Rezension über:

Simone Meyder: "Mehr königlich als frei". Robert de Cotte und das Bauen in Straßburg nach 1681 (= Studien zur Kunst am Oberrhein; Bd. 4), Münster: Waxmann 2010, 323 S., zahlr. Farb- und s/w-Abb., ISBN 978-3-8309-2181-3, EUR 39,90
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Rezension von:
Thomas Wilke
Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Wilke: Rezension von: Simone Meyder: "Mehr königlich als frei". Robert de Cotte und das Bauen in Straßburg nach 1681, Münster: Waxmann 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/19147.html


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Simone Meyder: "Mehr königlich als frei"

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Mit dem Zitat "Mehr königlich als frei" [1] betitelt Simone Meyder die überarbeitete Fassung ihrer 2006 an der Universität Tübingen bei Elisabeth Kieven eingereichten Dissertation und resümiert auf diese Weise bereits zu Beginn ihre detaillierte Untersuchung sehr zutreffend. Die ansprechend gestaltete Softcoverausgabe ist als Band 4 der von Wilhelm Schlink begründeten und mittlerweile von Hans W. Huber herausgegeben Studien zur Kunst am Oberrhein erschienen.

Die Autorin geht in sieben Kapiteln der Frage nach, inwiefern sich das Bauwesen in der ehemaligen Freien Reichsstadt Straßburg nach der französischen Besatzung 1681 verändert und ob sich der neue Status als ville libre royale in einer von der zentralen Pariser Bauverwaltung beeinflussten Architektur wiederspiegelt. Dieser Aspekt wurde laut Meyder (12) in der häufig baumonografisch ausgerichteten französischen Forschung bislang nicht berücksichtigt.

Zunächst charakterisiert die Verfasserin im ersten Kapitel (21-31) die gewandelte historische Situation Straßburgs, um im Anschluss detaillierter auf die Veränderungen in der Bauverwaltung einzugehen (Kapitel 2, 32-48). Durch den im Kapitulationsvertrag zugesicherten Erhalt der städtischen Strukturen existierten im 18. Jahrhundert in Straßburg eine städtische und eine von Paris aus geleitete königliche Bauverwaltung nebeneinander, die - wie Meyder in den Kernabschnitten ihrer Studie belegt - erst im Laufe der Zeit zusammenarbeiteten.

In den drei zentralen Kapiteln zum Wirken Robert de Cottes und des königlichen Baubüros in Straßburg (Kapitel 5, 62-135), über Gebäude der städtischen Baumeister vor 1738 (Kapitel 6, 136-162) und zur Situation in der Stadt nach 1738 (Kapitel 7, 163-257) untersucht die Autorin in monografischen Einzelanalysen charakteristische Beispiele von maison particuliers. Dabei handelt es sich um von Privatpersonen errichtete Gebäude, die - je nach sozialem Status (oder Geldbeutel) des Bauherren - als hôtel oder maison bourgeoise erbaut und in Gestalt einer Blockrandbebauung sur-rue (an der Straße) oder entre-cour-et-jardin (mit Hof und Garten) ausgeführt wurden, wie Meyder anhand der zeitgenössischen Architekturtheorie erläutert (Kapitel 4, 49-61). Das dort formulierte Ideal dient der Autorin als Vergleichsparameter für die Analyse der ausgeführten Bauten.

Die ausgewählten Beispiele, mit denen gleichzeitig die Architekten vorgestellt werden, decken ein breites Spektrum von Bauten für angestammte Bewohner oder französische Neubürger Straßburgs ab. Zunächst widmet Meyder sich Gebäuden, die unter Mitwirkung von Robert de Cotte durch von den Bâtiments überwachte Architekten in Straßburg ausgeführt wurden: dabei bildet das ab 1722 nach Plänen von de Cotte durch Auguste-Malo Saussard realisierte Hôtel du Grand Doyenné den Auftakt, dessen Auftraggeber, Fréderic-Constantin de la Tour d'Auvergne, dem neu in der Stadt vertretenen französischen Adel entstammte (62-82).

Ebenso beauftragte Graf Johann-Reinhard III. von Hanau-Lichtenberg, der als reichster weltlicher Grundherr des Elsass in den Diensten des französischen Königs stand, den königlichen Architekten für sein neu zu errichtendes Stadthaus in Straßburg, dessen Planungsphasen und Ausführung durch den Architekten Joseph Massol die Autorin präzise nachzeichnet (83-110).

Unter der neuen französischen Herrschaft wurde François-Joseph Klinglin als gesellschaftlicher Aufsteiger zum préteur royal ernannt, der in Straßburg die königliche Jurisdiktion vertrat (111-132). Aufgrund dieser Stellung ließ er sich sein privates Hôtel komplett von der Stadt finanzieren, weshalb sowohl bei den Bâtiments geschulte Architekten wie städtische Baumeister zum Einsatz kamen, woraus eine erste, aber erzwungene Zusammenarbeit beider Bauorganisationen resultierte.

Die sauber recherchierten Beispiele belegen, wie die Ideen der Bâtiments auf Grund der strikt hierarchischen Organisation nach 1700 noch in die Provinz "exportiert" werden konnten, denn in Paris "mehrten sich die Anzeichen, dass die zentrale Kontrollinstanz an Macht eingebüßt hatte", wie Katharina Krause feststellt [2], sodass zunehmend von den Bâtiments unabhängige Künstler die stilistische Entwicklung bestimmten. [3] Für Straßburg wäre es allerdings wünschenswert gewesen, den größten und wohl einflussreichsten Neubau von de Cotte in der Stadt, das Hôtel de Rohan, zumindest als Vergleichsbeispiel zu berücksichtigen, stand er wie ein idealer Musterbau doch jedem vor Augen. [4]

Folgerichtig untersucht Meyder im sechsten Kapitel (136-162) den Pariser Einfluss auf Gebäude, die vor 1738 von einheimischen Baumeistern wie Franz Rudolph Mollinger oder Johann Peter Pflug errichtet wurden. Die Beispiele, wie das Hôtel du Maréchal du Bourg oder die Häuser der Kaufleute Schubart und Weitz, nähern sich mehr oder weniger deutlich Pariser Vorbildern, obwohl an Fassaden teilweise regionale Elemente wie Erker zu finden sind. Andere Abweichungen vom Ideal sind beispielsweise mit dem Umbau vorhandener Bausubstanz zu begründen.

Das Jahr 1738 markiert einen Einschnitt, da die Führungspositionen sowohl in der königlichen wie städtischen Bauverwaltung neu besetzt wurden, was zu einer verstärkten Zusammenarbeit führte, wie Meyder im siebten Kapitel anhand von weiteren Beispielen nachzeichnet (163-257). Außerdem erlangte Joseph Massol eine von den königlichen Bâtiments unabhängige Stellung als Architekt des Bischofs und Domkapitels von Straßburg.

Der größte Bau dieser Zeit, das Hôtel Gayot, besitzt einen raffinierten Grundriss mit versetzen Achsen zwischen der Hof- und Gartenfront. Diese Grundrissbildung war leicht in Publikationen über Pariser Hôtels beispielsweise am vergleichbaren Hôtel de Matignon zu studieren, sodass eine von der Autorin favorisierte Urheberschaft Joseph Massols für den Entwurf des Hôtels Gayot durchaus plausibel scheint. Die Analyse weiterer Bauten Massols wie das Hôtel de Hohenlohe, die Maison capitulaire und das Hôtel du Baron d'Autigny runden die erstmalige komplette Darstellung seines Werks ab.

In den folgenden Abschnitten über andere nach 1738 in Straßburg tätige Architekten behandelt Meyder anfangs Jacques Gallay, dessen Werdegang das Zusammenwachsen der bislang getrennten Bauorganisationen genauso belegt wie seine Konsultation der königlichen Bauverwaltung beim Entwurf des Hôtel de Turckheim. Weitere Werke wie die Maison Tourni oder das Hôtel de Neuwiller werden hinsichtlich der Fassadengestaltung untersucht, bei der die gesellschaftliche Stellung des Bauherren mittlerweile keine Rolle mehr spielt, wie Meyder herausarbeitet.

Auch die späten Bauten der städtischen Architektenfamilie Pflug wie die Maison Horrer oder das Hôtel de Marmoutier werden analysiert, wobei eine zunehmende Angleichung der Entwürfe an das Pariser Ideal festzustellen ist, was Meyder nochmals anhand von Gebäuden des Bauunternehmers Georg-Michael Müller verdeutlicht. Nach der Mitte des 18. Jahrhunderts etablierte sich somit ein von der commodité bestimmter einheitlicher Standard beim Bauen, der zwar in Zusammenarbeit beider Bauorganisationen umgesetzt wurde, aber vor allem dem dominierenden Pariser Vorbild verpflichtet war.

Die mit zahlreichen Fallbeispielen gut belegte Studie bildet einen interessanten, sehr lesenswerten Beitrag zur Architektur von Privatbauten unterschiedlicher sozialer Schichten im 18. Jahrhundert unter Berücksichtigung der speziellen historischen Situation Straßburgs, die zum zutreffenden Resumée (258-262) der Autorin une architecture plus royal que libre führt.

Das leider fehlende Register wird zum Teil durch das detaillierte Inhaltsverzeichnis ausgeglichen, hätte einen Zugriff auf in mehreren Kapiteln vertretene Künstlerpersönlichkeiten jedoch vereinfacht. Ergänzt wird der Band durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis und eine genaue Auflistung der ausgewerteten Archivalien und Planunterlagen, die dem Interessierten eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema sehr erleichtern werden.


Anmerkungen:

[1] Zitat zur politischen Situation Straßburgs nach 1681 von Bernard Vogler: Les conséquences de la Capitulation sur la vie politique à Strasbourg, in: Saisons d'Alsace 75 (1981), 13.

[2] Katharina Krause: Die Maison de Plaisance. Landhäuser in der Ile-de-France (1660-1730), München u.a. 1996, 320.

[3] Zu Bauten und Ausstattung in Paris nach 1700 ausführlich Fiske Kimball: The creation of the Rococo, New York 1943 sowie Bruno Pons: De Paris à Versailles 1699-1736. Les sculpteurs ornemanistes parisiens et l'art décoratif des Bâtiments du roi, Straßburg 1986.

[4] Meyder wertet das Hôtel als reinen Repräsentationsbau (17), was nach Meinung des Verfassers gerade dessen Charakter als idealen Prototyp verstärkt.

Thomas Wilke