Rezension über:

Bruno Jacobs / Robert Rollinger (Hgg.): Der Achämenidenhof - The Achaemenid Court. Akten des 2. Internationalen Kolloquiums zum Thema "Vorderasien im Spannungsfeld klassischer und altorientalischer Überlieferung", Landgut Castelen bei Basel, 23.-25. Mai 2007 (= Classica et Orientalia; Bd. 2), Wiesbaden: Harrassowitz 2010, XI + 941 S., 59 s/w-Abb., 18 Tbl., ISBN 978-3-447-06159-9, EUR 118,00
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Rezension von:
Katharina Knäpper
Exzellenzcluster "Religion und Politik", Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Katharina Knäpper: Rezension von: Bruno Jacobs / Robert Rollinger (Hgg.): Der Achämenidenhof - The Achaemenid Court. Akten des 2. Internationalen Kolloquiums zum Thema "Vorderasien im Spannungsfeld klassischer und altorientalischer Überlieferung", Landgut Castelen bei Basel, 23.-25. Mai 2007, Wiesbaden: Harrassowitz 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 6 [15.06.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/06/19424.html


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Bruno Jacobs / Robert Rollinger (Hgg.): Der Achämenidenhof - The Achaemenid Court

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Bei dem von Bruno Jacobs und Robert Rollinger herausgegebenen Sammelband Der Achämenidenhof handelt es sich um die Publikation der Ergebnisse eines internationalen Kolloquiums zum Thema 'Vorderasien im Spannungsfeld klassischer und altorientalischer Überlieferungen'. Kolloquium und Publikation sind Teil eines größeren Unterfangens, das den Wandel des methodischen Umgangs mit griechischen und lateinischen Quellen zum antiken Orient zu dokumentieren und fortzuentwickeln sucht. Der Achämenidenhof bildet den zweiten Band der neuerschaffenen Reihe Classica et Orientalia. [1]

Erklärtes Ziel des Tagungsbandes ist, das von den klassischen Autoren gezeichnete Bild des Achaimenidenhofes unter Zuhilfenahme "altorientalische[r] Primärüberlieferung" sowie der "Bilderwelt" (2) auf historische Wirklichkeiten, Projektionen und literarische Überformungen erneut und in systematischer Weise zu prüfen. Mit der Anbindung an den vermittels mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Forschung entwickelten systemtheoretischen Ansatz soll die Thematik auf ein stabileres methodisches Fundament gehoben werden.

Die 25 Aufsätze des Sammelbandes verteilen sich auf Einleitung, sechs thematische Unterabschnitte und Schlusswort. Ein Autorenverzeichnis sowie ein Personennamen- und ein Ortsnamenindex komplettieren das Werk.

Der erste Abschnitt mit dem Titel Vergleichsperspektiven und systemtheoretischer Ansatz (11-152) enthält einerseits den theoriegeleiteten Aufsatz des Mediävisten Jan Hirschbiegel Hof. Zur Überzeitlichkeit eines zeitgebundenen Phänomens (13-25), der in aller gebotenen Kürze das auf Ergebnissen mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Hof- und Residenzforschung fußende Hofmodell erläutert. Der Autor liefert eine Definition von Hof unter Einbezug "einer im Sinn Max Webers idealtypischen Beschreibung von Hof, die sich a) an Webers herrschaftssoziologische Kategorien anlehnt, b) versucht, der dem Hof von Norbert Elias zugewiesenen Staats-, Nutz- und Prestigefunktion gerecht zu werden, und schließlich c) auch die Träger von Kommunikation [im Sinne Niklas Luhmanns] berücksichtigt" (21). Vermittels dieser theoretischen Vorgaben eröffne sich die Möglichkeit, gewisse in der Quellensituation begründete Forschungsprobleme "interpolativ" (13) zu lösen. Jedoch betont Hirschbiegel richtigerweise, dass theoriegeleitete Untersuchungen lediglich dazu verhelfen, geographisch wie zeitlich unterschiedlich verortete Höfe vergleichend zu behandeln, jedoch nicht den jeweiligen Hof aus seiner Zeitgebundenheit herauszuholen im Sinne einer Theorie des Hofes (25).

Unter den andere altorientalische Höfe thematisierenden Beiträgen des Kapitels ist, mangels der Möglichkeit alle zu besprechen, der Aufsatz Greek Historians and the Memory of the Assyrian Court Giovanni B. Lanfranchis (39-65) hervorzuheben. Darin formuliert der Autor im Anschluss an einen detaillierten und quellenreichen analytischen Teil in gelungener Weise, die Darstellung des assyrischen Hofes bei Ktesias und Herodot sei keine bloße Metapher orientalischer Herrschaft (59), sondern vielmehr eine mögliche Überlieferung königlicher Selbstrepräsentation des späten Assyrischen Reiches wie sie in epigraphischen und bildlichen Quellen fassbar wird.

Der zweite thematische Abschnitt widmet sich De[m] Achämenidenhof im Spiegel ausgewählter Quellen und Quellengruppen (153-308).

Überlegungen zu Funktion, Genese und Nachfolge des Apadana von Dietrich Huff ist der einzige Beitrag des Abschnitts Die achaimenidischen Residenzen und ihre Architektur (309-374). Der Aufsatz kontextualisiert den persepolitanischen Apadanakomplex unter Heranziehung historischer Vorläufertypen sowie zeitnaher Vergleichsbauten. Der Autor resümiert, das Apadana reflektiere sowohl die "Neuordnung und Aufwertung der inneren Organisation des Königspalasts" als auch eine "propagandistische Überhöhung des äußeren Erscheinungsbildes" (349) des königlichen Hauses. Sehr nachvollziehbar und im Einklang mit den Ergebnissen der Forschung [2] ist ebenfalls die Argumentation des Autors, unter Dareios habe sich auch in architektonischer Hinsicht eine Tendenz zu Neuerungen etabliert. Zumindest fraglich bleibt jedoch die Interpretation Huffs, die Initiative für bestimmte bauliche Innovationen sei von Dareios persönlich ausgegangen.

Im vierten Unterabschnitt des Sammelbandes Hofgesellschaft und Hofzeremoniell (375-530) ist der Beitrag Maria Brosius' Das Hofzeremoniell (459-471) besonders zu erwähnen. Brosius fokussiert auf Basis griechischer Quellen aber unter Einbezug orientalischer Überlieferung mit methodischem Rückgriff auf Elias auf die Bedeutung des Hofzeremoniells als Sinnbild der politischen Ordnung im achaimenidenzeitlichen Iran. Sie unterstreicht jedoch gerade die Schwierigkeiten griechischer Autoren, das spezifische iranische Verhältnis von König, Hof, Untertan und ihre Reflexion im Zeremoniell wiederzugeben und betont damit erneut die quellentypische Problematik von Fremddarstellung.

Thematisch recht heterogen sind die Beiträge des Abschnitts Der Achämenidenhof als religions-, rechts- und wirtschaftspolitische Instanz (530-813). Der Aufsatz Robert Rollingers Extreme Gewalt und Strafgericht. Ktesias und Herodot als Zeugnisse für den Achaimenidenhof (559-666) soll an dieser Stelle besonders erwähnt werden. Im Rahmen seiner sehr akkuraten Analyse der Werke Ktesias' und Herodots formuliert Rollinger eine besondere Häufigkeit extremer körperlicher Gewalt im Rahmen der Strafgerichtsbarkeit am persischen Hof, noch genauer bezogen auf den König. Der Autor interpretiert diese Überrepräsentation von Gewalt am großköniglichen Hof als ein Resultat der Überlieferung durch in der zeitgenössischen innergriechischen Gewaltdebatte verankerte Historiker (619-622). Rollinger greift mit diesem äußerst elaborierten, quellennahen und methodisch festen Beitrag somit nicht nur in zwei für die Achaimenidengeschichte wichtige Problemfelder ein - die Fremddarstellung durch griechische Autoren sowie die Gemengelage um die besondere Grausamkeit orientalischer Herrscher; vielmehr sind seine Thesen auch im weiteren Kontext des aktuellen Gewaltdiskurses innerhalb der Geschichtswissenschaft von Bedeutung. [3]

Der Abschnitt Der Achaimenidenhof als Machtzentrum und Paradigma (815-897) bildet das letzte thematische Kapitel des Sammelbandes.

Je ein Schlusswort von Amélie Kuhrt und Jan Hirschbiegel (899-924) tragen die Ergebnisse der Tagung zusammen und untermauern diese mit weiterer Literatur.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der vorliegende Sammelband Der Achämenidenhof einen sehr gelungenen Tagungsbericht darstellt. Bei aller Heterogenität der Analyseschwerpunkte ist der Bezug zum übergeordneten Gegenstand und Problem stets gewahrt, auch wenn das entwickelte theoretische Hofmodell - sinnvollerweise - nicht in jeder Einzelanalyse gleichermaßen die theoretische Hauptstütze bildet. Die Publikation dokumentiert den methodischen Wandel bezüglich des Umgangs mit Quellen zur achaimenidischen Geschichte und treibt selbigen maßgeblich voran, erfasst zahlreiche historische sowie geschichtswissenschaftliche Problemfelder und bietet neue Lösungsansätze. Der Band fügt sich folglich in ganz hervorragender Weise zu den formulierten Zielsetzungen der Reihe Classica et Orientalia.

Als einziger Kritikpunkt bleibt an dieser Stelle eine gewisse formale Uneinheitlichkeit des im Allgemeinen wohlgemerkt sehr gut redigierten Bandes anzumerken. Durch die Entscheidung für eine von allen anzuwendende Systematik entstünde ein harmonischerer Leseeindruck.

Insgesamt ist der vorliegende Tagungsband für die weitere Erforschung der Achaimenidenzeit sowohl methodisch als auch inhaltlich von vorbildhaftem Charakter.


Anmerkungen:

[1] Band 1 der Reihe, Josef Wiesehöfer / Carsten Binder / Robert Rollinger (Hgg.): Die Welt des Ktesias (CLeO 1), Wiesbaden 2010, wird im August erwartet.

[2] Vgl. z.B. Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs, München 32006, 29-32.

[3] Für die klassische Zeit in Griechenland vgl. z.B. folgende Sammelbände Günter Fischer / Susanne Moraw (Hgg.): Die andere Seite der Klassik. Gewalt im 5. und 4. Jahrhundert v.Chr., Stuttgart 2005; Bernd Seidensticker / Martin Vöhler (Hgg.): Gewalt und Ästhetik. Zur Gewalt und ihrer Darstellung in der griechischen Klassik, Berlin 2006.

Katharina Knäpper