Rezension über:

Martin Müller: Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegsführung. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in der Offensive 1917/18. Eine Clausewitz-Studie, Graz: Leopold-Stocker Verlag 2003, 446 S., ISBN 978-3-7020-1034-8, EUR 39,80
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Rezension von:
Erika Stubenhöfer
Stadtarchiv Erkrath
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Erika Stubenhöfer: Rezension von: Martin Müller: Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegsführung. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in der Offensive 1917/18. Eine Clausewitz-Studie, Graz: Leopold-Stocker Verlag 2003, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 5 [15.05.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/05/6816.html


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Martin Müller: Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegsführung

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Die militärphilosophische Schrift des preußischen Generals Carl von Clausewitz (1780-1831) Vom Kriege, die 1832 erstmals veröffentlicht wurde, entfaltet ihre Wirkung bis in die Gegenwart. Sie wurde in unzählige Sprachen übersetzt, und die darin enthaltenen Theorien wurden ausführlich studiert. Vom Kriege gilt heute als eines der am weitesten verbreiteten Bücher der Erde, und seine strategische Theorie wird inzwischen auch auf andere Anwendungsbereiche übertragen und insbesondere in der Unternehmensführung und im Marketing beachtet. Folglich wird nicht nur an den meisten Militärschulen, sondern auch in vielen Managementschulen, so in Harvard, Clausewitz als grundlegende Theorie gelehrt.

Die vorliegende Arbeit stellt den in Clausewitz' Werk definierten Vernichtungsgedanken als Aspekt der Kriegsführung in den Mittelpunkt. Das Vernichtungsprinzip ist dabei nicht im Sinne von Rechtfertigung oder gar Forderung nach Inhumanität zu verstehen, sondern als allgemeines Ziel der kriegerischen Handlung im Sinne von Wehrlosmachen beziehungsweise als Niederwerfung des Feindes bei gleichzeitiger weitgehender Erhaltung der eigenen Streitkraft. Müller wendet das Prinzip des Vernichtungsgedankens auf den Ersten Weltkrieg an, der ebenso als Koalitions- beziehungsweise Bündniskrieg geführt wurde, wie die meisten Kriege der vorangegangenen 200 Jahre. Im Mittelpunkt seiner Analyse stehen die Offensiven der Mittelmächte zwischen Herbst 1917 und Sommer 1918 und deren Scheitern, wobei er besonderes Gewicht auf die Michael-Offensive vom Frühjahr 1918 legt.

Müllers Buch ist die überarbeitete und erweiterte Fassung seiner Dissertation. Seine Diplomarbeit über "Die österreichische Kriegführung an der Südwestfront 1915-1918 aus der Sicht der deutschen Obersten Heeresleitung" wurde, erheblich vertieft und ausgebaut, teilweise übernommen. Außerdem lieferte das Studium von jahrzehntelang unzugänglichen Quellen in Archiven der ehemaligen DDR bisher unbekannte Gesichtspunkte, die eine neue Analyse des militärischen Geschehens ermöglichten. Die Ausarbeitung beginnt mit einer ausführlichen Einleitung, die detailliert auf die Themenbereiche Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegführung eingeht und den jeweiligen Forschungsstand sowie Literatur zum Thema vorstellt. Sie wird abgeschlossen durch ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis, ergänzt um ein Abkürzungsverzeichnis und Karten zur Erläuterung der militärischen Lage. Leider fehlt ein Index, der zur tieferen Erschließung des Textes sicher von Nutzen gewesen wäre.

Den Hauptteil der Arbeit gliedert Müller in acht Abschnitte. Er schildert zunächst die ersten Überlegungen auf dem Weg zu einer kriegsentscheidenden Offensive und zu einer Zusammenarbeit der Heeresleitungen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns, die mit der Isonzo-Offensive einen Erfolg der gemeinsamen Kriegführung erzielten. Darauf erfolgte der Entschluss zur Westoffensive, die in allen ihren Phasen detailliert geschildert wird. Ein weiterer Teil ist der Bündniskrise gewidmet, die infolge der Verhandlungen von Brest-Litovsk entstand und die Koalition beim Ringen um eine Entsendung österreichischer Truppen an die Westfront vor eine wichtige Entscheidung stellte. Schließlich werden die konkreten Vorbereitungen zur Michael-Offensive sowie deren Verlauf Ende März 1918 geschildert. Müller endet mit einem Kapitel über den Kulminationspunkt der Bündniskriegführung: das Scheitern der Piave-Offensive im Juni 1918, das das endgültige Aus der Koalitionskriegführung Ludendorffs bedeutete.

Von der Michael-Offensive erhofften sich die Verantwortlichen, aber auch die Soldaten an der Front und die Deutschen in der Heimat, eine Entscheidung zu Gunsten des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten. Und tatsächlich marschierten auf 75 Kilometer Frontbreite deutsche Truppen auf und eröffneten am 21. März die Offensive mit dem Decknamen "Michael". Der Feind war völlig überrascht, und die deutschen Truppen kamen zu Anfang gut voran und machten zahlreiche Gefangene.

Da jedoch die in der Mitte vorgehende 18. Armee gegenüber den Franzosen zügiger vorankam als die im Bereich der englischen Truppen eingesetzten Kräfte, änderte Ludendorff ungeduldig seinen ursprünglichen Plan, die Engländer ans Meer abzudrängen. Er gab einer anderen Taktik den Vorzug, nämlich der Trennung der französischen und englischen Armee. "Wir hauen ein Loch hinein. Das Weitere findet sich." (271).

Die Anfangserfolge konnten nicht entscheidend genutzt werden, da alle Reserven verbraucht und die Truppen physisch erschöpft waren. Außerdem machten sich die mangelnde Motorisierung sowie Nachschubprobleme der Artillerie und bei der Versorgung der Truppen bemerkbar. Die Kriegswende war da, wenn auch anders als die Deutschen erhofft hatten. Am 26. März 1918 vereinbarten Vertreter der englischen und französischen Regierung sowie die Armeechefs dieser Nationen in der französischen Stadt Doullens, ihre jeweiligen Truppen unter das Oberkommando des französischen Generals Foch zu stellen. Gegen diese Bündelung der Kräfte und gegen die Unterstützung der Ententemächte durch die zunehmende Zahl amerikanischer Divisionen hatten die Mittelmächte nichts mehr aufzubieten. Die Deutschen hatten nicht nur das eigentliche Ziel nicht erreicht, sondern die gegen sie stehende alliierte Koalition noch gefestigt.

Entgegen dem allgemein anerkannten Forschungsstand räumt Müller der Frühjahrsoffensive durchaus Erfolgschancen ein. Sie hätte einen Sieg der Mittelmächte bewirken können, unter der Voraussetzung, dass Ludendorff alle verfügbaren Kräfte der Mittelmächte konzentriert an der Westfront eingesetzt hätte. Außerdem hätte er die ursprüngliche Absicht, die Engländer entscheidend zu schwächen und sie ans Meer abzudrängen, beibehalten müssen. Sie seien bereits so geschwächt gewesen, dass sie kurz davor gestanden hätten, sich in heilloser Flucht über die Kanalhäfen nach England zurückzuziehen. Danach hätte das Deutsche Reich wahrscheinlich einen günstigeren Verständigungsfrieden erzielen können.

Ludendorff habe, so Müller, im Verlauf der Offensive das Clausewitz'sche Prinzip der Vernichtungsschlacht, das die Konzentration aller Kräfte auf einen einzigen Gegner - in diesem Fall den Frontabschnitt der Engländer - verlangt, aufgegeben und sich stattdessen einer Zermürbungsstrategie zugewandt. Anstatt dem bereits angeschlagenen Feind den "Todesstoß" zu versetzen, ließ die deutsche Oberste Heeresleitung durch ihre wechselnden Entschlüsse zu viel Zeit verstreichen.

Mit seinem Buch legt Martin Müller nach längerer Zeit wieder einmal eine operationsgeschichtliche Arbeit zum Ersten Weltkrieg vor. Er beweist in seiner Arbeit profunde und umfassende Kenntnisse der Quellen sowie der deutschen und österreichischen Literatur zum Thema. Auch liefert er dem interessierten Leser umfangreiches Zahlenmaterial durch Aufzählung von Truppenstärken, Materialressourcen, Verlusten et cetera. Andererseits hätte er angesichts seiner weitreichenden Schlussfolgerungen auch auf einschlägige britische Literatur und britische Archivquellen zurückgreifen müssen. Auch die neueste internationale Forschung hat er nicht in ausreichendem Maße rezipiert. Immerhin behauptet er, die deutschen Truppen hätten ohne die Änderungen ihrer Taktik gegen die Engländer derartige Erfolge erzielen können, dass die Alliierten zu einem Verständigungsfrieden bereit gewesen wären.

Müller benutzt kontrafaktische Fragestellungen, die sich ohne Konsultation der Quellen aus dem Lager der Entente nicht ernsthaft diskutieren oder gar beantworten lassen. Außerdem lässt er die Rolle der USA völlig unberücksichtigt, deren Präsident mit seinem Vierzehn-Punkte-Programm vom 8. Januar 1918 klare Rahmenbedingungen für einen möglichen Frieden aufgestellt hatte. Gleichzeitig griffen US-Truppen mehr und mehr in die Kämpfe in Frankreich ein und ließen die Alliierten auf künftige Erfolge hoffen. Auch wenn man sich Müllers Thesen mangels überzeugender Begründung kaum wird anschließen können, ist sein Buch ein wichtiges Werk, das Experten und Laien mit Vorkenntnissen zahlreiche Details über die Endphase des Ersten Weltkriegs aus der Sicht der Mittelmächte liefert.

Erika Stubenhöfer