Rezension über:

Stefan Grüner: Paul Reynaud (1878-1966). Biographische Studien zum Liberalismus in Frankreich (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 48), München: Oldenbourg 2001, X + 426 S., ISBN 978-3-486-56523-2, EUR 69,80
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Rezension von:
Daniel Mollenhauer
Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Redaktionelle Betreuung:
Gudrun Gersmann
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Mollenhauer: Rezension von: Stefan Grüner: Paul Reynaud (1878-1966). Biographische Studien zum Liberalismus in Frankreich, München: Oldenbourg 2001, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 7/8 [15.07.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/07/3532.html


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Stefan Grüner: Paul Reynaud (1878-1966)

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Stefan Grüners Studie über den französischen Politiker Paul Reynaud, hervorgegangen aus seiner Regensburger Dissertation, versteht sich als Beitrag zur Geschichte des französischen Liberalismus. Historiker haben sich mit diesem Phänomen immer schwer getan. Die Tatsache, dass "libéral" als Eigenbezeichnung der historischen Akteure seit Beginn der Dritten Republik immer mehr aus der Mode gekommen war, hat sicherlich zu einem guten Teil zu diesen Schwierigkeiten beigetragen: Parteien und Politiker nannten sich "républicain", "démocratique", "national", "modéré", selten aber "libéral". Die "Begriffsverwirrung" auf diesem Feld, die Rainer Hudemann schon 1988 beklagte, wurde von den Historikern der französischen Parteiengeschichte weitgehend reproduziert: Identifizierten die einen (mit den Zeitgenossen) den politischen Liberalismus eng mit der Julimonarchie und dem daraus hervorgegangenen "Orléanismus", orientierten sich andere Autoren an einem abstrakten Liberalismus-Begriff, der dann auch ohne weiteres auf Bewegungen wie den republikanischen Radikalismus ("Radikalsozialismus") angewandt werden konnte, sodass schließlich die verschiedensten Gruppierungen und Politiker in der Literatur als "Liberale" firmieren.

Den terminologischen Fallstricken, die sich aus dieser Situation ergeben, entgeht auch die hier anzuzeigende Arbeit nicht immer, so, wenn der Autor umstandslos alle französischen Regierungschefs vor 1914 (also auch Emile Combes, Aristide Briand und René Viviani) dem Liberalismus zuschlägt (28). Den Stärken der Arbeit tut dies jedoch keinen Abbruch, zumal die Zugehörigkeit ihres "Helden" Paul Reynaud, in Deutschland vor allem bekannt als letzter republikanischer Ministerpräsident vor der Machtübernahme Pétains, zum Liberalismus unbestritten ist. Politisch sozialisiert in den Jahren der "République radicale", sich orientierend an den republikanischen Familientraditionen und an dem großen politischen Vorbild Waldeck-Rousseau, machte Reynaud noch vor Ausbruch des Krieges erste Gehversuche im gemäßigt-republikanischen Umfeld der "Alliance Démocratique Républicaine", der er nach 1918 schließlich auch förmlich beitrat. Jetzt, nachdem er in seinem Heimatdépartement Basses-Alpes als Kandidat des "Bloc national" in die Abgeordnetenkammer gewählt worden war, begann auch sein Aufstieg in die erste Riege der französischen Nachkriegspolitik, der ihn schließlich über verschiedene Ministerien - Reynaud war Finanzminister unter Tardieu 1930 und unter Daladier 1938-40, Kolonialminister unter Laval 1931/32, Justizminister unter Daladier 1938 - bis in das Amt des Regierungschefs führen sollte.

Grüners "biographischen Studien" (so der Untertitel) kommt dabei sehr zugute, dass sie zwar den Regeln des Genre entsprechend chronologisch aufgebaut sind, diese konventionelle Methode jedoch mit einem systematischen Zugriff verbinden: Nicht so sehr ein "Lebensbild" ist intendiert (und der private, nicht-politische Reynaud wird daher auch weitgehend ausgeblendet) als vielmehr ein politisches Profil: Dieses ist dem Autor bestens gelungen.

Seine auf einer beeindruckenden Quellenfülle und souveräner Kenntnis der Sekundärliteratur beruhende Studie (zu bedauern ist nur, dass ausgerechnet eine der wenigen deutschen Arbeiten zum französischen Liberalismus, nämlich Sabine Rudischhausers Arbeit zum Arbeitsrecht und der "liberté du travail", in Grüners Bibliografie fehlt), die zudem ausgesprochen lesbar geschrieben ist, situiert die Karriere Reynauds präzise im politischen Kräftefeld der Zwischenkriegszeit; die einzelnen Kapitel führen den Leser gekonnt durch die komplizierten Debatten um Reparationspolitik, Sicherung des "franc fort" und Überwindung der Wirtschaftskrise, Reform der Verfassung und Modernisierung des politischen Systems.

Tatsächlich hat Reynaud seinem Biografen die Aufgabe auch erleichtert: Seine politische Karriere ist geprägt von ausgesprochenen Kampagnen, in denen er sich weitgehend auf ein Thema konzentrierte: Stand in den frühen Zwanzigerjahren die Deutschland- und Reparationspolitik im Mittelpunkt von Reynauds Interesse, so galt dies in ähnlicher Weise für die Finanzpolitik in den späten Zwanzigerjahren und die Verfassungspolitik in den frühen Dreißigerjahren. So entspricht der Aufbau des Buches, das ausgehend von einer Skizze der politischen Lehrjahre Reynauds im Kontext des französischen Vorkriegsliberalismus nacheinander das Engagement Reynauds auf den genannten Politikfeldern abarbeitet, durchaus dem Arbeitsstil seines Protagonisten.

Reynaud erweist sich dabei als ein Politiker, der auf eine höchst originelle Weise Verwurzelung in einem politischen Milieu - dem gemäßigt-liberalen Republikanismus der Vorkriegszeit, wie ihn Politiker wie Waldeck-Rousseau und später Poincaré verkörpert hatten - und Suche nach unkonventionellen und innovativen Lösungen für die spezifischen Probleme der Nachkriegszeit verbunden hat. Das hob ihn einerseits aus der Masse der reformunwilligen oder -unfähigen Politiker der rechten und linken Mitte heraus, die weitgehend den Politikmustern der Vorkriegszeit und dem Nationalismus der Kriegsjahre verhaftet blieben und so das Bild von der "blockierten Gesellschaft" prägten; es grenzte ihn andererseits aber auch von denjenigen Kollegen ab, die bei der Suche nach alternativen Wegen das "republikanische Modell" gänzlich aufzugeben bereit waren. Dass Reynaud der "faschistischen Versuchung" widerstanden hat, ist dabei umso höher zu bewerten, als es zum Teil gerade Männer aus seinem nächsten politischen Umfeld waren, die - wie André Tardieu - in den 30er-Jahren bei den scheinbar so erfolgreichen autoritären Regimes im Osten und Süden Frankreichs nach Anregungen für die Lösung der eigenen Probleme suchten.

Wie wenig Paul Reynaud sich von gängigen Vorurteilen oder auch von Volksstimmungen beeinflussen ließ, ist an seiner Behandlung der Deutschlandfrage besonders gut zu beobachten. Grüner arbeitet dabei klar heraus, dass nicht "Neigung oder Affinität zum deutschen Nachbarn" Reynaud auf den Weg der deutsch-französischen Annäherung und Wirtschaftskooperation brachte, sondern vielmehr "klare Einsicht in die Bedingungen für den Wiederaufbau Europas nach dem Ersten Weltkrieg und in die Interdependenz von Siegern und Besiegten" (78). Diese ließ ihn seit Anfang 1921 nach Alternativen zur harten Linie in der Reparationsfrage suchen, die er schließlich in dem Vorschlag verstärkter Sachlieferungen Deutschlands und einer wachsenden Verflechtung der beiden Ökonomien durch französische Aktienbeteiligungen in Deutschland zu finden glaubte. Reynaud, der sich nicht zuletzt auf mehreren Deutschlandreisen um ein tieferes Verständnis der deutschen Gesellschaft bemühte, forderte eine Politik, die Härte mit Entgegenkommen und Kooperationsbereitschaft kombinierte: "Il faut menacer d'une main, mais il faut offrir de l'autre", so formulierte er 1922 sein deutschlandpolitisches Credo und mahnte, man dürfe Deutschland nicht jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft nehmen (93f.).

Dass Reynaud ein genaueres, realitätsnäheres Bild vom Nachbarn jenseits des Rheins besaß als die meisten seiner Zeitgenossen, zeigte sich auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Berlin: Reynaud erkannte bald, dass eine Fortsetzung der bisher von ihm verfolgten "Entspannungspolitik" unter den veränderten Bedingungen nicht weiter möglich sein würde, brach mit seinen bisherigen deutschlandpolitischen Verbündeten auf der Linken und plädierte nun für eine Politik der "fermeté", die auch verstärkte Rüstungsanstrengungen einschloss. Hierin lag die Wurzel für die in den folgenden Jahren sich stetig intensivierende Zusammenarbeit mit Charles de Gaulle, den er schließlich 1940 zum Unterstaatssekretär in seinem Kriegskabinett machen sollte. Beide Männer einte der Sinn für unkonventionelle, moderne Lösungen, und so konnte es kaum verwundern, dass Reynaud einer der wenigen Politiker war, die de Gaulles Ideen zu einer Militärreform und seine Forderung nach der Bildung von selbstständigen, zur Offensive fähigen Panzerverbänden förderten.

Auch auf anderen Politikfeldern hat sich Reynaud in den Dreißigerjahren einen Ruf als tatkräftiger "Modernisierer" erworben. In der Wirtschafts- und Finanzpolitik, dem eigentlichen Wirkungsfeld Reynauds, kombinierte er die Verteidigung des freien Unternehmertums mit vorsichtiger Einführung staatsinterventionistischer Elemente; während er die Sozialpolitik der Volksfront vehement ablehnte und einige ihrer zentralen Maßnahmen in seiner Eigenschaft als Finanzminister später zurücknahm, hatte er während der Weltwirtschaftskrise schon früh die Abwertung des Franc und damit die Abkehr vom traditionellen Monetarismus zur Ankurbelung der französischen Wirtschaft empfohlen.

Grüner macht keinen Hehl aus der Sympathie, die er für den brillanten Querdenker Reynaud hegt, dessen Initiativen häufig in die richtige Richtung wiesen, aber zu früh kamen und seine Zeitgenossen überforderten. Diese grundsätzliche Sympathie lässt ihn jedoch nicht blind werden für die Grenzen des Politikers Reynaud, die vor allem in seiner kurzen Amtszeit als Ministerpräsident sichtbar wurden. Weder innen- noch außenpolitisch und diplomatisch konnte Reynaud entscheidende Akzente setzen; dass er, der über Jahre das republikanisch-parlamentarische Regime verteidigte hatte, es dann schließlich war, der mit seinem Rücktritt der Selbstauflösung dieses Regimes den Weg öffnete, war nur noch eine Ironie der Geschichte, der Schlusspunkt des letztlichen Scheiterns seiner Regierungspolitik.

Daniel Mollenhauer