Rezension über:

Michael Greenhalgh: Marble Past, Monumental Present. Building with Antiquities in the Mediaeval Mediterranean (= The Medieval Mediterranean; Vol. 80), Leiden / Boston: Brill 2009, XVII + 634 S., ISBN 978-90-04-17083-4, EUR 159,00
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Rezension von:
Carola Jäggi
Bibliotheca Hertziana, Rom
Redaktionelle Betreuung:
Ute Verstegen
Empfohlene Zitierweise:
Carola Jäggi: Rezension von: Michael Greenhalgh: Marble Past, Monumental Present. Building with Antiquities in the Mediaeval Mediterranean, Leiden / Boston: Brill 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 6 [15.06.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/06/17320.html


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Michael Greenhalgh: Marble Past, Monumental Present

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In der Spoliendebatte ist in den letzten Jahren eine auffällige Abwendung von ideologischen Erklärungsmustern zu Gunsten von ästhetischen und pragmatischen Interpretationsmodellen zu beobachten: Anders als in der älteren Forschung wird die Wiederverwendung älterer Werkstücke in einem neuen Baukontext heute nicht mehr mehrheitlich als Zeichen des Triumphes über den besiegten Feind oder als Aneignung einer fremden Kultur mit dem erklärten Ziel, sich als deren Fortsetzer oder Überwinder zu gerieren, gesehen, sondern in der Regel mit dem Wunsch nach der raschen Beschaffung möglichst kostbarer Bauelemente begründet.

In dieser Tendenz steht auch das Buch von Michael Greenhalgh, der sich bereits 1989 mit seinem Buch "The Survival of Roman Antiquities in the Middle Ages" einen Namen als Kenner der Materie gemacht hat. Sein neues Werk ist gegenüber der Studie von 1989 insofern breiter angelegt, als es sein Augenmerk nicht nur auf die Verwendung von Spolien richtet, sondern den Blickwinkel öffnet auf kostbares Baumaterial per se - vor allem Marmorsorten jeglicher Couleur - und zudem das ganze Mediterraneum zwischen dem Zeitalter Konstantins und dem 14. Jahrhundert umfasst. Marmor sei - so Greenhalgh - geradezu "a tie, binding Venice to Alexandria, Damascus to Córdoba, and Constantinople to Aachen" (xi). Die Nennung von Alexandria, Damaskus und Cordoba ist dabei durchaus programmatisch, geht es Greenhalgh doch vor allem darum, die islamischen Gebiete in die Spolien- bzw. Materialdebatte miteinzubeziehen. Schon durch die schiere Anzahl an Bauten aus römischer Zeit habe der islamische Raum eine zentrale Rolle in der Wiederverwendung von kostbarem Baumaterial gespielt (3); seit dem 7. bis etwa ins 11. Jahrhundert hinein sei hier mehr Marmor verbaut worden als im christlichen Westen (10, 12f., 232, 328), und viele Entwicklungen in der mittelalterlichen Baukunst Europas - "especially those concerned with size, ornamentation and marble" (4) - seien nur vor dem Hintergrund der islamischen Architektur und ihrer Bedeutung in der Übermittlung antiken Formenguts richtig zu verstehen.

Greenhalgh beginnt seinen Überblick - nach einer Einleitung mit Erörterungen genereller Art, etwa zur Frage, was in der Vergangenheit unter "Marmor" verstanden wurde - mit einem Kapitel zum antiken und frühchristlichen Europa und zu Byzanz, nicht zuletzt, um zu zeigen, dass die Spoliation von Marmor so alt ist wie der Abbau von frischem Marmor im Steinbruch; die Kostbarkeit und Dauerhaftigkeit des Materials habe marmorne Werkstücke für Wiederverwendung prädestiniert, und nach Naturkatastrophen und kriegerischen Zerstörungen habe die Ausweidung von Ruinen zwecks Gewinnung kostbaren Baumaterials geradezu zur Routine gehört (40, 47, 273f.). Insgesamt ergebe aber weder die Gesetzeslage (47f.) noch der archäologische Befund ein einheitliches Bild; es habe so viele Spielarten von "re-use" gegeben, "that almost anything can be argued from them with conviction, ranging from triumphalism and religious appropriation to aesthetic conservatism" (67).

Das dritte Kapitel ist dem Abbau, Transport und der Bearbeitung von Marmor im Mittelalter gewidmet, Byzanz inklusive. Es folgt ein Kapitel zu Spolien bzw. Marmor und anderem kostbaren Baumaterial (z. B. Goldtesserae, 149) als Beutestücke und Trophäen. Bereits hier wird ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der Spolienverwendung in christlichem und islamischem Kontext angesprochen: laut Greenhalgh hätten Christen nie Baumaterial aus intakten Kirchen entnommen, auch wenn diese von einem überwundenen Gegner in Auftrag gegeben worden seien, während in der islamischen Welt das Phänomen des "dynastic looting" - die Wiederverwendung von Marmor und anderen Werkstücken (z. B. Portalen) aus den Bauten der Vorgänger - zur Routine gehört habe (167).

In Kapitel fünf nennt Greenhalgh unter dem Titel "The Marble Hit Parade" die Quellen und Typen von Alt-Marmoren. Am beliebtesten scheinen stets Säulen gewesen zu sein, insbesondere monolithe Schäfte, aber auch Kapitelle und Basen. Beliebt waren aber auch Gebälkteile und vor allem Verkleidungsplatten, deren dekorative Maserung zu allen Zeiten geschätzt, wenn auch nicht immer und überall mit demselben Feingefühl eingesetzt wurde, wie der auf dem Cover abgebildete Mihrab der Madrasa Al-Firdaws in Aleppo aus den Jahren 1235 bis 1241 beispielhaft zeigt. Auch die Bautypen - christliche wie islamische -, in denen Spolien vorzugsweise verbaut wurden, werden hier aufgezählt, wobei sich die Logik und Reihenfolge der Kategorien nicht leicht erschließt.

Mit Kapitel sechs beginnt der Rundgang durch verschiedene Zeiten und Kunstlandschaften, angefangen von "Byzantium" (worunter hier nebst Konstantinopel auch das byzantinische Nordafrika und Kleinasien subsummiert werden; 235-253) über den "Earlier Islam" (mit einem Exkurs zu Jerusalem in der Zeit von Herodes, Konstantin und Justinian; 255-325), das karolingische Europa im Spannungsfeld zwischen Kaiser, Papst und abbasidischem Kalifat (mit einem Rückblick auf vorkarolingische Spolienbauten in Rom und anderswo, und einsprengselartigen Vorgriffen auf die ottonische Zeit; 327-361), Italien und Sizilien (363-446), Ägypten und Syrien unter den Abbasiden und Mamluken und die Türkei in seldschukischer und ottomanischer Zeit (447-482) bis nach Frankreich und das christliche Spanien (483-522). Jedes Kapitel verfügt über eine eigene Zusammenfassung, doch werden am Schluss die Resultate nochmals in komprimierter Form resümiert. Es könne - so Greenhalgh - in den von ihm untersuchten Bauten keine "consistent attitude to the glories of Rome" festgestellt werden, kein Wunsch "to resurrect or imitate them by exact architectural reproduction" (525) - nicht im islamischen Kontext, aber auch nicht im westlichen Mittelalter. Der Islam, der mehr Spolien verbaut habe als das westliche Mittelalter, habe dies getan "without any of the classical-tradition-renovatio baggage which sometimes entraces historians who follow the path of 'Roma quanta fuit, ipsa ruina docet' toward over-interpretation of the available evidence" (232); es gäbe keinen Beweis, "that they (i.e. the earlier centuries of Islam, C.J.) partook of any sort of classical tradition, of any devoted imitation of the Romans." (325) Greenhalgh wertet den Islam - oder besser: die islamischen Fürsten - also nicht als Erben und Fortsetzer der Spätantike, sondern vielmehr als Wegbereiter des europäischen Mittelalters. Auch dieses sieht Greenhalgh in einem anderen Licht als die bisherige Forschung: In Friedrichs II. Triumphtor in Capua etwa vermag er keine Anzeichen eines kopienhaften Rückbezugs auf die Antike wahrzunehmen, während er in der Fassade von S. Marco zu Venedig ein "witty restatement of a Roman scenae frons" erkennen möchte (440). Kaum eine Schriftquelle spreche hingegen davon, dass ein Werkstück aus ideologischen Gründen verbaut worden sei - im Vordergrund hätten stets die Schönheit und Haltbarkeit des Materials gestanden (526); "to go further than this [...] is to start from theory and then to make it fit the evidence" (530). Dieser Quintessenz mag allerdings nur beipflichten, wer den Schriftquellen a priori einen höheren Quellenwert beimisst als den Bauten selbst. Außerdem vermisst man hier einen Hinweis auf Krautheimers Artikel zur Architekturikonologie von 1942 [1], wo klar dargelegt wird, dass "Kopie" im Mittelalter eine andere Bedeutung hatte als heute und der Rekurs auf einen Modellbau in der Vormoderne nie über eine 1:1-Reproduktion erfolgte.

Greenhalghs Buch besticht durch seine Materialfülle und seinen breiten Blickwinkel. Es ist witzig geschrieben, verlangt dem Leser aber viel an Konzentration und Vorwissen ab. So dürfte nur den wenigsten klar sein, dass der auf Seite 336 genannte Liutprand nicht derselbe ist wie der auf Seite 332 genannte Träger desselben Namens. Auch sind die Kapitelüberschriften und die darunter behandelten Gegenstände nicht immer schlüssig zusammenzubringen; wieso wird z. B. im Kapitel über "the later Empire" der Klaustrum-Neubau von Abt Odilo (962 - 1048) in Cluny erwähnt (39), wieso werden Gaza und Gerasa unter dem Titel "Marble in Early Christian Italy" (66) behandelt, wieso die wiederverwendete Inschrift in einem römischen Palazzo des 12. Jahrhunderts im Kapitel über Benevent (379)? Greenhalghs Buch ist kein Buch zum Nachschlagen, sondern ein Buch zum Lesen; nur wenn man es sich ganz zu Gemüte führt, fügen sich die vielen Einzelinformationen zu einem Gesamtbild zusammen. "Marble Past, Monumental Present" zeichnet sich nicht durch Systematik, sondern durch fruchtbare Assoziationen aus, durch anregende Verweise quer durch die Zeiten und Regionen. Auch die thematisch gegliederte Bibliographie und die beigelegte DVD mit zusätzlichem Bild- und Dokumentationsmaterial gehorchen diesem Prinzip; ein rasches Nachschlagen ist unmöglich, eine Suche für ein bestimmtes Themenfeld hingegen äußerst gewinnbringend. Als besonderes Verdienst Greenhalghs muss der breite Einbezug von Bauten und Quellen aus dem islamischen Raum gewertet werden; Greenhalghs Überzeugung, dass der Islam weitaus prägender auf das mittelalterliche Europa eingewirkt habe, als dies gemeinhin angenommen werde, nimmt allerdings bisweilen obsessive Züge an, etwa da, wo er die Pfalzkapelle Karls des Großen von der Grabeskirche in Jerusalem und den zeitgenössischen Prachtbauten in Bagdad, Kairouan und Cordoba beeinflusst sieht und nicht etwa von S. Vitale in Ravenna, denn "Ravenna was just about dead" (344; vgl. 353-357). Symbolische Bezüge haben in einem solchen Denkschema keinen Platz!


Anmerkung:

[1] Richard Krautheimer: Introduction to an "Iconography of medieval architecture", in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 5 (1942), 1-33.

Carola Jäggi