Rezension über:

Edward J. Watts: Riot in Alexandria. Tradition and Group Dynamics in Late Antique Pagan and Christian Communities (= The Transformation of the Classical Heritage; XLVI), Berkeley: University of California Press 2010, XV + 290 S., ISBN 978-0-520-26207-2, GBP 37,95
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Rezension von:
Ariane Kiel-Freytag
Seminar für Alte Geschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Ariane Kiel-Freytag: Rezension von: Edward J. Watts: Riot in Alexandria. Tradition and Group Dynamics in Late Antique Pagan and Christian Communities, Berkeley: University of California Press 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 2 [15.02.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/02/18533.html


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Edward J. Watts: Riot in Alexandria

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Das spätantike Alexandria war wiederholt Schauplatz gewalttätiger Zusammenstöße zwischen Anhängern der verschiedenen Glaubensgruppen. Watts greift ein solches Ereignis aus der Regierungszeit Zenons auf, um zu zeigen, wie Traditionen sich auf Gruppendynamiken auswirken können.

Weil ein Student namens Paralius im Jahre 485 n.Chr. in Alexandria die Autorität und Glaubwürdigkeit seiner heidnischen Lehrer in Frage gestellt hatte, wurde er von seinen Kommilitonen körperlich angegriffen. Dieser Übergriff sollte weitreichende Folgen haben, denn er wurde zum Auslöser für einen Gewaltausbruch gegen das Heidentum in Alexandria. Nachdem Paralius von christlichen Studenten gerettet und in das Kloster Enaton gebracht wurde, unterrichteten die dortigen Mönche den Bischof Petrus Mongus von den Ereignissen. Dieser nutzte die Gelegenheit, die Bevölkerung der Stadt gegen das Heidentum zu mobilisieren, was zur Zerstörung des sich in dem Vorort Menouthis befindlichen Isis-Heiligtums führte.

Der Autor will zeigen, wie die Ereignisse von den unterschiedlichen Beteiligten mit ihren jeweiligen Interessen aufgrund ihrer Traditionen verstanden und propagiert wurden. Das Buch gliedert sich in drei Teile, die sich mit den Gruppen beschäftigen, welche in den Aufstand involviert waren: die heidnischen Gelehrten neuplatonischer Schulen, die Mönche sowie der Bischof von Alexandreia. Außerdem will Watts veranschaulichen, dass vor allem zwischenmenschliche Beziehungen eine wichtige Rolle spielten. Durch diese konnten sich die Menschen mit einer besonderen Gemeinschaft identifizieren und so den eigenen Platz in der Welt verstehen.

Im zweiten Kapitel ("Personal Legacy and Scholastic Identity") wird auf die seit dem 4. Jahrhundert v.Chr. gängige Praxis hingewiesen, dass die Schulvorsteher sich ihrer eigenen persönlichen Geschichten wie auch derjenigen ihrer Vorgänger bedienten, um die einzigartigen und positiven Aspekte ihrer Schulen anzupreisen. Diese Anekdoten wirkten identitätsstiftend und festigten die Loyalität der Schüler gegenüber ihrer Institution. Dadurch waren sie auch bereit, ihre Lehrer und deren Ansichten - gegebenenfalls mit Gewalt - zu verteidigen. Dass diese Praktiken auch in der Spätantike noch Gültigkeit besaßen, illustriert Watts anhand einer Untersuchung der Vita Sophistarum des Eunapius sowie der Vita Plotini des Porphyrius.

Mit den historischen Traditionen, die in den Gelehrtenzirkeln Alexandrias im Jahre 485 n.Chr. im Umlauf waren, beschäftigt sich das dritte Kapitel ("Past, Present, and Future in Late Neoplatonic Historical Discourse"). In diesem Umfeld erscheint der Übergriff auf Paralius als Disziplinierungsmaßnahme an einem Störenfried, der die gemeinsamen Traditionen fortwährend in Frage stellte. Der Angriff auf Paralius zog unerwartete Folgen für die neuplatonischen Schulen nach sich. Stark unter Druck geraten, reagierten die Philosophen unterschiedlich: Während Ammonius in Alexandria blieb und als Preis für die Weiterführung seiner Lehren einen Kompromiss mit der Staatsmacht einging, zogen es andere, wie Isidor und Damascius, vor, ihren philosophischen Idealen treu zu bleiben, die Stadt zu verlassen und sich nach Athen zu begeben.

Mit Kapitel vier ("History and Shape of Monastic Communities") beginnt der zweite Teil des Buches, welches das alltägliche Leben in einem pachomitischen Kloster beschreibt. Der Autor betont auch hier die Bedeutung historischer Traditionen, die vor allem durch Besucher und Gäste der Klöster ihre mündliche Verbreitung fanden. Eine wichtige Quelle hierfür ist die Historia Monachorum in Aegypto aus dem späten 4. Jahrhundert n.Chr. In diesem Zusammenhang wird auch die Rolle der so genannten philoponoi oder spoudaiai besprochen, welche zwar als Laien in den Städten lebten, sich jedoch einem bestimmten Kloster zugehörig fühlten und enge Verbindungen zu Mönchen pflegten, die als "geistige" Väter angesehen wurden.

Selbst ein Mitglied der philoponoi und Augenzeuge der Ereignisse war Zacharias Scholasticus, welcher im Mittelpunkt des fünften Kapitels ("Anti-Chalcedonian Ascetics and Their Student Associates") steht. Sein Bericht bietet die wichtigste Quelle für die Paralius-Affäre und die darauffolgende Zerstörung des Isis-Heiligtums in Menouthis. Zacharias weist deutlich Horapollon die Schuld am Übergriff auf Paralius zu. "This violence represented a direct physical threat to pious anti-Chalcedon students" (143) - so sahen es Zacharias und die anderen philoponoi.

Im dritten Teil des Buches untersucht Watts die Rolle des alexandrinischen Bischofs. Er erklärt zunächst ("Creating the Legend of the Alexandrian Bishop"), wie es dem alexandrinischen Bischof gelang, große Menschenmengen zu mobilisieren. Als Beispiel hierfür wählt er Athanasius, welcher immer mehr die Züge eines Märtyrers annahm. Wichtige Aufgaben des Bischofs bezüglich seiner Gemeinde waren zum einen seine Patronagepflicht, welche u.a. die Verteidigung ihrer Rechte oder auch die materielle Versorgung der Armen gewährleisten musste. Doch ebenso von Bedeutung erwies sich die Fähigkeit eines Patriarchen, eine enge Verbindung zwischen ihm und seiner Gemeinde zu schaffen.

Kapitel sieben behandelt die Bischöfe Theophilus und Kyrill ("Theophilus and Cyril: The Alexandrian Bishop Triumphant") und wie sie in ihrer Selbstdarstellung auf Athanasius zurückgriffen. Theophilus stützte sich bei der Zerstörung des Serapeions auf Athanasius, während Kyrill ihn als Vorbild bei seinem Kampf für die 'Orthodoxie' einsetzte.

Das letzte Kapitel ("Peter Mongus Struggles with the Past") schildert den Versuch des Petrus Mongus, sein Handeln während der Paralius-Affäre ebenfalls mit den historischen Vorbildern alexandrinischer Bischöfe, zu rechtfertigen. Da Petrus das umstrittene Henotikon Zenons angenommen hatte, erfreute er sich bei den Mönchen keiner Beliebtheit. Durch die Heidenverfolgung wollte er sich in die Tradition des Theophilus stellen, und hoffte dadurch, seine Position zu festigen, was nur von kurzfristigem Erfolg beschieden sein sollte.

Riot in Alexandria ist eine bemerkenswerte Studie zur spätantiken Gesellschaft mit Blick auf religiöse und literarische Geschichte und Traditionen dieser Zeit. Besonders Watts' Ansatz, den Fokus auf die Mikroebene der spätantiken Gesellschaft zu legen, um Prozesse auf einer größeren Ebene zu erklären, ist eindrucksvoll. Ebenso trägt sein Buch dazu bei, sich die weit reichende Bedeutung von mündlicher Überlieferung bewusst zu machen. Durch eine kurze Vorschau des Inhaltes vor jedem der drei Teile, sowie eine Zusammenfassung nach jedem Kapitel präsentiert sich das Buch sehr übersichtlich. Zwei Appendices zur Datierung der Unruhen sowie zur Glaubwürdigkeit des Zacharias Rhetor runden die Darstellung ab.

Ariane Kiel-Freytag