Rezension über:

Elisabeth Vavra (Hg.): Der Wald im Mittelalter. Funktion - Nutzung - Deutung (= Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung; Heft 2), Berlin: Akademie Verlag 2008, 197 S., ISSN 0949-0345, EUR 44,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches

Rezension von:
Winfried Freitag
München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Winfried Freitag: Rezension von: Elisabeth Vavra (Hg.): Der Wald im Mittelalter. Funktion - Nutzung - Deutung, Berlin: Akademie Verlag 2008, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/15998.html


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Elisabeth Vavra (Hg.): Der Wald im Mittelalter. Funktion - Nutzung - Deutung

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Das Heft ist interdisziplinär angelegt und will neueste Forschungsansätze vorstellen. Zeitlich liegt der Schwerpunkt auf dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Dem frühen Mittelalter ist der Beitrag von Markus Friedrich Jeitler gewidmet. Er geht in Königs- und Kaiserurkunden des 8. bis 11. Jahrhunderts der Bedeutung von Waldbezeichnungen wie silva, forestis oder gualdo nach, um daraus Rückschlüsse auf die damaligen Waldnutzungen zu ziehen. Die Auswertung ist hilfreich, kann aber nur ein erster Schritt sein. Um zu breiter abgestützten Ergebnissen zu gelangen, müssten weitere Quellen wie Urbare und Traditionsbücher sowie die Ergebnisse der Mittelalterarchäologie herangezogen werden. Jeitlers Behauptung, die Jagd sei "im Verlauf des Frühmittelalters bereits nur Begüterten möglich" (24) gewesen, mag durch seine Quellen gerechtfertigt erscheinen. Sie passt aber schlecht zu seinem Hinweis auf die "häufig angewandte Fallenjagd" und ihr geringes Ansehen (24). Und sie passt nicht zu den Ergebnissen von Clemens Dasler im selben Heft. Dassler stellt in seinen "Grundelemente(n) der mittelalterlichen Jagd" fest, dass diese zwar wichtig für die adelige Selbstdarstellung war, daneben aber andere Aspekte zu wenig beachtet würden; so z. B. die Pelztierjagd oder die Bekämpfung von Raubwild wie Fuchs, Wolf, Bär und Fischotter. Diese Tiere seien in der Hauptsache von der einfachen Bevölkerung bejagt worden.

Elisabeth Johann hat es übernommen, den "Wirtschaftsfaktor Wald. Am Beispiel des österreichischen Alpenraums" darzustellen. Diese Überschrift weckt Skepsis: Lässt sich der Wirtschaftsfaktor Wald überhaupt am Beispiel des österreichischen Alpenraums darstellen oder finden sich in diesem Raum nicht sehr unterschiedliche Bündel von Ansprüchen, die der Mensch in vormoderner Zeit an den Wald stellte? Es wäre also hilfreich, wenn Johann klar zwischen verschiedenen Regionen und ihren Nutzungsprofilen unterscheiden würde. Sie wechselt jedoch häufig zwischen Jahrhunderten, Landschaften und Nutzungen hin und her und zieht neben österreichischen Quellen auch solche zum Nürnberger Reichswald, dem Fichtelgebirge, dem Freisinger und Bamberger Raum heran. Zudem unterlaufen ihr sachliche Fehler. So subsumiert sie das Salzsieden unter die Weiterverarbeitung von Erzen und missversteht den Hochofenprozess als das Ausschmelzen von Eisenerz (36).

Um ein Nutzungsprofil, in dem die Ansprüche der Salinen und des Bergbaus dominieren, geht es im Beitrag von Sonja Pallauf. Sie beschäftigt sich mit der Forstgesetzgebung des Erzstiftes Salzburg, insbesondere mit der Waldordnung von 1524. In ihr, der ersten für das Erzstift, spiegele sich das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Interessen wieder: die einer wachsenden Bevölkerung, die über die Brenn-, Werk- und Bauholzgewinnung hinaus den Wald vor allem für die Versorgung ihres Viehs (Waldweide, Laubheu und Einstreu) benötigte, und die des Fürstbischofs, der so viel Wald wie möglich den Salinen und Bergwerken des Landes vorbehalten wollte. Die unzähligen Verbote und Befehle, die die Ordnung enthielt, sollten von einer straff hierarchisch aufgebauten Forstverwaltung durchgesetzt werden. Dass sich diese auf ihrer untersten Ebene auf Bauern stützte, die unentgeltlich als Förster zu dienen hatten, wirft Fragen nach dem tatsächlichen Vollzug auf. Um sie zu beantworten, wird man allerdings nichtnormative Quellen hinzuziehen müssen.

Zwei Beiträge stützen sich sehr stark auf naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie die Analyse von Holzkohleresten, Dendrochronologie oder Paläoethnobotanik. Thema von Thomas Ludemann ist das Verhältnis von "Natürliche(m) Holzangebot und historische(r) Nutzung" an zwei ehemaligen Bergbaustandorten im Westschwarzwald. Seine Hauptquelle sind im Boden erhaltene Holzkohlereste aus einem Zeitraum von über 2000 Jahren. Darüber hinaus dienen ihm Artenzusammensetzung und Strukturen der aktuellen Vegetation als lebendiges, weit in die Vergangenheit zurück reichendes Gedächtnis. Ludemann kann zeigen, dass die zunehmende menschliche Nutzung keinen Degradationsprozess zur Folge hatte. Es fand vielmehr ein mehrfacher Wechsel zu den jeweils am besten erreichbaren und geeigneten Hölzern statt. In der Römerzeit und noch im Hochmittelalter waren dies Pioniergehölze und Eichen in naher Umgebung der Bergwerke, im Spätmittelalter Buchen und Eichen aus der weiteren Umgebung. In der Neuzeit nahm der Anteil der Tannen - sie liefern keine so gute Holzkohle - zu.

Pionierarbeit leistet auch Tilmann Marstaller. Sein Aufsatz "Der Wald im Haus" stützt sich zum einen auf Hölzer, die im Vorland der Schwäbischen Alb vom 14. bis 18. Jahrhundert verbaut und unlängst hinsichtlich Holzart, bautechnischer Verwendung, Datierung und Alter der Bäume bestimmt wurden. Zum anderen greift er auf schriftliche Quellen wie Waldordnungen, Berichte über Waldbereitungen oder frühe Forstkarten zurück. Dank der Kombination beider Quellen kann Marstaller zeigen, wie Waldzustand und Bestockung des südlich von Stuttgart gelegenen Schönbuch durch Übernutzung verändert wurden und wie die Anwohner auf Bauholzmangel mit Nadelholzsaaten und dem Import von Floßholz reagiert haben.

Ebenfalls interdisziplinär angelegt sind die Beiträge von Mireille Schneyder und Jens Pfeiffer. Beide beschäftigen sich mit dem Wald in der mittelalterlichen Literatur, beide ziehen dazu theologische und didaktische Schriften mit heran. Schneyder zeigt, wie sich die höfische Literatur des Waldes als imaginären Raum bedient, um Sinnkonzepte zu vermitteln und Erzählstrukturen zu entfalten. Der Wald erscheint mal als Chaos oder undurchdringliches, verwirrendes Dickicht und damit als Gegenbild zur ritterlich-höfischen Ordnung. Mal ist er - wie im Falle der Waldeinsamkeit, in der Parzival aufwächst - Ort der Utopie. Für Sünder und Einsiedler, die sich in ihn zurückziehen, ist er Heilsraum, der zu Gott zurückführt. Rittern, die âventiure suchen, bietet er die Möglichkeit der Bewährung und Selbstfindung. Hinter solchen mit theologischen und didaktischen Inhalten aufgeladenen Wäldern verschwänden, so Schneyder, die realen Verhältnisse im damaligen Mitteleuropa. Das ist grundsätzlich richtig, bedarf jedoch einer kleinen Einschränkung. In Wolframs Parzifal finden sich ein paar Zeilen, die den Übergang von dichtem Wald in Weidewald, in aufgelichteten Nutzwald mit einzelnen Bifängen und schließlich in offenes, gerodetes Land beschreiben. [1] Bei guter Kenntnis der damaligen Waldnutzungen und genauer Lektüre ließen sich in der höfischen Literatur wohl mehr solcher Stellen finden.

Den von Schneyer gesponnenen Faden nimmt Jens Pfeiffer auf in seiner Interpretation der Eingangsverse der "Divina Comedia". In ihnen berichtet Dante, wie er sich in der Mitte seines Lebens in einem dunklen Wald verirrt. Er trifft hier allerdings nicht wie der Artusritter auf eine unhöfische Gegenwelt von Riesen und Ungeheuern, sondern "in der denkbar größtmöglichen Überbietung alles Bisherigen" (138) auf die Unterwelt selbst. Mit dieser Wendung einher geht der Wechsel von den Erzählschemata des höfischen Romans zu einer theologischen Konzeption. Was Pfeiffer aber vor allem zeigt, ist, wie "ein gemachtes Kunst-Werk [...] die Erinnerung an die Vielgestaltigkeit der in seine Entstehung eingegangenen kulturellen Einflüsse aufbewahrt und weitergibt." (142) Dantes Darstellung und Deutung des Waldes knüpft zwar an Vergil an, ist aber zugleich geprägt von einem Jahrtausend christlicher Rezeption und Umdeutung des Waldes.

Bei der Lektüre des Heftes wird deutlich: Fortschritte in der Waldgeschichte des Mittelalters versprechen neben der Auswertung weiterer Quellenbestände vor allem Forschungen, die die Untersuchung materieller Überreste mit schriftlichen Quellen kombinieren. Von Seiten der Literatur- und Kunstgeschichte wird man sich hingegen nur ergänzende Einblicke in Nutzung, Bestockung und Zustand der Wälder erhoffen dürfen. Deutlich wird auch, dass noch viel zu tun bleibt. Wir wissen nur wenig über die konkreten Bedingungen, unter denen die ländliche Bevölkerung im frühen und hohen Mittelalter den Wald nutzte. Ebenso dünn ist unser Wissen über das Forstpersonal. In welchem Umfang gab es solches? War es tatsächlich in der Lage, die Wälder zu überwachen? Gibt es im Mittelalter mehr als nur punktuelle Ansätze zu deren gezielter Bewirtschaftung und Pflege? Das vorliegende Heft ist in seiner Vielfalt zweifellos erfrischend, die darin enthaltene Auswahlbibliothek aktuell und hilfreich. Man hätte sich aber gewünscht, dass auch die Probleme und Desiderate der Forschung deutlicher gesehen und benannt worden wären.


Anmerkung:

[1] Vgl. hierzu Wilhelm Abel: Geschichte der deutschen Landwirtschaft, Stuttgart 1978, 38 u. 20.

Winfried Freitag