Rezension über:

Gottfried Niedhart (Hg.): Gustav Mayer. Als deutsch-jüdischer Historiker in Krieg und Revolution 1914-1920. Tagebücher, Aufzeichnungen, Briefe (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts; Bd. 65), München: Oldenbourg 2009, 494 S., ISBN 978-3-486-59155-2, EUR 69,80
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Rezension von:
Erika Stubenhöfer
Stadtarchiv Erkrath
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Erika Stubenhöfer: Rezension von: Gottfried Niedhart (Hg.): Gustav Mayer. Als deutsch-jüdischer Historiker in Krieg und Revolution 1914-1920. Tagebücher, Aufzeichnungen, Briefe, München: Oldenbourg 2009, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 5 [15.05.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/05/17213.html


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Gottfried Niedhart (Hg.): Gustav Mayer

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Gottfried Niedhart, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Mannheim, vereint in der von ihm herausgegebenen Quellenedition Dokumente aus dem Nachlass des deutsch-jüdischen Neuhistorikers Gustav Mayer, die in den Jahren 1914 bis 1920, d.h. während des Ersten Weltkriegs und der Revolution entstanden. Die Quellen bestehen aus Tagebüchern und sonstigen Aufzeichnungen sowie Briefen von Gustav Mayer, die sich teilweise noch im Besitz seiner Kinder befinden, teilweise im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam lagern. Fachkreisen ist Gustav Mayer als Historiker der Arbeiterbewegung bekannt, vor allem als Autor wichtiger Veröffentlichungen zur Entwicklung von Demokratie und Parteienwesen mit Schwerpunkt auf der Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert. Außerdem verfasste er eine Biographie von Friedrich Engels und gab den Nachlass von Ferdinand Lassalle in sechs Bänden heraus.

Gustav Mayer wurde 1871 als Mitglied einer orthodoxen jüdischen Kaufmannsfamilie in Prenzlau geboren. Bereits während seines Studiums der Nationalökonomie in Berlin besuchte er Lehrveranstaltungen anderer Fachrichtungen, wobei Gustav Schmoller, Wirtschafts- und Geschichtswissenschaftler in einer Person, besonderen Einfluss auf ihn ausübte. 1893 promovierte er bei Georg Adler in Basel zum Thema "Lassalle als Nationalökonom". Danach arbeitete er zunächst, wie vom Vater gewünscht, als Buchhändler, war jedoch ab 1896 für die Frankfurter Zeitung tätig, die ihn als Korrespondenten u. a. nach Amsterdam und Brüssel schickte. Zwar sollte er für den Wirtschaftsteil arbeiten, schrieb darüber hinaus aber auch Artikel zu Kunst und Literatur sowie zu sozialpolitischen Themen. 1905 schied er aus dem festen Angestelltenverhältnis aus, war nur noch als freier Mitarbeiter für die Zeitung tätig und widmete sich im Übrigen als Privatgelehrter seinen wissenschaftlichen Interessen. Die Heirat mit Flora Wolff, die aus einer begüterten Familie stammte, ermöglichte ihm dies.

Trotz seiner Bemühungen blieb er ohne akademisches Amt, was ihn besonders nach Kriegsbeginn 1914 belastete, denn in einer Zeit nationaler Mobilisierung wollte er nicht abseits stehen. Als er 1915 in den Dienst der Reichsregierung berufen wurde, erhoffte er sich davon vor allem die vollständige Integration in die deutsche Gesellschaft, die für Juden immer noch nicht erreicht war. Erst 1919 erhielt er einen Lehrauftrag zur Geschichte der Demokratie und des Sozialismus und wurde 1922 zum außerordentlichen Professor ernannt. Kurz danach wurde er in die Historische Kommission für das Reichsarchiv berufen, deren Aufgabe darin bestehen sollte, bei der amtlichen Geschichtsschreibung zur Darstellung des Weltkrieges ein Gegengewicht zur Dominanz des Militärs zu bilden. 1933 wurde er durch die Nationalsozialisten aus dem Staatsdienst entfernt; 1937 emigrierten Gustav Mayer und seine Familie nach London, von wo aus er für das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam tätig war. Außerdem schrieb er im Exil seine Erinnerungen und führte umfangreiche Korrespondenzen bis zu seinem Tod im Jahre 1948.

Der Personenkreis, mit dem Gustav Mayer in Berührung kam, umfasste illustre Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Kultur, darunter führende Repräsentanten beider Flügel der deutschen Sozialdemokratie, wie z.B. Eduard David, Philipp Scheidemann, Karl Kautsky oder Eduard Bernstein, Vertreter der Sozialistischen Internationale, aber auch Diplomaten und nicht zuletzt Historiker. Darüber hinaus zählten zu seinen Korrespondenzpartnern besonders der Philosoph Karl Jaspers, der mit Mayers Schwester Gertrud verheiratet war, der Historiker Hermann Oncken sowie der Kunstwissenschaftler Aby Warburg.

Der Quellenteil des Bandes, dem ein ausführliches Dokumentenverzeichnis zur Erleichterung der Orientierung vorangestellt ist, beginnt mit Tagebuchaufzeichnungen aus unterschiedlichen Zeiträumen. Mayer führte nicht kontinuierlich Tagebuch, sondern beschränkte sich auf Perioden, in denen er selbst in politische Abläufe involviert war oder die er als Phasen von Zuspitzungen oder Veränderungen wahrnahm. Dazu gehören der Zeitraum von November 1914 bis Oktober 1915, in dem er sich als Mitglied der Zivilverwaltung des Generalgouvernements in der belgischen Hauptstadt Brüssel aufhielt, und die erste Jahreshälfte 1917, die von der Februarrevolution in Russland und vom Kriegseintritt Amerikas geprägt ist und in der Mayer schließlich nach Stockholm gesandt wird. Auch die Ereignisse des Jahres 1918 bis Mitte 1919, d.h. vom Friedensschluss von Brest-Litovsk bis zur Bekanntgabe der Bedingungen des Versailler Vertrages sowie vom März 1920 (Kapp-Putsch) führen wiederum zu Aufzeichnungen. Für seine Tagebucheintragungen definierte er folgende Begründung: "Am ehesten gehören bei mir noch dorthin solche Gedanken, über die, indem ich sie niederschreibe, ich mir klarer werde." (146)

Auf die Tagebücher und zeitlich damit überschneidend folgen Aufzeichnungen und Briefe über die Konferenz der Sozialistischen Internationale in Stockholm und die Lage in Russland 1917. Mayer nahm mit Einverständnis des Auswärtigen Amtes als Beobachter an diesem (letztlich gescheiterten) Versuch der informellen Diplomatie teil, die Möglichkeiten zu einem Frieden auszuloten. Als solcher verkehrte er mit so unterschiedlichen Partnern, wie deutschen Regierungsstellen und dem Generalstab, mit den Initiatoren der Beratungen, die aus neutralen Ländern stammten, mit Vertretern der verschiedenen Richtungen der deutschen Sozialdemokratie und anderer europäischer sozialistischer Parteien sowie mit gemäßigten und radikalen Vertretern der russischen Sozialisten, die kurz zuvor den Zaren zur Abdankung gezwungen hatten und nun um die Macht konkurrierten. Der dritte Dokumententeil enthält 102 Briefe, chronologisch geordnet, von Gustav Mayer an unterschiedliche Empfänger, die meisten davon an seine Frau Flora.

Die Fußnoten zu den Quellen enthalten ausführliche Erläuterungen und Kommentare zur Einordnung einzelner Ereignisse, Themenbereiche oder gesamter Dokumente in einen übergeordneten Kontext sowie Hinweise auf politische Zusammenhänge. Auch Querverweise zum thematischen Zusammenhang zwischen einzelnen Quellen sind dort zu finden. Gottfried Niedhart hat die Quellen kenntnisreich zusammengestellt und kommentiert. Er hat ihnen eine umfassende editorische Vorbemerkung zu Thematik, Quellenlage und Überlieferung sowie Editionsgrundsätzen vorangestellt. Darauf folgt eine ausführliche Biographie von Gustav Mayer mit Abbildungen. Im Anhang findet der Leser ein Abkürzungs- sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis. Das abschließende Personenregister liefert auch die Lebensdaten sowie Beruf, Parteizugehörigkeit und Funktionen der aufgeführten Personen im behandelten Zeitraum.

Gustav Mayer charakterisierte sich selbst als "leidenschaftlich[n] Zeitgenossen[n]" (400); er suchte Orte und Personen des Zeitgeschehens auf und hielt seine Eindrücke darüber fest. So befand er sich z.B. am 4. August 1914 inmitten der Menge vor dem Reichstag, um Informationen über den Stand der Dinge bei Kriegsbeginn zu erhalten. Mit Gustav Mayer tritt uns jedoch ein Mann gegenüber, der nicht nur Zeitzeuge, sondern vielmehr reflektierender Zeitbeobachter war.

Drei zentrale Gebiete bestimmten Mayers Leben und Arbeit: Politik, wo er überwiegend Beobachter blieb, Geschichtsschreibung, wo er als produktiver Autor hervortrat, ohne aber in den Wissenschaftsbetrieb integriert zu sein, und Judentum, als dessen Vertreter er unter der Distanz litt, die ihm seitens der deutschen Gesellschaft entgegengebracht wurde und die ihm zum Außenseiter und Einzelgänger machte. Es war jedoch gerade dieser Umstand, der den Informationsreichtum und die Perspektivenvielfalt von Gustav Mayers Aufzeichnungen bedingt. Er verkehrte in unterschiedlichen politischen Lagern, fühlte sich aber keinem Milieu gegenüber verpflichtet. Oft beschrieb er unterschiedliche Sichtweisen wichtiger Diskussionsthemen, wie z. B. der Wahlrechtsfrage, und äußerte sich kritisch gegenüber den spezifischen Strukturen des Kaiserreichs.

Die Antwort auf die Frage, warum den Ego-Dokumenten von Gustav Mayer eine recht umfangreiche Edition gewidmet wird, liegt also zum einen in der Multiperspektivität seiner Äußerungen und Bewertungen und zum anderen in der Bedeutung des Kreises persönlicher Kontakte und seiner Korrespondenzpartner. Mayer tritt uns unmittelbar als Zeitzeuge gegenüber, denn seine Tagebuchaufzeichnungen wurden nicht später von ihm redigiert, und seine Briefe sind an seine Frau sowie Familienmitglieder und Freunde gerichtet, denen gegenüber er sich frei äußern konnte. Diese Tatsache verleiht der vorliegenden Edition einen hohen Grad von Authentizität und begründet ihren Aussagewert.

Durch die ausführliche Einleitung, die sorgfältige Kommentierung und das Personenregister mit Erläuterungen entspricht das Buch wissenschaftlichen Standards, so dass man zu Recht von einer Quellenveröffentlichung sprechen kann, die beispielhaft ist. Fach- und Laienhistoriker wünschen sich mehr solcher Arbeitsgrundlagen, und es bleibt zu hoffen, dass wissenschaftliche Editionen von Quellen weiterhin Publikationsvorhaben bilden.

Erika Stubenhöfer