Rezension über:

Eva Maria Froschauer: "An die Leser!". Baukunst darstellen und vermitteln - Berliner Architekturzeitschriften um 1900, Tübingen: Ernst Wasmuth Verlag 2009, 272 S., ISBN 978-3-8030-0707-0, EUR 34,80
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Rezension von:
Martin Höppl
Kunstgeschichtliches Institut, Otto-Friedrich-Universität, Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Stefanie Lieb
Empfohlene Zitierweise:
Martin Höppl: Rezension von: Eva Maria Froschauer: "An die Leser!". Baukunst darstellen und vermitteln - Berliner Architekturzeitschriften um 1900, Tübingen: Ernst Wasmuth Verlag 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/18450.html


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Eva Maria Froschauer: "An die Leser!"

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Wenn einfach ein Periodikum an das andere gereiht wird, kann eine Dissertation über Architekturpublizistik, genauer über sechs Fachzeitschriften der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, schnell zu einer ermüdenden Angelegenheit für die Leser werden. Diesen Fehler hat die Autorin nicht begangen. Eloquent versteht sie es, Spezialisten wie Laien an das Thema heranzuführen, dafür zu begeistern und die Welt des Publizierens neu zu erschließen. Der Titel "An die Leser!" spielt auf die programmatischen Editorials der Architekturblätter an. Alle, denen der Gegenstand Architekturzeitschriften um 1900 in Berlin sehr speziell erscheint, werden schnell feststellen, wie abgewogen die Themenabgrenzung ist. Zum einen gab es nie mehr eine solche Blüte von Spartenblättern zu bildender Kunst und Architektur. Zum anderen nahm die Reichshauptstadt als Verlagszentrum eine herausgehobene Stellung ein.

Keinesfalls zufällig ist die Auswahl der Zeitschriften: "Berliner Architekturwelt", "Der Städtebau", "Centralblatt der Bauverwaltung", "Die Bauwelt", "Kunst und Künstler" und "Der Sturm". Ins Auge fällt das breite Analysespektrum, das für jede Gattung ein wichtiges Beispiel bietet: Neben einem Blatt, das sich dem hauptstädtischen Bauwesen verschrieben hatte, steht eines, das dem künstlerischen Städtebau à la Camillo Sitte als Disziplin ein Organ verschaffte. Neben einem Behördenblatt für Baubeamte steht mit der "Bauwelt" eine Zeitschrift mit hoher Publikationskraft und breitem Leserkreis. Schließlich finden sich zwei Kunstzeitschriften, die seltener Architekturbesprechungen abdruckten. Im Bezug auf die Herausgeber und Redakteure waren die Blätter ebenso unterschiedlich wie im Hinblick auf Leser und Auflagenstärke: War der Verleger von "Kunst und Künstler", Karl Scheffler, überzeugt, dass Geschäftemacherei Kunstzeitschriften schade, wurde "Der Sturm" als Sprachrohr der Avantgarden von Herwarth Walden mit einer Erstauflage von 30.000 Exemplaren beworben und als Propagandamaterial vertrieben.

Der umfangreiche erste Teil der Arbeit, "Gefäss des Zeitempfindens", liefert neben Ausführungen über Publikumsstruktur und Verbreitung der Blätter, auch Bemerkungen zu Presselandschaft und Verlagswesen im späten Kaiserreich sowie eine Charakteristik des Mediums. Insbesondere die Verleger Cassirer, Ernst, Ullstein und Wasmuth, aber auch andere mehr werden vorgestellt und soziale Beziehungsgeflechte der wilhelminischen Intelligenz aufgezeigt. Gründlich recherchierte Kritikeranalysen befassen sich nicht nur mit bekannten Autoritäten: Das Spektrum reicht von Literaten, wie Paul Scheerbart und Ernst Schur über Baufachleute, wie Wilhelm Jänecke und Hermann Muthesius, bis zu weniger bekannten Autoren, wie Friedrich Paulsen. Eingehende Betrachtung erfahren auch ästhetische Gestaltung und künstlerischer Anspruch der Druckerzeugnisse. Die Darstellung von Vermarkungsstrategien, etwa des Wasmuth-Verlages, der sich als Hort qualitätvoller Architekturpublikation und Vorreiter in diesem Segment verstand, eröffnet einen der vielen Blicke hinter die Kulissen der Branche.

Bedenkt man, dass vor der ersten Einzelbetrachtung, "Biografie der frühen Bauwelt" (56-78), die umfangreiche Einleitung und das erste Kapitel mehr als 50 Seiten umfassen, könnte man annehmen, dass die Aufmerksamkeit der Leser auf eine harte Probe gestellt würde. Genau das Gegenteil ist der Fall: Es gelingt der Autorin mit methodischem Fingerspitzengefühl komplexe Zusammenhänge zu erklären und den Blick für wesentliche Aspekte zu schärfen. Diese "(Architektur-)Geschichte über die Hintertür" (10) wird für den ein oder anderen Bauhistoriker und Architekturfreund ungewohnt sein. Für alle, die mit Presseforschung nicht vertraut sind, ist die Darlegung der medienwissenschaftlichen Forschungsliteratur interessant.

Die komprimierte Literaturauswahl ist in der Themenbegrenzung auf das Feld des Pressewesens begründet. Die Architekturgeschichte findet nur am Rande Berücksichtigung. Im Bezug auf den definierten Betrachtungsaspekt ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff "Medium" sehr reflektiert; weniger eingehend ist freilich der Blick auf die gebaute Architektur, die selbst als Medium verstanden wird (vgl. 10). Konkrete Fragen nach Perspektiven der Analyse des abgegrenzten Korpus' sowie nach dem Verhältnis von Geschriebenem und Gebautem, münden in sechs klar formulierte Thesen, die mit den ausgewählten Periodika korrespondieren (20-21).

Der mittlere Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Mikroklima Berliner Bauwesens und hinterfragt pointiert die "Konstruktion einer Hauptstadtarchitektur" (126-139). Durch zahlreiche Exkurse und Vergleiche werden die Beispiele in einen größeren Kontext gestellt. Dass der Leser dabei nie den roten Faden verliert und leicht den Überblick behält, ist auch der exzellenten redaktionellen Betreuung - siehe etwa die Zwischenüberschriften und Abbildungen - und ästhetisch hervorragenden Aufmachung durch den Wasmuth-Verlag zu verdanken. Der dritte Abschnitt steht schließlich ganz im Zeichen der Erziehung des (Laien-)Geschmacks durch die Kunstkritik (150-180) und die immer wichtiger werdende Fotografie: "mise en intrigue" (Bildeinsatz zur Leserlenkung) nennt Froschauer das (181-203). Die visuellen Vermittlungsstrategien und Retuschemethoden werden anschaulich dargestellt.

Eine Stärke der Arbeit liegt sicherlich in der intensiven Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen ungedruckten und publizierten Quellen. Hingegen finden sich, abgesehen von einzelnen Anleihen bei bekannten Theoretikern und Historikern des 20. Jahrhunderts, wie Benjamin, Barthes, Foucault oder auch Posener, kaum Auseinandersetzungen mit aktuelleren philosophischen, soziologischen oder kunstwissenschaftlichen Theoriediskursen. Zu denken wäre etwa an historisch-soziologische Klassiker von Sennett, Habermas, oder Bourdieu. Die vorgenommene Schwerpunktsetzung hat außerdem zur Folge, dass nicht alle Zeitschriften und Themenbereiche gleich gewichtig erscheinen. Auch wenn Stadtbautheoretiker, wie Joseph Stübben und Werner Hegemann gewürdigt werden, spielt etwa "Der Städtebau" keine größere Rolle.

Die virtuose Vergleichsmethode Froschauers bietet abgesehen von wenigen Redundanzen eine intensive Beleuchtung des Gegenstands aus zahlreichen Blickwinkeln unter immer wieder ertragreichen Betrachtungsaspekten, wie etwa zur Leser-Blatt-Bindung und zu Architektenvereinen. Es werden verschiedene Systematisierungs- und Periodisierungsansätze aus der Forschung vorgeführt; immer mit dem Fokus auf der großen Blütephase der Fachorgane nach - eigentlich nicht "um" - 1900. Wenn es um die Zusammenhänge und Rückkopplungen zwischen Kunstkritik und den diversen Bausparten geht, bleibt die Untersuchung ganz im Rahmen der mediengeschichtlichen Fragestellung. Im Anhang finden sich hilfreiche Überblickstabellen mit Basisdaten zu jeder Zeitung.

Die Studie eignet sich perfekt als Grundlage für weiter reichende Folgerungen von Seiten der Architekturhistoriker. Im knappen Fazit fasst die Autorin nicht nur präzise die Untersuchungsaspekte zusammen, sondern bekennt sich überzeugend zum Reiz des Vorstoßes in fremde Wissensgebiete. Somit wird eine Möglichkeit aufgezeigt, architekturgeschichtliche "Heldensagen" (216) auf den Prüfstand zu stellen. Darin wird auch bei anderen Studien zur Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die Aufgabe zukünftiger Forschung liegen: Im Sinne Froschauers müsste man dazu die "Darstellung des Mediums Architekturpresse [...] mit dem Faktischen der Architekturgeschichte" verbinden (218).

Martin Höppl