Rezension über:

Annette Schmidt: Ludwig Eisenlohr. Ein architektonischer Weg vom Historismus zur Moderne. Stuttgarter Architektur um 1900 (= Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart; Bd. 98), Stuttgart: Hohenheim Verlag 2006, 652 S., ISBN 978-3-89850-979-4, EUR 25,00
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Rezension von:
Martin Höppl
München
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Martin Höppl: Rezension von: Annette Schmidt: Ludwig Eisenlohr. Ein architektonischer Weg vom Historismus zur Moderne. Stuttgarter Architektur um 1900, Stuttgart: Hohenheim Verlag 2006, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 3 [15.03.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/03/12396.html


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Annette Schmidt: Ludwig Eisenlohr

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Annette Schmidt hat sich in ihrer Dissertation dem Architekten Ludwig Eisenlohr (1851-1931) gewidmet. Er leitete ein mittelgroßes, renommiertes, überwiegend in Stuttgart tätiges Architektenbüro der Kaiserzeit und gab die "Architektonische Rundschau" heraus. Es ist die Stärke dieser Arbeit, aufzeigen zu können, wie sich die architektonische Landschaft in der württembergischen Hauptstadt in der Zeit vor der Weißenhofsiedlung darstellte.

Durch die intensive Aufarbeitung der nachgelassenen Briefe und Pläne wird die Vorgeschichte der Stuttgarter Schule anschaulich. Eine Biografie und ein reich bebildertes Werkverzeichnis mit 175 akribisch aufgenommenen Bauprojekten und Wettbewerbseinreichungen erlauben einen detaillierten Überblick über Leben und Werk Eisenlohrs. Das Büro "Eisenlohr & Weigle" (ab 1910 "Eisenlohr & Pfennig") konnte wie viele andere im Deutschen Reich zwar kaum Erfolge bei überregionalen Wettbewerben verbuchen (Reichstag, Reichsgericht), es gelang ihm aber, sich auf die regionalen Anforderungen einzustellen und das malerische Stadtbild mitzuprägen. Die Arbeit zeigt beispielhaft, dass in der Fokussierung auf weniger berühmte Vertreter des Späthistorismus große Potentiale für die Forschung liegen.

Für das Frühwerk listet das Werkverzeichnis zahlreiche Villen und Mietshäuser auf - die Spezialität Eisenlohrs. 1885/86 errichtete er einen beliebten Aussichtsturm in Degerloch. In diesem neu erschlossenen Viertel baute er ab 1887 an seiner eigenen Villa. 1889 erhielt er den Auftrag für ein Ausstellungsgebäude und die Bautengruppe der Villa Siemens.

In eingehenden Werkanalysen beschäftigt sich die Autorin mit den Besonderheiten der Gebäude, ihren wesentlichen Funktionen und Nutzungen sowie mit übergeordneten Fragen zur Ästhetik, zur Gesetzgebung, den Auftraggeberverhältnissen, der Bevölkerungsentwicklung sowie dem Bedeutungswandel großer Bauaufgaben. Zudem finden sich kurze Angaben zu Denkmalschutz und Erhaltungszustand. Intime Kenntnisse offenbaren die Beschreibungen der inneren Gebäudestruktur und der Organisation von Räumen.

Ab 1890 finden sich im Werkkatalog einige große Landhäuser. Zudem erhielt Eisenlohr den Auftrag für das stark verändert erhaltene Hotel Marquardt und eine russisch-orthodoxe Kirche (1894/95). Mit dem steigenden Erfolg beteiligte er sich um 1900 auch an Wettbewerben für öffentliche Gebäude. So lieferte er Entwürfe für das Stuttgarter Rathaus in verschiedenen Stilrichtungen. 1896 errichtete er neben malerischen Einfamilienhäusern eine neugotische Volksbibliothek. Banken, Versicherungen und das Finanzministerium zählten zu den größten Auftraggebern.

Die Einteilung in vier Werkphasen zwischen 1877 und 1928 mit den Zäsuren 1890, 1900 und 1914 bildet das Gliederungsschema der Arbeit. Daran orientieren sich die Biografie, der Abriss über die lokale Bautradition und die Werkbetrachtungen. Gerade die biografischen Notizen gewinnen durch längere Zitate aus Briefen lebendige Anschaulichkeit. Die Auseinandersetzung mit den einzelnen Bauwerken ist stets vom expliziten Stuttgarter Blick bestimmt. Auswärtige Gebäude werden lediglich im Katalog und dort nur kurz aufgelistet (90 Einträge, viele Wettbewerbe).

Größere Bekanntheit erreichte Eisenlohr 1902 mit dem Interimstheater, für dessen Nachfolgebau er 1908 Entwürfe einreichte (1. Preis: Heilmann & Littmann). Vor dem Weltkrieg sind Rathäuser in Vaihingen und Feuerbach, eine Blindenanstalt sowie die Kunstgewerbeschule am Weißenhof zu nennen. Ebenso beteiligte sich das Büro mit Entwürfen an der Umgestaltung des Bahnhofsplatzes. Die letzte Schaffensphase umfasst einige Kaufhäuser, wie den sogenannten Mittnachtsbau (1925-28). Durch das Fehlen von Stadtplänen in der Arbeit ist die Lokalisierung der diversen Objekte nicht immer einfach. So sind etwa die Anbindung neuer Villenviertel an die Stadt und deren Topografie schwer nachvollziehbar.

Die gründliche Bearbeitung des Œuvres eröffnet Perspektiven bis in die 20er- und 30er-Jahre. Durch Recherchen gelingt es der Autorin, die Bandbreite der Gebäudeerfindungen aufzuzeigen und Zuschreibungsfragen durch Signaturenvergleiche zu klären. Das große Gewicht dieser Frage ergibt sich aus der Konzentration auf das Architektenindividuum innerhalb des arbeitsteiligen Unternehmens.

Für die Zeit zwischen 1900 und 1914 unterscheidet Schmidt in Stuttgart nicht weniger als drei Architektengenerationen, die den "Weg vom Historismus zur Moderne" mitgestaltet haben. Die Nennung zahlreicher Baubüros zeugt von großer Sachkenntnis. Häufig findet sich die Polarisierung zwischen Historisten und modernen Revolutionären. Immer wieder münden die Betrachtungen in Gegenüberstellungen von traditionellen und modernen Elementen, wobei Wiederholungen und Redundanzen nicht ausbleiben (87, 93, 96, 117, 131, 132, 135, 136, 140, 155, 158, 162, 164 und öfter). Selten ergeben sich daraus interessante Folgerungen.

An die Beschreibungen schließt sich die Einschätzung an: "Die Grundrisse [...] veranschaulichen die stetige Auseinandersetzung zwischen Altem und Neuem" (108). Eisenlohr sei es demnach trefflich gelungen, Vertrautes mit Ungewohntem zu verbinden. Ähnliche Bemerkungen finden sich allenthalben in der Literatur zu fast allen wichtigen Architekten der Zeit. Eisenlohr gehörte zu den oft vergessenen Vätern der Moderne, die zwischen den Historisten (Weinbrenner, Leins, Hübsch) und den Schülern Theodor Fischers anzusiedeln sind.

Vor dem Hintergrund der klassischen stilgeschichtlichen Forschung, auf die sich Schmidt wiederholt bezieht, und die ihren Blick auf die Quellen und ihren methodischen Zugriff prägt, scheint der konstatierte "architektonische Weg" nachvollziehbar konstruiert. Jedoch entsteht dadurch eine teleologische, rückblickende Engführung auf den Bruch durch die Moderne. Die Untersuchung kann dabei der vielschichtigen Vernetztheit der historischen Entwicklungsprozesse und der Eigengesetzlichkeit künstlerischer Formfindung nicht vollends gerecht werden.

Im Bezug auf die theoretische Durchdringung des Gegenstands eröffnet die materialreiche Grundlagenarbeit verhältnismäßig wenige Perspektiven. Umso mehr überzeugt sie bei der intensiven Analyse des Planmaterials, anhand dessen die "formale und stilistische Entwicklung von Bautypen" (98), also von Villen, Mietshäusern und Großbauten, aufgezeigt wird. Die Trennung in Grundriss- und Aufrissanalysen sowie die Beschreibung ornamentaler und dekorativer Details ist dieser quellenorientierten Herangehensweise geschuldet. Dabei beurteilt die Autorin das Werk Eisenlohrs durchweg überaus positiv. Die Frage, warum so viele Baudenkmale heute nicht mehr erhalten sind, wird nicht genauer diskutiert.

Durch die umfassende Aufarbeitung der Archivalien ebnen Darstellungen wie diese den Weg für weitere Fragestellungen. So wird es nachfolgenden Untersuchungen überlassen bleiben, nach den zeitgenössischen Wahrnehmungs- und Rezeptionsweisen der Bauten, etwa anhand von Memoiren und Reiseberichten, sowie den körperlich-räumlichen Eigenschaften der Bauensembles zu fragen. Ebenfalls bleiben die Einordnung der Projekte in den historischen Kontext und der Zusammenhang mit der urbanistischen Theoriediskussion und Praxis ein Desiderat für lohnenswerte Studien. Die Arbeit fügt sich ein in die Reihe von Monografien der letzen Jahre, wie sie etwa für Fellner & Helmer, Hermann Billing oder Oskar Kaufmann vorgelegt wurden. Die Autorin versteht es, das Material erschöpfend auszubreiten. Ihre Arbeit ist eine Grundlage und Ausgangsbasis für die zukünftige Architekturgeschichtsschreibung.

Martin Höppl