Rezension über:

Susanne Rau / Birgit Studt (Hgg.): Geschichte schreiben. Ein Quellen- und Studienhandbuch zur Historiographie (ca. 1350-1750), Berlin: Akademie Verlag 2010, 594 S., ISBN 978-3-05-004569-6, EUR 29,80
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Rezension von:
Silvia Serena Tschopp
Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte, Universität Augsburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Silvia Serena Tschopp: Rezension von: Susanne Rau / Birgit Studt (Hgg.): Geschichte schreiben. Ein Quellen- und Studienhandbuch zur Historiographie (ca. 1350-1750), Berlin: Akademie Verlag 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 6 [15.06.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/06/17032.html


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Susanne Rau / Birgit Studt (Hgg.): Geschichte schreiben

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Dafür, dass die vormoderne Historiografie innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Forschung wieder vermehrt auf Interesse stößt, spricht nicht nur die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren gleich mehrere thematisch einschlägige Studien sowie eine Reihe spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Chroniken gewidmeter Monografien erschienen sind, sondern auch die Existenz eines seit 2006 bestehenden, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Wissenschaftlichen Netzwerks "Historiographiegeschichte der Frühen Neuzeit (1400-1800)". Den Bemühungen des genannten Netzwerks verdankt sich, neben einer im Internet zugänglichen Dokumentation (http://www.cliographie.net), der vorliegende Band. Hervorgegangen aus einer sich über mehrere Jahre erstreckenden Zusammenarbeit der das Netzwerk konstituierenden Arbeitsgruppe, setzt er sich zum Ziel, durch einen neuartigen systematischen Zugriff, der "exemplarische Quellenstudien, grundsätzliche Überlegungen und objektbezogene Reflexionen zu historiografischen Verfahrensweisen" zusammenführt (Vorwort), die vielfältigen Formen vormoderner Geschichtsschreibung zu erhellen.

In bewusster Abgrenzung zu traditionellen Strukturierungen des historiografischen Feldes wie derjenigen nach Autoren und Gattungen folgt die Gliederung einem dreiteiligen Schema, das sowohl 'Orte' als auch 'Prozesse' sowie 'Erzählungen' umfasst. Der Begriff 'Ort' verweist dabei nicht etwa auf einen konkreten Raum, sondern steht vielmehr für die kulturellen Rahmenbedingungen, innerhalb derer historiografische Überlieferung ihre jeweils spezifische Ausformung erfährt. 'Prozess' wiederum bezeichnet all jene Mechanismen, die sich mit der Produktion, Distribution und Rezeption von Geschichtsschreibung verbinden, während 'Erzählung' ausgehend von der Prämisse, dass die (Re)Konstruktion von Geschichte grundsätzlich im Modus narrativer Sinnbildung erfolgt, Erzählmuster von Vergangenheit reflektiert.

Sind es im ersten Teil des Bandes "Orte des Glaubens", "Orte der Macht", "Orte des Rechts", "Orte der Instruktion", "Orte der Exklusivität" sowie "Orte der Fremdheit", anhand welcher unterschiedliche Kommunikationszusammenhänge und die sich daraus ergebenden Voraussetzungen historiografischer Praxis exemplifiziert werden, konzentriert sich der zweite, den Prozessen gewidmete Teil auf die Begriffspaare "Erfahren und Initiieren", "Sammeln und Ordnen", "Schreiben und Redigieren", "Veröffentlichen und Verbreiten", "Rezipieren und Tradieren" sowie "Bewahren und Zerstören". Im dritten Teil schließlich richtet sich der Fokus auf Probleme der Chronologie ("Zeit und Epoche"), der Genealogie ("Personen und Gruppen"), der Topographie ("Raum") sowie der Erzählung historischer Ereignisse bzw. der rhetorischen Ordnung geschichtlicher Narration. Jeder Teil wird durch einen einführenden Essay eröffnet und bietet dann Fallbeispiele, wobei jeweils zunächst der Kontext der anschließend edierten und - wo sinnvoll - übersetzten Quelle erhellt wird, bevor diese im Rahmen eines ausführlichen Kommentars eine Würdigung erfährt.

So sehr die Abkehr von einer an gelehrten Autoren und als bedeutend qualifizierten Texten ausgerichteten Historiografiegeschichte zu überzeugen vermag, wirft die vorgängig skizzierte Gliederung dennoch einige Fragen auf: Angesichts einer die "Handlungsdimension" (12) betonenden Bestimmung des Begriffs 'Ort' bleibt eine hinreichend trennscharfe Unterscheidung zwischen 'Orten' und 'Prozessen' allen definitorischen Bemühungen (vgl. 15f.) zum Trotz eine noch zu lösende Aufgabe. Auch die Differenzierung in "Orte des Glaubens", "Orte der Macht" oder "Orte des Rechts" kann angesichts der Überlappung von religiöser, politischer und rechtlicher Sphäre gerade in der Frühen Neuzeit nur heuristisch legitimiert werden - ganz abgesehen davon, dass sich nicht wirklich erschließt, welchen Vorteil der Begriff des 'Orts' im Vergleich zu altbekannten Kategorien wie 'Kirche', 'Hof', 'Rat', 'Gesetz' oder 'Familie' bietet. Wer um die Schwierigkeiten weiß, die Fülle von gleichermaßen komplexen und heterogenen Perspektiven, die eine wissenschaftliche Diskursgemeinschaft erzeugt, in eine kohärente Struktur zu überführen, wird allerdings derartigen Einwänden nicht allzu viel Gewicht beimessen, zumal der klare und sachgemäße Aufbau des zweiten Teils des Bandes rundum überzeugt und auch im dritten Teil eine pragmatisch ohne weiteres zu rechtfertigende Vorgehensweise gewählt wurde.

Problematisch erscheint hingegen die in einem von mehreren Autoren verfassten Werk zwar nie ganz zu vermeidende, in diesem Fall jedoch auffällige qualitative und stilistische Heterogenität. Neben kompetent und klar argumentierenden, elegant und zugleich prägnant formulierten Kapiteln - im ersten Teil etwa Gerrit Walthers Ausführungen zu Philippe de Commynes (47-54), André Krischers Deutung von Edward Cokes Prohibitions del Roy (85-96), Benjamin Steiners Darlegungen zum Geschichtsunterricht in der Frühen Neuzeit (97-110) oder Birgit Studts Überlegungen zu 'Orten der Exklusivität' (111-115) - finden sich auch Beiträge, deren hoher Abstraktionsgrad und stilistische Schwäche präzisen Erkenntnissen im Wege stehen - zu nennen wären hier Andreas Bihrers Bestimmung des Begriffs 'Ort' (11-20) sowie Oliver Plessows und Thomas Wallnigs Erläuterungen bistumsgeschichtlicher Quellen (v.a. 21f.). Als nicht nur arg verkürzt, sondern stellenweise geradezu unlesbar erweisen sich Stefan Benz' Ausführungen zu der für die politische Historiografie zentralen Kategorie der 'Macht' (43-46); abenteuerlich muten seine das Wesen und die Bedeutung frühneuzeitlicher Geschichtstheologie völlig verkennenden Äußerungen zur Auffassung von Historie im 16. bis 18. Jahrhundert an (359-367).

In ihrer Häufung bisweilen ärgerlich sind außerdem die den gesamten Band durchziehenden Flüchtigkeitsfehler. So wird, um nur ein Beispiel zu nennen, der Name des Sprachwissenschaftlers Johannes Schwitalla in Jana Hubkovás und Heiko Drostes Beitrag zu Flugblättern und Flugschriften konsequent falsch geschrieben, und im dazugehörigen bibliographischen Verzeichnis (268ff.) fehlt Schwitallas von den Autoren zitierte Publikation.

Bedauerlich ist schließlich, dass der in der jüngeren Historiografieforschung tendenziell vernachlässigte Aspekt der Quellen, deren sich Chronisten in der Frühen Neuzeit bedienten, auch im vorliegenden Band nur punktuell beleuchtet wird. So blenden die im zweiten Teil unter 'Sammeln und Ordnen' aufgeführten Fallbeispiele die Profangeschichte völlig aus, und die Druckerpresse wird allein unter dem Gesichtspunkt der Verbreitung historiografischer Werke thematisiert (183), nicht jedoch im Hinblick auf die Vielzahl an potentiellen Quellen, die sie insbesondere für die Zeitgeschichtsschreibung generierte. Immerhin öffnet Hans-Uwe Lammels Beschreibung einer ärztlichen Medaillensammlung den Zugang zu einem Quellenkorpus vormoderner Historiografie, das bislang in der Forschung noch wenig Aufmerksamkeit gefunden hat (319-326).

Es wäre allerdings ebenso unangemessen wie ungerecht, Einzelnes weniger Gelungenes oder Fehlendes zu bemängeln, ohne auf das hinzuweisen, was das zu besprechende Quellen- und Studienhandbuch in insgesamt sehr überzeugender Weise bietet und leistet: Die größte Stärke des Bandes liegt zweifellos in der Fülle überaus spannender Quellen, die er zugänglich macht und erläutert. Neben Auszügen bereits bekannter Texte, wie etwa die Antiquitates des Annius von Viterbo, breiten die Autoren einen reichen Schatz weitgehend unbekannter handschriftlicher und gedruckter Quellen aus, die einen Zeitraum von fast 500 Jahren abdecken (wobei der Schwerpunkt auf dem 16. und 17. Jahrhundert liegt), den europäischen Raum umspannen, aus unterschiedlichsten Überlieferungszusammenhängen stammen und damit deutlich zu machen vermögen, wie dynamisch und komplex sich die Darstellung von Geschichte zwischen Mittelalter und Moderne gestaltete. Zwar dürfte der Band insbesondere für den akademischen Unterricht von großem Nutzen sein, bietet er doch neben kompetent aufbereiteten Quellenauszügen und einer Vielzahl von bibliographischen Hinweisen ein methodisch innovatives Kompendium zentraler Aspekte der Historiografiegeschichte. Die Lektüre lohnt sich jedoch auch für Forscher, die manch Originelles (etwa Albert Schirrmeisters und Stefan Schleleins Auseinandersetzung mit Darstellungen fremder Geschichte im Humanismus, 138-168), vor allem jedoch eine Vielzahl von Anregungen finden werden.

Den Herausgeberinnen und Autoren ist für ein gut durchdachtes und materialreiches Handbuch zu danken, das gleichermaßen zum Studieren und Schmökern einlädt. Vor den Augen der interessierten, bisweilen gar entzückten Leser entwirft es ein beeindruckendes Panorama frühneuzeitlicher Historiografie und vermittelt dem Betrachter die Erkenntnis, dass auch die Historiografie Teil hat an jener Experimentierfreude, an jener Lust, aus der Tradition Neues zu schöpfen, die die Frühe Neuzeit generell kennzeichnet.

Silvia Serena Tschopp