Rezension über:

Jan Tomasz Gross / Irena Grudzińska-Gross: Złote żniwa. Rzecz o tym, co się działo na obrzeżach zagłady Żydów, Kraków: Znak 2011, 205 S., ISBN 978-83-240-1522-1, PLN 36,90
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Jan Grabowski: Judenjagd. Polowanie na Żydów 1942-1945. Studium dziejów pewnego powiatu, Warszawa: Stowarzyszenie Centrum Badań nad Zagładą Żydów 2011, 258 S., ISBN 978-83-932202-0-5, PLN 40,00
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Barbara Engelking: Jest taki piękny słoneczny dzień.. Losy Żydów szukających ratunku na wsi polskiej 1942-1945, Warszawa: Stowarzyszenie Centrum Badań nad Zagładą Żydów 2011, 289 S., ISBN 978-83-932202-1-2, PLN 40,00
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Rezension von:
Piotr Weiser
Jagiellonen-Universität, Krakau / Jüdisches Historisches Institut, Warschau
Empfohlene Zitierweise:
Piotr Weiser: Zur polnischen Beteiligung am Holocaust (Rezension), in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/07/20323.html


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Zur polnischen Beteiligung am Holocaust

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Die polnische Debatte über das Schicksal der Juden unter der deutschen Besatzung reichte lange Zeit selten über eine einfache Dichotomie hinaus. Die Juden haben natürlich, so sagen die Diskutanten, unsäglich gelitten, aber die Polen nicht minder. Es brannten Synagogen, aber auch Kirchen, in den Ghettos wurde gemordet, aber auch im Pawiak, es gab Deportationen nach Treblinka, aber auch nach Katyń. Die Leidenskonkurrenz vergiftet die Luft, tritt aber mehr und mehr in den Hintergrund. Eine neue Generation von Historikern minimiert trotz durchaus nationaler Gesinnung den Holocaust nicht. Die Übertreibungen und Lügen der Volksrepublik Polen, die sechs Millionen polnische Opfer während der deutschen Besatzungszeit für sich reklamierte, gehören der Vergangenheit an. Das wahre Problem resultiert jetzt aus einer andersartigen Konfrontation. Es geht darum, inwiefern Polen während der Okkupationszeit selbst Juden verfolgt haben.

Das sowohl im allgemeinen Bewusstsein wie auch in der Historiographie vorherrschende Dogma betont, dass es keine Möglichkeiten gab, Juden wirksam zu helfen. Die Polen, die drastischen Besatzungsmaßnahmen unterlagen, die ausgerottet, verhaftet und zur Zwangsarbeit verschickt wurden, hätten keine Chance gehabt, wirksame Aktionen für Juden zu vollbringen. Ein wichtiges Argument, das diese Ansicht untermauert, ist die Androhung der Todesstrafe im Falle der Hilfeleistung für Juden, verbunden mit kollektiver Strafandrohung. Diese Rechtfertigungen werden bisweilen mit weitschweifigen Ausführungen über die angebliche jüdische Passivität ergänzt.

Trotz dieser verbreiteten, die Handlungsspielräume verwischenden Ansicht gab es im besetzten Polen zahlreiche Helden, die unter Einsatz ihres Lebens verfolgte Juden retteten. Darin liegt der tatsächliche Kern des Mythos der Gerechten. Dutzende Filme und Bücher sind entstanden, die ihre Taten propagieren. Am wirkungsvollsten verkündete den Ruhm der polnischen Gerechten schon vor langer Zeit der Sammelband Ten jest z ojczyzny mojej von Władysław Bartoszewski und Zofia Lewinówna [1]. Es handelt sich um eine Sammlung von Berichten über Judenrettungen durch Polen, die vorwiegend auf Materialien aus dem Jüdischen Historischen Institut in Warschau basiert. Keine Frage, diese Helden haben Bücher und Denkmäler verdient; sie sollen Namensträger von Schulen und Krankenhäusern sein. Wenn man das polnische kollektive Gedächtnis mit Symbolen beeindrucken muss, soll es so sein. Irreführend ist aber, dass der Eindruck erweckt wird, Hilfe für Juden sei die gängige Art und Weise des Verhältnisses zu ihnen gewesen. Aber damit wird pars pro toto argumentiert.

Die Diskussionen um die polnisch-jüdische Vergangenheit erreichten mit dem berühmten Essay Jan Błońskis Biedni Polacy patrzą na getto. ("Die armen Polen schauen aufs Ghetto") [2] eine neue Etappe. Um es ganz einfach zu sagen: Die Polen sind am Holocaust nicht schuld, dessen Logik ihnen aufgezwungen wurde, doch belastet sie, dass damit eine Mitverantwortung einhergeht. Diese resultiert teilweise aus dem Vorkriegsantisemitismus, vor allem aber aus der Passivität während der Besatzungszeit.

Als Reaktion auf die Bücher von Jan Tomasz Gross wurde diese These perpetuiert. Aber wie kann man nicht von Schuld reden, wenn die Bürger der Ortschaften um Łomża ihre jüdischen Bürger en masse ermorden? Ist nicht die Demoralisierung nach dem Krieg, in deren Klima Hunderte Überlebende ums Leben kamen, ein Beweis für die Schuld? Diese Schuld lässt sich noch weniger bestreiten, da der Krieg geendet hatte, die Deutschen nicht mehr da waren und die Juden versuchten, ins Leben zurück zu kehren. Ist das nicht die Moral der Złote żniwa [Goldenen Ernte]? Die polnische Schuld wurde vergrößert durch die sofortige Übernahme der jüdischen Wohnungen bzw. die Verteilung jüdischen Eigentums. Gewissermaßen eine letzte Enteignung.

Gross, der säkulare Moralapostel, der Autor des Gewissens, der mit chirurgischen Schnitten alles bis auf den Knochen freilegt, hat jedoch deutliche Probleme mit der Bewertung der Sachverhalte. Aus seinen Büchern können wir nur schwerlich Rückschlüsse auf die tatsächliche Lage in Polen ziehen. Man muss sich mit jeder Form von Hass auseinandersetzen - Antisemitismus war in Polen keine Zufallserscheinung - das ist wahr. Aber war die Zustimmung zu Mord und Raub allgemein verbreitet?

Auf diese Fragen bezieht sich die wissenschaftliche Tätigkeit von Jan Grabowski und Barbara Engelking. Sie unterscheiden sich von Gross durch ihren streng wissenschaftlichen Ansatz. Sie schreiben keine Essays, sondern Monographien. Vor allem betreiben sie Grundlagenforschung. Sie suchen die Besonderheiten in den historischen Quellen. Die Themen, mit denen sie sich beschäftigen, sind kaum in Gänze zu erfassen. Bisher wurde nämlich weder eine Monographie über die Positionen der polnischen katholischen Kirche zu den Juden in der Zeit des Holocaust verfasst, noch über sonst eine der legal existierenden gesellschaftlichen Organisationen. Groß angelegte Forschungen verlangen jedoch Quellen der verschiedenen Parteien und Organisationen, die in Verbindung mit der Armia Krajowa standen bzw. mit der von den Deutschen konzessionierten polnischen Verwaltung. Erst solche gezielten Untersuchungen können ein vollständigeres Bild ergeben.

Gerade in diesem Zusammenhang ist das Interesse von Engelking und Grabowski an der polnischen Provinz nicht hoch genug zu loben. Es geht ihnen darum, die Dinge bei ihren Ursprüngen zu fassen und, wenn es um die Erstellung allgemeiner Hypothesen geht, dann auf der Grundlage einer reichhaltigen Faktographie.

Grabowski schreibt eine traditionelle nahezu positivistische Geschichte und legt dafür das Gewand des neutralen Beobachters an. So war es schon in seinem Buch Ja tego Żyda znam ("Ich kenne diese Juden") [3], dem Werk über die Erpressung von Juden im besetzten Warschau, und ähnlich ist es mit seiner Fallstudie Judenjagd. Polowanie na Żydów 1942-1945. Am Rande bemerkt sei, dass Grabowski eine unter jüngeren polnischen Forschern seltene Fähigkeit hat. Er liest Deutsch. Er versteht auch das, was Jean Améry die Logik der Vernichtung nannte. Denn die Luft, die die Juden und ihre Umgebung atmeten, war nicht durch sie selbst vergiftet worden. Die Deutschen schufen Möglichkeiten zur Demoralisierung, die Deutschen belohnten den Antisemitismus, der freilich auch zuvor nicht unbekannt gewesen war.

Barbara Engelking schreibt eine andere Geschichte als Grabowski. Ihre ersten Texte setzten sich mit der jüdischen Erfahrung in der Zeit des Ghettos auseinander und zeigten die Vielschichtigkeit der Lebensumstände auf.

Die Bedeutung beider Autoren liegt in der Bildung einer Tradition der Holocaustforschung, über die bisher keine polnische Universität verfügt. Der wertvollste Bestandteil der verkümmerten polnischen Holocaust Studies sind die Arbeiten der Krakauer Psychiater: von Antoni Kepiński bis zu Maria Orwid. Es gibt historische Werke von dem in Polen unterschätzten Jüdischen Historischen Institut. Die Studien von Artur Eisenbach, Teresa Prekerowa und Ruta Sakowska über verschiedene Ghettos bzw. allgemein über Juden in Polen während des Holocaust müssen dringend aktualisiert werden, sind aber weiterhin Referenz. Im Übrigen gibt es noch das Werk der Studenten und Mitarbeiter von Michał Głowiński sowie sein eigenes. Gegenwärtig werden, statt wichtige Projekte zu initiieren, frucht- und endlose Diskussionen über die Vermittlung des Holocausts in der Schule geführt, die wenig mit solider pädagogischer Reflexion gemein haben. Die Bücher von Barbara Engelking und Jan Grabowski bilden in diesem Zusammenhang wichtige Beispiele soliden quellenbasierten Zugangs zu einem überaus komplizierten Thema.

Andererseits stellen diese Texte einen wichtigen Beitrag zur Herstellung einer Gegenerzählung dar, die mit dem der politischen Geschichte verpflichteten und gegenwärtigen kollektiven Bewusstsein rivalisiert. Sie bilden einen Gegenakzent zur Heroisierung der polnischen Zeugen des Holocaust.


Anmerkungen:

[1] Władysław Bartoszewski (Hg.): Ten jest z ojczyzny mojej. Polacy z pomocą Żydom 1939-1945 [Dieser ist aus meiner Heimat. Polnische Hilfe für Juden 1939-1945], Kraków 1966.

[2] Jan Błoński: Biedni Polacy patrzą na getto [Die armen Polen schauen aufs Ghetto], Kraków 1994.

[3] Jan Grabowski: "Ja tego Żyda znam!". Szantażowanie Żydów w Warszawie 1939-1943 [Ich kenne diesen Juden. Die Erpressung von Juden in Warschau 1939-1943], Warszawa 2004.

Übersetzung aus dem Polnischen: Ruth Leiserowitz

Piotr Weiser