Rezension über:

Stefan Grüner: Geplantes "Wirtschaftswunder"? Industrie- und Strukturpolitik in Bayern 1949 bis 1973 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 58), München: Oldenbourg 2009, VII + 493 S., ISBN 978-3-486-56600-0, EUR 39,80
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Rezension von:
Jörg Lesczenski
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Michael C. Schneider
Empfohlene Zitierweise:
Jörg Lesczenski: Rezension von: Stefan Grüner: Geplantes "Wirtschaftswunder"? Industrie- und Strukturpolitik in Bayern 1949 bis 1973, München: Oldenbourg 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12 [15.12.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/12/16582.html


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Stefan Grüner: Geplantes "Wirtschaftswunder"?

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"Hier in Bayern hat man nur in Ochsen, Schweinen, Eiern und Milch gedacht und gelebt. Hier war es unmöglich, Arbeit aufzutreiben" [1] - Otto Dunkel, Gründer und Eigentümer der "Firma Otto Dunkel, Fabrikationsbetrieb zur Herstellung von elektrotechnischen Geräten und Bauteilen" in Mühldorf am Inn, setzte nach der Währungsreform vom 23. Juni 1948 keine großen Hoffnungen in das industrielle Potential Bayerns. Als Dunkel 1971 verstarb, stellte sich der Zustand der bayerischen Wirtschaft freilich ganz anders dar. Zwischen der Gründung der Bundesrepublik und der ersten Ölkrise 1973 erlebte Bayern "goldene Jahre" mit einem außergewöhnlich hohen Wirtschaftswachstum und einem beschleunigten sozioökonomischen Strukturwandel, der das Land von einer Agrar- in eine Industrie- und Dienstleistungsregion transformierte.

Während die Zeitgenossen den raschen wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik noch als ein "Wunder" deuteten, sucht die nüchterne historische Retrospektive nach anderen Ursachen für das "Wirtschaftswunder". Die Theorie der "langen Wellen", "Rekonstruktions-", "Strukturbruch-" und "Catch-Up-These" heben wahlweise auf längerfristige Trends, wirtschaftspolitische Weichenstellungen oder den Import amerikanischer Technologien und Produktionsverfahren ab, um die hohen Wachstumsziffern zu erklären.

Anders als gesamtstaatliche Analysen nährt sich Stefan Grüner den Jahren ökonomischer Prosperität in seiner Habilitationsschrift aus regionalhistorischer Sicht, die Fragestellungen der Politik- und Wirtschaftsgeschichte, aber auch der Raumforschung und Wirtschaftsgeographie aufnimmt. Das Ziel der Studie ist es, "unter Konzentration auf das Politikfeld der Industrie- und Strukturpolitik [...] politisch-institutionelle Steuerungsansätze zur Lenkung des sozialökonomischen Strukturwandels" am Beispiel Bayerns "mit Blick auf den bundesdeutschen Rahmen" aufzuarbeiten (4). Dabei verzichtet die quellengesättigte Arbeit (u.a. werden Akten der bayerischen Staatskanzlei, des Bundesministeriums für Wirtschaft und Nachlässe bayerischer Politiker herangezogen) auf einen größeren theoretisch-methodischen Überbau, da ein "umfassender Erklärungsansatz, der alle Faktoren des regional differenzierten Wirtschaftswachstums erfassen würde", bislang fehle (8).

Die Anfänge einer ökonomischen Strukturpolitik verortet Grüner in der Flüchtlingspolitik der Nachkriegszeit. Die Integration der Vertriebenen in das Wirtschaftsleben über die "Flüchtlingsproduktivkredite" seit dem Herbst 1947 sowie das in Politik und Verwaltung zunehmend konsensfähige Leitbild einer "dezentralen, industriell-gewerblichen Durchdringung des Landes" (422) bildeten die Grundlagen für die bayerische Industriepolitik im folgenden Jahrzehnt. Mit der Gründung der Bundesrepublik wurde die Strukturpolitik Bayerns besonders von drei politischen Handlungsfeldern bestimmt: dem bundesstaatlichen Finanzausgleich, der regionalen Wirtschaftspolitik der Bundesregierung und der Landesplanung. Die Absicht, die westdeutsche Finanzverfassung und die regionale Förderung des Bundes, die mit Hilfen für "Notstandsgebiete" 1950/51 begann, tatkräftig mitzugestalten, stilisierte die bayerische Landesregierung nunmehr zu einem "Akt der Selbsterhaltung" (203). Es war vor allem die Landesgruppe der CSU im Bundestag als gewichtige "Scharnierstelle" (425) zwischen München und Bonn, die industriepolitischen Zielen Bayerns Gehör verschaffte und bisweilen "in der Wahl der Mittel nicht kleinlich war" (216). So verbanden die CSU-Parlamentarier etwa 1952/53 in taktischer Gangart die Diskussion über einen "Osthilfefonds" zugunsten Bayerns mit ihrer Zustimmung für den weiteren personellen Aufbau des Bundesgrenzschutzes. Innerhalb Bayerns setzte die Landesregierung im Laufe der 1950er-Jahre überdies mit der Landesplanung auf ein weiteres Instrument, um den wirtschaftsstrukturellen Wandel zu steuern. Die Landesplanungsstelle im bayerischen Wirtschaftsministerium bot u.a. privaten Unternehmen vielfältige Dienstleistungen an und informierte z.B. über die örtlichen Arbeitsmärkte, verfügbare Gewerbeflächen und/ oder staatliche Kreditförderungen.

Als eine signifikante Zäsur der sozialökonomischen Entwicklung stellt Grüner die Zeitspanne zwischen den späten 1960er- und den beginnenden 1970er-Jahren heraus. Der Zuwachs des Bruttoinlandprodukts in Bayern übertraf erstmals den Bundesdurchschnitt und verstetigte sich in der neuen Dekade auf hohem Niveau. Seine Position als "Nachzügler im Wirtschaftswunder" (157) ließ Bayern immer deutlicher hinter sich. Dennoch blieb das Bundesland - auch nach der Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition im Herbst 1969 - unverändert ein bevorzugtes Objekt bundesstaatlicher Regionalprogramme (zwischen 1960 und 1970 brachte der Bund 44,8 Prozent aller Fördermittel auf, die in Bayern ausgegeben wurden).

Die Strukturpolitik und der Weg der bayerischen Wirtschaft wurden neben den Hilfen aus Bonn und den regionalen Planungsinitiativen maßgeblich von gesamtstaatlichen ökonomischen Trends sowie historischen Pfadabhängigkeiten mitbestimmt. Ohne die Zuwanderung von Arbeitssuchenden aus den Krisenregionen an Rhein und Ruhr, ohne die Entscheidung "expansionswilliger westdeutscher Unternehmer" (306), im Zeichen der Vollbeschäftigung Zweigbetriebe im Süden zu errichten und ihren Bedarf an Arbeitskräften im süddeutschen Raum zu befriedigen, und ohne die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, die bayerischen Mittelständlern auch durch den Einfluss des Bundesverteidigungsministers Franz Josef Strauß Beschaffungsaufträge einbrachte, hätte sich Bayern kaum zu einer blühenden (Industrie-) Landschaft entwickelt. Darüber hinaus profitierte die Region von einem längerfristigen "Transfer ökonomischer Standortpotentiale zugunsten des Südens" (17), der bereits in der Zwischenkriegszeit einsetzte und namentlich in Bayern zu überdurchschnittlichen Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens führte.

Die einzelnen Phasen der bayerischen Industrie- und Strukturpolitik, ihre Ziele und die Versuche, ihre Inhalte in Bonn durchzusetzen, arbeitet Stefan Grüner aus den Quellen stringent heraus - und dennoch fällt die Antwort auf die Leitfrage - "Geplantes Wirtschaftswunder? " - am Ende eher blass aus, was weniger in der Argumentationsführung, sondern gewissermaßen in der Natur des Untersuchungsgegenstands begründet liegt. Wie der Autor einräumt, ist es methodisch nicht möglich "eine theoriegestützte, gleichsam naturwissenschaftlich-präzise Bewertung der Effekte staatlichen Handelns" (9) anzubieten. Die "Wirkungstiefe strukturpolitischen Handelns" (429), z.B. auf die fortschreitende Industrialisierung des Landes, lässt sich allenfalls indirekt herleiten. So vermutet Grüner etwa plausibel, dass der Wert strukturpolitischer Maßnahmen für die gewerbliche Durchdringung Bayerns vor allem in der "allgemeineren infrastrukturellen Erschließung des Landes" (318) gelegen habe.

Wünschenswert wäre es gewesen, die Ergebnisse der Fallstudie mit den eingangs erwähnten makrohistorischen Erklärungsversuchen des "Wirtschaftswunders" in Beziehung zu setzen: Welche theoretischen Zugriffe werden durch die regionalhistorische Perspektive gestützt? Lässt sich die "Wiederaufnahme und Fortsetzung von bereits beschrittenen Entwicklungspfaden" (22) nach 1945 in Bayern als eine Bestätigung der "Rekonstruktionsthese" interpretieren? Wünschenswert ist es allerdings auch, dass der Studie Grüners weitere Arbeiten folgen, die sich ebenso fundiert der Industrie- und Strukturpolitik in der Bundesrepublik annehmen.


Anmerkung:

[1] ODU Steckverbindungssysteme GmbH & Co. KG, Otto Dunkel GmbH, Mühldorf am Inn, Quellen- und Materialsammlung: Otto Dunkel, Leben und Erleben eines deutschen Menschen seit 1891, Bd, 2, Mühldorf am Inn, o.J., 117.

Jörg Lesczenski