Rezension über:

Peter Pilhofer: Philippi. Band II. Katalog der Inschriften von Philippi (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament; 119), 2., überarbeitete und ergänzte Auflage, Tübingen: Mohr Siebeck 2009, XXVII + 1196 S., ISBN 978-3-16-149163-4, EUR 199,00
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Rezension von:
Frank Daubner
Historisches Institut, Universität Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Frank Daubner: Rezension von: Peter Pilhofer: Philippi. Band II. Katalog der Inschriften von Philippi, 2., überarbeitete und ergänzte Auflage, Tübingen: Mohr Siebeck 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 9 [15.09.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/09/17393.html


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Peter Pilhofer: Philippi

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Philippi, das "Doppeltor zwischen Asien und Europa" (Appian civ. 4,106), liegt nahe der Grenze zwischen Makedonien und Thrakien sowohl in einer fruchtbaren Ebene, als auch an einer strategisch höchst bedeutenden Stelle. Deshalb gründeten die Thasier hier ihre Kolonie Krenides, deshalb gründete Philipp II. von Makedonien hier das nach ihm selbst benannte Philippoi, deshalb gründete Octavian hier vor allem für aus Italien vertriebene Antonius-Anhänger die Kolonie, die später colonia Augusta Iulia Philippensis hieß. Die gemeinhin bekanntesten Ereignisse der Stadtgeschichte dürften die im Jahre 42 v.Chr. in der Ebene unterhalb der Akropolis stattgefundene größte Schlacht der Antike sowie der Aufenthalt des Paulus und die Gründung der ersten Christengemeinde Europas sein. Eine bereits den antiken Schriftstellern erwähnenswert erscheinende Besonderheit der Siedlung ist, dass dem relativ kleinen eigentlichen Stadtgebiet sehr zahlreiche ländliche Siedlungen und Gehöfte zugehören, die die große Ebene erschließen und gliedern (Strabon 7 frg. 41).

Es steht außer Frage, dass eine Zusammenstellung der Inschriften von Philippi eine für viele Probleme der antiken Kultur und Geschichte sehr nutzbringende Angelegenheit sein muss: In Philippi berühren sich die makedonische, die griechische, die römische und die thrakische Welt, was einen besonderen Reiz der Inschriftenzusammenstellung ausmacht. Zahlreiche Zeugnisse dokumentieren die Vermischung der Kulturen, wie Nr. 515, in der ein Thraker Vertumnus ehrt, den etruskischen Gott, oder Nr. 48 und 614, in denen das Lateinische mit griechischen Buchstaben geschrieben wird. Aus der Zeit vor der Gründung der römischen Kolonie sind nur wenige Inschriften erhalten, darunter eine allerdings sehr bedeutende, die territoriale Regelungen durch Alexander den Großen enthält (Nr. 160a). Fast 80 % aller coloniazeitlichen Inschriften sind in lateinischer Sprache verfasst, eine Zahl, wie man sie sonst nur in der römischen Kolonie Photike in Epiros antrifft, deren Inschriftenzahl jedoch ganz bedeutend geringer ist als die von Philippi. Wenn man die Identität derjenigen, die griechische Inschriften setzen, fassen kann, handelt es sich zumeist um niedergelassene Händler wie z.B. Demetrios, Sohn des Papios, aus Prusias ad Hypium (Nr. 73 und 319). Ein solches Corpus wird denn auch seit den 1930er Jahren von den französischen Bearbeitern immer wieder angekündigt, aber erschienen ist bisher nichts dergleichen, wie überhaupt die Publikationslage der makedonischen Inschriften desolat ist. [1]

Pilhofer, der bereits durch eine innovative und weiterführende Monographie zu Philippi hervorgetreten ist [2], hat diesem ärgerlichen Übelstand abgeholfen, indem er im Jahre 2000 einen als Nebenprodukt zu seiner Beschäftigung mit der Stadt entstandenen Katalog der bisher publizierten 681 griechischen und lateinischen Inschriften aus Philippi und seinem Territorium mitsamt deutschen Übersetzungen und, wenn möglich, eigener Photographie veröffentlicht hat. Die Abbildungen finden sich nicht im Band, sondern, zusammen mit weiteren Informationen und Karten der Fundplätze, auf Pilhofers Website http://www.philippoi.de. Zwei Anhänge bieten Gefälschtes und Zweifelhaftes sowie außerhalb des Territoriums gefundenen Texte. Diese sind geographisch geordnet; auch innerhalb der Stadt sind die Inschriften nach Fundorten sortiert [3], und werden von heterogenen Kommentaren begleitet, die zumeist in Zitaten aus der Forschungsliteratur bestehen.

Natürlich fand sich auch der eine oder andere Fehler in den fast 900 Texten und Übersetzungen. Ein Epigraphiker hätte das sicher anders gemacht, was in den Besprechungen der ersten Auflage zur Genüge dargelegt worden ist. [4] Allerdings hat es bisher kein Epigraphiker unternommen, und ehe die Interessenten, die keine Zeit haben, entlegenste Publikationsorte nach dort eventuell verteilten Brosamen zu durchsuchen, weitere 70 Jahre warten müssen, sind sie dankbar für diese höchst nützliche Zusammenstellung des bisher Veröffentlichten. [5] Freilich finden sich in den Museen von Philippi, Kavalla und Drama sowie im Ausgrabungsgelände noch zahlreiche Inschriften, die weiterhin der Publikation harren.

In der neuen Auflage hat Pilhofer die teils ausführlichen Kritiken und Fehlermeldungen der Rezensenten berücksichtigt, aber vor allem ist die Ergänzung um mehr als 60 neue Inschriften, die seit Erscheinen des Katalogs publiziert worden sind, wichtig. Einige von besonderem Interesse sind Nr. 166a, eine neuentdeckte große Felsinschrift auf der Akropolis, die von einer dionysischen Kultvereinigung stammt, Nr. 385b, eine Grabinschrift mit rätselhaften Bestimmungen, Nr. 615b-e, höchst bemerkenswerte Inschriften und Graffiti von der Burg bei Mousthene im Tal zwischen Symbolon- und Pangaion-Gebirge, Nr. 629a, eine Weihinschrift der colonia für den Heros Aulonitis, und Nr. 705a, ein Militärdiplom vom 26. Februar 70. Angegeben ist auch, wenn möglich, der genaue Aufbewahrungsort, der sich allerdings in einigen Fällen geändert hat, da die Museen von Kavalla und Philippi in letzter Zeit sehr umgestaltet worden sind. So liegt jetzt im Garten des Museums von Kavalla Nr. 356 verwirrenderweise als Deckel auf Nr. 1, und Nr. 619 ist in den inneren Hof gewandert. Die linke untere Ecke von Nr. 617, wohl eine Weihinschrift eines sabinischen Veteranen aus dem jüdischen Krieg des Hadrian, ist offensichtlich wieder aufgetaucht und ausgestellt, die den Erstherausgebern noch bekannt, dann aber verschwunden war. Hier kann über kurz oder lang ein sichererer Text erstellt werden.

Nicht zuletzt zeigt Pilhofers Katalog an einem halbwegs prominenten Beispiel, wie ein antiker Ort und eine ganze Region durch die Zusammenschau der epigraphischen Dokumente mit Leben gefüllt und buchstäblich zum Reden gebracht werden kann. Wie auch immer man zu den "unepigraphischen" Editionsprinzipien des Bandes stehen mag, man muss und wird ihn verwenden, weil er hilfreich ist und viel Mühe spart. Ein Band mit den literarischen Quellen zu Philippi soll folgen.


Anmerkungen:

[1] Ein Überblick bei M. Zahrnt: Die Römer im Land Alexanders des Großen, Mainz 2010, 10-12.

[2] P. Pilhofer: Philippi. Band 1: Die erste christliche Gemeinde Europas, Tübingen 1995.

[3] Was für das Stadtgebiet selbst vielleicht, bis auf die Felsinschriften von der Akropolis, weniger sinnvoll ist als für die Ortschaften des Territoriums, da durch ständige Umbauten hier kein Stein auf dem anderen geblieben ist; vgl. M. Sève: Le destin des honneurs pour les empereurs et les notables à Philippes, in: S. Benoist (éd.): Mémoire et histoire. Les procédures de condamnation dans l'Antiquité romaine, Metz 2007, 139-152.

[4] Vgl. etwa J. Bartels, Byzantinische Zeitschrift 95 (2002), 710 f.; S. Heid, Rivista di Archeologia Cristiana 81 (2005), 342 f.; S. Vollenweider, Biblische Zeitschrift 46 (2002), 149 f.; M. Zahrnt, Theologische Literaturzeitung 127 (2002), 621-623.

[5] Pilhofer hat tatsächlich abenteuerlichste Quellen konsultiert: Nr. 156a ist nach dem Foto des Steins auf einem Kartenspiel ediert! Die Inschrift steht allerdings zur genaueren Prüfung vor dem Museum von Philippi.

Frank Daubner