Vorwort (1-2) waren der 310. Jahrestag des Friedens von Karlowitz und der 180. Jahrestag des Friedens von Adrianopel der Grund, im Oktober 2009 zu diesen beiden Vertragswerken und der Epoche, die sie begrenzen, eine Tagung in Sofia abzuhalten und deren Beiträge in Buchform zu gießen. Eine an sich nicht ungewöhnliche Vorgehensweise, nur ... man hätte sich besser ein wenig mehr Zeit mit der Publikation lassen sollen.

Denn allein der Umfang vieler Beiträge ließ den Rezensenten eine problematische Lektüre erahnen. 28 Beiträge auf 280 Seiten, das deutet darauf hin, dass einige der Autoren nur wenig mehr denn ihre Vortragsmanuskripte abgeliefert haben. Ganz offensichtlich ist dies der Fall bei Ilya Zaytsevs "The Crimean Khanate between Empires: Independence or Submission" (25-27), ein Beitrag, der zwar zu einem klaren Ergebnis kommt (die Osmanen waren erst spät die eigentlichen Herren im Khanat), den Weg dorthin aber auf lediglich drei Seiten und anhand von zusammengefasster Forschungsliteratur (insgesamt 10 Fußnoten auf drei Seiten) darlegt. Zaytsevs Beitrag ist nicht der einzige von 10 Seiten oder darunter - gleich 16 Beiträge sind in dieser Kategorie zu verorten. Allerdings ist Zaytsevs Text der kürzeste von allen.

Dementsprechend ist der Erkenntniswert dieser Beiträge eher gering. Meist sind sie brauchbare Zusammenfassungen des Forschungstandes oder benennen Desiderata bzw. geben erste Hinweise auf Forschungsergebnisse. Leider findet aufgrund der Kürze eine Präsentation der Ergebnisse selten im Rahmen einer größeren Diskussion statt. Auch eine Verortung des Vortragsthemas in der Forschung sucht man hier zumeist vergeblich.

Keinesfalls ist dieser Sammelband ohne seine Meriten. Es finden sich einige spannende und informative Beiträge. Ein solcher ist Maria Baramovas "Seen Through Zedler's Eyes: The 18th-Century Habsburg-Ottoman Conflict and the Modern Encyclopedic Knowledge" (95-105). Anhand der Diskussion verschiedener Einträge wie "Carlowitz", "Türcken" oder "Zeitung" im Zedlerschen Universallexikon wird die Bedeutung herausgearbeitet, die die Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich für die Zeitgenossen hatte. Laut Baramova seien insbesondere die Friedensverträge von Karlowitz und Passarowitz breitest dokumentiert und der Leserschaft erläutert worden, doch auch für einzelne Schlachten ebenso wie für die handelnden Persönlichkeiten sei so viel Material vorhanden, dass sich ein nicht vorinformierter Leser ein genaues Bild habe machen können. Dabei herrschte in der Darstellung ein weitgehend sachlicher Ton vor. Interessant ist ferner ihre Analyse, dass der Friede von Belgrad 1739 nur höchst vorsichtig besprochen wurde, wohl, um das unvorteilhafte Ergebnis dieses Friedens nicht über Gebühr herauszustellen und damit den Unwillen von politischer Seite zu provozieren.

Ebenfalls erhellend sind die Ausführungen von Dzheni Ivanova zu "The Impact of the 1683-1699 War on the Ottoman Rear: The Story of Silâhdar Mehmed Ağa about the Haydut Raid on Kyustendil in 1689/90" (217-229). Hier wird eine Episode aus einem umfangreichen Quellentext genommen und auf ihre Konsistenz befragt sowie in Hinblick auf die Informationen untersucht, die die Beschreibung des Überfalls auf Kjustendil zum Hajdukenwesen geben kann. Die Autorin legt dabei eine breite Kenntnis der einschlägigen Literatur an den Tag.

Das schwerwiegendste Problem des Bandes ist wohl die fehlende Kohärenz der Beiträge untereinander - sie geben eben die Konferenzvorträge wieder. War die Konferenz in Sofia aber in drei Themenschwerpunkte unterteilt, so fehlt im Band jeder Hinweis darauf. Es gibt keine Einteilung nach Kapiteln oder Schwerpunkten, aber auch keinen sonstigen Anhaltspunkt für die Abfolge der Beiträge. Nicht einmal alphabetisch nach Nachnamen sind sie angeordnet - sie stehen einfach einer nach dem anderen da. Außer dem knappen Vorwort von zwei Seiten gibt es aber keine weiteren Erläuterungen von Seiten der Herausgeber. Da der üblicherweise vorhandene technische Teil wie Verfasserverzeichnis, Register oder Bibliographie ganz fehlt, bleibt der Leser mit der Frage, warum denn der Band so aussieht, wie er eben aussieht, alleingelassen. Was die Beiträge jenseits ihrer Zugehörigkeit zu ein und demselben Sammelband verbindet und wo sie im Kontext der aktuellen Forschung zu verorten sind, wird nirgendwo deutlich.

Dieses Werk zutreffend und gerecht zu beschreiben, ist, wie eingangs angedeutet, nicht ganz einfach. "Empires and Peninsulas" wurde zu schnell gedruckt. Dabei sind die einzelnen Beiträge durchaus gut redaktioniert; sinnentstellende Druckfehler oder andere Anzeichen für große redaktionelle Hektik sind dem Rezensenten nicht aufgefallen. Zu viele Beiträge machen aber den Eindruck von Vortragspapieren, die lediglich besser ausformuliert und um Fußnoten ergänzt wurden. Ihr wissenschaftlicher Mehrwert ist daher bescheiden. Einige längere Aufsätze hingegen sind originell und bereichern als Detailstudien die wissenschaftliche Literatur. Das eigentliche Ärgernis ist das völlige Fehlen von Struktur. Hier wären die Herausgeber gefragt gewesen. So ist "Empires and Peninsulas" eine Dokumentation der Vorträge der Sofioter Konferenz von 2009, mehr leider aber auch nicht.

Peter Mario Kreuter