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Stephan Conermann: Islamische Welten. Einführung, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 6 [15.06.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/06/forum/islamische-welten-151/

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Islamische Welten

Einführung

Von Stephan Conermann

Die Beiträge in dieser Ausgabe des Forums Islamische Welten lassen sich unter sechs Gesichtspunkten diskutieren:

Thema 1: Orientalismus
Bekanntermassen gehört das Werk "Orientalism", das Edward Said im Jahre 1978 veröffentlichte, trotz all seiner inhaltlichen und stilistischen Unzulänglichkeiten zu den einflussreichsten geistesgeschichtlichen Büchern des 20. Jahrhunderts. Zahllose Studien haben sich seitdem mit dem "Orientalismus"-Phänomen auseinandergesetzt. Zwei weitere Abhandlungen standen hier zur Rezension an. "Europe through Arab Eyes 1578-1727" bildet den zweiten Teil einer Trilogie über die Sicht nordafrikanischer Reisender und Gelehrter auf Europa während der Frühen Neuzeit. Der Autor geht von einem Kulturdreieck zwischen Europa, dem Osmanischen Reich und dem Maghreb in dieser Epoche aus und präsentiert anschaulich die komplexe Wahrnehmung Europas sowohl in volkstümlichen arabischen Quellen wie auch in den Schriften der maghrebinischen Elite. (Schüller über Matar) In dem Sammelband "The English Renaissance, Orientalism, and the Idea of Asia" finden sich neun Aufsätze, die zeigen, dass sich aus der Gemengelage Orientalismus, Protokolonialismus und Autorintention interessante Stereotype, Topoi und Vorurteile entwickeln konnten, die dann Eingang in die englischsprachige Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts fanden. (Schüller über Johanyak/Lim)

Thema 2: Narratologie

Das weite Feld der Narratologie ist bisher so gut wie gar nicht von der in der Regel an osmanischen, arabischen und persischen Texten orientierten Islamwissenschaft beackert worden. Immerhin liegen seit einigen Jahren ein paar wegweisende Studien vor, in denen sich die Verfasser/innen unter Anwendung erzähltheoretischer Fragestellungen und Methoden mit den ihnen vorliegenden Schriften befassen. Wie intensiv man sich mithilfe einer narratologischen Analyse selbst mit kurzen Texten auseinandersetzen kann, zeigt uns vorbildlich der Theologe Sönke Finnern anhand von Matthäus 28. (T. Kulke über Finnern) Ein sehr gelungenes islamwissenschaftliches Beispiel stellt die Dissertation von Nader Purnaqcheband dar. Der Autor untersucht vorbildlich die Figur des zweiten Moghulherrschers Humayun (reg. 1530-1540 und 1555-1556) in der von seinem Diener Jauhar Aftabči verfassten Chronik Tazkirat al-Waqiʿat. Eine genaue Analyse der narrativen Darstellung des Padishah legt die Tiefenstrukturen des historiographischen Textes bloß und liefert eine innovative Sicht auf Text, Autor und Beschreibungsgegenstand. (T. Kulke über Purnqcheband)

Thema 3: Islam in Deutschland

Ein Dauerbrenner und ein Thema, das uns auch in Zukunft noch sehr beschäftigen wird. Mittlerweile existieren ja zum Glück schon viele zuverlässige, empirisch unterfütterte und sachlich argumentierende Studien zu diesem Problembereich. Die jüngsten Ergebnisse des Forschungsprojektes zur "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" sind nun unter dem Titel "Deutsche Zustände" veröffentlicht worden. Den interessierten Leser erwartet eine Reihe erhellender Artikel, die sich u.a. der Frage widmen, wie in Deutschland (und in anderen Ländern in Europa) die Vision einer multikulturellen Demokratie weiter entwickelt und politisch durchgesetzt werden sollte/könnte. Problematisch scheint vor allem die auf den Seiten des Buches durchschimmernde Ratlosigkeit zu sein, wie eine Annäherung "westlicher" an "islamistische" Positionen auf der Ebene des Individuums funktionieren soll. (R. Kulke über Heitmeyer) Ein ganz anderes, aber darum nicht weniger wichtiges Thema hat Stefan Meining, Redakteur des ARD-Politmagazins Report München beim Bayerischen Rundfunk, vorgelegt. Im Anschluss an seinen Dokumentarfilm über die Hintergründe der Moschee in München beschreibt Meining, wie aus alten Waffenbrüderschaften zwischen antisowjetischen Muslimen, Muslimbrüdern und Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg in München die erste Keimzelle des politischen Islam im Westen entstand. Bis heute fungiert die Moschee als wichtiger Knotenpunkt eines weltweiten islamistischen Netzwerkes. (Schwanitz über Meining)

Thema 4: Nur eingeschränkt gelungene Publikationen

Neue Einführungen und Übersichtswerke bieten stets die Gelegenheit, andere Akzente als bisher zu setzen, liebgewonnene Sichtweisen aufzubrechen und jüngere Forschungsergebnisse aufzugreifen. Allerdings sollten sie den Charakter von Einstiegstexten bewahren. Das scheint bei Jamal Maliks Arbeit zur Geschichte des Islam in Südasien nicht durchgängig der Fall zu sein. Voraussetzungslos kann man sich, so die Rezensentin, dem Werk nicht nähern - eine gründliche Kenntnis der historischen Ereignisse und Zusammenhänge muss als Lektürevoraussetzung mitgebracht werden. Hinzu kommt, dass zwar die Teile über die Zeit ab dem 18. Jahrhundert, für die der Verfasser ein ausgewiesener Spezialist ist, sehr lesenswert daherkommen, die Darstellung der vorangegangenen Jahrhunderte hingegen deutliche Mängel aufweisen. (Ortmann über Malik) Für einen Leser schwierig sind aber auch hermetische, für einen normalen Rezipienten somit unzugängliche Texte. Viele Arbeiten des weltweit sehr anerkannten Islamwissenschaftlers Aziz al-Azmeh leiden darunter, so auch der hier besprochene Sammelband von acht Aufsätzen, die der Autor und Herausgeber in den Jahren 1994 bis 2007 verfasst hat. So bleibt der Eindruck, dass hier zwar sehr viele bedeutsame Denkanstöße gegeben und gängige historiographische Konzepte hinterfragt werden, die Gedanken jedoch so verklausuliert sind, dass man über einige exegetische Begabung verfügen muss, um den roten Faden der Argumentation herauszuschälen. (Scheiner über Azmeh)

Thema 5: Stichwort: Missraten

Natürlich kommt es immer wieder zur Veröffentlichung von Büchern, über die man sich bei allem guten Willen doch ärgert. So bleibt etwa bei näherer Hinsicht wenig von dem Anspruch des emeritierten Romanistikprofessors und Hobby-Islamwissenschaftlers Leo Pollmanns übrig, den Koran für Laien und Nicht-Muslime zu erklären. (Schüller über Pollmann)

Thema 6: Qualifikationsschriften

Desöfteren muss man sich überlegen, welche Qualifikationsschriften (insbesondere: Magister- und Masterarbeiten wie auch Dissertationen) in welcher Form auf dem Markt erscheinen sollten. Die deutschen Geisteswissenschaften produzieren weltweit sicher auch deshalb die meisten Monographien, da in der Regel alle Promotionsschriften publiziert werden müssen. Das ist sicher gut so, doch müsste man bei schlechten Arbeiten auch einmal darauf verzichten können. Ein gutes Beispiel für eine sinnvolle Publikation einer Magisterarbeit liefert Kerstin Hünefelds Studie über das Schutzverhältnis zwischen Imam Yahya und den Juden im Jemen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Mit ihrer Analyse der Interaktion von Muslimen und Juden als Teile einer jemenitischen Gesellschaft trägt die Autorin unmittelbar zur Erforschung eines Bereiches bei, über den es bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen gibt" (Scheiner über Hünefeld). Ganz anders hingegen liegt der Fall bei Dirk Baehrs politikwissenschaftlicher Magisterarbeit, die sich mit der Ideologie der irakischen radikalen Islamisten seit 2003 beschäftigt. Der Rezensent kommt zu einem sehr negativen Urteil: keine wirkliche eigenständige wissenschaftliche Leistung, keine aus der Theorie abgeleitete Fragestellung, keine philologische Kompetenz, keine origineller Typologisierungsversuch, also: alles in allem kein Erkenntnisgewinn. (Günther über Baehr)

Aber natürlich ist jeder aufgerufen, sich selbst ein Urteil zu bilden!

Last but not least haben wir in dieser Ausgabe des Forums Islamische Welten noch eine kleine Neuerung zu vermelden. Als Ergänzung zu den gewohnten Besprechungen findet sich ein längerer Rezensionsartikel zu William Dalrymples The Last Mughal. The Fall of a Dynasty. Delhi 1857 (Delhi 2007). Ich halte es für sehr bereichernd, wenn ab und zu einem Rezensenten die Gelegenheit gegeben wird, sich zu einem wichtigen Buch ausführlicher zu äußern, um dadurch den Lesern einen tieferen Einblick in ein Schlüsselwerk als üblicherweise möglich zu vermitteln.

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