Rezension über:

K. Michael Hays: Architecture's Desire. Reading the Late Avant-Garde (= Writing Architecture series), Cambridge, Mass.: MIT Press 2010, X + 192 S., ISBN 978-0-262-51302-9, GBP 14,95
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Reinhold Martin: Utopia's Ghost. Architecture and Postmodernism, Again, Minneapolis / London: University of Minnesota Press 2010, XXVI + 241 S., ISBN 978-0-8166-6963-9, USD 25,00
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Rezension von:
Ole W. Fischer
MIT Cambridge, Massachusetts
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Ole W. Fischer: Zur Frage der Postmoderne in der Architektur (Rezension), in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/18456.html


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Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Zur Frage der Postmoderne in der Architektur

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Innerhalb kurzer Zeit sind zwei Bücher amerikanischer Autoren erschienen, die sich mit der Frage der Postmoderne in der Architektur auseinandersetzen, also dem historiografischen Problem der jüngsten Vergangenheit - und deren Aktualität in der Gegenwart. Die beiden Autoren, K. Michael Hays von der Harvard University und Reinhold Martin von der Columbia University New York, haben hierfür unterschiedliche Ansätze gewählt: während Hays sich auf eine Auswahl von vier Architekten beschränkt (Aldo Rossi, Peter Eisenman, John Hejduk, Bernard Tschumi) und deren Schlüsselwerke der 1970er-Jahre als Antwort auf die Krise der modernen Avantgarden liest, identifiziert Martin sieben thematische Felder (Territory, History, Language, Image, Materiality, Subjects, Architecture), in denen sich postmoderner Diskurs und Architektur wechselseitig durchdringen.

Zwar stimmen beide Autoren darüber überein, dass sich an der Architektur das Phänomen Postmoderne exemplarisch verhandeln lasse, da die Disziplin indexikalisch für Gesellschaft und Kultur dieser Epoche stehe, was sie mit Hinweis auf Fredric Jameson als "symptomatologisch" bezeichnen. [1] Doch nimmt Hays diese medizinische Metapher ungewöhnlich wörtlich, indem er der Architektur selbst ein Unterbewusstes zugesteht, das er mit Hilfe der Theorien von Jacques Lacan als prinzipiell sprachlich auffasst und einer psychoanalytischen Deutung unterzieht: analog zur Formation des Subjektes im von Lacan beschriebenen "Spiegelstadium" gehen laut Hays Selbstbewusstwerdung (oder Reflexiv-Werden) der Architektur mit Trennung, Verlust und Entfremdung notwendig einher. Hays interpretiert die Krise der modernen Architektur in den 1960er-Jahren und die daraus folgende fundamentale In-Frage-Stellung der Disziplin, ihrer Grundsätze, Methoden und "Essenz", als traumatische Ereignisse, die zu einem Einschluss der Architektur auf sich selbst geführt haben, zu einer narzisstischen und obsessiven Beschäftigung mit der ihr eigenen Struktur.

Nach Lacan kehren die Erfahrungen von Fragmentierung und Mangel in Folge psychologischer Verschiebung und Sublimierung als Begehren des Subjektes wieder, woraus sich der Titel von Hays Buch "Architecture's Desire" erklärt. Wie das menschliche Subjekt auch, möchte laut Hays die moderne Architektur zu einem unkritischen, vollkommenen Zustand zurückkehren, an dem das Projekt der (inzwischen historischen) modernen Avantgarde, die Zusammenführung von Leben und Kunst, noch nicht gescheitert sei. Doch behauptet Hays, dass diese Möglichkeit für die von ihm untersuchte Gruppe spätestens nach 1968 nicht mehr existiere. Stattdessen könnten sich die vier Architekten lediglich reflexiv und referentiell zu Moderne und Avantgarde verhalten, weshalb Hays den Begriff der "späten Avantgarde" (late avant-garde) einführt, in bewusster Abgrenzung zur "Neo-Avantgarde" von Peter Bürger. [2] Hays argumentiert, dass dieses historische Zu-Spät-Kommen seinen Protagonisten schmerzlich bewusst gewesen sei, und dass in ihren Architekturprojekten Scheitern, Desillusion, Negativität, Verlust und Entfremdung exemplarisch als Architektur über Architektur verhandelt werde. Mehr noch, hinter der symbolischen Ordnung der Sprache (auch der Sprache der Architektur) und den imaginären Projektionen und Begehren lauert der Tod der Architektur als Unaussprechliches, das Lacan mit dem Begriff des Realen beschrieb.

Durch den Umweg über Lacan versucht Hays analytisch auf einen Komplex spezifischer Architekturthemen am Beginn der Postmoderne zuzugreifen, die weniger mit den bekannten bildlichen oder semiotischen Anleihen aus Alltagswelt, Populärkultur oder Geschichte operieren, als vielmehr eine Gegentendenz dazu vertreten: fortgesetzte Abstraktion, Differenz, Wiederholung, Formalismus und autonome Struktur in Analogie zur Sprache zeichnen einen Entwicklungspfad vor, der seit der stilbildenden MoMA Ausstellung von 1988 als Dekonstruktivismus bezeichnet wird. [3] An Stelle des von ihm bisher gebrauchten Begriffs der "kritischen Architektur" im Bezug auf Rossi, Eisenman, Hejduk und Tschumi sieht Hays im Lacanschen Begehren den Vorzug, die Selbstreflexivität dieser Projekte nicht mehr nur intellektuell zu erklären, sondern ein triebhaftes, exzentrisches und die Subjektivität des einzelnen Architekten überschreitendes kollektives Moment hinzuzufügen. Daher versteht Hays auch die Architektur selbst als historischen Akteur, beziehungsweise schreibt ihr ein Selbstbewusstsein, ein Unbewusstes und Begierden zu.

Die Theorien von Jacques Lacan und ihr strukturalistisches und poststrukturalistisches Echo in den Geisteswissenschaften sind natürlich selbst Teil der Entwicklung, die Hays in der Architektur analysiert. Insofern spiegeln sich Meta-Reflexivität und Selbstreferentialität, die er seinem Untersuchungsgegenstand unterstellt, in seinem eigenen Text wieder. Das gilt im Prinzip auch für das Buch Utopia's Ghost, jedoch mit dem Unterschied, dass Martin weniger mit einem einzelnen (postmodernen) Großtheoretiker wie Lacan operiert, um das Phänomen der (postmodernen) Architektur sprachlich zu fassen, sondern ein dichtes Netz aus Bezügen, Referenzen und Indizien webt. Auch stehen bei Martin nicht einzelne Architekten oder Werke im Vordergrund, ja vielleicht nicht einmal die Architektur selbst, sondern das, was er als das "architektonische Denken" bezeichnet, das sich in Bauten, Zeichnungen, Texten oder Debatten zeigt. "Postmodern" ist dabei für Martin weniger eine Frage des Stils, als vielmehr eine "diskursive Formation", weshalb er methodisch auf die Diskursanalyse von Foucault zurückgreift, um die Verknüpfungen zwischen Architektur (im erweiterten Sinne) und den politischen, sozialen und ökonomischen Bedingungen dieser Epoche sichtbar zu machen.

Denn Architektur erfüllt eine gesellschaftliche Doppelrolle: sie ist sowohl symbolische Repräsentation als auch direkt an der Produktion hegemonialer Gefüge, Disziplinierungen und Biopolitik beteiligt, als ein konkreter Knoten oder Subsystem im globalen Netzwerk von Macht, Kapital und Wissen. Ihre symbolische Seite kann ebenso wie ihre materielle als ein Instrument des Ausschlusses fungieren und Grenzen errichten, wie beispielsweise der Gedanken der "Utopie", der, so Martin, in der Postmoderne "undenkbar" wurde. Denn für einen Diskurs, der mit den Analogien der Sprache, des Systems und der Kontrolle operiert, liegt eine radikale Alternative zum Status Quo, jenseits der bereits gegebenen Zeichen und Informationen, außerhalb des Möglichen. Andererseits kehren die so verdrängten Themen wieder, und sei es nur als Erscheinung, Virtualität und Gespenst. [4]

Kernthese von Martins Buch ist die Relation beziehungsweise Wechselwirkung zwischen Erscheinung und sozioökonomischer Realität, zwischen akademischem Diskurs und Biopolitik. Bezeichnend für Martins Ansatz ist die Recherche über den Zusammenhang zwischen Firmenarchitektur, Globalisierung und ungleicher Verteilung der Risiken am Beispiel von Union Carbide und der "Bhopal Katastrophe" im Kapitel 6: kurz nachdem für die US-amerikanische Firmenzentrale ein neues Gebäude mit individualisierten Arbeitsplätze im Sinne der "human resources" bezogen wurden, hat dieselbe Firma ihren indischen Mitarbeitern und der vom Chemieunfall betroffenen Bevölkerung die Rechte als Opfer verweigert. Eindrücklicher lässt sich der Zusammenhang von globalisierter Wirtschaftspraxis, Identitätspolitik, Risikogesellschaft und Architektur kaum darstellen. Und doch: auch dem Buch von Martin haftet eine intellektuelle Vergeistigung an, die dem Anspruch einer umfassenden Schilderung der postmodernen Wirklichkeit am Beispiel der Architektur (und ihrer Diskurse) zuwiderläuft: sprachlich formal, anspruchsvoll und höchst verfeinert, reich an Anspielungen, Zitaten und Verweisen, eklektisch in der Auswahl der Autoren, Theorien und Quellen, interdisziplinär und trotzdem fest dem "linguistic turn" verpflichtet, umfassend in Hoch- und Populärkultur bewandert, ist Martins Buch mindestens ebenso ein Teil des Phänomens der Postmoderne, das es zu untersuchen und zu kritisieren vorgibt, wie das Buch von Hays. So unterschiedlich die Wege sind, die beide Autoren beschreiten, um sich der nächsten Vergangenheit zu nähern, so ähnlich ist der Eindruck, der sich beim Leser einstellt: sie haben sie noch gar nicht verlassen.


Anmerkungen:

[1] Fredric Jameson: "Symptoms of Theory or Symptoms for Theory?", in: Critical Inquiry 30 (2004), Nr.2, 403-408.

[2] Peter Bürger: Theorie der Avantgarde, Frankfurt am Main 1974; der Begriff "Neo-Avantgarde" wird von Bürger jedoch mit einer negativen Konnotation im Sinne einer formalistischen Nachfolgebewegung gebraucht, welche gerade nicht nach einer Konvergenz von Kunst und Leben (und damit nach der Transgression der Kategorie der Kunst) strebt, vgl. auch: Benjamin Buchloh: Neo-avantgarde and culture industry: Essays on European and American art from 1955 to 1975, Cambridge, MA 2000.

[3] Phillip Johnson / Mark Wigley: Deconstructivist Architecture, New York 1988.

[4] Utopia's Ghost spielt auch auf das Gespenst des Kommunismus an, auf die erste Zeile aus dem kommunistischen Manifest von Marx und Engels, bzw. der postmodernen Auseinandersetzung mit diesem bei Derrida, vgl. Jacques Derrida: Spectres de Marx: l'état de la dette, le travail du deuil et la nouvelle Internationale, Paris 1993.

Ole W. Fischer