Rezension über:

Rotraud Becker (Bearb.): Nuntiaturen des Giovanni Battista Pallotto und des Ciriaco Rocci (1630-1631) (= Nuntiaturberichte aus Deutschland nebst ergänzenden Aktenstücken. Vierte Abteilung: Siebzehntes Jahrhundert; Bd. 4), Tübingen: Niemeyer 2009, LXXIII + 644 S., ISBN 978-3-484-80168-4, EUR 129,95
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Rezension von:
Bettina Scherbaum
München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Bettina Scherbaum: Rezension von: Rotraud Becker (Bearb.): Nuntiaturen des Giovanni Battista Pallotto und des Ciriaco Rocci (1630-1631), Tübingen: Niemeyer 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/15902.html


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Rotraud Becker (Bearb.): Nuntiaturen des Giovanni Battista Pallotto und des Ciriaco Rocci (1630-1631)

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Die Editionsreihe der "Nuntiaturberichte aus Deutschland" des Deutschen Historischen Instituts in Rom gehört zu den großen und traditionsreichen Quelleneditionen der Geschichtswissenschaft, deren Wurzeln bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Diese bereichert das Deutsche Historische Institut in Rom nun um einen weiteren Band der "Nuntiaturberichte vom Kaiserhof", bearbeitet von der Regensburger Historikerin und ausgewiesenen Kennerin Rotraud Becker.

Die Nuntiaturberichte sind die diplomatischen Korrespondenzen zwischen den päpstlichen Nuntien und Legaten am Kaiserhof und im Reich und dem römischen Staatssekretariat. Durch den wöchentlichen Berichtsrhythmus, die Vielzahl der in den Berichten und mitgegebenen Beilagen angesprochenen Themen und ihre Überlieferungsdichte erreichen die Nuntiaturberichte eine chronologische Geschlossenheit, die sie zu einer herausragenden Quellengattung zur politischen und kirchlichen Entwicklung im deutschen Raum, aber auch zur europäischen Politik des Papsttums und zur Geschichte und zum Wesen der päpstlichen Diplomatie macht.

Der Band umfasst den Zeitraum vom Jahresbeginn 1630 bis Anfang August 1631 und damit einesteils die letzte Phase der Nuntiatur von Giovanni Battista Pallotto, der seit 1628 Nuntius in Wien war und bis zum Oktober 1630 aus Wien berichtete. Zugleich dokumentiert der Band den Beginn des Wirkens des neuen Nuntius Ciriaco Rocci, der im April 1630 zum Nachfolger Pallottos deklariert wurde und bis 1634 Nuntius am Kaiserhof bleiben sollte.

Der Zeitraum, aus dem die Berichte der beiden Nuntien stammen, ist durch eine deutliche Zäsur gekennzeichnet. Während Pallotto in Wien bis zum Ende seiner Amtszeit sich um den Abschluss des sogenannten Salzvertrags bemühte, der die Errichtung und finanzielle Sicherung neuer Bistümer in Böhmen ermöglichen sollte und darüber hinaus einen heftigen Konflikt mit dem Ortsbischof Kardinal Klesl austrug, begann Rocci seine Tätigkeit im August 1630 als unerfahrener Neuling auf dem Nuntiaturposten am Kaiserhof auf dem politisch hochwichtigen Regensburger Kurfürstentag, auf dem die Kurfürsten die Entlassung Wallensteins durchsetzten. Zudem stellte sich heraus, dass die Kurie, die sich nach dem Restitutionsedikt von 1629 eine Wiedergewinnung katholischen Terrains erhoffte, angesichts der politisch-militärischen Ereignisse - kriegerisches Vordringen der Schweden, Bündnis der protestantischen Stände auf dem Leipziger Konvent - vergeblich auf die Erfüllung ihrer Erwartungen hoffte. Hauptthemen wurden vielmehr die Vermittlung eines Friedens für Oberitalien nach dem Krieg um die Herzogtümer Mantua und Montferrat und von Juni 1631 an die Verhandlungen, die das Präzedenzrecht für den Papstneffen Taddeo Barberini als Präfekt von Rom vor dem kaiserlichen Gesandten zum Ziel hatten.

Der Editionsband setzt das hohe Niveau fort, durch das sich die bisherigen Nuntiaturberichtsbände bisher schon ausgezeichnet haben. Die Einleitung erläutert die Editionsgrundlage und Editionsprinzipien eingehend. Die Texte werden im vollständigen Wortlaut wiedergegeben, was dem Benützer ermöglicht, seine spezifischen Forschungsinteressen an die Quellen heranzutragen. Da die Nuntiaturberichte über ihre Bedeutung zur Erhellung der Ereignisgeschichte hinaus wertvolle Dokumente zur Diplomatiegeschichte, zur Hofgeschichte oder zur Kommunikationsgeschichte darstellen - um nur einige denkbare Aspekte zu nennen - ist dieses Prinzip umso wertvoller. Rotraud Becker hat die verstreute archivalische Überlieferung der Berichte zuverlässig zusammengetragen und erschlossen. Über die in die Edition aufgenommenen Schreiben hinaus weist sie Beilagen (zum Beispiel Vertragstexte, Manifeste oder Suppliken) sowie weiteres Archivgut nach.

Ein knapper, aber sorgfältiger und kenntnisreicher Kommentar zu Personen, Ereignissen, Archivdokumenten oder Forschungsliteratur gibt in den Fußnoten wertvolle Hinweise zur Vertiefung. Er bietet die Grundlage dafür, die Vielfalt der Themen, das weitgespannte Korrespondenznetz und die internationale Dimension des Wirkens der Nuntien in weiteren Forschungsarbeiten zu erschließen. Hilfreich ist zudem das differenzierte und ausführliche Register, das Personen, Orte und Sachbegriffe nachweist. Die Einleitung enthält darüber hinaus jeweils einen Kurzüberblick über die Biographien von Giovanni Battista Pallotto und Ciriaco Rocci. Dadurch wird ihr gesamter Werdegang, über den bislang relativ wenig bekannt war, erschlossen und somit eine bessere Einordnung ihres Wirkens als Nuntien ermöglicht.

Mit jedem neuen Band, der bisherige Lücken schließt, gewinnt die Editionsreihe der "Nuntiaturberichte aus Deutschland" nochmals an Wert. Ihr ist zu wünschen, dass sie bald weitere Fortsetzungen erleben darf.

Bettina Scherbaum