Rezension über:

Irene Madreiter: Stereotypisierung - Idealisierung - Indifferenz. Formen der Auseinandersetzung mit dem Achaimeniden-Reich in der griechischen Persika-Literatur (= Classica et Orientalia; Bd. 4), Wiesbaden: Harrassowitz 2012, XVI + 237 S., ISBN 978-3-447-06450-7, EUR 58,00
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Rezension von:
Katharina Knäpper
Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Katharina Knäpper: Rezension von: Irene Madreiter: Stereotypisierung - Idealisierung - Indifferenz. Formen der Auseinandersetzung mit dem Achaimeniden-Reich in der griechischen Persika-Literatur, Wiesbaden: Harrassowitz 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 6 [15.06.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/06/22934.html


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Irene Madreiter: Stereotypisierung - Idealisierung - Indifferenz

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Dank des in die Achaemenid History Workshops mündenden Engagements vieler Forscher wurde der systematische Rückgriff auf originalsprachliche Quellen zum wissenschaftlichen Usus für die Rekonstruktion iranischer Geschichte. Durch diese Studien [1] wurde im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte eine Basis geschaffen, die vergleichende Fragestellungen - wie etwa die nach der Fremddarstellung der Iraner durch die Griechen - zulässt. So verwundert es nicht, dass die Erforschung des antiken Orientbildes, mehr noch der Darstellung des Iran in der griechischen Literatur Konjunktur hat. [2]

Bei dem zu rezensierenden Buch Stereotypisierung - Idealisierung - Indifferenz. Formen der Auseinandersetzung mit dem Achaimenidenreich in der griechischen Persika-Literatur handelt es sich um die Innsbrucker Dissertation Irene Madreiters. Die Autorin hat an dem eben benannten wissenschaftlichen Prozess regen Anteil genommen und im Rahmen von Aufsätzen bereits einige Aspekte des Iranbildes beleuchtet. [3] Ihre Dissertation allerdings, so fokussiert Madreiter in der einem knappen Vorwort (XV-XVI) folgenden Einleitung (1-8), widmet sich der Darstellung des Perserbildes eben jener griechischen Autoren der spätklassischen Zeit, die Persika verfasst haben. Diese quellenmäßige Einschränkung ist aus funktionalen Gründen verständlich, jedoch bedauerlich, da gerade eine auf verschiedene Quellengattungen bauende Auswertung der griechischen Fremddarstellung Irans ein absolutes Desiderat darstellt. Die Lücke füllt Madreiter mit einem Ausblick auf den Perserimagotyp im 4. Jahrhundert v.Chr. (171-191) jedoch zumindest in Ansätzen.

Zur besonderen Vorsicht bei Analyse und Interpretation - und damit schließt Madreiter ihre Einleitung ab, mahnt die Tatsache, dass alle betreffenden Autoren - Ktesias von Knidos, Dinon von Kolophon und Herakleides von Kyme - fragmentarisch auf uns gekommen sind. An dieser Stelle ist das Fehlen eines Forschungsüberblicks zu bemängeln, der zumindest die wichtigsten Arbeiten zum Thema benutzerfreundlich zusammenstellt, wenn auch die Arbeit im Anmerkungsapparat eine sehr solide Literaturrezeption aufweist.

Im zweiten Kapitel (9-32) werden methodisch-theoretische Grundlagen vorgestellt, die die Autorin ihrer Studie zu Grunde legt. Dabei handelt es sich in der Hauptsache um den sozialpsychologischen Zugang zum Stereotypbegriff und die aus der Komparatistik stammende interkulturelle Hermeneutik. Während letzteres Konzept von Natur aus textaffin und gut umsetzbar erscheint, wirft die Anwendung der sozialpsychologischen Entwürfe vor allem in methodischer Hinsicht Probleme auf. Es ist fraglich, ob antike Quellen, zumal fragmentarische, wie von Madreiter vorausgesetzt (30f.), als 'Testbogen' zur Messung des Inhalts von Stereotypen verwendet werden können. Daher überrascht es nicht, dass diese Methode kaum bewusste Anwendung in der Analyse findet. Vielmehr bezieht sich die Autorin erst in der Synthese ihrer Ergebnisse (173-176) auf dieses Vorgehen und manifestiert es in Form von Tabellen.

Das dritte und längste Kapitel (33-133) behandelt Ktesias' von Knidos "dystopische Projektion [...]" griechischer Vorstellungen auf den antiken Iran. Die Erforschung des Werkes Ktesias' erfreut sich zwar in jüngster Zeit wachsender Beliebtheit, steckt aber doch beispielsweise im Verhältnis zur Exegese eines Herodot noch in den Kinderschuhen. Madreiters Buchabschnitt erfüllt somit gleich mehrere Funktionen: Zum einen wertet sie in ihrer engmaschig gegliederten Analyse die erhaltenen Fragmente in Bezug auf verschiedenste Gegenstände (von der Landesnatur bis zur sittlichen Charakterisierung) aus und erstellt damit eine umfassende inhaltliche Sammlung; zum anderen prüft sie die von Ktesias gelieferten Informationen an Hand von originalsprachlichem Material und deutet die Ergebnisse im Hinblick auf ihre Fragestellung aus. Der Perserimagotyp des Autors erweist sich nach Madreiter als komplex und eben nicht reduzierbar auf eine bloße Abgrenzung gegen Andere oder eine flache Stereotypisierung, aber nichtsdestotrotz negativ. Die Autorin prägt bereits in der Überschrift des Kapitels den Ausdruck der "dystopischen" Beschreibung.

Abhängig von den Ergebnissen des Ktesiaskapitels stellt Madreiter in Kapitel 4 (134-154) Dinon von Kolophon und in Kapitel 5 Herakleides von Kyme (155-166) vor und ordnet ihre Persika in das entwickelte Konzept der Imagotypenbildung ein. Sie macht darüber hinaus wichtige Einzelbeobachtungen wie die Relativierung der postulierten Sachlichkeit des Dinon, die im Rahmen einer knappen Rezension nicht aufgezählt werden können, und zudem deutlich, welche bekannten Topoi von den Autoren weiterverwendet und welche eher nachlässig behandelt werden. Dennoch rekurrieren beide Kapitel stark auf die Interpretationen aus Kapitel 3, so dass es bisweilen den Anschein macht, Ktesias trete pars pro toto für Persika-Schriftsteller auf.

An dieser Stelle ist aber auch eine Schwäche des Werks nicht zu verschweigen. Die Autorin arbeitet zwar sehr sicher und sachgerecht mit Ihren Quellen, verzichtet aber durchgängig auf längere Zitate. Stattdessen repetiert sie nötigenfalls die Zusammenhänge und Inhalte und verweist lediglich auf Kerntermini. Dieses von der Autorin nicht kommentierte Vorgehen lässt sich zwar bis zu einem gewissen Grade aus der Überlieferungssituation der behandelten Werke in Exzerpten und Epitomen erklären, wirkt sich aber auf den Lesefluss störend aus. Gerade der nichtspezialisierte Leser wird häufiger zur Quellenausgabe greifen müssen, um die Argumentation nachvollziehen zu können.

In Kapitel 6 (171-191) referiert die Autorin ihre Ergebnisse und diskutiert, wie bereits erwähnt, den Wert Ihrer Methodenadaption. Zugleich liefert sie einen Ausblick auf das Perserbild der Autoren des 4. Jahrhundert v.Chr., der den Leser neugierig auf mehr stimmt.

Darauf folgt in Kapitel 7 (192-194) noch einmal eine konzise Zusammenfassung von Idee, Methode, theoretischer Ausrichtung und Ergebnissen. Ein aktuelles und ausführliches Literaturverzeichnis (195-223) sowie kurze thematische Register (225-232) und ein Index Locorum (233-237) runden das Buch ab.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Irene Madreiter einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Persienbildes in griechischen Quellen geliefert hat. Ihre Vorgehensweise ist trotz der geäußerten Kritik an der Anwendbarkeit der Methoden zur Messung des Inhalts von Stereotypen der Fragestellung angepasst, zudem innovativ und schlüssig. Gerade die inhaltlichen Kapitel der Arbeit zeichnen sich durch Akribie, tiefgehende Quellen- und Literaturkenntnis und eine analytische Durchdringung des Stoffes aus. Das vorliegende Buch wird in Zukunft einen wichtigen Ausgangspunkt der Erforschung von Fremddarstellungen in klassischer Literatur, aber auch der Ktesiasinterpretation bilden.


Anmerkungen:

[1] Die Tagungbände erscheinen in der Reihe Achaemenid History, Leiden.

[2] Das äußert sich nicht zuletzt in der regen Tagungstätigkeit, die ihren schriftlichen Niederschlag in den Bänden der zu diesem Zweck neugeründeten Reihe Classica et Orientalia findet; vgl. Robert Rollinger / Brigitte Truschnegg / Reinhold Bichler (Hrsg.): Herodot und das persische Weltreich (=Classica et Orientalia 2), Wiesbaden 2011; Josef Wiesehöfer / Robert Rollinger / Giovanni B Lanfranchi (Hrsg.): Die Welt des Ktesias (=Classica et Orienatlia 3), Wiesbaden 2011; Johannes Haubold / Giovanni B. Lanfranchi / Robert Rollinger / John Steele: The World of Berossos (=Classica et Orientalia 5), Wiesbaden 2013; vgl. ferner die Kieler Konferenz Bilder des Orients: Megasthenes, Apollodor von Artemita und Isidor von Charax im Juni 2012.

[3] Irene Huber: Der Perser-Nomos des Timotheos. Zwischen Unterhaltungsliteratur und politischer Propaganda des 5. Jahrhunderts v.Chr., in: Grenzüberschreitungen - Formen des Kontakts und Wege des Kulturtransfers zwischen Orient und Okzident im Altertum, Akten des 3. Symposions der Arbeitsgruppe "Orient und Okzident im Altertum" in Berlin (=Oriens et Occidens 3), hg. von Monika Schuol / Andreas Luther / Udo Hartmann, Stuttgart, 2002, 169-196; Dies.: Ersatzkönige in griechischem Gewand. Die Umformung der šar pūi-Rituale bei Herodot, Berossos, Agathias und den Alexander-Historikern, in: Von Sumer bis Homer, Festschrift für Manfred Schretter zur Vollendung des 60. Lebensjahres (AOAT 325), hg. von Robert Rollinger, Münster, 2005, 339-398; Dies.: Ansichten eines Zivilisierten über die unzivilisierte Welt. Das Sāsāniden-Bild des Georgios Pisides und sein historischer Wert für das spätantike Iran, in: Klio 90, 2008, 162-192; Dies.: Ktesias und Babylonien. Über eine nicht-existierende Größe in den Persika, in: Wiesehöfer / Lanfranchi / Rollinger 2011 (s. Anm. 2), 247-277.

Katharina Knäpper