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Stephan Lehnstaedt / Ruth Leiserowitz: Polen und Juden unter deutscher Besatzung. Einf├╝hrung in eine aktuelle Debatte ├╝ber nachbarschaftliche Verh├Ąltnisse. Einführung, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 7/8 [15.07.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
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Polen und Juden unter deutscher Besatzung. Einf├╝hrung in eine aktuelle Debatte ├╝ber nachbarschaftliche Verh├Ąltnisse

Einführung

Von Stephan Lehnstaedt / Ruth Leiserowitz

Wieder einmal bewegt Polen eine Debatte um den Antisemitismus. Wieder einmal ist der Ausl├Âser ein Buch von Jan Tomasz Gross. Und wieder einmal werden tiefe Gr├Ąben sichtbar, die zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Lagern verlaufen. Kurz gesagt geht es erneut um die Frage, wie sehr "die" Polen im Zweiten Weltkrieg von der Verfolgung der Juden profitiert haben bzw. diese in ihrer Totalit├Ąt ├╝berhaupt erst erm├Âglichten.

Gross hat dazu, gemeinsam mit seiner Frau, Irena Grudzińska-Gross, im M├Ąrz 2011 einen Essay unter dem Titel Złote żniwa [Goldene Ernte] ver├Âffentlicht. Die Autoren bezeichnen damit den Raub von Wertgegenst├Ąnden aus Massengr├Ąbern in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Freilich geht ihr Interesse noch weiter, denn sie fragen letztlich danach, welchen Gewinn die Polen aus dem Leid ihrer j├╝dischen Mitb├╝rger zogen - und ob sie damit zu (Mit)T├Ątern des Holocaust wurden.
Bereits vor dem Erscheinen des Bandes gab es zahlreiche Ank├╝ndigungen und Vorausrezensionen in der Presse. Auch in der Bundesrepublik wurde der Band von Karol Sauerland bereits im Februar vorangek├╝ndigt [1] und p├╝nktlich zum Erscheinen im M├Ąrz umfangreich besprochen [2].
Fast zeitgleich legten zwei weitere Wissenschaftler, Barbara Engelking und Jan Grabowski, Studien zur Verfolgung der Juden auf dem Land vor. Sie untersuchen, wie Juden sich verstecken konnten, welche Hilfe gew├Ąhrt wurde und inwieweit die nationalsozialistische Mordmaschinerie erst durch die Denunziationen und Mithilfe von Polen funktionieren konnte. Damit stellen sie ├Ąhnliche Fragen wie Gross.

Die Kritik an diesen B├╝chern ist teilweise sehr polemisch. Nicht zuletzt werfen Nationalkonservative den Autoren vor, nicht patriotisch zu sein und den guten Ruf Polens und der Polen zu beschmutzen. Unabh├Ąngig davon gibt es aber auch sachliche Argumente, und man kann davon ausgehen, dass die vorgelegten Werke inspirierend auf die weitere Auseinandersetzung mit dem Holocaust wirken. Nachdem man im Westen in den letzten Jahren prim├Ąr nach den Motiven der M├Ârder fragte, wird immer deutlicher, dass diese den Massenmord nicht ohne die Mithilfe der Besetzten so vollst├Ąndig h├Ątten durchf├╝hren k├Ânnen.

Wir haben vier renommierte Forscher gebeten, uns ihre Einsch├Ątzung der drei genannten Werke sowie der Debatte zukommen zu lassen. Mit J├╝rgen Hensel vom Żydowski Instytut Historyczny [J├╝disches Historisches Institut] Warschau erl├Ąutert zun├Ąchst ein seit vielen Jahren in Polen lebender Deutscher die innerpolnische Debatte. Er stellt auch Adam Michniks mehrb├Ąndiges Werk Przeciw antysemityzmowi [Gegen Antisemitismus] vor, das im Januar 2011 erschien und das Problem des Judenhasses in Polen im 20. Jahrhundert ausf├╝hrlich dokumentiert.

Als zweiter Deutscher wirft Ingo Loose vom Institut f├╝r Zeitgeschichte M├╝nchen-Berlin einen Blick auf das Buch von Gross, er geht aber auch auf die B├╝cher von Engelking und Grabowski ein. Loose betrachtet die Debatte als Au├čenstehender, der zugleich ausgewiesener Experte f├╝r die Geschichte der Judenverfolgung in Polen ist. Letzteres trifft auch auf Piotr Weiser, der ebenfalls am J├╝dischen Historischen Institut in Warschau und der Krakauer Jagiellonen-Universit├Ąt arbeitet, sowie auf Witold Mędykowski zu, der als Pole in Israel lebt und in Yad Vashem sowie an der Universit├Ąt Haifa besch├Ąftigt ist. Mędykowski schildert ausf├╝hrlich die historischen Gegebenheiten im Umfeld der damaligen "Goldenen Ernte", w├Ąhrend Weiser vor allem die k├╝nftigen Aufgaben der Holocaustforschung in Polen charakterisiert.

Durch die Texte von Hensel,┬á Loose, Mędykowski und Weiser erhalten deutsche Leserinnen und Leser Einblicke in eine polnische Geschichtsdebatte, die, so l├Ąsst sich prognostizieren, noch lange anhalten wird. Wenn wir hier Inhalte der neuesten polnischen┬á Forschungen┬á und Positionen im Kontext dieser ┬áDiskussion vorstellen, geschieht dies vor allem, weil wir der Meinung sind, dass diese Einblicke in das polnisch-j├╝dische Verh├Ąltnis zur Besatzungszeit zur vergleichenden Forschung in anderen ostmitteleurop├Ąischen Staaten anregen k├Ânnen, die mit ├Ąhnlichen Situationen konfrontiert waren und in denen die Beziehungen zu den Juden zur Besatzungszeit gleichfalls lange tabuisiert wurden bzw. sehr einseitige Zuschreibungen erhielten.

Andererseits weisen die vorliegenden Befunde der Arbeiten von Barbara Engelking, Jan Grabowski und in einem bestimmten Ma├č auch von Jan Tomasz Gross und seiner Frau die Richtung f├╝r weiterf├╝hrende Fragen, die sich in drei Themenkomplexe einordnen lassen, n├Ąmlich den der sozial- und moralgeschichtlichen Fragen der Besatzung, den Bereich der Tabuisierung und Mythologisierung von "schwierigen" Ereignissen┬á und schlie├člich der Problematik von pers├Ânlicher Erinnerung und kollektivem Ged├Ąchtnis. Bez├╝glich des Besatzungsgeschehens lie├če sich fragen: Wie wirkte sich┬á Besatzung generell auf dem Land aus? Kam es durch Verfolgungs- und Deportationsma├čnahmen zu einem sozialen Vakuum in den D├Ârfern und Kleinst├Ądten und welche Folgen resultierten daraus? Und dar├╝ber hinaus allgemein: Wie k├Ânnen Personen, Gemeinschaften und Gesellschaften durch Besatzung deformiert werden?

Beim Thema Tabuisierung und Mythologisierung k├Ânnten folgende Aspekte untersucht werden: Inwiefern gelang der Bev├Âlkerung der mentale Abschluss mit der Kriegszeit? Inwiefern wurden noch jahrelang Angewohnheiten und Verhaltensweisen aus der Besatzungszeit fortgesetzt? (Rafał Wnuk hat in einem anderen Zusammenhang gerade auf diverse Kontinuit├Ąten in der polnischen Bev├Âlkerung nach Kriegsende hingewiesen. [3] .) Inwieweit war ein von oben verordnetes Schweigen bequem und politisch opportun und in welchem Ma├če dienten probate Halbwahrheiten in der Form neuer Mythen als simplifizierende Erkl├Ąrungen?┬á Hier befinden sich Teile der polnischen Bev├Âlkerung, aber auch anderer osteurop├Ąischer Gesellschaften (z.B. derjenigen Litauens) in einem m├╝hevollen Lernprozess, und manche einfachen Erkl├Ąrungen erweisen sich als sehr langlebig.

Wenn es drittens um pers├Ânliche Erinnerungen und das kollektive Ged├Ąchtnis geht, darf nicht vergessen werden, dass die polnischen Juden h├Ąufig sehr emotionale Erinnerungen an ihre polnischen Nachbarn hatten. ├ťber die Deutschen hatten sie vorher geh├Ârt, dass diese ihnen nicht wohl gesonnen seien. Von den Polen hingegen hatten sie ein derartig gleichg├╝ltiges bis feindliches Verhalten in diesem Ausma├č nicht erwartet, weswegen diese negativen Erfahrungen in tiefen, lang anhaltenden Entt├Ąuschungen gipfelten. Die Historikerin Diana Pinto hat bereits 1996 gefordert, dass Juden und Polen ihre Erinnerungen neu konstruieren und dabei die unterschiedlichen und sich h├Ąufig widersprechenden Str├Ąnge zusammenf├╝gen sollten. [4] L├Ąsst sich also ein Kapitel des kollektiven Ged├Ąchtnisses unter Einbezug emotionaler Erinnerungen┬á gemeinsam neu konstruieren oder werden diese Erinnerungen immer mehr kontr├Ąr als komplement├Ąr bleiben?┬á┬á


Anmerkungen:
[1] Karol Sauerland: Goldrausch bei Treblinka, in FAZ, 15.02.2011, 31.

[2] Tomasz Kurianowicz: Die Wahrheit eines furchtbaren Buches, in FAZ, 11.03.2011, 33.

[3] Rafał Wnuk: Te pomniki nas nie połączą [Diese Denkm├Ąler verbinden uns nicht], in: Gazeta wyborcza, 06.06.2011, 24f.

[4] Diana Pinto: Fifty Years after the Holocaust: Building a New Jewish and Polish Memory, in: East European Jewish Affairs 26, Nr. 2 (1996), 79-95, hier 80.

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