Rezension über:

Wolfgang Krieger: Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zur CIA (= Beck'sche Reihe; 1891), München: C.H.Beck 2009, 362 S., ISBN 978-3-406-58387-2, EUR 16,95
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Rezension von:
Paul Maddrell
Department of International Politics, Prifysgol Aberystwyth / Aberystwyth University
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Paul Maddrell: Rezension von: Wolfgang Krieger: Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zur CIA, München: C.H.Beck 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 6 [15.06.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/06/16266.html


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Wolfgang Krieger: Geschichte der Geheimdienste

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Wolfgang Kriegers Geschichte der Geheimdienste: Von den Pharaonen bis zur CIA gibt einen aufschlussreichen und leicht zu lesenden Überblick über die Geschichte der Geheimdienste, vorwiegend seit der Französischen Revolution. Bei dem Buch handelt es sich um einen Versuch, diese Geschichte vom Anfang bis zur Gegenwart zu schreiben. Auf diese Tatsache sind die Stärken und Schwächen des Buches zurückführen. Der Verfasser zeigt ein großes Wissen über das Thema, das er fließend und bündig vorstellt. Er beurteilt wichtige Wendepunkte in der Geschichte der Geheimdienste kurz und einsichtig. Dabei zeigt er ein gutes Verständnis des geschichtlichen Zusammenhangs. Um allerdings eine ganze Geschichte der Geheimdienste in nur 350 Seiten zu bieten, hat Wolfgang Krieger sehr wählerisch sein müssen.

Er schreibt wenig über die Inlandsgeheimdienste, weil ihre Geschichte eng mit der der Polizei und Justiz verbunden ist und große neue Themen eröffnet hätte. Er analysiert vorwiegend die Geschichte der Auslandsgeheimdienste, vor allem ihre Nachrichtensammlung auf militärischem Gebiet. Eine Schwäche des Buches besteht darin, dass es vollständig auf einer zum größten Teil englischsprachigen Sekundärliteratur basiert. Folglich kann die Behandlung des Themas oberflächlich sein und die Perspektive ist in der Regel die britischer und amerikanischer Historiker. Der Cambridge-Historiker Christopher Andrew und der amerikanische Nachrichtendienstexperte Jeffrey Richelson werden sich über die Zahl der sich auf ihre Werke berufenden Fußnoten freuen. Aus beiden Gründen spielen die britischen und amerikanischen Geheimdienste eine größere Rolle im Buch als in der Geheimdienstgeschichte. Sie haben ihre Tätigkeit mehr nach außen als nach innen gerichtet. Als Demokratien haben diese Staaten (die USA viel mehr als Großbritannien) Informationen über ihre geheimdienstliche Tätigkeit freigegeben. Ebenfalls aus beiden Gründen treten die russischen und sogar die französischen Geheimdienste zurück. Die russischen Geheimdienste haben von Anfang an vor allem polizeiliche Aufgaben erfüllt, und Russland hat auch so viele Informationen wie möglich geheim gehalten.

Wolfgang Krieger fängt mit den Ursprüngen im Ägypten der Pharaonen an. Sein Argument, kein Großreich sei damals ohne Geheimdienst möglich gewesen, ist interessant, überzeugt aber nicht. Die Boten, die Nachrichten für den König sammelten, stellten noch keinen Geheimdienst dar. Stattdessen sorgten sie für die Verwaltung des Reiches. Ein Informationsdienst ist etwas anderes als ein Geheimdienst. Geheimdienste sind langsam im Zuge der Französischen Revolution und der industriellen Revolution entstanden, als sich die europäischen Staaten wegen wachsender politischer Gefahren, der Entstehung von Massenarmeen und der schnell voranschreitenden Waffentechnik zunehmend von inneren und äußeren Gefahren bedroht fühlten. Krieger erklärt diesen Hintergrund. Dann kommt seine Erzählung der größten Erfolge und Misserfolge der Geheimdienste (häufig der britischen oder amerikanischen). Der Redl-Skandal, die Dreyfus-Affäre, die britische Unterschätzung der Buren im Burenkrieg, die russische Panne vor der Schlacht bei Tannenberg, das Zimmermann-Telegramm, die Cambridge-Spione, der japanische Überraschungsangriff auf Pearl Harbor, die britische Entschlüsselung deutscher Codes im Zweiten Weltkrieg, die amerikanische Satellitenaufklärung über der Sowjetunion - alle werden kurz und triftig diskutiert. Krieger gibt sich Mühe zu beweisen, dass die den Regierenden und Militärs zur Verfügung stehenden Informationen den Kurs der Geschichte beeinflusst haben - oder ihn beeinflussen hätten können, wenn sie berücksichtigt worden wären. Hitler und Stalin sind besonders gute Beispiele von Staatschefs, die mit tragischen Folgen für unzählige andere gute Nachrichten ignoriert haben. Auch heute noch wird in der deutschen Geschichtsschreibung die Rolle der Geheimdienste im Verlauf des Zweiten Weltkriegs unterschätzt.

Die Analyse der Geheimdienste im Kalten Krieg ist schwächer, teilweise wegen fehlender Quellen. Die Fachliteratur über die Geheimdienste Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland ist schwach. Für die Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik interessiert sich Krieger wenig. Die massiven Spionage- und Propagandaangriffe der kommunistischen Staaten auf ihre westlichen Gegner und auf die Dritte Welt hätten einer gründlicheren Analyse bedurft. Das Kapitel über die verdeckten Operationen der USA, Spionage und Geheimdienstanalysen hätte diese Aspekte gründlicher untersuchen können. All diese Themen sind wichtiger und komplizierter als in diesem Kapitel dargestellt. Der Verfasser erwähnt Beispiele, statt eine thematische Untersuchung vorzunehmen. Man lernt wenig über die von US-Präsidenten angeordneten schwarzen Zahlungen, geheime Propaganda und Guerillakriege. Diese Operationen (covert action, im amerikanischen Sprachgebrauch) waren vielfältig und von zwei Ängsten getrieben - der Angst vor dem Nuklearkrieg und der vor dem Nichtstun. Sie waren auch eng mit der öffentlichen Außenpolitik der Vereinigten Staaten und mit dem staatlichen und privaten institutionellen Netzwerk des Westens verknüpft. Ihre Wirkung muss zusammen mit diesen anderen Faktoren beurteilt werden. Penkowski, Poljakov und Gordiewski waren zwar wichtige Spione, aber die Geschichte der Spionage im Kalten Krieg lässt sich nicht durch diese wenigen Beispiele erklären. Außerdem waren alle drei Spione für den Westen. Waren die Spione des KGB nicht wichtiger als die der westlichen Gegner? Es gab viele davon. Auch die Probleme, die bei der Auswertung von Nachrichten entstehen, hätten gründlicher analysiert werden können. Krieger bietet trotzdem eine gute Einleitung in diese Themen.

Wolfgang Krieger schreibt scharfsinnig über die den Erdball umspannende militärische und geheimdienstliche Präsenz der Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges, die zum Teil dank des radikal geschrumpften britischen Weltreichs die Zahl von mehr als 700 Basen erreicht hat. Die gewonnenen Nachrichten haben geholfen, den Status der USA als Supermacht zu festigen. Vorwarnung vor einem Krieg hätten die Verbündeten lediglich von den USA bekommen. Wie Krieger argumentiert, hat die Transformation der Kommunikationstechnologie dem Staat nicht nur geholfen, Nachrichten über Feinde zu sammeln, sondern auch sich besser zu informieren und zu organisieren. Wieder kommt er vom Thema Geheimdienste zum Thema Verwaltung. Folglich ist die Geheimdienstgeschichte Teil der Gesellschafts- und Technologiegeschichte. Die technologische Entwicklung schreitet zurzeit stark voran, mit noch unklaren Folgen. Krieger schreibt kurz über die gegenwärtigen Herausforderungen für die westlichen Geheimdienste: Sicherheit zu gewährleisten, ohne gegen Gesetze zu verstoßen und Menschenrechte zu verletzten. Verständlicherweise äußert er Zweifel daran, ob alle Ziele gleichzeitig zu erreichen sind.

Als relativ kurzer, leicht zu lesender, gut informierter und einsichtiger Überblick eignet sich das Buch für den interessierten Allgemeinleser, für den Studenten, der sich schnell auf ein Seminar vorbereiten will, und für den Doktoranden, der am Anfang seiner Forschungsarbeit ist und nach Ideen sucht. Es ist ein guter Kauf für jede Universitätsbibliothek.

Paul Maddrell